LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Sara Alina Grosz: deltaschlaf

- tag 1 -

romania. landung in einer stumpfen hitze, der pilot konnte nicht fliegen, rammte seine nägel in den himmel, verhaltene schmerzensschreie beim aufstieg, lila winkte, lila weinte. lila hielt tausend hände zum schutz. keine luft während dem flug. der neben ihr hatte kekse gegessen, flugzeugmenus und lila spürte noch hände auf dem rücken, ein streicheln, noch den druck auf den lippen, noch die farbe auf seinen, da unten, ziemlich klein im großen deutschen einheitsbrei. junos haare tanzten discofox im propellerwind. hier gibt es keine flugmenschen. aber beklemmungen. lila ist mit george geflogen, ohne ihn zu kennen, ohne sein gesicht anzusehen, ohne einnerungen an ihn, lilas körper kennt nur ein gegenstück. george erzählt von früher. lila weiß, dass er mal hier gewohnt hat und dass er damals noch nicht so hieß. manchmal ist er mit george harrison verglichen worden, erzählt er. davon ist nicht viel geblieben. nur der name. lila weiß nicht mehr, wie sie heißt. taxidriver, filmkulissen, parken im schatten der großen und noch reden die menschen miteinander. ein monotones glucksen, ein whirlpool im südosten der bekannten welt. an der rückbank fehlen die gurte. "das ist es also", denkt lila, überschlägt die beine und im kopf den preis – so ist das also. lila studiert. madonnengesichter, duftbäumchen, pornobilder an der scheibe. glimmendes lachen. sonst haben sie hier keine sehnsüchte - to go west vielleicht, mit der camel im mund und dem wodka duty-free. die madonna hat einen prüfenden blick, im rückspiegel maronenaugen, sonnenhaut. lila sieht meersalz auf der stirn. schwitzt dialoge im kopf, aber versteht trotz allem kein wort der rumänischen anzeigetafeln. zuhause? wo ist das? lila trägt den glühenden kopf spazieren, durch die fragen – "was ist hier wohl mainstream?" george antwortet nicht. verwunderung, da sucht sie schon im ausland nach schubladen, nach so kurzer zeit/ der mann, der zu viel wusste, ortsverschiebung, busfahrten, anfangsfrequenz, lila erinnert sich, den hat sie doch mit juno gesehen, mit eis auf der zunge, zitroneneis. brandflecken am gaumen. passing by - altsozialistische bauten. george sagt manchmal lili zu ihr, dann fehlt das la. es ist etwas geblieben, in deutschland. der geruch hängt noch in den kleider. die sonne wirft ihren fetten schwitzenden körper über die stadt.

sitzpunkt. die rumäninnen sind bäume in der sahel, überschminken ihre seele, körperlose schatten in synthetikkleidern. lila will nicht die wohl-standswestlerin sein. bukarest ist keine schöne stadt und mitten auf die nase weiß lila, dass sie hier nicht zuhause ist. am mcdonalds im zugwind löst einer kreuzworträtsel auf getürkten marmortischen. und das in rumänien. die blicke kreisen um die ausgesperrte sonne, wunder bauch auf dem dach. warteschleifengedanken/ "was juno tut, wo juno ist, wer juno ist, weshalb ich hier..."/ gleiten ab. von oben ist rumänien ein bunter parkettfußboden mit schimmelteppich. speicheltempel. george verfolgt die bewegungen einer jungen frau. perlenaugen. Wie aus der muschel gepellt, sie ist schön, vielleicht zwanzig oder etwas darüber, mensch ohne alter, mensch ohne fehler, lila sieht es nicht ganz ohne neid/ aber wieso? george bestellt eine coke, lila senkt den kopf und schaut sich um, dreck (in den gesichtern) und unruhe in den herzen/ vertrau keinem menschen mit luftmatratze und hüpfenden händen, der sonnenblumenkerne verkaufen will/ free all angels. george verschwindet in seinem eigenen dunstkreis, lässt lila unbeeindruckt und allein wie zuvor, im grüngelben mosaik-glasdach sieht sie sein gesicht. sie haben nicht bloß eine stunde in deutschland gelassen. juno ist dort und lila will zu ihm.

