Erste Schüsse gellen zwischen den Reihenhäusern. Er steckt unter der Decke, doch die Zehen werden nicht warm. Bloß ameisendurchkrochen. Sie haben einen Spaziergang gemacht. Hinterm Gleis vorm Wald nachm Mittagessen, Fleischbrocken. Sie schwammen in brauner Soße und klangen französisch aus Juttas Mund. Und Knöpfle. Es schmeckte weich und nach Wein. Ihm war schlecht.
Doch dann draußen die mistelfleckigen Geäste, das gefiel ihm:
wildes Gekritzel mit einem zarten Stift. Der Papa erklärte, wie das
ist, mit dem Küssen. Auch das gefiel ihm. Am Fuß der Bäume
und in den Mulden, wo die Sonne nicht so hinkommt, gab es Schneereste. Aber
weiß waren die nur noch von weitem. Auf dem Feld, dem großen,
gelblichen Feld, hockte die Luft, breitfüßig wie eine pinkelnde
Frau, und ihr im Genick der Himmel. Ein Mantelmann. Krähenchef. Rabenvater.
Was ist der Unterschied zwischen Krähen und Raben. Der Papa hat gesagt,
wahrscheinlich gar keiner. Aber wir können das nachschlagen. Am Waldrand
machten sie kehrt. Auf dem Rückweg mussten sie warten. So ziemlich
der einzige Zug heute, grade jetzt wenn wir, sagte Jutta, er glaubte, sie
fror auch. Obwohl die rote Diesellok nicht schnell daherkam, scheuchte sie
alle Vögel auf. Noch als der Zug längst nicht mehr zu sehen war,
war die Luft voll schwarzem Geschrei.
Ein ums andere Mal knallern die Nachbarbuben. Jeder Böller schlägt
in ihm ein. Er möchte, dass es aufhört, er möchte raus. In
das gleißende Fenstergrau. In die leeren Straßen, die ein Bubenreich
sind, heute, jetzt. Sie müssen auf Vorrat schlafen, hat Jutta gesagt.
Damit sie nachher, zum vollen Jahr, ausgeschlafen sind, müssen sie
jetzt alles auf einmal in sich hineinschlafen, es ist viel zu hell. Markus...
Der Markus regt sich nicht. Er steht mit einem Mal am Fenster, die Heizung
legt sich gegen die Schlafanzugbeine kühl wie eine Arzthand. Draußen,
inmitten all des Hellen, ein roter Punkt: ein ausgebrannter Knaller. Doch
kein Nachbarbub. Nirgends. Als ob sie Versteck mit ihm spielen. Vielleicht
ist der Knaller ja auch noch scharf, und der dicke Heiko sitzt hinter dem
geparkten BMW. Er wartet nur auf ihn. Dass er aus dem Fenster steigt, barfuß
in die Straßenmitte tritt, zugreifen will. Dann zündet der dicke
Heiko den dicken Böller, mit langer Zündschnur und planvoller
Hand.
Er stößt sich ab von der Heizung, er will es behalten, das alte Jahr. Das muss man doch können. Er lässt einfach alle fahren und bleibt. Wie eine Insel wird es sein, eine Insel, die nicht Juist heißt oder Norderney, sondern Neunzehnhundertneunundsiebzig. Er steht an ihrem Rand, blickt sich um. Das alles ist jetzt seins. Ein ganzes Jahr, es fällt von seinen Schultern wie ein gerade richtig zu großer Mantel. Wie Wind und Samt in einem. Deutlich spürt er einen Sturm in sich aufkommen, sich drehen, einen wohligen Sturm. Gehört ihm erst die Insel von Meer zu Meer, wird er sie umtaufen: Tornado - das Eiland des großen Sturms. So wird sie heißen. Und er wird Felix, der Wolkenstürmer sein. Und sonst keiner. Er hechtet ins Bett zurück.
Aber der Fingernagel bleibt hängen an der Naht zwischen den Tapetenbahnen. Die Tapete reißt ein, er weiß, was Vorsätze sind. Er fasst den Vorsatz, dass die Zehen endlich warm sind. Er fädelt die Hände unter die Decke, umfasst die Füße. Jutta hat für sich, für Papa, für Markus Jacken gestrickt, eng, kratzig, besch. Jetzt gehen wir im Partnerluck. Nur er nicht, weil er bei Wolle schreit, kein Wunder, dass du frierst.
