Sigfrid
Gauch wurde am 9. März 1945 in Offenbach am Glan geboren; aufgewachsen
in Niedersachsen und in der Pfalz, Abitur in Kaiserslautern, Studium an
den Universitäten Heidelberg und Mainz, Promotion in Germanistik über
"Offene und verdeckte Schreibweisen im Literarischen Jakobinismus"
Lehrer für Deutsch, Philosophie und Ethik, zuletzt an der Integrierten
Gesamtschule in Mainz.
(Foto: privat)
Seit 1988 im rheinland-pfälzischen Kulturministerium tätig, leitet das Referat für Literaturförderung und Bibliothekswesen; Rundfunk- und Fernsehbeiträge, u.a. Das Labyrinth der Väter (ZDF 1980), Doppelwertigkeiten oder Rheinland und Pfalz (ZDF 1987, ARD und Dritte Programme 1989);
Veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, u. a. Schibbolet (Karlsruhe 1974), Identifikationen (München 1975), Mitt-Teilungen und andere Nichtmöglichkeiten (Pfaffenweiler 1976), Lern-Behinderung: Handreichungen und Gesprächslandschaften (München 1977), Portfolio (Mainz 1979), Buchstabenzeit (Rhodt 1987); Gegenlichter (Frankfurt/Main 2005).
Herausgeber und Mitherausgeber u. a. von Anthologien (Literatur aus Rheinland-Pfalz, 1976; In Sachen Literatur, 1979; Vom Verschwinden der Gegenwart, '92; Zeitvergleich, 1993) und der rheinland-pfälzischen Jahrbücher für Literatur Fremd in unserer Mitte, '94; FluchtPunkte, '95; Horizonte, '96; Unterwegs, '97; WortBrüche, '98; Ortsgedächtnis, '99; Annäherungen, 2000; Flugwörter 2001; Auf Augenhöhe, 2002. In naher Ferne, 2003; Zeitfenster, 2005.
Gauch erhielt 1976 den Förderpreis des Südwestfunks, 1977 den Pfalzpreis für Literatur und 1979 den Förderpreis zum Kunstpreis des Landes Rheinland-Pfalz. Er gehört dem P.E.N. Zentrum Deutschland an, seit 1998 Vorstandsmitglied;
Neben der Monographie "Friedrich Joseph Emerich - Ein deutscher Jakobiner" (Frankfurt/Main 1986) veröffentlichte er die Erzählung "Vaterspuren" (Königstein 1979, Frankfurt/Main 1982 als suhrkamp taschenbuch, Rhodt 1990, 6. erweit. und überarb. Neuauflage Frankfurt/Main 2005), den Band "Goethes Foto und andere Erzählungen" (Landau 1992) sowie die Romane "Zweiter Hand" (Landau 1987, überarb. und erw. Ausgabe Blieskastel 1997), und "Winterhafen" (Blieskastel 1999). Die Erzählung "Vaterspuren" wurde ins Italienische übersetzt von Tiziana Galliano (Orme paterne, Universität Turin 1990), ins Englische von William Radice (Traces of my Father, Evanston, III 2002) und von Udi Levy ins Hebräische (Ikwot Av, Jerusalem 2000); Teilübersetzungen erschienen im Französischen und Arabischen.
Der
Tod des Vaters ist der Beginn einer Befreiung für den Sohn. In den
Tagen zwischen dessen Tod und seiner Beerdigung erlebt der Sohn die Wiederbegegnung
mit der eigenen und der Vergangenheit des Vaters. Er versucht, dessen Leben
zu ergründen und die Motive seines Werdegangs zu rekonstruieren: vom
Medizinstudium über den Eintritt in die NSDAP 1922, die Beteiligung
an Freikorpskämpfen der 20er Jahre bis zu seiner Tätigkeit als
Reichsamtsleiter in der Reichsführung SS und kulturpolitischer Adjutant
Himmlers in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße.
In dieser um mehr als zwei Drittel erweiterten und vollständig überarbeiteten Neuausgabe eines der Standardwerke der »Väterliteratur« finden sich erst jetzt aufgetauchte handschriftliche »Erinnerungen« des Vaters ebenso wie neue Dokumente aus Archiven zu dessen NS-Vergangenheit. Weitere persönliche Texte ergänzen und differenzieren das Bild eines Mannes, der im Eichmann-Prozess als »Schreibtischmörder« bezeichnet wurde.
