LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Andreas Martin Widmann - Tschechow

Andreas Martin WidmannDurch die Tür drängten immer noch neue Gäste in die Küche. Hierhin hatten sich Christopher und ein paar Freunde zurückgezogen. Manche der Gesichter kannte ich. Ich war aus dem Garten zurück ins Haus gegangen, um für den Grill eine Platte mit Steaks zu holen, von der jemand gesagt hatte, sie sei noch im Kühlschrank. Oben war es ziemlich laut, obwohl zuerst nur fünf oder sechs Leute in der Küche standen, aber alle redeten gleichzeitig und die Fenster waren geöffnet, so dass man außerdem die Stimmen und die Musik von der Veranda und aus dem Garten hörte.

Christopher glitt durch die Küche, den Ankommenden entgegen. „Kommt rein“ rief er, „Getränke sind im Kühlschrank.“ Dann holte er mit dem Arm weit aus. „Darf ich vorstellen“ sagte er in den Raum hinein, „das ist Steve, mein Buchhändler, und das ist Cosima, seine Partnerin.“ Ich drehte mich um und sah eine junge, stark geschminkte Frau, die ein Buch mit weißem Einband in der Hand hielt. Sie trug ein langes, buntes Gewand, in das an manchen Stellen kleine und größere spiegelnde Kreise eingenäht waren, und eine ganze Menge Perlenketten um den Hals. Hinter ihr stand ein Mann in ausgeblichenen Jeans und einem weiten, roten Hemd. Die obersten Knöpfe hatte er offen stehen lassen, so dass man gerade die ersten Spitzen seines schwarzen Brusthaars sehen konnte. Er lehnte im Türrahmen und schaute der Frau über die Schulter. Ich war der erste, der den beiden die Hand schüttelte. Cosimas Hand fühlte ich kaum, Steve drückte fest zu. „Das ist für Dich“ sagte Steve, „es sind Erzählungen von Tschechow“ und Cosima reichte Christopher über meinen Kopf weg das Buch. „Tschechow ist Steves Lieblingsschriftsteller“ erklärte sie. Steve lächelte. „Er schreibt . . . ich weiß nicht wie, es ist schwer zu beschreiben, aber einfach fantastisch“ sagte er. Christopher betrachtete das Geschenk einen Moment lang, bedankte sich, und legte es auf den Küchentisch. Ich hob es wieder auf und schaute es an.

Die beiden unterhielten sich mit Christopher und ich kümmerte mich nicht weiter um sie, ich ging zurück in den Garten zu Nico und Anna. Die Steaks hatte ich nirgends gefunden, auch keine Würste. Das einzige, was es noch gab, war Brot. Anna hatte in der Zwischenzeit ihre Füße auf meinen Stuhl gelegt, ihre Sandalen standen im Gras darunter. Sie nahm ihre Füße in dem Augenblick weg, als ich mir einen anderen Stuhl dazugezogen und mich darauf gesetzt hatte. Sofort legte sie ihre Füße wieder hoch. Nico fragte nach Fleisch für den Grill. „Es war keins oben“ sagte ich. „Wir hätten doch selbst noch was mitbringen sollen“ sagte er. Wir waren zusammen mit dem Auto gekommen, mit Nicos Golf, wie schon im Jahr davor. Es fand in jedem Sommer ein solches Gartenfest statt, es hatte nie einen besonderen Anlass, und im Nachhinein verschmolzen die Feste der vergangenen Jahre im Gedächtnis und ließen sich nicht mehr richtig unterscheiden. Manchmal versuchten wir, sie anhand der Gäste, die neu dabei waren und anhand derer, die nicht mehr kamen, in eine Reihenfolge zu bringen, aber auch das gelang fast nie.

