LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland Pfalz
Das
Nichts war ein angenehmer Zustand. Immer wenn er die Augen kurz öffnete
und auftauchte, sah er etwas anderes. Die Filmszenen gingen mit plötzlichen
Lokalisierungen einher, die harten Schnitten folgten:
Erst lag er auf einer Bank in einem Park. Die Sonne schien. Er trank Wein
aus einem Tetrapack. Schnitt.
Es war dunkel. Er hörte den Regen prasseln. Sein Kopf schmerzte und
er lauschte dem leisen Flüstern der anderen Penner unter der Brücke.
Gesichter. Jemand beugte sich über ihn. Er fokussierte Häuserwände
im Hintergrund, Schneeflocken rieselten durchs Bild.
„Der lebt noch!“ rief eine Männerstimme. Sie hoben ihn
auf.
Er lag auf einem Bett in einem Schlafsaal und zitterte. Wo war seine Weinflasche?
„Wein“ sagte er zu einem Anderen mit Bart, der die Pritsche
neben ihm belegte. Der Andere schüttelte den Kopf.
Später, vielleicht nach ein paar Tagen, saß ein glatt rasierter
Mann im Jackett auf einem Stuhl vor seinem Bett.
„Wie heißen Sie?“, fragte der Mann.
Er zog die graue Filzdecke höher und drehte sich auf die andere Seite.
Jemand schüttelte ihn.
„Was sollen wir bloß mit dem machen?“, fragte die Männerstimme
von vorher.
„Keine Papiere. Keine Anhaltspunkte. Und reden tut er auch nicht“,
antwortete ein Anderer.
Das Bett, auf dem er jetzt lag, war breiter und der Bezug weiß. Die
Wände waren ebenfalls weiß. Außer ihm war niemand in dem
Zimmer. Schnitt.
Er saß auf einem Stuhl vor einem Tisch. Ihm war
schwindelig. Hinter dem Schreibtisch hockte ein schmaler, gebeugter Mann
mit Brille.
„Ich bin Dr. Engel,“ sagte der Mann mit ruhiger, freundlicher
Stimme, „falls Ihnen schwindelig ist, das kommt von dem Medikament,
das Sie jeden Morgen einnehmen. Aber glauben Sie mir: es wird Ihnen bald
wieder besser gehen.“
Er musterte Dr. Engel, das bleiche Gesicht, die großen grauen Augen
hinter der Brille, den Schnurrbart, den weißen Kittel.
„Wie heißen Sie denn?“ fragte der Arzt.
Irgendwo im Haus dudelte ein Radio, gedämpft durchdrang die Musik die
Wände, Saxophon und Schlagzeug, oder war es Klarinette, vor allem das
Klavier, klingt wie Jazz, dachte er, aber wahrscheinlich war es Dixie.
„Miller,“ flüsterte er.
„Was?“, fragte Dr. Engel.
Wie hatte dieser Dixie-Typ noch gleich geheißen? Ronald? Dereck? Oder
Gringo? Das Radio war verstummt. Stattdessen hörte man, wie meistens,
Stöhnen und halb unterdrückte Schreie.
„Steve,“ murmelte er und wippte leicht vor und zurück,
„Steve Miller.“
Während der Therapie wurden die harten Schnitte weniger und wichen
schließlich weichen Überblendungen. Dr. Engel sagte, es läge
an den gelben Tabletten. Das einzige Problem waren die Fragen. Täglich
holte man ihn aus seinem Zimmer - es war jetzt ein anderes, in dem sie zu
dritt schliefen - und brachte ihn in Dr. Engels Büro. Dort lag er auf
einem Sofa und unterhielt sich mit dem Arzt.
Anfänglich fragte Dr. Engel ziemlich unangenehme Sachen,
die Steve mit einem Blick aus dem Fenster oder einer Schlafsimulation quittierte,
etwa wie: „An was erinnern Sie sich?“, „Woher kommen Sie?“,
oder, die nervigste Frage, „Wer sind Sie?“
Und dann diese mitreißenden Vorträge, meistens zum Thema „emotionale
Störung“ oder „neurotisches Zwangsverhalten“.