Als sie das letzte Mal beim Papa waren, war er im Nachbarhaus. Es sieht gleich aus, nur verkehrtrum. Sie haben ein Spiel gespielt, doch dann wollte der Heiko kämpfen. Er ist im Judo. Erst haben sie sich ordentlich hingestellt, aber gleich darauf hat sich der Heiko auf ihm ausgebreitet wie Soße und gesagt, sag, ich geb auf, los, du brauchst es nur sagen. Ich geb auf. Das macht man so. Sonst geh ich nicht runter. Als Jutta beim Frühstück gefragt hat, ob er nicht den Heiko besuchen will, hat er gesagt, der stinkt. Er presst die Schläfe an die Wand; die Tapete ist eine Landschaft. Mit Höhenzügen, Schattentälern und mit einem tiefen See. Das ist der Riss; vorsichtig verbreitert er ihn. Wenn er ein ganzes Jahr jedes vierte Wochenende kommt und jedesmal eifrig Fetzchen abreißt, kann er ein Meer schaffen. Sein Meer. Von knapp über seinem Kissen bis an die Enden der Welt. Das ist eine große Idee, groß genug, um hineinzutauchen. Sein Kopf sinkt, endlich, in das bewusstlose Wasser.
Etwas trifft sein Gesicht. Als er die Augen aufschlägt, spitzt ihm ein fettroter Mund entgegen. Ganz nah die senkrechten Spalten im grobgrellen Lippenfleisch; sein Traum flockt aus. Sein Nasenweg ist zu. Im Augenwinkel sieht er Markus' aufgeschlagene Decke: ein Buch, aus dem die Buchstaben herausgefallen sind. Eine Verlassenheit. Und dann klafft auf einmal rosa und riesig eine bewegliche Höhle-
Du Penntüte! Fast sieben! Gleich kommen die Gäste! Du kleine
Penntüte! Auf der Treppe dröhnt Juttas Schritt und dann ruft sie
noch: Der Fritz kommt doch auch, Felix! Die Luftschlange, die sie ihm gegen
die Nase geblasen hat, liegt bunt auf seinem Kissen. Während die Finger
sie in kleine, gleichgroße Stücke reißen, überlegt
er, nach was sie gerochen hat. Erst kommt er nicht drauf, aber dann. Nach
Zwiebeln.
Um halb zehn sagt Jutta beleidigt: Der hält das noch nicht durch. Er
will protestieren, doch der türhohe Fritz trägt ihn hoch. Der
hat ein Spezialbett. Sonst stehen die Füße raus. Er lässt
den Bund der Schlafanzughose gegen den Bauch schnappen. Alter VfB-Fan, du.
Der Fritz ist für K'lautern, man schreibt es mit einem kleinen Strich.
Er wuschelt durch einen dunklen Schopf, der allein noch heraussteht unter
einer Decke, dann löscht er das Licht und geht. Er geht zu jedem Heimspiel.
Auch bei zehn Grad unter null, wenn nur die Eingefleischten gehen. Eingefleischt
ist sowas wie eingeboren; von beidem gibt es kein Gegenteil. Auch der Tritt
des großen Fritz ist laut auf der Treppe. Aber anders laut. Sein Körper
ist kalt, schmal, heiß. In der Tiefe hört er das Lachen der Erwachsenen
schäumen und brechen. In so einem Strudel ist die Titanic ertrunken.
Er will sich zum Grauen Herrn denken, in sein steinernes, windumsponnenes
Schloss. Doch gegen den steilen Strudel kommt er nicht an, und kaum der
Traum, wird er ins Wohnzimmer geworfen. Es brennt grell orange, durchblitzt
von zahllosen Zähnen. Sein schlafverwaschener Körper sackt auf
den Hocker von Papas Sessel. Aber im Sessel sitzt, mit rachenweit geöffneten
Knien, ein Außerirdischer. Hinterrücks zurren ihm Hände
eine Decke um die Schultern. Fünf vor zwölf!, schreit eine Frauenstimme.
Die Wolle kratzt, er lehnt am Licht, sonst gibt es ja nichts. Du kennst
mich doch noch. Ich bin doch die Gudrun. Du bist doch mein kleiner Kavalier,
sie beißt ihm das Ohr ab, du erinnerst dich doch. Am Baggersee! Im
Sommer! Kuck, wie der Kleine schwitzt. Der Fernseher geht an, Finger fassen
nach seiner Stirn, die fremde Haut ist aus Mauer. Das Bild zittert wie er,
ich glaub, er hat Fieber, ach was, der ist bloß tot. Gell, Felix!
Als die Terrassentür aufgerissen wird, rauscht schwarzes Eis in den
Raum. Warum alle lachen, weiß keiner. Sie stehen um ihn herum und
zählen verkehrt. Juttas Stimme, und alle fallen ein, ein Orkan... Die
Null brüllen sie, als hätten sie gemeinsam etwas Lebendiges zur
Strecke gebracht. Wie Tiere, sofort rennen sie hinaus. Ihre angetrunkenen
Gläser bleiben in wirrer Ordnung auf dem Couchtisch zurück: mit
Pisse, mit Blut, mit Lippenstift am Rand.
Helle Ruhe füllt den Raum, als er aufwacht. Er schaut auf seine Digitaluhr, das Weihnachtsgeschenk, das auch nachts lautlos und klebrig sein Handgelenk umschließt. In eckigen Zahlen steht da: neun - nullneun - nullneun. Zwar springt es gleich wieder weg, aber nicht so rasch, dass er nicht das Zeichen erkannt hätte. Auf einmal fühlt sich sein Bauch an, als ob er mal müsste.