In diesem Winter war Christophers Vater gestorben und jetzt wohnten nur noch Christopher und seine Mutter in dem alten Haus mit den vielen hohen Zimmern und dem großen Garten. Seit der Beerdigung hatte keiner von uns Christopher gesehen. Das war im Februar. Anna hatte vermutet, dass es deshalb dieses Jahr kein Sommerfest geben würde, aber es war alles beim Alten geblieben. Die Einladung kam per Anruf, wir fuhren hin und fanden schon zahlreiche Gäste vor, die mit Bierflaschen oder Gläsern in der Hand herumstanden oder an den Tischen im Garten saßen, aßen und redeten. Der Grill stand zwischen den Kirschbäumen. Die Kirschenzeit war schon vorbei, es hingen nur noch einzelne Früchte zwischen den Blättern. Von der Hitze der letzten Wochen waren sie ausgedorrt und wirkten wie dunkle Rosinen. Anfangs standen eine Menge Leute beim Feuer und im ganzen Garten roch es nach verbranntem Fett. Später, als es immer dunkler wurde, verwaiste der Grill, und es gab ohnehin nichts mehr, was man hätte drauflegen können.

Christopher kam mit Steve und Cosima in den Garten und schob die beiden an unseren Tisch. Er stellte sie noch einmal vor, und alle gaben sich die Hände, dann verschwand Christopher wieder im Haus. Steve streckte seine Beine von sich und ich sah, dass er Stoffschuhe mit geflochtenen Bastsohlen trug. Wahrscheinlich fragten sich Nico und Anna in dem Moment, warum Christopher seinen Buchhändler eingeladen hatte, und ich dachte daran, wie wir später im Auto darüber reden würden, und dass dies irgendwann die Party sein würde, bei der der Buchhändler und seine Freundin neu dabei waren, und darüber, ob er wirklich Steve hieße.

Steve goss sich Rotwein in ein Glas und bot Zigarillos an. Er steckte sich selbst einen an und ließ die Schachtel herumgehen. Ich nahm mir auch einen, zündete ihn aber nicht an, sondern drehte ihn nur zwischen den Fingern, bis der Tabak herausfiel und legte ihn dann neben mein Glas. Es wurde nicht viel gesprochen. Meistens redeten nur zwei Leute miteinander, über irgendetwas und alle anderen hörten ihnen zu, als beträfe es auch sie. Mit der Zeit wurden die Abstände zwischen den Sätzen immer länger. Auch um uns herum in den kleinen Gruppen, in denen die Gäste zusammensaßen, wurden die Unterhaltungen inzwischen leiser geführt. Aus den Lautsprechern kam jetzt leise Klaviermusik, irgendetwas Klassisches, und Steve trommelte mit seinen Fingern auf der Tischkante entlang, als sei sie eine Tastatur. Dann fing er an, von Glenn Gould, dem Pianisten, zu erzählen, und davon, dass der beim Spielen immer die Melodie der Stücke mitgesummt hätte. Er habe, sagte er, eine phantastische Aufnahme von Glenn Gould, da spiele er eine Mozart-Sonate, und man könne hören, wie er mitsänge. Dann herrschte wieder Stille.

Es gab jede Menge Insekten. Auf den Tischen brannten kleine Kerzen, und in den Beeten steckten Wachsfackeln und das Licht der Kerzen zog Falter und Mücken an. Die Mücken kamen in ganzen Schwärmen, und sie waren so klein, dass sie auf der Haut kleben blieben. Winzige schwarze Punkte, die aussahen wie Mohnkörner auf einem Brötchen. Sie verschmierten, sobald man sie berührte und hinterließen eine kurze schwarze Spur. Eine Zeitlang versuchte ich, sie mit der Hand zu verscheuchen, aber es waren zu viele, und ich ließ es schließlich sein.

„Mir ist kalt“ sagte Anna. Sie hielt Nico einen Arm vor die Augen. „Schau mal, ich habe schon eine Gänsehaut.“ Sie zog ihre Arme vor der Brust zusammen und schüttelte sich. Nico stellte sich hinter sie und rieb ihr die Arme ab. „Ich wärme Dich“ sagte er. Eine zeitlang fuhr er mit seinen Händen an ihrem Oberkörper rauf und runter. Anna legte ihren Kopf in den Nacken und die beiden küssten sich. „Du, mir ist immer noch kalt“ sagte sie. „Ist euch nicht kalt? Ich finde, es ist saukalt hier draußen.“ Sie drehte sich zu mir. „Hast Du noch was zum Überziehen dabei?“ Ich sagte, ich hätte nur meinen Pullover. „Früher hast Du immer eine Jacke überall hin mitgenommen“ sagte Nico, „weißt Du noch?“ Ich nickte. „Wirklich?“ fragte Anna, „Überall hin?“ Dabei kaute sie auf einem Stück Brot herum. „Du warst immer viel zu dick angezogen, egal wo wir hingingen“ sagte Nico. „Ich weiß noch, als wir einmal im Sommer schwimmen waren, sogar da hattest Du Deine Jacke dabei. Du musst Dich halbtot geschwitzt haben.“ Anna lachte und nickte.

