LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfälzische Autor/innen vorgestellt

Clara Herborn

Clara Herborn: Zufallgeboren 1978 in Mainz
Mutter Wiebke Herborn (Bildmischerin/ZDF), Vater Ernst-Hans Herborn (Redakteur/ZDF)
1997 Abitur an der Integrierten Gesamtschule Mainz
1997/98 Reisen durch Irland, Schottland, Nordafrika, Ostafrika, Spanien
Seit 1998 Studium der Filmwissenschaft und der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Johannes Gutenberg Universität, Mainz
1999 nominiert zum Glaser-Förderpreis mit dem Text »Die Metropole«.
Kontinuierlich: Lesungen in Mainz (u.a. Frankfurter Hof, Kulturtelefon, Kulturcafé, Barlounge Schick&Schön, Literaturbüro, Caveau, Radio).
Arbeit an erster Novelle soeben beendet.
Lieblingsmusik: Refused, Sepultura.
Größter Wunsch: dass der Dalai Lama nach Tibet zurückkehren darf.

Zufall


Clara Herborn: Zufall "Das Einzige, was ihnen […] helfen konnte, war der Zufall", schlussfolgert Kommissar Malminger in der gleichnamigen Erzählung – und übersieht dabei das Wesentliche, nämlich dass die paradoxe Struktur des Zufalls längst wirkt, jedoch alles andere als hilfreich ist. Die Protagonisten irren durch eine diffuse Welt, in der das Detail zum Fragment gerät, das Selbstverständliche zum Unwahrscheinlichen, wo Raum und Zeit ihre Bedeutung verlieren – bis nur noch eine Vermutung zulässig scheint: "Es war ein Traum, der sicher bald, wahrscheinlich demnächst, aufhören würde." Aber es hört nicht auf … Und so stellt sich die Frage: wenn etwas weder Traum noch Realität ist, was ist es dann? Zufall?

Clara Herborn: Zufall. Erzählungen.
Rhein-Mosel-Verlag. Edition Schrittmacher.
80 S., ISBN: 3-89801-206-9
Preis: 9,90 EUR

Robinson (Auszug aus »Zufall«)