Der Markus schläft. Die Tür streift den Teppichboden. Die Treppe vibiriert ein wenig. Seine nackten Füße kennen die Stufen auswendig, im Wohnzimmer sind die Rollläden runtergelassen. Alles dunkel, bloß Lichtstriche oben, wie Morsezeichen. Das Parkett fühlt sich plastikglatt an und kühl. SOS kann er. Kurz-kurz-kurz-lang-lang-lang-kurz-kurz-kurz. Das bedeutet Save Our Souls. Aber was das heißt, hat ihm auch der Markus nicht sagen können. Obwohl er aufs Gymnasium geht, kann er erst Latein. Vielleicht konnten die anderen Schiffe alle auch bloß Latein und kein Englisch. Vielleicht haben sie darum die Not der Titanic nicht kapiert. Als sie Raketen in den Himmel schoss, haben die anderen gedacht: Die feiern ein Fest. Er wirft sich in Papas Sessel, beide Geräusche im Ohr: Wie die Rollläden runterkrachten und wie es in die Tiefe fuhr, das riesige Schiff. Beide Geräusche sind eins. Ein Ton aus Nacht, Wucht, Krach. Ein Getöse, von dem nichts bleibt als ein Rauschen, wie zwischen zwei Radiosendern in der Mitte, im Dunkel, im Nichts. Seine Hand, eben hat sie noch das raue Leder gerieben, jetzt steckt sie eine Erdnuss in den Mund. Das Salz zieht gierig am Gaumen. Nicht eher stellt er das Schälchen auf den Couchtisch zurück, als bis die Fingerkuppen nur noch Krümel spüren.
Wenn er auf den Leuchtknopf seiner Uhr drücken würde, wüsste
er, wie lang er schon so da sitzt: Das linke Bein hochgezogen, die Arme
umfassen es, die Zähne schaben das Knie der Schlafanzughose. Der dünne
Stoff wird feucht. Aber er schaut nicht auf seine Uhr. Er spürt sie
auch nicht. Er strengt sich an, dass ihm die eckige Uhrzeit vor Augen tritt,
während er ins Dunkel der Schrankwand starrt. Neun - Uhr - einundvierzig...
Aber vielleicht hat er sich das auch bloß ausgedacht. Auf einmal ist
ihm kalt. Vielleicht ist Mittag längst vorbei. Oder vielleicht ist
ein ganzes Jahr ungesehen vergangen. Ihn haben sie allein gelassen, in diesem
rollladenzuenen Wohnzimmer, er muss ihre klebrigen Gläser lesen, ihren
ausen Fernseher, ein schwarzes Loch, dessen eine Tür offen stehen geblieben
ist, aber die andere haben sie zugeknallt, sodass alles schief ist, und
er ist zurückgeblieben, bekleidet nur mit kraftlos nassem Stoff- Bloß
das Licht haben sie ausgeknipst, am Schluss. Dass keiner was sieht. Aber
er, er sieht alles genau. Er versteht sich auf Schatten. Als er oben die
Tür gehen hört, rennt er aus dem Wohnzimmer und macht die Tür
hinter sich fest zu.
Am Fuß der Treppe fasst ihn der Papa bei den Schultern: Da ist ja
einer schon wach. Hilfst du mir Frühstücksspeck braten. Gucken
wir nachher Skispringen, Papa.
Ja, das tun wir auch.
Vielleicht gewinnt ja einer mit neunundneunzig Metern.
Vielleicht. Aber warum soll einer mit neunundneunzig Metern gewinnen, Felix.
Weil ich dann gewonnen hab.
So, sagt der Papa.
Auf das Dunkel in der Mitte der Hose angesprochen, sagt er, da es unvermeidlich ist, die Wahrheit. Als sie - der Papa hat die Rollläden Arm um Arm hochgezogen - bei Lichte die Feuchte im Sessel betrachten, die ebenfalls rund ist und mittig, sagt der Papa erst nichts und dann: Ach, Felix. Und wieder nichts und dann: Komm mal her. Während er den Putzeimer füllt, sagt er, ohne den Blick von der Wärme des Wassers zu heben: Du, das bleibt unter uns. Er spritzt Putzmittel hinein, reibt die Sitzfläche, bis es schäumt, er arbeitet, sein Sohn steht daneben.
Später, im grauen Licht der Tagesmitte, sind sie wieder unterwegs. Auf Juttas Rat hat er zwei Paar Socken übereinander an. Sie rutschen dauernd, doch das Hochziehen gelingt nicht, die Sohle hält sie im Maul. Als er beim Bücken zurückbleibt, gewahrt er die Kapsel einer Rakete, halb eingefroren in einer Pfütze. Es sieht aus wie mit Absicht gemacht. Die Kapsel ist aus stumpfem, roten Plastik, das Eis der Pfütze ist ganz leicht beschneit. Er begreift etwas, dann rennt er an den Papa hin, an seine behandschuhte Hand.