LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfälzische Autor/innen vorgestellt

Stefan Gemmel

Foto Stefan Gemmel* 1970 in Morbach (Hunsrück), verheiratet und Vater zweier Töchter. Gemmel lebt und arbeitet in Lehmen (Mosel), in der Nähe von Koblenz. Mit 20 Veröffentlichungen in 15 Sprachen ist Stefan Gemmel der meistübersetzte Schriftsteller in Rheinland-Pfalz.
Er schreibt für fünf Verlage zu den unterschiedlichsten Themen: Von seiner witzigen Buchreihe "Wuff", die nur den Spaß am Lesen vermitteln möchte, über ein Jugendbuch zu sexuellem Missbrauch bis zum Kinderbuch zum Thema Tod und den Bilderbüchern, in denen er "Angst" / "Behinderung" und "Armut bei uns" thematisiert.

Doch vor allem ist Stefan Gemmel durch seine ungewöhnlichen literarischen Projekte bekannt geworden. Mit seinem jugendlichen Publikum führt er bei seinen Lesungen in Schulen und Büchereien spontanes Theater durch, lädt zu Sprachexperimenten ein und vermittelt humorvoll Wissenswertes rund ums Schreiben und Lesen. Gerne lässt er die kleinen Zuhörer in Rollenspielen das Gehörte hautnah nacherleben. Seine Bücher bieten dazu die beste Grundlage.

Ein besonderes Anliegen ist ihm die Nachwuchsförderung.
Neben seinen Einsätzen als Juror in Schreibwettbewerben begleitet und unterstützt Stefan Gemmel in seinen Schreibwerkstätten oder sogar in direkter, persönlicher Betreuung jugendliche Autorinnen und Autoren und es ist ihm schon mehrfach gelungen, junge Schreibtalente so zu fördern, und zu leiten, dass er ihnen auch Veröffentlichungen vermitteln konnte.

Interview

Stefan GemmelAuszug aus dem Interview der Autorenzeitschrift „Federwelt“, April/Mai 2006. (Die Fragen stellte Andreas Noga, Lyriker aus Rheinland-Pfalz)

Federwelt: Begegnen dir gelegentlich Menschen, die der Auffassung sind, Kinderbücher könne jeder schreiben? Was sagst du zu diesen?

Gemmel: Diese Leute gibt es. Und ich vermute, dass diese Frage gerade von dir, einem Lyriker, ganz gezielt gestellt wird. Denn sehr viele Menschen sind der Meinung, Lyrik und Kinderbücher könne jeder schreiben. "Herz" reimt sich immer auf "Schmerz", "Geld " auf "Welt" und irgendein Tier kann man immer irgendetwas reden lassen. Das alles finden sie dann so einfach, dass es jeder kann. Doch merkwürdigerweise haben gerade diese Leute noch nie etwas geschrieben, wenn man nachfragt. Und das ist schließlich auch meine Antwort, die ich ihnen gebe: Dann schreibt! Früher habe ich mich über deren Äußerungen geärgert, doch inzwischen habe ich ein dickes Fell, was das angeht. Ich sehe das so: Wenn viele Leute den Eindruck haben, dass deine Lyrik oder meine Bilderbücher leicht zu schreiben sind, dann spricht das für die Qualität unserer Werke. Dann haben wir Texte geschrieben, die einen guten Lesefluss aufweisen und die herrlich unkompliziert auf den Leser wirken. Und das wollen wir doch erreichen! Wir wollen doch Texte abliefern, die beeindrucken und Spaß machen und denen man keinesfalls anmerken soll, welch schweißtreibende, tagelange Arbeit manchmal hinter einer Seite, einem Absatz oder gar einem einzigen Satz steckt.


Federwelt: Du engagierst dich als Leiter von Schreibwerkstätten für Kinder und Erwachsene sehr für den Nachwuchs, gibst Anthologien heraus und hast beispielsweise der damals 13 jährigen Joana Hessel im Jahr 2002 zu einer eigenen Buchveröffentlichung verholfen. Hast du keine Angst vor zu viel „Konkurrenz“ oder gibt der Kinderbuchmarkt genug her für jedes neue Talent?

