LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Ralf Schwob: Entwicklungszeit

Jeden Tag die Welt.

Ein Opa ist wohl älter geworden, was man an den immer gleichen, einfallslosen Geschenken erkennt: Unmengen Spätlese auf weißgedeckten Tischen zwischen Krawatten bordeauxrot und Blumenvasen mit blühender Pracht. Davor sitzend oder stehend im gestärkten Hemdkragen der Jubilar, rührend angestrengtes Lächeln, fremder alter Mann. Gefolgt von den letzten warmen Tagen im Garten, die entblößten Oberkörper sich zu prostender Männer, Frauen auch, hier aber Bikini verhüllt. Oft boshafte Gedankenfetzen, wenn die weißen Wülste über dem Gummizug hervorquellen. Die Gesichter am schnellsten vergessen, fragt man sich schon, ob man sie je gesehen hat. Fertig.

Ein Teenager ist wohl 18 geworden, hält den Führerschein in der einen und Autoschlüssel in der anderen Hand. Ein paar Minuten später rattert das erste Auto heraus, oft PS-starke Killermaschinen mit einem frechen UND TSCHÜSS LEXMAUL TUNING FAHRER TRÄUMT VOM FC BAYERN oder ähnlichem. Verwackelt hebt die Freundin noch die Arme, dann aber lacht sie kess, ein Päckchen Light-Zigaretten in der Hand, Weißt-Du Noch-Damals wird sie mit viel Glück später einmal sagen oder sich achselzuckend erinnern. Manchmal der leichte Stich, wenn man auf der Heimfahrt ein Holzkreuz am Rande der kurvenreichen Landstraße sieht und dem unbekannten Paar wünscht, sie mögen vorsichtig sein. Weiter.

Jemand war in Paris, London, New York, Rothenburg ob der Tauber. Eindeutig Eifelturm, Tower Bridge, Empire State Building, historische Stadtmauer mit Wehrgängen. Vor den Wahrzeichen stehend zieht einer Fratzen, die er für lustig hält und für die er sich später schämt, wenn es nur noch um Turm, Brücke, Hochhaus, Mauer geht. Dazwischen die eingefrorene Nahrungsaufnahme mit und ohne Kellner, das teuerste Bier in meinem Leben habe ich in New York getrunken. Erledigt.

Jemand hat gefeiert: Partyfratzen im Zigarettenqualm, Gläser in der Hand. Eine Frau küßt, ein Mann sieht zu, lächelnd. Keller, Wohnzimmer, Garten. Manchmal auch die, die immer in der Küche sitzen und den anderen den Weg zum Kühlschrank und an die Bierkästen versperren, lustig, lustig. Man denkt nach kurzem, daß es sich wiederholt, die schwitzende Rotgesichtigkeit als wierderkehrendes Moment. Ab dafür.

Jemand hat etwas zu beklagen: Feuchte Wände, undichte Fenster, Insektenplage in der Küche, ein ernsthafter Mitvierziger steht neben einem mannshohen Müllberg. Auswärtige Kennzeichen blockieren gemietete Parkplätze, Schrammen im Lack, aus Bösartigkeit eingekeilt, Schikanebeweise. Ausgang bestätigt.

Jemand hat sich vertan: Nur Schwarz mit weißen Tupfen. Verwischter Strand. Brust ohne Kopf. Kippen auf dem Asphalt. Eine Stück Zimmerdecke. Geht mit.

Wenn ich nach Hause komme, schläft sie meist. Seit Wochen gefällt mir ihr Schlaf nicht mehr, selbst auf dem Bett liegend am späten Nachmittag wirkt sie gehetzt. Ich schleiche durch die Wohnung, doch sie spürt meine Anwesenheit und kommt nach wenigen Minuten erschöpft in die Küche. Wir reden, wenn uns dananch ist. Sie hat das Rauchen aufgegeben. Wegen des Fruchtwassers haben sie sich Sorgen gemacht. Wir sollten uns deshalb nicht beunruhigen lassen, aber sie würden sich Sorgen machen. Selbst wenn sich der Verdacht erhärten sollte, wäre man auf diesem Gebiet heute schon sehr weit. Man müsse jetzt auf die Ergebnisse warten. Wir wollten vorher nicht wissen, was es wird.

