Dietmar Gaumann, geboren 1969 in Siegen, aufgewachsen im Westerwald. Studierte
Filmwissenschaft und Amerikanistik, arbeitete als Buchhändler, Lektor,
Literaturveranstalter sowie im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und lebt
seit einigen Jahren in Mainz. 2006 erschien sein erster Erzählband "Komplizen" im
Rhein-Mosel-Verlag. Die drin enthaltene Geschichte "Sprayer" war
für den Georg-K.Glaser-Preis des Landes Rheinland-Pfalz und des SWR
nominiert.
Die Situation ist die: Tommy hält eine Schrotflinte in der Hand und
verschanzt sich hinter der Zapfsäule; vor ihm, im Kies der verlassenen
Tankstelle, drücken sich Marco und Herbert gegen das Blech des Streifenwagens
und warten auf die Verstärkung, die einfach nicht kommt.
"Was machen wir?" Marco hat die Arme auf das heiße Autodach gelegt,
trotzdem fühlen sich seine Finger klamm am Griff der Pistole an. Herbert
starrt neben ihm mit versteinerter Miene in die Mittagssonne und sagt nichts.
"Wir müssen was machen, oder?", flüstert Marco, ohne Tommy
aus den Augen zu lassen, dessen massiger Bauch zu beiden Seiten der Zapfsäule
herausquillt. Herbert rührt sich nicht. Langsam gehen Marco die Ideen
aus. Erwartet Herbert etwa, dass er sagt, was sie tun sollen? Wie soll
er wissen, was in so einer Situation zu tun ist? Er ist erst seit sechs
Monaten Polizist und bisher hat Herbert ihm nicht einmal Strafzettel ausfüllen
lassen.
Schließlich sagt Herbert doch etwas." Ich muss mal", zischt
er mit zusammengepressten Lippen. "Und zwar dringend."
Marco schluckt. Das ist nicht gerade die Antwort, die er sich gewünscht
hat. Wegen dieser Sache ist bereits der ganze Morgen schief gelaufen. "In
Ordnung", sagt er, obwohl gar nichts in Ordnung ist. Er hat eine Scheißangst.
"Ich mach' mir nicht in die Hose", Herbert hat eine Hand von der
Waffe genommen und presst sie zwischen seine Beine, "wie sieht das denn
aus?"
Aus Tommys Richtung kommt ein Grunzen, als wolle er darauf aufmerksam machen,
dass er auch noch da ist. Die dunklen Schlunde der Flinte verdecken sein
Gesicht wie zwei monströse Nasenlöcher.
"Vielleicht sollten wir doch auf die anderen warten."
"Ich kann nicht länger warten. Der macht schon nichts", sagt Herbert,
aber überzeugend klingt das nicht. Keine hundert Meter von hier liegt
ein Mann mit einer faustgroßen Schusswunde in einer Blutlache. Das
Loch stammt aus Tommys Flinte.
"Der macht nichts", sagt Herbert wieder, als wäre der Satz eine
Art Beschwörungsformel. Dann legt er seine Pistole auf das Autodach.
"Tommy, ich geh' schnell in die Büsche. Kein Grund, nervös zu
werden."
Doch Tommy wird nervös. Ein Ruck durchfährt die Flinte, als Herbert
auf die Rhododendron-Sträucher zeigt, die hinter dem Kassenhaus aus
dem Kies wuchern. Marco zieht den Kopf ein, als erwarte er jeden Moment
einen lauten, tödlichen Knall. In seiner Hand zittert die Pistole
wie ein Parkinsonpatient.
"Ich geh dann." Herbert tritt einen Schritt hinter dem schützenden
Wagen hervor.
"Schieß, Tommy", schreit jemand in Marcos Nacken. Es ist 12.04
Uhr.
Aus: Gabriele Keiser (Hrsg.) "Todsicher kalkuliert". Rhein-Mosel Verlag 2007