Aber schließlich, dachte Steve, kamen sie sich doch näher, denn
Dr. Engel veränderte sich während der Therapie in äußerst
angenehmem Maße. Er saß nicht mehr hinter dem Schreibtisch,
sondern an einem kleinen Tisch vor dem Sofa auf dem Steve lag. Sie tranken
gemeinsam Tee.
„Wie geht es Ihnen heute?“, fragte Dr. Engel.
Oder: “Was gab es denn zu Mittag?“
Die Monologe hatten sich auf ein gelegentliches Fragen nach Steves Zustand
reduziert. Und das war auch besser so, dachte Steve, denn Zustände
hatte er ja zur Genüge, wieso auch noch darüber reden? Stattdessen
rekelte er sich auf dem bequemen Ledersofa, sah aus dem Fenster, schloss
die Augen oder lächelte Dr. Engel zu. Irgendwann begann dann der Bücherschrank
in die Zimmermitte zu rücken, oder die Fenster dehnten sich nach allen
Seiten aus und die Zimmerpflanzen quollen aus ihren Töpfen –
bis Steve schließlich auf einer Bank im Park des Klinikums zu sich
kam und einer alten Frau im Rollstuhl zuwinkte. Er winkte auch noch ein
bisschen weiter als die Frau, die ohnehin nicht zurück gewunken hatte
weil ihr Kopf vorne überhing, von einem weiß gekleideten Pfleger
ins Gebäude geschoben wurde. Steve winkte den Wolken und den Büschen,
der Sonne, den Vögeln und den Bäumen, den Blumen und Blättern,
dem vor sich hin brabbelnden Mann im
Jogginganzug, der Luft und den Regentropfen.
„Wir werden Ihre Tablettendosis ein wenig herabsetzen müssen“,
sagte Dr. Engel, „und wir haben eine Überraschung für Sie.
Es wird Ihnen Spaß machen. Ich selbst leite den Kurs.“
Steve nickte, noch während das Besprechungszimmer in den Aufenthaltsraum
mit dem Fernseher überblendete, nickte er sicherheitshalber weiter,
falls der Doktor ihn noch sah.
Die Tabletten, die Steve jetzt bekam, waren rot und ihm wurde davon weniger
schwindelig. Auch folgte er einem Pfleger ganz ohne Überblendung von
seinem Zimmer, durch den Flur, in den Werkraum. Im Werkraum saßen
sie an Tischen, die Jungs aus Steves Zimmer waren auch da, alle hielten
Pinsel in den Händen und malten, niemand beachtete ihn. Es roch nach
Farbe in dem Zimmer. Dr. Engel positionierte Steve an einem Einzeltisch,
gab ihm einen Block und zeigte ihm Farben und Pinsel in verschiedenen Stärken.
„Aber“ sagte Steve leise, „was soll ich denn malen?“
Dr. Engel lächelte und berührte Steves Schulter.
„Malen Sie doch etwas, das Sie mögen.“
Steve saß da. Und starrte aufs Papier des Zeichenblocks. Die Seite
war weiß, je länger er das Weiß fixierte, desto strahlender
wurde es. Weißer als weiß, dachte Steve. Die Vorstellung von
Farben auf dem Weiß, von rot, grün, blau und ähnlichem,
wurde schwächer. Das Weiß, dachte Steve glich ganz dem Nichts,
das er kannte. Leicht. Kühl. Er lächelte. Dann griff er den Pinsel
mit der linken Hand, tunkte die Spitze in Farbe und setzte sie mitten in
das Nichts …
„So!“ rief Dr. Engel und klatschte in die Hände, „jetzt
lasst
mal sehen, wie weit ihr gekommen seid!“
Steve zuckte zusammen. Blickte sich um. Wo war er? Er fixierte einen dicken
Mann im Schlafanzug, dem Spucke vom Kinn tropfte und der ein Bild mit einem
rudimentären Haus und ein paar Strichmännchen drauf hochhielt.