Anne möchte nichts mehr essen. Ich ködere sie mit ihren Lieblingsspeisen. Anne lächelt und legt ihre Hand auf meinen Arm. Immer wieder das Verlangen, eine zu rauchen, sagt sie und massiert sich die Schläfen. Rauch doch, sage ich und meine es ernst. Anne erschrickt: Nein.

Sie hatte nicht geweint bei der Untersuchung. Der Arzt sagte, für die meisten Frauen sei es schmerzhaft.

Am nächsten Morgen werden sie wieder herausgepreßt, die grotesken Fremden in den bekannten Verhältnissen. Kommen auf mich zu. Peinliches kommt da heraus, hin und wieder. Öfter als man denkt: Intimes. Sie war gefesselt, er trug eine Maske, beide im Ikea-Bett, auf dem Nachttisch lag noch ein Unterhaltungsroman, der Wecker mag getickt haben. Später entspannte Gesichter im gedämpften Licht.

Glaubte auf den ersten Blick die Straße, in der wir wohnen, erkannt zu haben. Das Schild von einem Baum verdeckt, aber die Häuser sehen sich hier alle so ähnlich wie nirgendwo sonst, kein Zweifel. Einmal war ich sicher das Gesicht eines alten Schulfreundes erkannt zu haben, man hatte der sich verändert. Sollte er es tatsächlich sein? Etwas erregt kurz die Aufmerksamkeit, unsere Einbauküche ist das, nur in grün, unsere ist hellblau. Glatte Oberflächen, abwaschbar. Wahrscheinlich im selben Geschäft einen horrenden Preis bezahlt, die nehmen es von den Lebendigen.

Das Summen der Maschine sagt Pause.

Anne fühlt sich nicht. Sie sitzt in der Küche als ich hereinkomme. Sie wundert sich, ich bin viel zu früh. Das Ding ist kaputt, wir kriegen Lieferprobleme, weil es nach der Pause einfach nicht mehr wollte, was nicht meine Schuld ist. Ich bin sicher, daß morgen alles aufgeholt werden muß, elender Streß. Anne nickt. Warum jetzt nicht einen Spaziergang machen, wo ich schon mal da bin? Laß mich, sagt sie und streitet es ab, geweint zu haben. Beim Abspülen zerbreche ich ein Glas und schneide mir in den Daumen, fluche.

Meine Hand auf ihrem Bauch sitzen wir auf der Couch. Anne hatte die Sendung in der Fernsehillustrierten schon vor einer Woche mit Filzstift angestrichen. Und selbst wenn, man ist auf diesem Gebiet heute schon sehr weit. Nach den ersten fünf Minuten geht Anne wortlos ins Bad. Ich höre wie sie Wasser ins Becken läßt. Eine Kapazität aus Amerika spricht und wird fast lippensynchron übersetzt. Diese Kinder haben of ganz erstaunliche Talente. Bei richtiger Förderung können sie. Diese Kinder können. Sie können. Anne huscht vom Bad ins Schlafzimmer. Es ist nicht dein Bauch, hat sie einmal gesagt.

Vor dem Einschlafen wünsche ich mir, daß dieser Arzt einfach geschwiegen hätte. Warum können die nie die Klappe halten?

