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Foto: Julia Weißbrod
1971, geboren in Stuttgart
1990, Abitur in Mainz
1991/92, Studium der Freien Kunst (Malerei) in Saarbrücken
1992 bis 1999, Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft, Evang. Theologie
und Pädagogik in Mainz. Stipendiat des Evang. Studienwerks Villigst.
Magister Artium und Erstes Staatsexamen
1999 bis 2001, Referendariat in Stuttgart. Zweites Staatsexamen
seit 2001, Gymnasiallehrer für Deutsch und Evang. Religion in Stuttgart
Prosa
Jugendtheater
Lyrik
Literaturbetrieb
Seit 2003 Organisation des jährlichen Autorenseminars des rheinland-pfälzischen und saarländischen Schriftstellerverbands (VS).
Auszeichnungen
1996 Förderpreis zum Joseph-Breitbach-Preis (von Kultusministerium
Rheinland-Pfalz und SWF) für die Erzählung Odyssee.
2003 Literatur-Förderpreis der Stadt Mainz für Silvester, ein
Kapitel aus In den Schnee.
2007 MDR-Literaturpreis und Publikumspreis für die Erzählung
Ins Schwimmbad.
3
Schon vor einiger Zeit hat das Klirren von Geschirr aufgehört, das
zuvor aus dem Wohnzimmer zu hören war. Die Mutter ist also fertig.
Der Tisch festlich gedeckt; obwohl der Vater kein Doktor ist, hat er einen
gemacht, ein Grund zum Feiern. Zu welchen Formen sie die Servietten diesmal
gefaltet hat? Er könnte gucken, aber er möchte ihr keine Angst
machen, dass er alles herunterwirft, lieber möchte er, neben der Plastikwanne
mit den Legosteinen kniend, sich vorstellen, wie schön das aussieht,
die schlanken Stiele der Gläser, das Licht, das sich in ihren Wölbungen
fängt, die Kreise verschiedener Größe, kleine Teller, große
Teller, und unter allem das Tischtuch.
Drei Gedecke sind es, denkt er. Heute ist es Felix recht, dass Robert
bei der Osterfreizeit der Gemeinde mitgefahren ist, hat er so doch das
Kinderzimmer für sich. Und alle Legosteine. Alle Farben. Er beschließt,
ein Haus zu bauen für vier Bewohner – da darf der Bruder dabeisein.
Für den Vater nimmt Felix einen Achter mit doppelter Breite, für
die Mutter einen Sechser, für Robert einen Vierer und für sich
selbst auch. Aber dann ist er doch nicht zufrieden mit seiner Familie,
weil man die Bausteine nicht hinsetzen kann, und er schüttet die
ganze Wanne darüber aus, er liebt dieses tosende Klackern.
Mamas Schatten schiebt sich durch die Tür. Er wühlt im Haufen, als suchte er einen seltenen Stein. Einen, den es bloß einmal gibt. Sie setzt sich auf einen der Stühle in seinem Rücken, er weiß, dass sie glänzen wie Marmelade. Das Rot ist was Fröhliches fürs Kinderzimmer; Mamalade, denkt er. Die Großeltern haben ihre alten Stühle vorbeigebracht, und die Mutter hat sie im Keller lackiert. Abends sagte sie, dass der Lack viel zu dick gewesen sei. Ich bin so unpraktisch bei sowas! Aber ich bin auch keine Anstreicherin! Eine sehr gute Mutter, das bist du, sagte Papa, setzte sich in den Sessel und schlug die Zeitung auf. Ich bin Psychologin, verdammt nochmal. Nur weil ich alles abbrechen musste, als Robert kam –
Gern hätte Felix beim Lackieren geholfen, aber das war nichts für Kinder. Spring mir nicht im Weg rum, hat Mama gesagt, damit tust du mir den größten Gefallen. Im Verschlag daneben standen große Kartons, hinter die er kroch, ganz still saß er eine Weile da, hatte die Augen zu, er roch den muffigen Kellergeruch und schwach den scharfen des Lacks, er überlegte, wie lange die Mutter brauchen würde, ihn hier zu finden, wenn sie ihn suchte. Ein paar Tage später kam Papa ins Kinderzimmer und sah sich die Stühle genau an. Weißt du, was die haben?, fragte er ihn. Nasen an den Beinen! Da musste Felix lachen.
Der Junge steckt zwei Legosteine aufeinander. Dann presst er sie auf die Platte. Was wird das denn, mein Schatz? – ihre Stimme ist ein dünner Ast, auf dem ein Spatz sitzt. In einem Buch im Kindergarten heißt er Sperling, aber das Wort gefällt ihm nicht. Aus den Augenwinkeln kann er Mamas neues Seidentuch erkennen. Die grellen Farben sind zu zackigen Zöpfen verflochten. Seide schmeichelt der Haut, weißt du, sagte sie, als sie es gestern vom Einkaufen mitbrachte, und fuhr ihm mit dem Zipfel über Handrücken und Arm. Die lilanen sind seine Lieblingszacken. Was wird das denn, mein Schatz? Er guckt sich um.