Ach ja, Steve atmete laut aus, er war ja in der Anstalt. Steve musterte
die Wasserfarbenbilder, ein blauer Hund, Bäume, ein Vogel auf einem
Ast, ein unförmiges Gesicht ohne Nase.
„Zeigen Sie mal,“ sagte Dr. Engel hinter ihm, beugte sich über
Steves Schulter und führte eine Hand an die Brille.
„Aber … das ist ja …“
Steve hörte, wie sich die Anderen von ihren Stühlen erhoben, Holz
auf Linoleum, und herüber geschlurften kamen.
„Eigenartig“ murmelte Dr. Engel und kniff die Augen zusammen.
Steve schaute mit gerunzelter Stirn auf das vor ihm auf seinen Knien liegende
Bild:
Er hatte die natürlichen Farben so gut imitiert, wie möglich.
Dr. Engels Gesicht war vielleicht noch ein wenig blasser als sonst, der
Schnurrbart einen Tick zu dunkel. Der strenge Zug um den Mund war zwar frei
erfunden … aber er wirkte wie eine realistisch mögliche Verformung
von Dr. Engels Gesicht. Als Hintergrund hatte Steve eine Überblendung
zwischen Garten und Besprechungszimmer gewählt, die in etwa zu drei
Vierteln bereits von statten gegangen war, das heißt die Bücherregale
an den Wänden waren angedeuteten Linien gewichen, die in Zweige übergingen.
„Steve,“ sagte der gemalte Mund unter dem zu dunklen Schnurrbart,
„das ist wirklich …“
Steve starrte auf Dr. Engels Schnurrbart, dann sah er um sich:
Die Bücherregale hingen wie immer an den Wänden, darin: Die Bücher!
Steve schüttelte den Kopf. Er selbst saß auf dem Ledersofa, Dr.
Engel gegenüber. Er fixierte wieder Dr. Engels Schnurrbart, der eindeutig
mehrere Nuancen zu dunkel war.
„Steve? Hallo, Steve …“, formulierte der Mund unter dem
Bart.
Steve schaute Dr. Engel, der hinter seinem Schreibtisch saß, in die
Augen.
„Wo bin ich?“, stieß er hervor.
„In der Klinik“, antwortete Dr. Engel freundlich, „in
meinem Büro.“
Aber, dachte Steve. Aber eben war er doch noch im Werkraum gewesen. Wo war
nur die Überblendung geblieben, einen Schnitt hatte es auch nicht gegeben,
nur eine Art Vorwärtsbewegung in das Bild hinein. Er hatte sich ganz
ohne Übergang hineinbewegt und zwar so, als ob man -
„Steve!“, Dr. Engel stand direkt vor ihm, „Kommen Sie
zu sich. Es ist wirklich wichtig.“
Steve nickte. Wichtig, echoten Steves Gedanken.
„Es scheint ganz“, Dr. Engel ging auf und ab, in der rechten
Hand die Brille, „als hätten Sie früher schon gemalt. Nein.
Sie müssen … erinnern Sie sich denn an nichts?“
Nichts? Ja, an das Nichts erinnerte Steve sich sehr gut. Das Nichts, das
ihn in seiner spontanen und recht verspielten, jedoch leider völlig
sinnlosen Anordnung von Bildern und Gedanken hierher transportiert hatte,
um ihn schließlich -
„Jedenfalls,“ fuhr Dr. Engel fort, „werde ich ihre Bilder
einem Bekannten von mir zeigen. Er ist Gallerist und…“
Steve schaute aus dem Fenster auf die kahlen Bäume und den
grau verhangenen Himmel, aus dem gelbliches Licht drang. Morgen war wieder
Malstunde. Steve grinste. Morgen würden sie ihn wieder malen lassen.