Der Apparat schnurrt wie ein Kätzchen und entläßt die Welten schneller aus seinem Schlund als gewöhnlich. Damit holen wir den Ausfall locker auf. Jetzt drück mal da drauf und staune: Kindergeburtstag voller Schokosahnemünder vor lachenden Eltern, Tanten, Bekannten, Onkeln, die vor dem Petersdom posieren mit dem Brautpaar und Romeo und Julia auf dem Lande eine Aufführung der katholischen Laienspielgruppe steht auf dem Schild der fröhlichen Gemeinschaft der NACH-HAUSE-GEHEN-WIR-NICHT Vereinsmeier Sportfest Besucher mit dem dicken Kassenwart am Grill der die Würste dreht und später stopft man die sich rein und spült mit dem vom Faß bis noch mehr Urlaubseindrücke von der unheimlichen Weite des Landes und der herrlichen Sonne die hier in ein Wohnzimmer fällt in dem zwei junge Katzen spielen ohne Angst vor dem großen Hund der folgt und so treuherzig sehen die alle aus mit ihren Schultüten und die anderen die mit wieder anderen Menschen um Tische sitzen Tiere streicheln, Autos fahren, Fußballspielen, Zungen rausstrecken, Fratzen schneiden, verschwommen tanzen, schwitzen, schwimmen, knutschen und noch immer spuckt der Schlund weiter, kein Ende in Sicht, aber ich brauche jetzt dringend eine Pause, sonst kriegen die Autofahrer die Tiere und die Tierfreunde die Schokomünder und die Kindernarren die dicken Grillmeister und die Urlauber gehen von mir aus leer aus, wenn ich hier den Überblick verliere hat das alles keinen Sinn, also jetzt mal langsam!

Danke, so ist es gleich viel besser, wir schaffen das schon.

Anne möchte nicht mehr, daß ich sie anfasse. Sagt, sie fühlt sich so häßlich, so abstoßend häßlich. Anne schließt die Augen: Wenn es nur schon da wäre, Lieber Gott, wenn es nur schon da wäre. Ich hasse es, wenn sie so ist. Wenn sie meine Hand abwehrt, wo doch meine Worte schon lange nicht mehr helfen. Wenn sie nur noch sitzt und furchtsam ihren wunderschönen Bauch betrachtet.

Ich telefoniere: Ruth, meine Frau braucht dich. Meine Frau ist...kannst Du bitte kommen?

Ruth kommt. Anne ärgert sich, daß ich ihre beste Freundin angerufen habe, freut sich aber, daß sie da ist. Ruth tröstet: Bei mir ist es ganz genauso gewesen und jetzt? Na, du kennst ja meine zwei Racker. Anne schluchzt erleichtert im Wohnzimmer, ich sitze in der Küche und schaue in die Röhre, trotz allem ist mir noch nicht der Appetit vergangen. Muß bei Kräften bleiben. Wenn ich morgen vor der Weltenmaschine umfalle, ist damit niemandem geholfen.

Mir fällt ein, daß wir noch keinen Namen haben.

Ich verachte die fremden Partygesichter und packe sie schnell weg. Der Durchlauf ist ohnehin sehr hoch. Kann heute keine Lacher ertragen. Beruhigend dagegen das Meer, die Berge, der Eifelturm. Der Eifelturm! Gott, wie oft ich den schon hier rausgezogen hab! Und den schiefen Turm und das Brandenburger Tor!

Am Nachmittag kehrt mehr Ruhe ein. Die Terminarbeiten sind raus, die Maschine läuft in moderatem Tempo. Ein alter Ofen, von allen Seiten, und noch einmal. Soll bestimmt verkauft werden. So einen Ofen hatten meine Großeltern im Wohnzimmer. Alter Ofen in einem Wohnzimmer, in dem die Zeit stillsteht, obwohl die Wanduhr lauter tickt als die modernen Dinger mit Digitalanzeigen. Da kommen ja die Ofenbesitzer. Grimmiges Ehepaar, das mich nichts angeht. Quengelnde Enkel vor dem alten Hoftor. Holztor mit Querbalken, das man heute kaum mehr sieht. Auf dem Dorf vielleicht noch eher. Ja, als wir noch bei Annes Eltern wohnten, da gab es so ein Tor. Als Kind ist Anne immer aufs Tor geklettert, und der Vater mußte sie wieder runterholen, weil sie Angst hatte vor dem Abstieg. Der Vater erzählt heute noch davon.

Anne möchte noch nicht ins Krankenhaus. Anne möchte, daß ich mir freinehme. Der Arzt sagt, es könne nicht mehr lange dauern. Ich möchte, daß sie ins Krankenhaus geht. Der Arzt sagt, daß die Untersuchung keinen eindeutigen Befund ergeben habe. Wir sitzen schweigend im Wartezimmer.