„Wie der Mann im Futteral“ sagte Steve von der anderen Seite des Tisches. „Was ist los?“ fragte Nico. „Der Mensch im Futteral oder Der Mann im Futteral, das ist eine Geschichte von Anton Tschechow“ erklärte er. Nach dem Auftritt, den ich in der Küche erlebt hatte, wunderte ich mich nicht so sehr über Steves Einwurf, aber die anderen wirkten irritiert. Cosima sagte noch einmal „Tschechow ist Steves Lieblingsschriftsteller.“ Steve lächelte und winkte ab, wie um ein besonderes Verdienst herunterzuspielen. Eine Weile schwiegen alle, es wirkte, als dächten sie über Steves Worte nach, dann fragte Anna: „Warum hast Du das damals eigentlich gemacht, mit den dicken Kleidern?“ - „Keine Ahnung“ sagte ich. Das Gespräch verstummte von neuem. Anna und Nico beschäftigten sich wieder miteinander. Sie kannten sich zwar schon seit einigen Jahren, aber sie traten noch nicht lange als Paar auf. Warum sie es auf einmal taten, weiß ich nicht. Nico behauptete, er und Anna seien schon öfters auf dem Weg zu einer Beziehung gewesen, aber bisher habe der Zeitpunkt nie gestimmt. Weitere Erklärungen gab er nicht und ich fragte auch nicht weiter nach. Jetzt taten sie, als habe die Welt um sie herum aufgehört zu existieren.

