LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfälzische Autor/innen vorgestellt

Marcel Diel

Marcel DielMarcel Diel, geboren 1975 in Dembach / Westerwald. Mitglied des FöK und des VS. Mitglied der Autorengruppe "Dichtungsring" in Bonn. Z. Zt. Student der Germanistik und Philosophie in Bonn sowie Mitherausgeber der dort erscheinenden "Kritischen Ausgabe: Zeitschrift für Germanistik & Literatur". Im Netz unter http://www.kritische-ausgabe.de

Wesland - Pathos der Stadt (Auswahl)

IN DIE CAFÉS VERLAUFEN VOR HITZE

fliehende menschen suche nach
provinz schatten der bäume
schatten des kirchturms
hoher läutender backstein rauschend
geräusch und farbe im frühen
abend durch grüngelbe dächer
am kaiserplatz neben dem mahnmal
picken die tauben verstreut die menschen
die zeitlos schönen menschen der stadt

wahlplakate die künder der zukunft
es kommt wieder aufstieg
es kommt konjunktur
es kommt wieder herbst
ich wechsle die farbe ich wechsle
den blick das aussehn ich
bin ein baum ich spende
schatten ich bin ein schirm
ich schütze vor sonne ich bin
die bank der tisch nimm platz

die menschen sind kühl wie luft
bewegend als wind sich durch mich
hindurch bewegen sie mich
muss ich aufstehn muss weiter
ich komme wieder
ich komme nicht wieder
glocken stopfen die stille
machen sie satt

ER KOMMT

durch die baumfront fensterlängs
rauscht er heran im kalten wind
urplötzlich aufgekommen tobt
er durch die bis vor stunden
sommerliche stadt vertreibt
menschen vögel und katzen
treibt sie vor sich her

die bäume lassen braune blätter
fallen wie bereit zur niederlage
entwaffnet steht die stadt sie
sträubt sich noch gegen den
anspruch des herbstes der
hier scheints sein protektorat
gründen will

heftig arbeiten müllabfuhrmänner
in sperrmüllhaufen von fern
das donnern ihrer maschine
das bersten von holz das
quietschen von stahl
diese stadt räumt auf man
schleppt das überflüssig
gewordne hastig hinaus an
die straßen

hochzeit für sucher
plünderer zogen die ganze nacht
durch die viertel zerpflückten
die reste der einwohner
wertvolles wähnend im ausschuss
der häuser suchen und finden
sommer segelt aus fenstern
bekleidet das pflaster als
wären es fahnen man braucht
sie nicht mehr es kommt
herbst

und unruhe wächst in den häusern
bis stille endlich endgültig eintritt
im rauschen der bäume
im blätterfegenden wind

DIE BAUMZEILE FENSTERLÄNGS SCHENKT

mir frühling sommer und herbst
in immer satten farben verpackt
sie für mich in formen die sichtbare
zeit und legt sie mir als geschenk
vor die füße verschickt sie durch
das offene fenster als zeichen
der milde als gruß im wind

ich hebe sie auf und trage
sie mit mir in tiefen mantel
taschen vergraben ruhen sie
bis zur reife und wärmen
sich winters an mir wenn die
bäume fahl gegen schatten
scheinen die zweige zu luft
erstarrt sind und morsch
zerbrechen unter dem sitz
der vögel

dann atmen die menschen
winternebel und sammeln
winter in wärmenden
kleidern und suchen
spuren in blättern
des vorjahrs und ziehen
spuren die nicht überdauern

dann rafft das jahr seine
röcke und eilt sich
zum ende zu kommen
und rafft seine zeit
ans ziel zu gelangen
und zerrt die gedanken
die träge am ort ver
haftet und zwingt sie
zum schnelleren lauf an
der kette und keucht
seinen nebel in das gesicht
eines fremden der noch
den herbst vermisst
und die schwere

das fenster war und das haus
auch die aussicht war vor ihm
und die sie verstellte
und der in dem haus sucht
schatten und stimme
die kamen nicht mit ihm
die bäume und vögel
die waren längst vor ihm
der dies alles erbaute
die zeit als bleibe sich wählte
auch diese war vor ihm
und der alles erdachte
auch

UND NACH DEM DUNKEL DER HORIZONT!

herbst spült nebel aus dem fluss
und über dem andern ufer weslands
das blendend zerrissene grau des
himmels wallender stein des wassers
der luft erster atem des tages
hauch über der brücke man sieht
durch die schleier sieht man direkt
hinunter nicht einmal den strom man
ahnt ihn nur am geruch am geräusch
tückisch harmloser laut aus der tiefe
der landschaft am horizont sagenum
woben die sanfteren züge des mittelgebirgs
geborgen im dunst das grelle und doch
so stumpfe morgenband des novembers
wie zufällig in den nebel gerissen wie
zufällig leben gestreift an den ufern
und auf der brücke in hastender flucht
vor der kälte der bus das auto die bahn
das fahrrad der gang zur arbeit er
wartung des wärmeren körpers der
maschine schornstein im grauen nebel
der grauere rauch die deutliche spur
in die höhe bis sie vom licht gebrochen
sich auflöst – und in der weite
das endliche rund des tages