Das große Buch der Namen liegt unangetastet auf dem Wohnzimmertisch. Es kam gestern morgen mit der Post. Annes Mutter war schon immer eine patente Frau, die den Überblick behielt. In ihrem Begleitbrief schreibt sie, daß jedes Kind ein Recht hat, geliebt zu werden. Wir sind verärgert, was bildet die sich eigentlich ein?

Ich habe mir nicht frei genommen. Ich bin ja jederzeit erreichbar. Vielleicht geht sie ja doch noch ins Krankenhaus. Ich packe die fremden Welten in die Papiertaschen, ein flüchtiger Blick genügt, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Herbststimmung eingefangen, Spaziergänge durch gelb-braunes Geäst, die Menschen tragen wieder ihre dicken Jacken, verfrorene Gesichter lösen die rotwangigen Gartenpartygäste ab. Dazwischen die üblichen Erinnerungshilfen.

Heute morgen mußte ich einen beiseite legen. Materialfehler, nicht unsere Schuld, kommt eben vor, tut uns leid, wir ersetzen den Kaufpreis.

Mir ist schlecht.

Gegen zwei rufen sie mich. Jetzt aber schnell, lachen die Kollegen. Hinter mir läuft die Maschine weiter. Fliegender Wechsel. Trotzdem fällt was auf den Boden, und ich sehe als ich schon halb aus der Tür bin: Ein unbekanntes Stück Grün mit Wasserrauschen und einer mir völlig deplaziert erscheinenden Person.

Beinahe einen Laster gerammt in dem Durcheinander mitten in der Innenstadt auf dem Weg zum Stadtrand. So drückend auf einmal, dabei ist es schon bald November. Und heute? Welches Sternzeichen ist das nur im Oktober? Sternzeichen! Und wir haben noch nicht einmal einen Namen!

Auf dem Krankenhausparkplatz lacht mir eine Frau zu und deutet auf den Aufkleber, den Anne auf den Kofferraumdeckel geklebt hatte, als es sicher war: "Vorsicht werdender Vater". Luft holen, reingehen.

Sind Sie?

Ja.

Kommen Sie bitte mit.

Ist alles...?

Kommen Sie, kommen sie...

Und meine Frau?

Nehmen sie bitte einen Moment Platz.

Einen Moment hat die Schwester gesagt. Einen Moment. Einen. Verdammt nochmal. Moment. Ich habe meine Uhr im Labor vergessen. Anne. Das Kind. Mein Kopf. Ich habe solche Kopfschmerzen.

Wieviel Gramm? Ich habe schon wieder vergessen, wie schwer es ist. Normal oder leicht drüber oder leicht drunter, egal. Gesund. Auf jeden Fall ist es gesund und Anne ist gesund und ich habe nur Kopfschmerzen. Ein Auto wird mit Badesachen bis unters Dach vollgepackt. Picknickfreuden am See. Ein dicker Papa jongliert einen Gummiball auf der Nase. Dann ein Wonneproppen im Kindersitz. Ein gesunder Junge. Siehst Du Anne, siehst Du? Anne lächelt. Anne im Krankenhausbett, unser Kind im Arm. Sooft habe ich das schon gesehen: Unbekannte Mütter, fremde Kinder, langweilige immer gleich aussehende Mutter- und-Kind-im-Krankenhaus Situationen oft bis zu zehnmal hintereinander. Postnatale Erschöpfung im Blick. Aber dies ist Anne und unser Kind.

Gesund, Gramm, Gratulation. Kein Wort mehr über Fruchtwasser.

Jeden Tag die Welt. Matt oder Hochglanz.

Jeden Tag entwickelte Welt.

Ich packe sie ein und gebe sie zurück. Die Fratzen, die Urlaube, Geburtstage, Jahrestage, Tiere, Autos, Kindermund und Seniorenheim. Schnapp und Fehl inklusive. Jeden Tag. Und Anne. Und Florian. Und ich.