1951
in der Nähe von Trier geboren, verheiratet, eine Tochter (21 Jahre)
Fachhochschul- und Universitätsstudium, Pädagogik, Psychologie,
Soziologie, Philosophie. Abschluss: Diplom-Pädagogin.
Leiterin einer Ehe-, Lebens- und Familienberatungsstelle (1981 bis 1990)
Geschäftsführerin des Landesverbandes Alleinerziehender Eltern
(1990 bis 1994)
Vorsitzende des Landesfrauenbeirats Rheinland-Pfalz bei der Landesregierung
(1990 bis 1994).
Prüferin bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in
Wiesbaden (seit 1989)
Referatsleiterin im rheinland-pfälzischen Ministerium für Arbeit,
Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen seit 1994
Belletristik:
Literaturpreise:
Sonstiges:
Freitags fällt es mir zu, die Einkäufe auf dem Wochenmarkt zu
erledigen. Ich tue das nicht gerne, ehrlich gesagt. Wir könnten genauso
gut die wenigen Dinge, die wir zum Leben brauchen, im Supermarkt einkaufen,
das wäre sogar billiger, aber meine Frau besteht darauf, nur Obst und
Gemüse zu essen, das direkt vom Erzeuger kommt. Das sei gesünder,
meint sie.
„Du arbeitest in der Stadt“, sagt sie, „da liegt es doch
nahe, dass du alle Besorgungen übernimmst, die in der Stadt zu erledigen
sind. Und den Wochenmarkt gibt es nun mal in der Stadt und nicht in unserem
Dorf, außerdem bist du mit dem Auto unterwegs, wohingegen ich den
Bus nehmen müsste, um in die Stadt zu kommen. Ich wäre mindestens
eine halbe Stunde unterwegs, eine Tour, während du in zehn Minuten
in der Stadt sein kannst.“
„Den Gang zum Markt nicht mitgerechnet“, hielt ich dagegen.
„Kein Mann, der etwas auf sich hält, mutet einer Frau schwere
Einkaufstaschen zu.“
„Nein, sicher nicht.“
Ich fühle mich Diskussionen wie diesen nicht gewachsen, ich gehe ihnen
sogar am liebsten aus dem Weg, wenn ich kann. Und so ist es dazu gekommen,
dass ich freitags meine Mittagspause in einem Heer von unternehmungslustigen
Markteinkäufern verbringe, die vor den bunten Verkaufsbuden mit ihren
üppigen Auslagen kunstvoll dekorierter heimischer und südländischer
Obst- und Gemüsesorten nach Herzenslust rempeln und stoßen und
drängeln, auf der Suche, welcher Stand die aromatischsten Tomaten,
den frischesten Salat, die saftigsten Birnen und Zitrusfrüchte bereithält.
Letzten Freitag aber, als ich, den akkurat geschriebenen Einkaufzettel in
der Hand, wieder einmal unschlüssig von Marktstand zu Marktstand ging,
tat ich plötzlich etwas für mich sehr erstaunliches. Ich zerriss
den Zettel meiner Frau. Warum tust du das, fragte ich mich. Zuerst dachte
ich, keine Ahnung, mir war nur so danach zumute, aber dann spürte ich,
wie sich eine Leichtigkeit in meinem Körper auszubreiten begann, für
die ich kaum Worte hatte, und ich dachte, jetzt wird aus dir ein Schmetterling.
Meine Mittagspause neigte sich allmählich dem Ende zu, aber das bekümmerte
mich nicht weiter. Mein Büro konnte warten.
Rund um den Marktplatz gibt es nette Cafes. Ich suchte mir einen angenehmen
Platz in einem Cafe mit Außenterrasse und beobachtete, derweil ich
einen ausgezeichneten Cappuccino serviert bekam, den emsigen Armeisenhaufen
vor mir, in dem ich so viele Freitage eine unbedeutende kleine Ameise gewesen
war.
Obwohl die Sonne schien, wirkten viele der Marktbesucher verdrossen wie
an einem kalten, nassen Herbsttag und schrecklich in Eile. Ich erkannte
mich selbst in einigen von ihnen, und mit einem Mal musste ich, es mag eine
Verschwörung zwischen Sonne und Cappuccino gewesen sein, lachen. Ja,
ich lachte laut und vernehmlich, und ein paar Leute, die an meinem Tisch
vorüber kamen, dachten wohl, mir sei etwas Freudiges widerfahren, denn
sie lächelten nun auch.
Ich aber lachte, weil ich mich an einer Vielfalt erfreute, mit der ich bis
eben nichts anzufangen gewusst hatte.