Gemmel: Ich denke mir, dass wir uns die Angst vor Konkurrenz nicht leisten können. Jeder Autor schreibt ja seine Geschichten auf seine ihm eigene Weise. Und dadurch wird er auch "sein" Lesepublikum erreichen. Konkurrenz ist also eher ein Zeichen für zu enges Denken. Viel besser ist es, wenn wir neue Wege gehen, zum Beispiel Autorengruppen gründen oder gar mit Autorenfreunden gemeinsam Lesungen und Projekte veranstalten. Vielleicht kann man auch während einer Lesung verstärkt die Bücher einer Kollegin oder eines Kollegen mit ins Gespräch einbeziehen und vorstellen bzw. den eigenen Verlag auf Kollegen aufmerksam machen, die ebenfalls Ähnliches schreiben und vieles mehr.
Es ist mir ein großes Anliegen, dass die Neueinsteiger von Anfang an gutes "Rüstzeug" mit auf den Weg bekommen. Dass sie wissen, was von ihnen erwartet wird und wie sie ihr Talent in gute Bahnen lenken können.

Winnewuff und Old Miezecat

Auszug aus dem Buch „Winnewuff und Old Miezecat“ (Metz-Verlag, 2000)

Am Rand des Stoppelfeldes suchten Winnewuff, Old Miezecat und Cheesy-James noch immer die Gegend nach dem rätselhaften Sam ab.
"Sucht ihr was Bestimmtes?", krächzte es plötzlich hinter ihnen. Sie drehten sich um und blickten in das Gesicht eines kohlschwarzen Raben.
"Wir suchen Sam, den Spurensucher", sagte Cheesy-James. "Kennst du den?"
"Na, und ob ich den kenne."
Die Maus freute sich. "Dann weißt du doch sicher, wo er ist?"
"Natürlich weiß ich, wo er ist."
"Wo denn?"
Der Rabe zupfte sich die Federn zurecht. "Och, mal hier, mal da, mal dort."
"Was heißt das? Weißt du, wo er ist oder nicht?"
"Natürlich weiß ich, wo er ist."
Cheesy-James wurde ungeduldig. "Und, wo ist er?"
"Na, wo soll er schon sein?", erwiderte der Rabe und kicherte leise in sich hinein.
"Jetzt reicht's mir aber, du alte Nebelkrähe", brüllte die Maus, doch da beugte sich Old Miezecat zu der Maus hinunter und flüsterte ihr ins Ohr: "Mit Raben muss man anders sprechen, pass mal auf!"
Er drehte sich um, zeigte dem Raben die kalte Schulter und sagte: "Komm Cheesy, ist doch egal, wo Sam ist."
Die Maus sah überrascht zu der Katze hoch. "Was?" Da zwinkerte Old Miezecat ihr zu und Cheesy-James drehte sich um.
Der Vogel lief verärgert um die beiden herum und krächzte: "Was soll das heißen, es ist euch egal? Ihr wollt doch wissen, wo Sam steckt."
Old Miezecat schüttelte den Kopf. "Das war eben. Jetzt ist es uns egal."
"Egal?"
"Völlig!"
"Da kenn sich noch einer aus", stöhnte der Rabe und warf die Flügel in die Luft. "Ihr wollt es also nicht mehr wissen?"
"Nöö."
Der Rabe sah die Katze enttäuscht an, zuckte mit den Schultern und ging davon. Doch schon nach wenigen Schritten drehte er sich wieder um und kam eilig zurück gelaufen. "Na gut, ich sag euch, wo er ist."
Doch Old Miezecat machte ein gelangweiltes Gesicht. "Danke, nicht mehr nötig."
Der Rabe war außer sich vor Zorn. "Ich will's dir aber sagen!"
"Behalt's für dich!"
"Nein!"
"Doch!"
"Nein!!"
"Doch!"
"NEIN!!!"
Da ließ der Rabe sich ins Gras fallen und begann bitterlich zu weinen. "Oh, lass es mich doch sagen!"
Der Kater schwieg.
"Bitte!"
Endlich beendete Old Miezecat das Spiel. "Na gut, wenn es dir so viel bedeutet."
Der Rabe lachte und sprang auf seine Füße. "Willst du es jetzt wieder wissen?"
"Bitte."
Da sprudelte es aus dem Vogel nur so heraus: "Sam ist in der alten Mühle, hinter dem Stadtteich. Du weißt doch, über den Friedhof, am Stadtgarten vorbei bis zu dem Teich. Dort wirst du ihn finden. Ruf nur laut seinen Namen, dann wird er schon kommen."
Old Miezecat lächelte den Raben an. "Dankeschön."
"Oooh, du brauchst mir nicht zu danken", entgegnete der Rabe glücklich. "Ich danke dir. Danke, dass ich dir sagen durfte, wo Sam steckt."
"Keine Ursache", lachte Old Miezecat, dann ging er mit Winnewuff und Cheesy-James zur alten Mühle am Stadtteich.