tankwarte unter der sonne. im kindergarten hatten sie manchmal papier gefaltet und gesichter hinausgeschnitten, in stücken. mitten im kosmos hat lilas zug wurzeln geschlagen, trotz der drückenden vermutung, dass der boden den zug in einer riesigen ölfontäne davon stoßen könnte, zurück braches land, schwarzes loch. trotz der drückenden achselnässe. lila im futuristischen system. wenn man sich anstrengt, schmeckt man schwarz auf der zunge, lila ist betäubt, vierzig reihen einsame technik vor der nase/ george sagt, es sei die hässlichste region überhaupt, aber lila fühlt das kleine grüne zwischen prustenden bohrtürmen. das kind ihr gegenüber sieht aus wie marilyn manson es einmal getan hat, als er noch brian warner hieß und seinem großvater beim onanieren zugesehen hat. george verschenkt die schokolade, die lila ihm gegeben hat, wohl zu weich, wohl undankbar, der mann. bitter sweet symphony. weiter vorne redet der undankbare wieder, macht seine stimme laut, erzählt vom breiter werden, von der sonne im nacken, von den toten händen, von leeren händen/ "riech mal, es riecht..."/ und diese besondere lilanase schiebt sich in die oberen dunstschichten – "ja, es riecht... nach... schweiß." ein grashüpfersprung über dem klimaschalter, bringt ein lächeln mit auf lilas lippen (die gerade daran dachte, wie viele menschen aus den schwarzen städten sich durch eine der offenen zugtüren das leben nehmen)/ und zählt noch einer die schritte im sand – welche hymnen spielen sie an den gräbern, das lied von der freiheit/ das lied vom tod. welche ähnlichkeit. wann ist diese sonne stark?

- tag 5 -

in lilas atem ist etwas, das lila nicht kennt/ "hallo, ich bin lila..." und für den bruchteil einer sekunde schneidet sie, das größte stück vom brötchen, die luft. unter wasser sind alle gleich. aufgeblasene gummihaut, albino-puppen im waschbecken. angorakaninchen am frühstückstisch/ "die sind ja süß, meinste die braten sie hier?" perplex. lila malt gesichter in den sand, schnauzen und lange ohren. steine in rot und miesmuschelaugen, herzmuschelfell. Kanninchenstrandgräber. lila will verbrannt werden, wenn die ausgeschöpfte luft im bauch gefriert und sie irgendwann nach 45 sekunden nicht wieder auftaucht7 "george, george, 30 sekunden! oder 35, wer weiß, wegen zählen und so, ist doch klasse, nicht?" pack your bags and come with me. juno hat über lila gelacht, als sie erzählte, davon, wie ihre asche zum licht tanzt, hinein in große erdaugen, danse in wässrige leibhaftigkeit/ save the last dance, take the next chance, give billie wilder back his style and western cowboy attitude. we ‘re all kind of wet chewing gum/ juno und lila am meer, schlechte zeit für ferien und am besten wäre doch beziehungsurlaub gewesen, aber sie hatten gedacht, an viele viel-leicht (und alle wahrscheinlichkeiten außer reichweite gelassen). lila hatte das dunkle in junos augen gesehen, steigender wasserspiegel. juno hatte wenig gesprochen und lila mit ihren zaghaften federn hatte sich damals jeden tag aufs neue ertränken wollen, aber es dann doch nicht getan, weil die furcht vor dem schmerz größer war. größer als der schmerz des schweigens zwischen ihnen. der wunderschöne mit seinen schmalen händen im nacken, der sonne entgegen ein blinzeln und zwinkern, aber nie zu lila, lila nicht ansehen und nicht bei lila im meer und nicht bei lila im zug. als die nach hause fuhr, um endlich neu und all solches, das juno nicht verstand in seiner groben eifersucht. auch am meer regnete es/ the letters have been sent. "lila, du verstehst das nicht…” hatte er oft gesagt, kombinationswut/ "trink nicht so viel bier, dass ist nicht gut für dich…” – "lila, du…”/ und es war wohl das einzige, womit er immer recht behalten hatte. lila verstand nicht. lila ist trotzdem die schönste wasserfee geblieben, wenn auch mit kleinen schlitzen an den flossen und ecken und kanten auf der stirn. im dunkeln sortiert sie ihre zehen, prüft die länge der schwimmhäute dazwischen. auf millimeterpapier. der stolz reist mit, im handgepäck.
george bringt lila nachts zum meer. erzählt schlechte witze, lautes flüstern und von konzerten/ "put your lights on..." - gestrandetes dinner. george beobachtet lila beim essen. zu wenig, zu unkonzentriert. zu ungesund. sternschnuppen zwischen den zähnen. aber wenn es leben im all gibt, dann sind es bestimmt kleine blaue quallen mit schwarzen augen und vielen kleinen weißen pupillen und wenn licht auf sie strahlt, dann werden sie grün, wie die straßenlaternen am meer, kurz nachdem man sie eingeschaltet hat. zum ersten mal lacht george. über eine ernste fantasie - über dem schwarzen meer sieht lila den roten mond/ der mond ist aufgegangen/ und wenn man genau hinsieht sind die sterne es auch mal gewesen/ die goldnen sternlein prangen/ aber ähnlich wie der mond, nach einer zeit nur noch blasse pigmentflecken und rückstände (für was werden die putzfrauen hier eigentlich bezahlt?). lila versandet, bleibt zurück in den schuhen. dahinter brennen die dünengräser/ am himmel hell und klar.