Alexander blinzelte. Er starrte mit zusammen gekniffenen Augen hinter hochgehaltener Hand in die grelle Sonne am strahlend blauen Himmel. Dann sah er um sich, musterte den weißen Strand, die ovale Form der Lagune. Hinter ihm begann ansteigendes Buschwerk, die Zweige verdichteten sich, eine Art Wäldchen. Alexanders Finger gruben sich in den weichen Sand. Für einen Moment sank er zurück, mit dem Gefühl wochenlangen Urlaubs und endloser Entspannung. Er seufzte. Zuckte zusammen. Setzte sich hin. Moment mal. Alexander sah sich erneut um. Er sprang auf: wo war er? Und woher, er griff sich mit beiden Händen an den Hinterkopf, kam dieser dröhnende Schädelschmerz? Er starrte auf seine mit Blut benetzten Fingerspitzen. Dann drehte er sich um und sah weit hinaus, aufs offene Meer. Was für ein seltsamer Traum, dachte er.
Alexander lag im Schatten einer Palme und ließ weißen Sand durch seine Finger rieseln. Der Sand wirkte echt, er war so naturgetreu nachempfunden, dass selbst die winzigsten Quarze, Alexander führte die Handfläche zum Auge, verschiedene Umrisse hatten. Er sah auf, zum Himmel, schirmte die Augen mit der Hand ab: sogar die Sonne wanderte. Wie im wahren Leben. Alexander ließ die Hand sinken. Nur, dass das hier unmöglich das wahre Leben sein konnte. Es war ein Traum, der sicher bald, wahrscheinlich demnächst, aufhörte. Wie sollte er denn hierher gekommen sein? Er runzelte die Stirn, schloss die Augen. Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war eine Halle mit Bildern, ein Museum oder eine Ausstellung, zu deren Besuch Vivien ihn gedrängt hatte. Er sah ganz deutlich Viviens Gesicht vor sich, die blondierten Haare, den dunkel herauswachsenden Ansatz, den grellroten Lippenstift auf ihren Schneidezähnen. Alexander schlug die Augen auf. Und was, wenn er und Vivien eine Bootsfahrt gemacht hatten und das Boot verunglückt war? Er strich sich über das bereits stoppelige Kinn. Sah auf seine zerrissene, dunkle Anzughose. Das klang, er schaute wieder mit großen Augen aufs Meer, in Anbetracht der Lage - vorausgesetzt er war nicht seelisch divergent und saß gerade mit Vivien beim Abendessen im Hotel - äußerst plausibel. Aber wo war Vivien dann? Alexander sprang auf und spähte zu den Felsen, jenseits der Lagune.
"Vivien?", schrie er, die Hände trichterförmig um den Mund gelegt. Und verharrte. Er hörte die fernen Schreie der Möwen, die am Himmel kreisten, und das ewige Rauschen der Wellen.
Als es dämmerte wurde der Durst unerträglich. Alexander erinnerte eine Verfilmung von Robinson Crusoe, die er als Kind im Kino gesehen hatte. Er musste nur eine Kokosnuss finden und den Saft trinken. Sich vor Übelkeit den Magen haltend, richtete er sich an der Palme auf und musterte die Krone. Hier hing keine Kokosnuss. Vielleicht dort drüben. Er humpelte gebückt vorwärts … Die Sonne ging unter, aber das machte nichts, denn er hatte alle Palmen im Umkreis abgesucht und keine Kokosnuss gefunden. Er setzte sich auf den Sand. Dann legte er sich hin. Der Sand kühlte ab. Wind kam auf. Alexander zog das dünne Hemd enger um sich, krümmte sich zusammen und begann zu zittern. Wenn er doch wenigstens Schuhe anhätte … Das alles ist nicht echt, hörte er seine eigene Stimme sagen, nur ein Traum. Und nach dem Aufwachen würde er als Erstes ein großes Glas kalte Milch trinken. Oder lieber Wasser. Viel Wasser. Er konnte es rauschen hören das Wasser, wie es in großen Bächen seine Kehle hinabstürzte, kühl und geschmeidig, plätschernd und rauschend. Alexander setzte sich auf. Geblendet starrte er auf den Horizont, über ihm schrie eine Möwe, sein Kopf pulsierte schmerzend. Die Sonne stand senkrecht am Himmel. Alexander robbte rückwärts in den Schatten der Palme, unter der er gestern gelegen hatte. Okay, dachte er. Er war also wirklich hier. Zumindest musste er davon ausgehen. Er ertastete die inzwischen verkrustete Wunde an seinem Hinterkopf. Er musste sich an einem Felsen aufgeschrammt haben. Daher die Verwirrung. Mühsam stand er auf, seine Glieder schmerzten, sein Hals war ausgedörrt, schlucken unmöglich. Eigentlich war doch alles halb so schlimm. Irgendwo hier musste ein Hotel in der Nähe sein. Oder zumindest ein Dorf. Alexander trat zwischen die Büsche und bog