Paneelos Melodie

Auszug aus dem Buch "Paneelos Melodie" (Verlag edition zweihorn, 2002)

Gerade ging die Sonne auf.
Wie jeden Morgen um diese Zeit trafen sich die Elfenkinder Luleila und Paneelo an der großen Wiese am Waldrand.
Paneelo setzte sich ins taufrische Gras und nahm seine kleine Flöte hervor. Leise spielte er seine Lieblingsmelodie, und Luleila tanzte dazu und sang.
So weckten sie die Blumen auf der Wiese. Ganz langsam streckten diese ihre Blätter hervor, sie reckten ihre Stängel, öffneten die Blüten und lauschten Paneelos kleiner Melodie.
Dann sprangen die beiden Elfenkinder lachend zwischen den Blumen umher. Sie spielten Verstecken oder tanzten singend von Blüte zu Blüte, sie halfen den Bienen beim Honig sammeln oder liefen in den Wald, um die Rehe und Füchse zu beobachten und für die Eichhörnchen Nüsse zu suchen.
Paneelo konnte außerdem Purzelbäume schlagen, so hoch wie Erdbeersträucher. Und Luleila wusste, wie man aus Lindenblättern kleine Rucksäcke machen konnte.
Nachmittags legten sie sich vergnügt in eine Blüte, ließen sich vom Wind hin- und herschaukeln und erzählten sich gegenseitig Geschichten. Und am Abend, kurz bevor es dunkel wurde, fanden sie sich wieder am Rand der Blumenwiese ein. Mit seiner Melodie wiegte Paneelo die Blumen in den Schlaf, und singend gab Luleila jeder Blüte einen Gute-Nacht-Kuss.
Wenn schließlich alle Blumen fest eingeschlafen waren, pflückte Paneelo von einer Pusteblume ein kleines Schirmchen und hielt es mit beiden Händen Luleila hin. "Sieh einmal, Luleila", sagte er. "Dies ist das Schirmchen von heute. Es soll durch die Welt fliegen und allen erzählen, wie schön unser Tag gewesen war." Und mit diesen Worten blies er den Schirm von seinen Händen und ließ ihn fliegen.
Gemeinsam blickten sie ihm nach, bis sie ihn nicht mehr sehen konnten, dann nahmen sie sich in die Arme.
"Schlaf gut, kleine Elfe."
"Gute Nacht, Paneelo. Bis morgen früh."
"Ja, bis morgen früh", rief Paneelo, und er sprang lachend nach Hause. Auch Luleila machte sich auf den Heimweg und summte leise Paneelos kleine Melodie.
So verging jeder Tag im Elfental, und die beiden Kinder waren glücklich, dass es genau so und nicht anders war.

Doch eines Morgens war plötzlich alles anders.
Der Himmel war dicht und grau, und die Sonne kam nicht hinter den dunklen Wolken hervor, als Luleila auf der Blumenwiese eintraf ...