Liest sie, sitzt sie anders: nicht Knie an Knie auf der Kante eines aufgefrischten Holzstuhls, sondern in der tiefen Kuhle des Sessels im Wohnzimmer. Dann hat sie die Beine übereinander geschlagen und ihr Rücken scheint mit dem Polster verbunden zu sein wie eine Schildkröte mit ihrem Panzer. Dann sagt sie nicht mein Schatz, wenn er unter der Brücke ihres Beins durchfährt, Motorengeräusche machend, Schätzele sagt sie dann, mit hoher erster Silbe. Stellt er sich neben die Armlehne, liegen die Buchstaben klein und eng auf der Doppelseite, die ihr Daumen niederhält, wie die abgeschnittenen Haare beim Friseur auf dem Boden. Die werden am Schluss zusammengekehrt zu einem schwarzen Wust. Was Schönes, sagt er.
M-hm! Und was denn Schönes?
Ein Schloss.
Ach, ein Schloss! Mit schönen Möbeln und Türmen. Weißt
du was, da kannst du ja in einem hohen Turm ein Zimmer für die Mama
bauen. Er klopft einen Stein gegen den Boden der umgekippt daliegenden
Plastikwanne, immer im Takt. Wieso sind die Platten alle grün, fragt
er sich, wo es doch gar keine grünen Legosteine gibt?
Weißt du, manche Schlösser haben einen besonders hohen Turm,
von dem man bis zu den hintersten Bergen gucken kann. Früher stand
oben auf der Zinne ein Wächter und passte auf. Tag und Nacht. Wenn
er einen Fremden erspähte, blies er in ein Horn, damit die unten rechtzeitig
die Zugbrücke hochziehen konnten. Vorsichtshalber.
Aber nachts sieht er doch gar nichts!
Dann hat er eine Lampe.
Ich würde nachts schießen. Mit nem Gewehr.
Die hatten früher noch keine Gewehre.
Und was hatten die dann?
Schwerter.
Dann würd ich mein Schwert schmeißen.
Er hört ihr Lächeln. Das Bauen hat er nun endgültig aufgegeben,
er hockt, die Fersen am Boden, guckt gegen einen Bettpfosten.
Was ist denn ne Zinne?
Das Eckige oben auf der Mauer. Das, was du malst, wenn du eine Burg malst,
Schatz.
Aber das wird keine Burg! Das wird ein Schloss! Mit Gewehren. Ein Schloss
mit nem Krieg drin. Und außerdem wird das gar kein so ein Schloss,
sondern eins zum Zuschließen. Wild wühlt er im Kreis, mit dem
ganzen Arm, schleudert alles weg, bis die Mitte des Legobergs, die Mitte
des Kinderzimmers ein sauberes Loch ist, ein Krater. Der Scheißmann,
sagt sie.
Aufgesprungen ist sie, zum Fenster gelaufen, zur Tür und wieder zum Fenster, dort steht sie nun, er sieht ihren dunklen Rücken gegen das Dämmerlicht von draußen, das Halstuch sticht hell ab. Durch den Fensterspalt bäumen sich die Geräusche der Autos auf und legen sich, noch eins und noch eins; Papas Kadett würde der Junge gleich heraushören. Der Lamborghini Countach fällt ihm ein, der Spitzentrumpf in seinem Quartettspiel. Er ist so flach, dass er unter der Luft durchschießen kann. Dreihundertfünfundsiebzig PS hat er und fährt dreihundertfünf. Mit ihm kann man nicht verlieren. Mir reicht's, sagt die Mutter und drückt sich vom Fenstergriff ab. Dann soll er doch ganz wegbleiben. Wenn er nicht mal heute, wo ich extra – Der Scheißmann! Die Mutter sitzt auf dem Stuhl. Sie weint. Als er vor ihr steht, nimmt sie Felix und hebt ihn auf den Schoß, er weint auch, sie presst ihn an sich, ich mal dir ein Pferd, Mama, sagt er an ihrem zuckenden, parfümierten Hals. Mein Schatz.
Als Erster hörte er das Klirren des Schlüsselbunds. Zunächst
entfernten sich die Schritte Richtung Wohnzimmer, aber dann kam Papa herein.
Er drückte den Lichtschalter, und sie schrie: Wo kommst du jetzt her?
Was meinst du eigentlich, was ich hier den ganzen Tag – Dein Fest,
hab ich gedacht, unser Fest! Du hättest ja wenigstens anrufen können!