Ich hielt den Zigarillo in eine Kerzenflamme und zog daran. „Das gibt Krebs, wenn man das macht“ sagte Cosima. Ich nickte, stand auf und ging rauchend durch den Garten. Als ich nach einigen Metern noch einmal zurückschaute, konnte ich bereits nicht mehr erkennen, wo die Veranda endete und wo der Rasen begann. Anna hatte sich aus Nicos Armen gelöst und flüsterte ihm etwas ins Ohr, er zuckte die Achseln. Ich stellte mir vor, wie Nico ihr jetzt gerade die Geschichte erzählte, und ich ärgerte mich darüber, so sicher war ich mir, dass er jetzt, in diesem Augenblick, alles erzählte, aber ich konnte ihn nicht daran hindern und musste ihn reden lassen. „Stimmt was nicht mit ihm?“ fragt Anna. Aus welchem Grund auch immer, ich dachte, dass Anna wirklich immer noch nichts davon wusste. „Behalt’ es für dich“ würde Nico sagen, „und sag’ um Himmels Willen niemandem, dass du davon weißt und dass ich es dir erzählt habe.“ Anna nickt. Das war eine dieser Sachen, die Anna jedem sofort versprach. „Also gut“ sagt Nico und fängt an. „Das ist schon ziemlich lange her.“ Lange her, so kam es mir auch vor. Bis jetzt. „Du weißt ja, wir kennen uns seit wir Kinder waren. Wir haben nicht weit voneinander entfernt gewohnt, in einer Neubausiedlung, die damals gerade erst gebaut worden war, mit lauter Reihenhäusern und kleinen Vorgärten und in der fast nur junge Familien mit Kindern wohnten. Man brauchte sich nie zum Spielen zu verabreden, man traf immer irgendjemanden auf der Straße. Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich nehme an, so haben wir uns auch getroffen. Als er acht oder neun Jahre alt war trennten sich seine Eltern“ sagt Nico. „Er zog mit seiner Mutter in so eine ziemlich enge und schäbige Wohnung mit nicht mehr als einem richtigen Zimmer, in einem dieser Betonsilos. Zwanzig Stockwerke hoch oder noch höher. Es war in einem anderen Stadtteil, aber er blieb auf der gleichen Schule. Er fuhr mit dem Bus und wir sahen uns zwischen den Stunden auf dem Pausenhof. Seine Mutter hatte bald wieder einen neuen Kerl, vielleicht auch mehrere, so genau weiß ich das auch nicht. Einer kam jedenfalls jede Woche zu Besuch, immer sonntags. Wie gesagt, die Wohnung war verdammt klein, da war wirklich kaum Platz. Deshalb musste er sonntags, wenn Besuch kam, immer draußen spielen. Du kannst Dir ja vorstellen, warum er sonntags immer alleine draußen spielen musste“ sagt er und macht eine Pause. Die anderen am Tisch lachen, sie haben zugehört und wissen, was gemeint ist. „Der Arme“ sagt irgendjemand. „An einem Sonntag im Winter kommt also wieder der Besuch, Herrenbesuch, es muss alles schnell gehen, deshalb schickt seine Mutter ihn nach draußen zum Spielen. Sie denkt, die Sache ist damit geregelt, er kann ja nach unten auf den kleinen Spielplatz gehen, wie sonst auch immer. In der Nacht hat es geschneit, und es ist alles weiß auf dem Spielplatz, die Klettergerüste, die Rutsche und die Schaukeln und alles. Auch der Sandkasten ist weiß und voll mit Schnee, der Schnee ist darin liegen geblieben. Kein anderes von den Kindern ist um diese Zeit draußen und er läuft ziellos herum. Er versucht, zurück ins Haus zu gelangen, aber die Tür ist abgeschlossen. Er klingelt an ihrer eigenen Klingel, natürlich macht die Mutter nicht auf. Aus irgendeinem Grund redet er sich ein, man habe ihn da draußen ausgesetzt, und er könne nie wieder in die Wohnung zurück und wird in der Kälte erfrieren, wenn er nicht etwas findet, wo er unterkriechen kann. Vielleicht denkt er, er muss sich ein Iglu bauen wie die Eskimos oder so was ähnliches, jetzt wo er nicht mehr ins Haus kann. Er überlegt, wo er so ein Iglu oder eine Höhle bauen kann, und kommt auf den Sandkasten. Irgendwo hat er gehört oder gelesen, dass es im Inneren eines Iglus warm ist, weil angeblich das Eis die Luft drinnen isoliert. Er legt sich in den Schnee und gräbt sich darin ein. Mit beiden Händen schaufelt er den Schnee erst über seine Füße, dann über seine Beine und zum Schluss auch bis hoch zum Gesicht, dann versucht er, zu schlafen. Im Inneren eines Iglus muss es warm sein, denkt er.“ Nico macht wieder eine Pause. „So in der Art muss es gewesen sein. Sie haben ein paar Stunden nach ihm gesucht, und ihn erst gefunden, als es schon dunkel war. Das war nicht lange genug, um zu erfrieren, aber trotzdem ganz schön lange. Er war danach ein paar Wochen in einer Klinik und war völlig durchgeknallt. Als er rauskam, hatte er diesen Tick. Überall war es ihm zu kalt. Deshalb lief er noch Jahre lang ständig in viel zu dicken Kleidern rum, auch im Sommer, wenn es richtig heiß war. Es könnte sein, dass er inzwischen darüber weg ist, aber so ganz sicher bin ich mir nicht. Das ist alles, die ganze Geschichte, denke ich.“

Weiter sagte er nichts, und ich merkte jetzt, dass es die Wörter und Sätze hätten sein können, mit denen ich die Geschichte selbst erzählt hätte. Es war kurz vor Mitternacht. Beim Grill war niemand mehr, die Reste der Glut glommen schwach zwischen der weißen zerfallenen Asche. Es war kühl und dunkel hier unter den Kirschbäumen, der Grill strahlte keine Wärme mehr ab und ich begann zu frieren. Die Dunkelheit war langsam und schleichend gekommen, die Kälte schien schlagartig hereinzubrechen. Ich hatte meinen Pullover vor Stunden über die Lehne eines Gartenstuhles geworfen und ihn den ganzen Abend dort hängen lassen, jetzt fehlte er. Ich ging noch weiter, bis ans Ende des Gartens, wo ein Drahtzaun die Wiese von einer anderen Wiese trennte. Jenseits des Zauns war das Gras nicht gemäht, es wuchs dort kniehoch. Irgendwo quakte eine Kröte. Auf meinen Armen bildete sich eine Gänsehaut. Einen Moment lang betrachtete ich die aufgestellten Haare, dann drückte ich den Zigarillo langsam auf meinem linken Arm aus.