DENN WENN ICH SCHREIBE, WEISS ICH WAS ICH WILL: ICH WILL SCHREIBEN

ich will mein ganzes leben hinweg hindurch nur schreiben
auch wenn ich ganz leer bin mich
ständig vertippe die augen
vor müdigkeit nicht klar und den verstand nicht wachzuhalten vermag
so schreibt es sich doch in mir fort und fort
ich kann nicht atmen ohne ein wort ein dichtes
selbst wenn ich schlaf und träume und ganz friedlich wirke schreib ich schreibt es sich in meinem kopf
und schreibt durch meine glieder wenn ich laufe tanze hocke liege
schreibt sich durch meinen magen wenn ich ess und verdaue läuft das wort das dichte mir durch darm und steiss
von leber und niere nur dürftig gefiltert zurückgeführt als essenz derweil die hülse verstopfung oder der schwulst / das pathos mir durchfall bereitet oder die magensäure aufschäumt von dem zürnenden gottvermeinenden wort
wenn ich sehe sehe ich texte und höre dann höre ich texte und schmecke und fühle und rieche den dunst des wortes das liegt sitzt steht fließt räuspert sich überall um mich herum und in mir
selbst wenn ich es wollte
es gäbe gar keine möglichkeit ihm zu weichen
dann möcht ich im sommer sitzen auf veranden
in schaukelstühlen mit katzen auf meinem schoß und
nur noch atmen in der luft wie berauscht das wort
und im abend würde es mir seine farben senden sein licht
in den schoß zu den schlafenden katzen legen und
morgens im weichen tau meine stirn bewandern und kühlen
und es gäbe keine liebe keine krankheit und keinen tod die mir entreissen könnten
was mich so kräftig in seinen liebes- und krankheits- und todesfängen umkrallt
mein kleid mein atem mein
lied mein gedicht
mein kleid mein atem mein lied mein gedicht
...

[NACHSCHRIFT:]
das wort aber gerann zwischen meinen fingern noch während ich es schrieb
– den rotweinflecken schaue beim trockenwerden ich zu

MENSCHEN KÖNNEN DAS

einfach verschwinden
plötzlich einfach nicht
mehr da sein weg sein
fort sein ohne
nachsendeauftrag
postlos fort sein
ihr haus einebnen die
spuren im staub verwehn
abschliessen gehen ohne
blick zurück und
weg sein nicht mehr
erreichbar sein sich dem
vergessen anfreunden
lächelnd gehn oder
traurig mit glitzerndem
blick die augen ganz weit
geöffnet und leise ganz leise
dem anderen deuten dass dies
eine treffen für eine zeitlang
oder für immer das letzte war
sich umdrehn und gehn und
nicht mehr da sein das
unausgesprochene lang schon
mit sich herumgetragene
nächte durchwachte eine wort
nun einfach nicht sagen
zum trotz oder spott
einfach behalten und
mit sich nehmen und keinen
abdruck und keinen versuch
eines echos am ort hinterlassen
nur gehen sich wenden und
gehen und weg sein fort sein
für kurz oder immer das
können nur menschen

festketten muss man sich
an die welt dass man nicht
ebenso einfach ebenso plötz
lich nicht mehr

SIRREN DER MASCHINE

/ elektrische grille wo ist / ein ort der bis zum horizont / frei ist von geräuschen / mag in der stille das ende / der ideen liegen so hallt / es doch in mir hallt / wider die bilder in mir / und brummt und stampft / und rauscht sich ein gefühl / heraus das die bilder verzerrt / das jeden gedanken in sich / verwirrt und ich lausche von mir / heraus aus mir suche halt und / stille endlich von mir selbst / in stille gelassen zu werden ein / betäubendes brüllendes berstendes / gefühl stampft sich in mir zur form / stampft mich zur form und / stampft hinein stampft drinnen zu / sammen was es in mir findet / es muss doch stille sein / irgendwo muss doch stille sein / in dem allen es muss ein / letztes ein stilles geben und / wo soll es sein wenn nicht in mir / ein wahn muss im / inneren liegen und wüten gegen / das innere dass nie / stille vollkommene stille voll / kommenheit sein kann / blödheit zu glauben dass / schreiben in stille versetze / dass schreiben anlaufen / gegen das bersten der stille sei / das gegenteil ist es / schreiben verhindert das ende / die stille es ist ein / unsterbliches in uns // das will laut werden