Aber nein, die Frau daheim, die wartet ja gern! Die hat ja sonst nichts
zu tun! Weißt du was? Du kannst mich! Du und dein Professor und deine
Kollegen und Kongresse und charmanten Sekretärinnen! Ihr könnt
mich alle! Hau doch ab, Herr Doktor Flamm! Der Vater sank in den Stuhl,
von dem sie aufgesprungen war, lehnte sich zurück, nicht einmal heftig,
doch die Verzapfungen der Lehne knackten. Ein Blumenstrauß, den er
mitgebracht hatte, lag auf seinen Schenkeln, noch im Papier. Der Bub sah
ihn Luft holen wie beim Schwimmen, bevor man taucht, aber dann senkten
sich Schnurrbart und Kinn nur wieder. Die Mutter war schon heiser, als
der Vater auf einmal den Strauß auf den Boden warf zwischen die Spielsachen.
Aus dem Mund stand ein dicker, schwarzer Filzstift, mit dem er die Sätze
der Mutter einen nach dem anderen durchstrich. Draußen war es dunkel,
hinaussehen konnte man nicht mehr. Wie eine Marionette wirkte der Vater,
als er aufsprang und den Arm nach oben riss. Ein Mal, fauchte sie, mach
das ein Mal! Der Junge hatte die Augen zugekniffen wie beim Seepferdchen,
beim Sprung vom Beckenrand, und dachte nur A-rot-vier und E-gelb-eins und
R-braun-sieben, Buchstabe und Farbe und Zahl, zusammengezaubert seit Schöpfungstagen.
Als er sie zu öffnen wagte, hatte Papa die Lehne gepackt, zitternd,
die Zähne gebleckt, bevor er den Stuhl auf den Kopf stellte und die
Beine eins, zwei, drei knickte. Der Lack sprang ab, das Holz riss faserig
wie Fleisch, Mamas Stimme fuhr in die Luft. Am Boden waren die Beine dann
merkwürdig klein, Mikadostäbe, Salzstangen, das passte zu dem
Geschmack, den er im Mund hatte. A-rot-vier sagte er so leise, wie eine
Schleichkatze schleicht. Ein Bein hatte Papa unversehrt gelassen; sehr
lang stand es aus der Unterseite der Sitzfläche, die Mama nicht mitlackiert
hatte.
Später sind sie im Wohnzimmer. Der Tisch ist abgeräumt. Alles
kam direkt zurück in den Schrank, es musste ja nichts gespült
werden, nur die Servietten nahm die Mutter, knüllte sie alle zusammen
und warf sie in den Müll. Die Tischbeine erinnern den Jungen an
Pfähle eines Badestegs. Wie in dem großen Wimmelbilderbuch
von Ali Mitgutsch. Dort sitzen Kinder darauf, turnen darauf herum, irgendeins
ertrinkt oder winkt mit hochgereckten Armen, ein anderes schleckt Eis.
Massenhaft Kinder; er hat einmal versucht, sie zu zählen, aber dann
nicht mehr gewusst, bei welchem er angefangen hatte. Auf dem glänzenden
Tisch befinden sich nur die zwei aufgestützten Unterarme. Zwischen
den Fingerknöcheln Papas dunkle Stirn. Unter der Hängelampe
leuchtet die kleine, runde Glatze, das Haar darum ist schwarz wie seins.
Mama klebt im Sessel. Ihr Gesicht ist wie mit einem harten Ratzefummel
radiert, sodass nichts weg ist, aber alles verschmiert. Das Wort hat
ihm der Bruder beigebracht, er hat es aus der Schule; was Robert macht
jetzt gerade? Als die Mutter letztes Wochenende Oma besuchte, waren sie
zu dritt Hähnchen essen. Heute bleibt die Küche kalt, heut
gehn wir in den Wienerwald, sang der Vater am Steuer, während seine
Finger über die Handbremse krabbelten und Felix zwickten. Von Papas
Bier bekam nur Robert etwas ab: Da, Großer. Ist ja bloß Schaum,
gell? Aber sag der Mama nichts davon. Vom Hähnchen gab Papa seinem
jüngeren Sohn jedoch ein großes Stück leckere knusprig
braune Haut. Wenn es nach Felix ginge, müsste man das bestellen
können, nur Haut, so viel man will.
Obwohl er nichts zu Abend gegessen hat, hat er keinen Hunger, als er endlich ins Bett gebracht wird, aber Durst. Während die Mutter ein Glas Tee holt, sieht er sich im Kinderzimmer um, der Boden ist wieder frei. Dann bemerkt er, die ganzen Sachen sind vor Roberts Bett mit der glatt gestrichenen Decke geschoben worden, auch der Blumenstrauß im Einwickelpapier.