Man wirft mich der Stille zum Fraß vor und denkt, es gelänge mir nicht, sie zu bändigen. Meine Augen durchstoßen die Dunkelheit. Vor dem kleinen Fenster Nacht, Gitter, Mondschlieren. Der Boden ist feucht. Kalte Enge drängt in Tropfen von den Mauern, meine Hände greifen einander.
Die Zelle sich zum Leib machen, einverleiben, den Unterschied zeressen. Die Wände als Haut nehmen, weil sie schwitzen wie ich, weil sie kalt sind wie ich. Das Fenster als Auge hinaus, fast blind, verkrüppelt, erstarrt, hingerichtet auf einen Fetz Himmel. Der Boden als Fußsohlen, die Decke als Kopf, der schwebt, der über mir schwebt, schwer, nicht leicht, er trägt die Beine der Männer, die im Raum über mir laufen. Sie laufen mit Stiefeln, die Kerben in den Boden bohren, weil sie schwer sind und spitz. Morgens, wenn man mich weckt und ich das Bett verlassen und hochklappen muss, beginnen sie ihren Lauf. Sie gehen von den Tischen zum Schrank und zurück. Die Schubladen des Schrankes schnurren. Die Stimmen verheddern sich. Einzelne Wörter sind nicht auszumachen, nur die Bänder der Sätze.
So werden wie der Wasserfleck auf dem Boden in der Ecke, flach, ohne Tiefe, glatt, leer, ruhig, Tauchen unmöglich. Den eigenen Leib auflösen. Sich in die Zelle werfen wie eine Tablette ins Glas, zischen, sich beruhigen, Form und Farbe des Wassers annehmen, durchsichtig, ohne Haut und Kontur, ein perlloser Punkt.
Ich will mit dem kleinen Finger meiner linken Hand beginnen. Ich stelle mir vor, wie mein Finger in die Pfütze hinabtropft. Der Finger muss sich lösen von meiner Hand, muss sich lösen und auflösen, muss hinabfallen, ist im Fallen nicht mehr Finger, sondern schon Wasser, das vom Wasser des Bodens angezogen aufgesogen wird, geschluckt einverleibt. Der Fleck aus Wasser wächst, beginnt, den Boden zu bedecken, mein Körper zertropft, ich fließe ins Wasser, bis ich mich nicht mehr in ihm spiegle sondern aus ihm. Ich schaue vom Boden aus auf mich, der ich dort als Hülle stehe, und bin im Innenwasser aufgehoben.
Wenn die Tür meiner Zelle sich knarrend hineinschiebt, wenn der Mann mit der Mütze mir die Hand um den Oberarm schließt, wenn er sagt Komm jetzt mit, dann steh ich da und schau aus dem Wasser auf den leeren Körper, der wie Staub in der Zelle steht, und der leere Körper schaut still dorthin, wo seine Fülle nun ruht. Wenn er mir wohlgesonnen ist, der Mann, dann lässt er meinen Arm los und geht hinaus, schließt die Tür, kommt zurück, Eimer und Mop in der Hand, schaut mich an, sagt Hast ja recht - und wirft den grauen Fransenteppich auf das Wasser. Mit dem Stil pult er das nasse Grau hin und her, bis der Boden trocken schimmert und ich erstickt in Fransen klebe.
Gereist ist er auch, bis ans Ende der Welt, geschäftlich, seine Frau bleibt zu Haus, doch man trägt sie ihm bald hinterher, beinah tot. Denn sein Bruder ruft an, ganz tief nachts, im Hotel Casagrande, sagt: Marja.
Der Mann legt auf und fängt an zu warten.
Da steht das Fon auf dem Tisch und der Mann drum herum. Sein Bruder hat nur vom Unfall erzählt, das Wort Chancen vermieden, hat gesagt, er ruft noch mal an. Die Gardinen vorm Fenster sind weiß und wehen nicht, weil kein Wind da ist, der sie wehen lässt. Er zieht sie zurück und öffnet den Blick. In der Ecke des Blicks klebt das Fon auf dem Tisch. Die Mitte des Blicks sucht Weite und Luft.