Das Bild zeigte eine Stadt, die Türme einer Kathedrale oder eines Doms
überragten eine gräuliche Skyline im Regen. Einige angedeutete
Brücken und Plätze waren zu erkennen. Steve saß oft vor
dem Bild und starrte es an, bis er glaubte Bewegung auf den winzigen Plätzen
wahrzunehmen.
Ein anderes Bild hatte Steve vor einem Spiegel sitzend von sich selbst gemalt;
es sah ihm tatsächlich ziemlich ähnlich. Nur die Frisur hatte
er ein wenig geändert, auf dem Bild waren seine Haare kürzer,
seine Augen etwas blauer als gewöhnlich, außerdem sah man den
Kragen eines grauen Mantels und er trug einen schwarzen Hut.
„Phantastisch!“, rief Dr. Engel. Dann sah er sich um - obwohl
sie in seinem Büro saßen und die Tür geschlossen war - und
senkte die Stimme.
„Steve, “ Dr. Engels Stimme klang anders als sonst, „als
mein Bekannter Ihre Bilder ansah kam gerade eine Stammkundin von ihm in
die Galerie. Und …“
Steve schluckte und schaute hinaus, auf das Treiben der Schneeflocken. Die
Schneeflocken wirbelten im Wind durcheinander und es sah im Licht der Laterne
ganz so aus, als formten sie allmählich Umrisse von Architektur oder
Ähnlichem, den beginnenden Anzeichen einer Überblendung oder Re-
Lokalisierung, wie Steve inzwischen wusste. Hauptsache, dachte Steve, es
handelte sich um keine De-Lokalisierung. Das Nichts war zwar angenehm, aber
dennoch –
„Steve, verstehen Sie denn nicht!“, Dr. Engel schüttelte
ihn an den Schultern, „Sie müssen nur unterschreiben, dann sind
die Bilder verkauft und Sie haben Geld.“
Bilder? dachte Steve und sah um sich. Welche Bilder?
Dr. Engel drückte Steve einen Kugelschreiber in die linke Hand.
„Hier!“
Er tippte auf ein Blatt Papier, das vor Steve lag, der plötzlich und
ganz ohne Übergang an Dr. Engels Schreibtisch stand. Steve drückte
den Kuli aufs Papier. Dann malte er sorgfältig das große S, das
kleine T, das E, das V, das letzte E. Er zögerte.
„Wie,“ fragte er leise, „war noch gleich der Nachname?“
Die Tabletten die Steve nun seit kurzer Zeit nahm waren blau. Ihm war gar
nicht mehr schwindelig, aber er war meistens müde und hatte überhaupt
keinen Hunger, dafür aber viel Durst und einen nervigen, fast permanenten
Juckreiz der Kopfhaut.
„Alles völlig normal,“ hatte Dr. Engel gesagt.
Dr. Engel hatte ihm auch Farben, Pinsel und dickes, schweres Zeichenpapier
in sein Zimmer gebracht. Er hatte ein neues Zimmer, in dem er alleine schlief
und er trug Jeans und ein Poloshirt. Er durfte malen, wann er wollte. Bald,
hatte Dr. Engel gesagt, würde er entlassen werden. Sie mussten nur
noch die Papiere fertig machen. Steve saß vor seinen auf dem Tisch
ausgebreiteten Pinseln. Die Maltherapie hatte ihm, wie Dr. Engel gesagt
hatte, wirklich geholfen. Man würde ihm helfen ein Zimmer zu mieten.
Und Dr. Engels Bekannter
würde ihm helfen. Steve kratzte sich mit der Linken den Kopf und warf
er einen Seitenblick auf den alten
Armeeparka, in dem sie ihn vor einem Jahr im Winter unter der Brücke
aufgelesen hatten. Bald würde er ihn anziehen und hinausgehen. Oder
besser noch: er würde sich einen Mantel und einen Hut kaufen, wie die,
die er gemalt hatte. Steve sah aus dem Fenster in den weißen Himmel.
Hinaus. Er starrte auf das leuchtende Weiß und lächelte. In die
Realität. Das, dachte er, muss schön sein.