weitere Zweige auseinander. Seine Waden verkratzten, Dornen rissen sich in sein Fleisch, er trat in etwas Spitzes. Aber er ging weiter. Immer vorwärts. Es war bestimmt nicht mehr weit. Nach einer Weile bemerkte er, dass ihm schon die ganze Zeit zwei Zeilen eines Popsongs durchs Gehirn spukten: Oh not I, I will survive … Alexander blieb keuchend stehen und beugte sich vornüber. Vom wem war das Lied, ein Diskohit aus seiner Jugend, noch gleich gewesen? Er hatte im Gemeindehaus oft darauf getanzt. Er blickte auf. Durch die Zweige sah er etwas Blaues schimmern. Na endlich, das musste der Hotelpool sein! Er sprang vor, bog ein paar Palmwedel beiseite – und starrte auf das endlos sich erstreckende, einfarbige und immer gleichförmige Meer. Alexander drehte sich nach rechts und ging in die andere Richtung. Hier wurde der Boden felsig und uneben. Er schürfte sich die Fußsohlen an dem rauen rötlichen Gestein auf. I will survive, wiederholte er in Gedanken. Die ganze Zeit über verfolgte ihn das Murmeln der Wellen, der ermüdende, unzerstörbare Rhythmus der Gezeiten. Durchwirkt von feinerem Plätschern, wie klingendes Silber, er machte einen Schritt nach links und starrte auf das feine Rinnsal zwischen den Steinen unter seinen Füßen. Er rannte, folgte dem Rinnsal. Und richtig! Hier war ein Bach! Er warf sich auf die Knie und trank mit dem Gesicht im warmen Wasser …
Als es dämmerte, lag er wieder unter der Palme in der Lagune. Er hatte die Insel zwei Mal umrundet. Der Strand führte nicht gänzlich herum, er hatte ein gutes Stück schwimmen müssen und sich die Knie an den Felsen unter Wasser aufgeschlagen. Er schätzte den Umfang der Insel auf etwa sechs, vielleicht sieben Kilometer. Alexanders Magen zog sich schmerzhaft zusammen und gab ein brodelndes Geräusch von sich. Jetzt ein Steak, schön blutig, mit Kroketten und Salat dazu, sein Leibgericht. Er schluckte schwer. Oder doch lieber etwas ganz Schlichtes, wie ein Käsebrot, oder Baguette, in Olivenöl getränkt … er erinnert sich an den Weihnachtsbraten, gefüllte Gans, und wie Vivien ihn Schritt für Schritt präpariert hatte. Er schloss die Augen und schmeckte jede einzelne Nuance der Soße auf der Zunge, dazu der 89er Rotwein – er besann sich und ersetzte den Rotwein durch ein Glas Cola. Zur Nachspeise gab es, wie an Weihnachten, Champagner-Sorbet mit einer leichten Himbeernote. Danach rauchte er eine filterlose Zigarette und nahm einen Scotch, straight.
"Not I" sang Alexander leise, und schenkte sich das Glas erneut voll. Den Doppelten konnte er, nach alledem, gut gebrauchen.
Es wurde hell. Alexander trank aus dem Bach. Die Bauchkrämpfe und das Hungergefühl hatten nachgelassen. Es wurde dunkel. Er deckte sich mit mehreren Palmwedeln, Laub und Moosflechten zu. Eng an den Stamm der Palme gepresst war es weniger kalt. Es wurde hell. Alexander trank. Er hatte Magenkrämpfe und Durchfall. Er zitterte: Ob das wohl von den roten Beeren kam, die am Bach wuchsen? Es wurde dunkel. Alexander stand am Strand der Lagune und betrachtete mit zurückgelegtem Kopf den pompösen Sternenhimmel, wie es ihn nur über dem Ozean gab; die Sternbilder wanderten. Es war ja eigentlich egal, dachte er, ob er hier war, oder nicht. Falls er in Wirklichkeit gerade neben Vivien im Doppelbett der Hotelsuite lag, um so besser. Aber ob man Magenkrämpfe und Durchfall derart realistisch halluzinieren konnte? Wenn er also tatsächlich mit dem Boot verunglückt und auf einer winzigen, einsamen Insel gestrandet war, es lief auf dasselbe hinaus: Er war hier – oder auch nicht, glaubte hier zu sein, und war dort, war dort und vermutete, dass er hier… Alexander ließ sich rückwärts in den Sand fallen. Er lachte. Er wälzte sich im Sand und lachte. Rollte umher und warf den Sand mit beiden Händen in die Luft. Er rollte ins Wasser, Wellen spülten ihm in die Augen, er johlte, hielt sich den Bauch, verschluckte sich am Salzwasser. Danach saß er unter der Palme, zitternd vor Kälte, wippte vor und zurück und sang sein Lied.