Der Mann kann nicht gehn, er steht dort, mit den Händen am Rahmen des Fensters, das offen die Nacht in das Zimmer hinein und ums schwarze Fon sammelt. Die Nacht, sie ist eng, sie ist klein, und der Efeu rankt Wände von außen hinauf um den Hals von dem Mann, der dort steht und nicht geht. Die Heizung ist kalt, es ist Sommer, er spürt ihre Rippen, lackbröcklig, mit Knien am Fenster, das offen die Nacht in das Zimmer hinein: saugt. Das Licht brennt jetzt nicht, es ist dunkel: dass Tiere von außen nicht kommen ins Zimmer und stechen, denn schützen tut nichts, keine maschigen Gitter für Fliegen, kein Netz, keine Gifte und nichts. Die Augen zu schließen ist leicht im Vergleich zum Erhaschen der Sterne im Schwarzen, die blinken, als wär nichts geschehn.
Die Wände, die drängen die Brust ihm mit Händen aus Kalk. Der Boden verschwimmt vor dem Schnee seiner Augen und lischt. Die Decke schwebt oben im Wind, der nicht weht, weil er stillt. Sie fällt nicht, weil Dunkel sie trägt auf den Schultern aus Luft.
Mein Penthouse daheim, denkt der Mann, bräucht ich nur zu verlassen. Mit dem Fon durchs Treppenhaus gehn und schon wär ich dort, auf dem Dach. Ich sehe Blitze: Sie teilen die Stadt in der Nacht. Ich höre ein schwaches Rauschen von unten, aus dem schwarzen Raum, den ich nicht sehen kann. Ich ahne die Wagen, die unten die Straße noch säumen. Ich höre das Lachen nicht, das Lachen der Menschen, die hocken und einander die Zeit umbringen. Es dringen nur Schallschatten hoch. Ein Flugzeug blinkt rot, blinkt gelb. Es sieht aus, als ob es nicht schnell flöge, doch weiß ich: Das Gegenteil ist der Fall. Der Fall hinab wird lange dauern. Der Schritt über den Rand wird knapp bemessen sein.
Beim Zeichen des Fons schließ die Augen und springe.
Die Luft um mich rum ist ein Kleid, das mich einhüllt, unglaublich leicht fast. Ich drücke den Knopf, den man drücken muss, um zu hören, wer spricht, am anderen Ende, obschon ich doch weiß, ganz genau, wer es ist, was er sagen wird: mir.
Jeden Abend ging er am Fluss spazieren, rief ab und an seinen Hund zurück, bückte sich manchmal, im Sommer, und warf einen Stock ins Wasser, manchmal aber auch einen Stein, um den Hund zu ärgern, der hinterhersprang und nichts fand, das er hätte zurückbringen können. Die meiste Zeit aber ging er still und fast gebückt und in Gedanken durchs Ufergras. Seine Hände steckten in den Manteltaschen, und sein Blick reichte nicht weiter als bis zum nächsten Schritt. Dann dachte er an die Leichen, die ihm der Fluss in fünfundzwanzig Dienstjahren angeschwemmt hatte. Es waren wohl mehr als fünfzehn gewesen, und er versuchte sich an die einzelnen Menschen - meist Selbstmörder - zu erinnern, an ihre Gesichter, ihre aufgedunsenen Körper, ihr aus dem Mund geschnittenes Lachen. Er dachte an die Spaziergänger, welche die Leichen gefunden und ihn benachrichtigt hatten. Er rief sich die vom Schock gezeichneten Züge jener Männer und Frauen ins Gedächtnis, und oft genug hatte er sich vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn er selbst eine solche Leiche fände. Auf dem Rückweg seiner Spaziergänge, wenn der Hund vom Laufen müde war und der Fluss nun zu seiner Linken die Wasser vor sich herschob, sah der Kommissar nicht mehr auf den Boden, sondern direkt in die schwarzen Wellen des Flusses. Er beobachtete aufmerksam die Bewegungen des Wassers. Jeder Stein schien dann ein Haarschopf, jedes helle Stück Holz eine Hand zu sein.
