LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Tilmann Schlömp: Gott geht schwimmen

Die Sonne steht hoch und fällt nicht runter. Keine Wolke. Die Grillen satt, zufrieden und gesprächig. Wasser kocht im Swimmingpool. Große Dinge geschehen. Brunnen trocknen aus. Hügel werden flach, Täler erhaben, Verordnungswälder ebnen sich ein, krank war ja ohnehin jeder zweite Baum. In China werden Dissidenten verhaftet. Der deutsche Bundeskanzler fällt ins Sommerloch. Da ist es heiß und dunkel. Arbeitslose gehen auf die Autobahnen und schleppen Transparente mit unverständlichen Aufschriften mit sich. Nicht alle können sie tragen, manche stolpern, straucheln, stürzen und werden unter wehenden Schriftzügen begraben. In Belgien fliehen Kinderschänder. Die Justiz feiert Skandal. Man stößt mit Dioxin an, gerührt, nicht geschüttelt. Nein, nein, eigentlich ungerührt. Alle Atomkraftwerke fallen aus. Die Kandidaten raten ein schwieriges Wort: Restlaufzeit. Die Parzen schauen auf die Uhr. Wenige flache Stunden in diesem Sommer, dann stirbt alles wieder ganz normal. Vorher ein Auftritt, kurzes Bühnenleben und ein Abgang.

Gott züchtet Geflügel in Belgien. Er tritt von links auf, geht über die vor Hitze glühenden Steine und überquert so den Hof. Eine imposante Erscheinung. Riesig der bleiche Oberkörper, der sich über die Adidas-Turnhose wirft. Wenig behaart, aber voller Leberflecken. Stämmig die Beine. Die breiten beleberfleckten Füße in superbreiten Sandalen. Jesuslatschen, XXL. Ja, Gott trägt Jesuslatschen. Auch sonst macht er seinem Sohn einiges nach, vergreift sich aber etwas im Ton. Sagte jener, wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein, so meckerte Gott heute morgen: "Würden Sie es bitte unterlassen, Steine auf mein Auto zu werfen?" Die Kinder immerhin waren so wohlerzogen, sofort damit aufzuhören. Ja, ja, die Jugend! Später erklärten wir ihnen, daß sie damit nicht hätten anfangen sollen. Auch wenn das Auto voller Hühnerscheiße war. Echt war auch sein Gesicht. Beeindruckend. In zentraler Höhe zwar ein leichter Ansatz zur Glatze, aber sonst reichlich weiße Haare. Fast schulterlang. Viele Falten im Gesicht, und natürlich ausgeprägter Vollbart, alles weiß und wallend. Gott trägt eine goldene Lesebrille, auch beim Duschen, wie wir jetzt feststellen müssen. Und auf der nackten Brust ein Medaillon mit Marienbild. Ja, Gott trägt ein Marienbild. Aus alter Verbundenheit sozusagen.

Dann steigt er in den Pool. Langsam, aber es schwappt trotzdem gefährlich. "Mama, der Mann sieht aus wie..." - "Jaja, schon gut!" Die Kinder verlassen nach und nach den Pool, ein bißchen fühlt sich der Gute ja auch gestört. Aber andererseits spürt man die natürliche Autorität, die er ausstrahlt. Die kleinen Steinewerfer - keiner von ihnen wird jemals seine Hand gegen die Ehebrecherin erheben - verharren respektvoll am Rand. Gott ist nicht irgendwer.

Die Luft flimmert vor Hitze. Langsam verschwimmt alles. Es wird immer heißer. Das Wasser im Pool fängt an zu brodeln und zu blubbern, wie eine riesige Fettpfanne, in der Pommes frites geröstet werden. Wie eine dieser Fettpfannen in Belgien, deren altes Frittieröl - technisch aufbereitet - an die Hühner verfüttert wird. Der ewige Kreislauf des Dioxins, aber keine Katastrophe biblischen Ausmaßes. Gott wird in Fett schwimmend ausgebacken. Seine Hühner wetzen die Schnäbel und scharren aufgeregt im Sand. Kleine knusprige Blasen auf seiner Haut. Das Öl hat genau die richtige Temperatur. Am Rand stehen zwei dieser großen Blumenkübel bereit, einer gefüllt mit Majo, einer mit Ketchup. Plastikgabeln und Papierservietten schweben auf einer rosa Wolke herbei.

Während Gott wie eine appetitlich bräunende Leckerei sich kullernd dreht, zieht über dem Pool ein Gewitter auf. Es wird dunkel. Blitze zucken direkt in die ölige Brühe hinein. Das Öl geht in Flammen auf, wahnsinnige Farbeffekte. Es riecht nach Schwefel und Frittenfett. Abgründe tun sich auf, ein riesiger Salzstreuer erscheint am Himmel. Und der Donner wird immer lauter, ein bißchen gespenstisch ist es schon. Die Erde bebt. Jetzt beginnt es in Strömen zu regnen. Man kann buchstäblich nichts mehr sehen, aber es bringt Kühlung. Der Pool brodelt nicht mehr, wahrscheinlich ist er inzwischen erstarrt. Furchtbare Ruinen überall, alles von schwefelgelbem Lehm überzogen. Auf den Lafetten der Konsolidierung läuft schweres Gerät am Horizont vorbei. Ein Schuß zwanzig Pfennig, drei Schuß fünfzig Pfennig. So schießt doch, liebe Freundinnen und Freunde! Ach, das Sommerloch ist vollgelaufen. Ja, ja, die Jugend!

Die gelblich-braune Fettmasse bildet Krümel, dazwischen dunkle Essensreste. Ich sehe, wie das Riesenhuhn alles aufpickt, alles, alles. Es frißt die Bäume, die Sonne und die Menschen, es scheißt auf sie seine Hühnerscheiße, es hält sie in Legebatterien. Dort herrscht ein rauher Ton, man duldet keinen Widerspruch. Alle versuchen die riesige Legehenne sanft zu stimmen. Lieder singen sie, Lobpreisungen und Straßenfeste werden zelebriert und anschließend in der Presse gewürdigt. Man macht Komplimente, die gnädig aufgenommen werden. Anbetung des großen Tieres, doch sein letztes Wort ist die Gewalt.

Während ich noch so überlege, steigt Gott aus dem Wasser, trocknet sich ab und geht von rechts nach links am Pool vorbei und verläßt den Hof.