Später kaufte ich herrlich rote Äpfel statt der gelben Birnen,
die auf meinem Zettel gestanden hatten, eine Melone, aber keinen Feldsalat,
grüne und schwarze Oliven, einen würzigen Bergkäse, eine
Handvoll Steinpilze, sizilianische Strauchtomaten, nicht eine einzige Kartoffel,
und auch keinen Blattspinat oder Sellerie. Von sanft lächelnden jungen
Blumenverkäuferinnen ließ ich mich sogar dazu verführen,
einen prächtigen Strauß samtig-roter Tulpen zu erwerben, dann
fuhr ich pfeifend nach Hause.
„Was ist passiert?“ fragte meine Frau, sobald sie den riesigen
Blumenstrauß erblickte.
„Gefallen dir die Tulpen?“
Sie lachte, und es klang silberhell wie ein Kirchenglöckchen, das einen
Festtag ankündigt. „Ja, sehr“, sagte sie. „Aber seit
Jahren hast du mir keine Blumen mehr geschenkt.“
„Da schau einer an.“
Leider endete ihr jugendliches Lachen abrupt, als sie die übrigen Einkäufe
entdeckte. „Ich esse keine Äpfel, das weißt du doch. Ich
bin allergisch gegen Äpfel“, belehrte sie mich, wenngleich sanft.
„Ich fand, sie sahen schöner aus als alle Birnen zusammen“,
entgegnete ich.
„Aber ich esse nun mal keine Äpfel“, beharrte sie. „Warum
kaufst du Dinge, die ich nicht mag und die ich auch nicht aufgeschrieben
habe?“
Auf ihrer Stirn erschien eine tiefe Falte, und ich wusste, jetzt war es
besser, einzulenken.
„Du musst die Äpfel ja nicht essen“, erklärte ich.
„Nein, das nicht“, entgegnete sie betrübt.
Ähnlich verfuhr sie mit den übrigen Sachen. Nichts, von dem, was
ich auf dem Markt gekauft hatte, fand ihren Gefallen. Zu guter Letzt verlor
sie sogar ihr Interesse an den samtig-roten Tulpen. „Was für
ein Unsinn, das alles“, murmelte sie leise.
An diesem Abend saßen wir uns beim Abendessen schweigend gegenüber,
und danach ging meine Frau früh zu Bett. Von der Treppe her rief sie
mir zu: „Ich wüsste nur zu gerne, was plötzlich mit dir
los ist.“
„Nichts ist los“, entgegnete ich.
„Warum ärgerst du mich dann?“
„Nichts liegt mir ferner als dich zu ärgern“, versicherte
ich ihr. „Ich wollte lediglich …“
Sie winkte mit einer schwachen Handbewegung ab. „Lass nur“,
sagte sie. „Wir sollten nicht so ein Theater um diese Dinge machen.
Du hast es gut gemeint, ich weiß.“
„Nein, das habe ich nicht.“
Meine Frau riss erschrocken ihre Augen auf. „Du bist überarbeitet,
deine Nerven liegen blank, ich beobachte das schon seit Tagen“, erklärte
sie.
„Es geht mir gut“, widersprach ich freundlich. „Ich habe
lediglich, einem Impuls nachgebend, mir die Erlaubnis erteilt, in vielen
Möglichkeiten auch viele Möglichkeiten zu sehen. Das ist alles.“
„Irgendwie versteh ich dich nicht“, sagte sie.
„Ich mich auch nicht“, gestand ich ihr.
Kopfschüttelnd ging meine Frau in ihr Schlafzimmer. Ich, der liebenswerte
und verlässliche Mann, der in allem, was er tat, vorhersehbar war,
hatte etwas völlig Unvorhersehbares getan und sie damit verwirrt. Das
sah ich ein.
Am anderen Morgen kam sie in mein Zimmer, rüttelte an meiner Schulter
und sagte eindringlich: „Du bist spät dran. Willst du nicht aufstehen?“
„Nein“, antwortete ich.
„Fühlst du dich krank?“
„Ich bin kerngesund.“
„Ja…, aber…“
Meine Frau stockte. Ich sah ihr an, sie wusste nicht mehr weiter.
„Komm“, sagte ich, „leg dich ein Weilchen zu mir. Wir
haben lange nicht mehr nebeneinander gelegen.“
Sie lächelte.
Wie wir so nebeneinander lagen und uns nach langer Zeit wieder einmal richtig
in die Augen sahen, sagte sie zu mir: „Was hat der Mensch doch für
ein Glück, der zwischen mehreren Möglichkeiten entscheiden kann.“
Das fand ich auch.