Am 12. November, im Jahr des Drachen, als es schon kalt zu werden begann und selbst der Hund (es war sein dritter) nicht mehr ins Wasser wollte, geschah, worauf der Kommissar seit fünfundzwanzig Jahren wartete: Er fand eine Leiche und zog sie aus dem Wasser. Er blieb ruhig und kühl. Er machte sich nass und beschmutzte sich. Nachdem er den Tod festgestellt hatte, rief er seine Kollegen an. Dann setzte er sich auf einen Baumstumpf und blickte auf den Mann, der vor ihm lag.
Die Ermittlungen stockten bereits, ehe sie richtig begonnen hatten, denn man war nicht in der Lage, die Identität des Toten festzustellen. Er trug keine Papiere bei sich. Keine der aktuellen Vermisstenanzeigen führte auf eine Spur. Ohne Resultat blieb auch die Untersuchung von Fingerabdruck, Gebiss, Größe und Gewicht. Was man hatte, waren die Kleider und ein Brief, den man in der rechten Gesäßtasche gefunden hatte, der allerdings so durchnässt war, dass man ihn kaum entziffern konnte. T... und deshalb ... wir weiter ... gegangen ... Schnürriemen ...t waren die einzigen rekonstruierbaren Wörter.
Des Kommissars Untersuchung begann bei den Kleidern. Er stellte fest, in welchem Geschäft sie gekauft, ja sogar, wann sie dort gekauft worden waren, aber natürlich nicht, von wem. Die Kleider des Toten setzten bei den Verkäuferinnen keine Erinnerung an den Käufer frei. Der Kommissar ließ sich nicht entmutigen. Wenn der Tote hier eingekauft hat, dachte er, so wird er irgendwo in der näheren Umgebung gelebt haben. Er zeichnete in seinen Stadtplan einen roten Kreis um das Geschäft und begann sich in der Gegend umzusehen. Der Kommissar merkte nicht, dass sein Kollege bereits am dritten Tag die Unlösbarkeitsmiene aufgesetzt hatte, seufzend durchs Büro schlich und in andere zu bearbeitende Akten schaute. Jeden Tag, zu Dienstbeginn, versuchte er den Kommissar von dessen absurden Unternehmungen abzubringen und fragte ihn, was er sich denn beweisen wolle. Und unausweichlich kam auch der Moment, an dem sein Chef die Geduld verlor und dem Kommissar den Fall entzog. Der Kommissar verließ das Büro seines Chefs, wortlos, ging hinaus auf die Straße und stieg in sein Auto.
Seit dem Fund der Leiche befand er sich in einem Zustand der Erregung, den er sich nicht erklären konnte. Etwas in ihm war aufgeplatzt wie ein Kokon, den man in seine Brust gesponnen hatte. Es war ein Krabbeln in ihm wie von tausend kleinen befreiten Spinnentierchen. Sie ließen ihn nicht zur Ruhe kommen, trieben ihn voran, drängten darauf, den Fall zu lösen, herauszufinden, wer dieser Mann war, der - ohne Pass und Identität - aus dem Fluss aufgetaucht war. Der Kommissar fühlte sich dieser Wasserleiche in besonderem Maße verpflichtet, die nasse Umarmung am Ufer hatte sie - wie ihm schien - irgendwie aneinandergeschweißt. Er dachte, das seltsame Gefühl würde im Laufe der Tage abnehmen, doch das Gegenteil war der Fall: Er wurde unruhig, konnte nachts schlecht schlafen und saß oft noch lange im Pyjama auf dem Sofa und starrte in den Fernseher, den er vergessen hatte anzuschalten.