Es wurde hell, dunkel. Heiß, kalt. Er aß Wurzeln und Gräser. Er trank Wasser. Pinkelte und entleerte sich. Deckte sich mit Laub zu. Schlief und wachte auf. Er war sich sicher, dass Vivien bei dem Bootsuntergang ertrunken war. Alex! rief sie, im Wasser strampelnd, Hilf mir! Dann ging sie unter und eine Welle schleuderte ihn mit dem Kopf auf einen Felsen … Alexander saß oder stand da, er lag, sah den Schatten der Palme wandern, verblassen, Tag, Nacht, er sah den Sonnenuntergang in den ausgefeiltesten Variationen und Farben und das Funkeln der Sterne immergleich und phantastisch, wie die Sternbilder zogen, und die Winde trugen verschiedene Gerüche mit sich, die er nicht kannte, aber allmählich wiedererkannte. Er erinnerte sich mit offenen Augen im Schatten der Palme kauernd an die winzigsten Details seiner Kindheit, wie auf Agfa Color sah er einen blauen Fussel auf dem roten Teppich im Wohnzimmer seines Elternhauses und er saß im Baumhaus mit seinem jüngeren Bruder Thorsten, der vergangenes Jahr gestorben war.
"Bin ich wirklich hier, bei dir?", fragte er Thorsten in der Erinnerung, obwohl er bezweifelte, dass er es ihn damals tatsächlich gefragt hatte.
"Du kannst deine Erinnerungen ruhig verändern, Alex", antwortete Thorsten.
Mehrere Stunden lang dachte er darüber nach, ob es wirklich gut wäre, seine Erinnerungen zu verändern und der Situation anzupassen. Vielleicht, sogar sehr wahrscheinlich, waren es Tage, in denen er in seinen Erinnerungen schließlich machte, was er wollte: Er schlief mit Mädchen, die ihn im wirklichen Leben nicht gewollt oder gar nicht gekannt hatten, er fügte die Köpfe von Filmstars an die Körper seiner Exfreundinnen, er erreichte nie gekannte Zustände des besinnungslosen Zuckens durch die Onanie.
Er gähnte und streckte sich. Er blinzelte mit zusammen gekniffenen Augen in die grelle Sonne am strahlend blauen Himmel. Dann sah er um sich, musterte den weißen Strand, die ovale Form der Lagune. Seine Finger gruben sich unablässig in den weichen Sand. Er atmete ruhig, spürte die Sonne auf der dunkelbraunen, nackten Haut und sah weit hinaus, aufs Meer. Er war wirklich hier. Das alles war echt. Er war auf einer einsamen Insel gestrandet. Wie Robinson Crusoe, wie die Schauspieler in den Kinofilmen. Und er würde - nie wieder hier weg kommen. Er seufzte laut.
"Nie mehr!", sagte er, "nie-nie mehr."
Hier gab es Spinnen und Blutegel, ein paar kleine Schlangen, Möwen. Sonst nichts. Und nicht, dass er deren Gesellschaft nicht zu schätzen gewusst hätte. Nicht, nach allem was Vivien ihm angetan hatte. Sicher waren der Kerl, den er unter ihrem Hotelzimmerfenster hatte herumlungern sehen und derjenige mit dem Boot, der ihn niedergeschlagen und hierher verfrachtete hatte, ein und derselbe gewesen. Danach waren der dumme Jüngling und Vivien mit seinem Vermögen durchgebrannt und hatten ihn hier zurückgelassen: damit er stürbe. Er musste nur noch ein passendes Gesicht für den Mann finden, er schwankte zwischen dem von Brad Pitt, in dessen Filme Vivien – sie dachte wohl, er merke es nicht – ihn mehrmals gezerrt hatte, und dem von Bruce Willis in Twelve Monkeys.
"Willis", murmelte er, "Willis macht das Rennen."
Er schloss die Augen und stellte sich vor, er würde den Motor des Bootes hören. Sie, Vivien, und eine dunkelhäutige, leicht schlitzäugige Ausgabe von Bruce Willis fuhren ihn (bewusstlos am Boden des Bootes liegend) zur Insel. Der Bootsmotor wurde lauter, das Boot kam näher. Er musterte es durch halb gesenkte Lider, ein kleines weißes Boot mit einem Außenbordmotor, ziemlich veraltet. Er hörte den Motor, er sah das Boot tatsächlich vor sich, es hielt auf die Bucht zu, an Bord waren zwei Personen zu sehen, ein Mann und eine Frau.
Er setzte sich auf, das Boot war verschwunden, die Sonne ging unter. Er warf einen Seitenblick auf Thorsten, der in einiger Entfernung am Wassersaum stand. Er fröstelte. Er hatte sich, vermutlich, doch geirrt. Er war nicht hier, konnte nicht hier sein, und auch das war von wenig Bedeutung. Was hieß es schon, ob er wirklich in seinem Haus gewesen war, in seinem Büro, oder: Ob es Vivien je gegeben hatte? Er versuchte, ihr Gesicht vor sich zu sehen. Aber es blieb verschwommen, undeutlich. Als es dunkel geworden war, kam Thorsten herüber und legte sich neben ihn auf das Lager aus trockenem Laub. Auch Thorsten, dachte er, ist nicht echt. Thorsten rückte seine Brille zurecht, zuckte die Schultern, lächelte, und sagte:
"Du doch auch nicht."