- tag 7 -

open your eyes and see... constanza im bus, gestern abend speckwölkchen in der suppe, nicht alles gegessen, kein gutes wetter also und darum zum frühstück wolken im omelette. das wetter in rumänien lernt von sinti und roma. all die kleinen tricks. unter einem bierschirm reißt es lila die kopf-haut herunter. die rumänischen kinder bitten still und fordernd und auch lila bittet still. george lächelt so, kauft ihr ein schachbrett mit roten figuren/ "die sehen aus wie kirschen...!" lila ist ein kristall, medium der sonne. george stößt sie am arm, wenn sie karten an juno schreiben will, karten mit begrüßungen "lieber..." und "liebster...". die sonnencreme wird neue heimat des straßenstaubs, nunmehr hautstaub auf den gesichtern, george macht sich breit und laut im bus, aber lila moonblume kann ihm nicht böse sein, vielleicht wegen der großen augen oder dem morgen im restaurant "tag, blume!" für alle formen, für den jugendstil, gegen den himmel zeichnet sich die stadt vom turm der moschee aus, nach dem aufstieg/ "noch mehr und ich krieg ’nen triller unterm pony!" in constanza ist das meer mit lineal gezeichnet/ immer diese vergleiche mit den resten der 80er (vielleicht derselbe architekt). unter der abrissbirne.
lila verschluckt vom blau und als gäbe es nun überhaupt keine gerechtig-keit mehr, keine gesetze der schwerkraft, keine optik und keinen optimis-mus, plötzlich wärme um den augenblick, tränen in lilas augenwinkel, ätzen augäpfel zu großen unverstandenen höhlen, behold the nightmare, lilas schultern zucken im rhythmus einer unbekannten melodie/ sie stimmen ihr lied an, da unten zwischen den teppichen. george mit seinen kalten händen, formt ihr gesicht neu und darüber, ein himmel voller glasknüppel.
"manchmal ist es schwer, sich von alten geschichten zu trennen", sagt lila und schaut aus dem fenster in die schwere des nachmittags. lila trägt ein rotes kleid, lila hat blonde haare (manchmal), lila ist zu jung zum sterben und alt genug für schlechte witze. so viel weiß sie noch. sie denkt nicht oft an juno. ab und zu, wenn sie ein neues stück weg angefangen, erinnert sie sich. wenn sie im hotel ankommen und george sagt, "ich will heute nicht mit dir schlafen, es ist vollmond", dann denkt lila an juno. eigentlich hat george nur angst um lila. dass sie einfach weg ist, dass sie in einer sekunde verschwindet/ es kann nur einen geben/ auf den enden des minutenzeigers und nur die vollen stunden bei ihm ist – romantik: das allein macht die stunden voll. lila ist schon oft gegangen. viele gedanken um sie. lilas magnetfeld zieht fremde menschen an, fremde menschen ziehen lila aus, das ist das spiel. lila bleibt nie lange. neue zimmer haben immer platz für neue ecken. die, in die man demonstrativ seine koffer stellen kann. die, in denen man sich versteckt. die leer werden, nach dem ersten streit. lilas liebe für symbolik. symbolische liebe für lila. keiner malt lippenstiftherzen auf spiegel, bevor er zur arbeit fährt. ...see that it’s reality (shuka).