Es zog ihn zum Fluss, an die Stelle, an der er die Leiche gefunden hatte. Er setzte sich auf denselben Baumstumpf, auf dem er zwei Wochen zuvor gesessen hatte, und schaute ins Wasser. Es war früh am Morgen, sonnig, die Oberfläche des Flusses zog leicht gekräuselt an ihm vorbei, die letzten Vögel warfen sich in die Luft und fingen Insekten im Flug. Sein Telefon steckte in der Innentasche, und das Klingeln erschien ihm seltsam wattig und gedämpft, es wurde lauter, als er das Ding aus der Tasche zog, und wieder leiser, als es hoch und weit hinaus in den Fluss flog, um gurgelnd im Wasser zu versinken. Mit dem Telefon war ein Zettel aus der Tasche auf den Boden gefallen. Es war der Brief des Toten, oder das, was von dem Brief noch zu lesen war. Er hätte nicht sagen können, ob ihm zuerst auffiel, dass die Buchstaben, die das Wort Schnürriemen bildeten, schräger auf dem Papier lagen als die anderen, ganz so, als hätte der Schreiber gedruckte Kursivität andeuten wollen, oder ob er sich an das Bild vom Kneipenschild erinnerte, das Schild mit dem Namen Schnürriemen. Der Kommissar war tags zuvor an dieser Kneipe vorbeigegangen, er kannte sie nicht, er hatte den Namen achtlos mit der asphaltigen Luft in sich aufgesogen, jetzt aber, hier, am Wasser, stand das große rote Schild deutlich vor ihm. Der Kommissar steckte den Zettel in die Tasche. Hier ging es nicht um Schuhutensilien, sagte er sich, hier ging es um eine Kneipe, einen Ort, zu dem der Empfänger des Briefes augenscheinlich in Verbindung stand, einen Ort, an dem er sich vielleicht mit jemandem hatte verabreden wollen, kurz vor seinem Tod, einen Ort, wer weiß, an dem man den Toten kannte.
Der Kommissar wollte aufstehen. Doch etwas hielt ihn zurück. Die Sonne durchbohrte die leichten Wellen des Flusses. Es war eine harte, kalte Sonne, die ihre Strahlen metallisch in die Fluten stach. Der Kommissar sah sich die wenigen Vögel an. Ein leiser Wind legte sich auf die Sträucher am Ufer und faltete Blätter. Der Himmel war von verschwommenem Blau, undurchsichtig, ohne Wolken und mit einem blassen, vergessenen Mond am Rand. Ein Flugzeug schob sich durch den Himmel. Es flog hoch, ohne Motorenlärm.
Der Kommissar: Gehe ich?
Ich werde dem Wirt ein Bild vom Toten zeigen, und er wird mir sagen, er kenne den Mann. Er wird mir den Namen nennen und die Adresse, zu der ich gehen werde. Hat er eine Familie? Wohl kaum. Niemand vermisst ihn, niemand kümmert sich um ihn. Ich finde eine leere Wohnung vor. Er hat Selbstmord begangen.
Oder es gibt eine Familie. Es gibt eine Frau und einen Liebhaber der Frau und Eifersucht und ein Motiv und einen Mord. Ertränkt. In der Badewanne. Ich werde die Fragen stellen, die gestellt werden, und der Liebhaber wird die Antworten geben, die gegeben werden. Es wird verhaftet, wer verhaftet werden muss, und Gitterstäbe werden sich vor ein Gesicht schieben.
Oder ich zeige dem Wirt das Bild, und er zuckt mit den Achseln und wischt mühsam über die Theke. Er habe den Mann nie gesehen, sagt er. Ich weiß, dass er lügt. Ich frage die anderen Gäste in der Kneipe. Einer gibt zu, ihn zu kennen. Ich verfolge die Spur. Sie führt mich in Spelunken, ich spreche mit vielen Menschen, ich zerbreche Schweigen, ich ziehe die Kreise enger, bis am Schluss die Spur verpufft, weil man mich irre geführt hat. Aber ich gebe nicht auf. Ich fange von vorn an. Ich habe inzwischen meinen Job verloren. Es gibt nur noch diese Frage, die mich nicht loslässt: Wer ist der Mann, den ich nicht kenne, den niemand kennt, der mir vor die Füße gespült wurde, am 12. November, im Jahr des Drachen? Wenn nichts mehr hilft, wenn alles ausgeschöpft, wenn die letzte Spur versickert ist, werde ich mir die Kleider des Toten anziehen. Ich werde sehen, ob sie mir passen. Ich werde sehen, was passiert. Ich werde sehen, ob mich jemand anspricht. Einen Spaziergang werde ich machen, ohne meinen Hund. Die Kleider des Toten werden mich an die Brücke über den Fluss führen, und ich werde ins Wasser schauen. Was ich denken werde, in diesem Moment, kann ich jetzt noch nicht sagen.