»Unlike some other children of Nazis who have put their thoughts to paper, Gauch neither exculpates nor rages against his father but sizes him up in the retrospective light of memory.« (The Jewish Press, USA, zur amerikanischen Ausgabe)
Sigfrid Gauch: Vaterspuren. Eine Lebensgeschichte. Überarbeitete und ergänzte Neuausgabe. Frankfurt am Main 2005: Verlag Brandes & Apsel, 248 Seiten, Euro 17,90. ISBN 3-86099-517-0
Interview in: Die Rheinpfalz, 25. 11. 2005
Sigfrid Gauch, Autor und Literaturreferent im rheinland-pfälzischen Kulturministerium, hat seinen erfolgreichen Roman "Vaterspuren" über den Nazi Hermann Gauch neu aufgelegt und erweitert. RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Gabriele Weingartner hat sich mit Sigfrid Gauch über die Beweggründe für die Neuauflage und den langen Schatten des Vaters unterhalten.
G. W.: Niklas Frank, der Sohn des Judenmörders Hans Frank, hat vor kurzem die Söhne und Töchter der Täter dazu aufgerufen, unter keinen Umständen eine Versöhnung mit den Täter-Vätern zuzulassen. Bei der Neufassung von "Vaterspuren" hat man den Eindruck, der Sohn, der ja auch ein Autor ist, hätte sein Bemühen, den Vater unter allen Umständen zu verstehen, noch intensiviert. Wollen Sie Ihrem Vater die Würde retten?
S. G.: In einem Fernsehfilm über Niklas Frank und seinen Vater wurde dieser überraschend, nach vielen Hasstiraden auf seinen Vater, auf den Ruinen des einstigen Gouverneurspalastes im Sonnenuntergang sitzend, gefragt: "Lieben Sie Ihren Vater noch immer?" Und ausgerechnet Niklas Frank sagte mit zitternder Stimme: "Ja!" Diese Schlusssequenz sagt mehr als jeder Kommentar. Der Soziologe Iring Fetscher meinte einmal zu mir, in vielen von mir geschilderten Zügen meines Vaters habe er seinen eigenen wiedergefunden, obwohl sein Vater, auch ein Mediziner derselben Generation, auf der anderen Seite stand und durch die SS zu Tode kam. Das Bild des Vaters ist in der Neuausgabe nur plastischer geworden, auch in seinen eklatanten Widersprüchen: der hingebungsvollen Naturliebe wie dem fanatischen Judenhass. Ich versuche den Vater weder zu verstehen noch zu entschuldigen, ich stelle ihn dar und nicht bloß. Bloßgestellt hat er sich selbst ja schon, in seinen vielen eigenen Büchern und Aufsätzen bis in seine letzten Lebensjahre ebenso wie in seinem uneinsichtigen Handeln.
G. W.: Die neuen Quellen zeigen den Vater schon erschreckend früh als fanatischen Rassisten, den man unter bestimmten Gesichtspunkten auch als Psychopathen, zumindest als hochgradigen Neurotiker bezeichnen könnte. Wäre es nicht einfacher für Sie zu sagen: Mein Vater war psychisch gestört? Unter diesem Aspekt war er nicht ernst zu nehmen?
S. G.: Dann könnte man die gesamte Diskussion über die Nazizeit mit diesem Satz beenden, und ich hätte das Buch nicht zu schreiben brauchen. Nein: Das für mich viel Überraschendere war, jetzt erst zu erfahren, dass er in der Kriegsgefangenschaft nach dem Ersten Weltkrieg zunächst kommunistischen und sozialistischen Ideen anhing und dort langsam erst zum Antisemiten wurde. Darüber hinaus meine ich eindrücklicher zeigen zu können, wie dieser Vater in seinem Denken und seinem Handeln ein typisches, auch generationstypisches Täterprofil entwickelt. Zugleich aber geben die neuen Dokumente auch Aufschluss darüber, wie man innerhalb der NS-Führung sehr viel pragmatischer dachte und Fanatiker oft ausgrenzte. Mein Vater ist 1923 in die NSDAP eingetreten, hat gegen die pfälzischen Separatisten mit der Waffe in der Hand gekämpft und gedacht, mit der Machtübernahme 1933 breche für alle alten Kämpfer das Paradies an – mit diesem Irrtum zu leben fiel ihm schwer.
G. W.: Hätten Sie sich manchmal eine härtere Strafe für ihn gewünscht, oder haben Sie sich einen solchen Wunsch nicht erlaubt?
S. G.: Er gehörte zu denen, die auch in der Nachkriegszeit aus ihrer Ideologie nie einen Hehl machten. Und da er im Krieg als Militärarzt tätig war und kein Mörder wie manch anderer, gab es auch keinen Anlass, ihm eine Strafe zu wünschen. Er hat sich ja letztlich auch immer selbst geschadet, sowohl in seiner Karriere als auch bei seiner Gesundheit. Schon mit siebzehn habe ich eine kritische Erzählung über ihn geschrieben und in späteren Jahren noch einmal eine und ihm beide zu lesen gegeben. Er hat sie mit keinem Wort kommentiert. Aber die Standpunkte waren geklärt.