- tag 8 -

mit holzkohlewangen kommen sie ihnen entgegen, tragen gewitterblicke spazieren in zerschlissenen augen. lila hat heiße füße und blasen darunter. barfuß sind die schönsten straßen im sommer die hölle. george lächelt. "soll ich dich ein stück tragen?" lilas hand, eine fallende taube, stürzend irgendwo zwischen die momente, lila ein adlerweibchen im sturzflug, auf dem weg zum horst/ "wo sind bloß die küken?" die sonne beißt meter-weise lila vom weg, kleine seen unter den augen, talgruben im rücken, schiefe wirbelsäule. die zigeunerin hebt die mundwinkel – wohl ein egoistischer reflex. die himmel sind hier so blau, dass man blind davon wird, und das meer, ein riesiges lavabecken am abend. lila mag nicht hinschauen, aus angst, sie könnte sich verbrennen. love really hurts without you... die haare auf georges rücken werden heller in all diesem licht, der stetige geruch nach salz in seinen geheimratsecken/ "mein gott, du kannst aber alt aussehen…” manchmal schmilzt der atem. manchmal ist lila froh darum. juno ist ein kopfgestein. ein wegpfeiler, stechend in lilas kopf. flamingoabende, ein bein nach dem anderen, lila lacht, vergisst, trinkt cappuccino – "nicht so viel liebes, dann kannst du später nicht schlafen..." – "will ich das denn?" fast offenherzig wirft lila mit geschich-ten, der kleine exhibitionist im kopf tanzt nackt herum und singt nirvana. das ist ein leben. lila glaubt, dass das meer dort am tiefsten ist, wo es die höchsten wellen schlägt. lila glaubt, dass man keine erwartungen an jemanden haben darf, den man nicht liebt. lila hat keine ahnung vom leben, aber das muss sie noch lernen. sagt george. lilas naivität ist ansteckend. abends planen sie sandburgen. dann warten sie, bis die frau an der rezeption ins hinterzimmer geht und ihren mann anruft, um ihm zu sagen, dass er sich um das essen kümmern soll. pfirsche brauchen sie. ja. genau. diese pelzigen. das andere sind nektarinen. und vielleicht tomaten. ob er noch geld hat. und wie die arbeit war. was? der chef? so ein wunder... ja, was ein wunder, wenn lila mit ihren leichten, mageren schritten über den teppich tanzt, am counter vorbei, drei weiße blätter von der ablage und stifte, ein bleistift, ein kulli, und dann weitertanzt, mit den wehenden blättern in der hand. schneller als die dame zurück ist. schneller sitzt lila wieder. schneller will george sie in den arm nehmen. lilas lippen schreien nach druck. george muss aufpassen, dass er sie nicht überfällt. lila ist ein wunderschöner mensch. ja, ich komme heute abend noch zurück. spät, vermutlich. machs gut, mein herz.

- tag 10 -

sanfte fahrlässigkeit. die cobra hält und lila fällt. das gesicht, gebräunt, dem licht entgegen und da wäre keine verwunderung wenn sie plötzlich den dunklen stich in ihren zehennägeln sähe. george hat seinen namen versprochen für ein schach matt aus lilas mund. und hat die rote dame vom brett genommen. lilas zunge ist länger geworden, dass alle lügen und fragezeichen darauf platz finden, ohne dass man sie sieht, wenn sie hinausfährt, george zu zeigen, was verachtung ist. der unsichtbare krieg. in kleinen gruppen steht menschen der schatten in den augen, wenn sie sprechen, über einnahmen und ernten. george bestellt salata dobrogeana und nimmt die hand nicht von lilas knie. das nächste stück weg sitzt lila auf der rückbank. beobachtet die wüstenfreundin beim schablonenspiel. die formuliert sich, formt sich durch die rückscheibe. macht lila blind zum zebra. bringt ihr endlich deltaschlaf.

mit halbgeschlossenen augen hat die welt einen viel größeren glanz, denkt lila. irgendwie könnte das das paradies sein und irgendwie macht das platz für tränen. aber die luft ist nicht klarer, wo du atmest und sie ist es sowieso dort, wo du gerade nicht bist. weißmalerei. einer hat aus dem auto heraus einen großen pinsel gehalten, nun sind die baumstämme blasser an den wurzeln und dort, wo die rücken dagegen lehnen. rückblick. lila hat kein farbverständnis mehr, saugt den wind, atmet mais, trägt blinde ohren durch die welt/ das wasser schäumt dort noch, klippenstudien, so weit kam das meer noch nie, so weit hinaus aus seinem lebensraum, so weit aus dem süden. so weit, bis es eintrocknet, in lilas gehörgang. rumänien ist ein bunter osten, ein kaputtes stück vom käse/ kommt vom aufprall, transportschwierigkeiten und so."/ jaja, der lange weg in die freiheit, irgendwie hat er den geschmack genommen an manchen stellen. jeder kriegt sein stück, sein fett weg (auch ohne hometrainer hier und steppgeräte, tourismus macht schlank)/ von a nach b und nicht zurück. - silikon und benzin (und ab und zu auch heroin). auf dem weg in die hauptstadt. lila will raus, lila will fliegen, singen, schreien auf ein gaspedal treten und farben essen, endlich wieder. lila sitzt am fenster und tut nichts.

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