Gabriele
Keiser (Ps. f. Gabriele Korn-Steinmetz), *1953 in Kaiserslautern. Aufgewachsen
in einem Dorf in der Westpfalz, wo es in den Wäldern ringsum noch die
legendären "Elfedritsche" gibt. Sie schreibt seit ihrer Kindheit.
Nach dem Hauptschulabschluss erlernte sie zunächst den Beruf der Apothekenhelferin.
In Marburg, wo sie in den 70er Jahren lebte, holte sie das Abitur am dortigen
Abendgymnasium nach. Ein Studium der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik
in Heidelberg und Marburg schloss sich an. Längere Zeit verbrachte
sie in Seattle, in Lille und in Wien.
1998 kehrte sie mit ihrer Familie nach Rheinland-Pfalz zurück und lebt
seitdem in Andernach am Rhein. In diesem Jahr erschien auch ihr erster Roman
"Mördergrube" bei Reclam Leipzig. Als Pseudonym wählte
sie den Mädchennamen ihrer Mutter. Seither Veröffentlichung zahlreicher
Kurzkrimis in Anthologien, Zeitungen und Zeitschriften. Im letzten Jahr
kam eine Sammlung ihrer Kurzkrimis unter dem Titel "Lust am Morden"
(Kontrast Verlag) heraus.
Unter ihrem richtigen Namen ist Gabriele Korn-Steinmetz auch als Rezensentin
und Kulturjournalistin tätig.
Mitgliedschaft im "Syndikat" und bei "Sisters in Crime".
In Zusammenarbeit mit Schreibpartner Wolfgang Polifka hat sie die Serienfigur
der Kriminalkommissarin Julia Labouche entwickelt. Diese Krimis werden unter
dem Pseudonym Lea Wolf veröffentlicht. Das Debüt "Kalt ist
der Schlaf" (2003) ist bereits in die zweite Auflage gegangen. Der
Nachfolger "Im roten Schein der Nacht" erscheint demnächst.
[Foto: Frederik J. Steinmetz]
Leseprobe "Der Tierschützer" aus: "Lust am Morden" (Kontrast,2003). Erstmals erschienen in: Coelen/Schmitz: "Teuflische Nachbarn" (Scherz, 2001)
Eine Amsel hüpfte grazil drei Schrittchen vorwärts und bohrte
ihren gelben Schnabel in den sattgrünen Rasen. Dann zerrte sie unbarmherzig
einen heftig sich ringelnden Wurm aus seinem Versteck und verspeiste ihn
auf der Stelle. Diesen interessanten Vorgang konnte ich in allen Einzelheiten
mit meinem Fernrohr beobachten. Als ob ich daneben stünde. Und natürlich,
ohne dass sich die Amsel in irgendeiner Weise beobachtet fühlte.
Ich drehte die Linse ein wenig in die Höhe und fixierte ein bestimmtes
Fenster im rechten Nachbarhaus. Derjenige, der mein Herz zum Hüpfen
brachte, war noch nicht aufgestanden, wie die geschlossenen Rolläden
vermuten ließen. Ich hatte auch nichts anderes erwartet. Schließlich
wusste ich um die Gewohnheiten des Mannes, der um diese frühe Morgenstunde
stets noch selig schlummerte.
Ich schwenkte das Fernrohr ein Stockwerk tiefer, wo das Fenster bereits
offenstand. Die Sanders war schon wach und wuselte im Nachthemd mit käsigem
Gesicht und mit verstrubbeltem Haar in ihrer Küche herum. Die hatte
bestimmt wieder gesoffen gestern Abend, so wie die aussah. Wie oft hatte
ich sie schon beobachtet, wenn sie mit einem Korb voll leerer Flaschen in
ihre Garage schlich und zehnmal um sich guckte, ob auch ja keiner mitbekam,
dass sie heimlich das Glas entsorgte.
Aber meinem scharfen Auge entging nichts. Obwohl ich schon ein wenig Mitleid
hatte mit diesem vom Leben gerupften Geschöpf. Gott, sie war einsam.
Und was tat man nicht alles, um diese Einsamkeit vergessen zu machen. Schließlich
wusste das niemand besser als ich.
Seit ich dieses Gerät besaß, hatte ich alles im Blick, was mein
kleines Umfeld betraf. Das windschiefe Häuschen zur Linken bewohnte
der alte Lechner allein, aber das mehrstöckige Haus direkt hinter meinem
Gartenzaun bot mir viel spannendere Unterhaltung als jedes Fernsehprogramm.
Ich wusste, dass es das Pärchen im ersten Stock ziemlich oft ausgelassen
und in voller Blöße auf dem Wohnzimmersofa trieb. Nur gut, dass
sie es meistens nicht bis in die Betten schafften, denn das Schlafzimmer
lag auf der Rückseite des Hauses. Da sie ihren Gelüsten vorwiegend
bei hochgezogenen Rolläden nachgaben und ein dünner Vorhangstoff
kein wirkliches Hindernis für mein vortreffliches Sichtgerät bedeutete,
bekam ich ?Peep-Show live? geboten.
Mir blieb nicht verborgen, dass die dralle Frau Ott aus dem Dachgeschoss
manchmal ihren zwergenhaften Gatten verprügelte - wofür ich im
übrigen volles Verständnis hatte. Einem solchen Waschlappen, der
seit weiß Gott wie langer Zeit schon tagein tagaus nichtsnutzig auf
dem Sofa herumfläzte, hätte ich auch öfter mal eine gescheuert.
Seit Waldi das zeitliche gesegnet hatte und ich deshalb nicht mehr gezwungen
war, jeden Tag nach draußen zu gehen, waren solche Beobachtungen meine
kleinen täglichen Freuden. Irgendwas braucht der Mensch schließlich,
an dem er sich ergötzen kann. Besonders der ältere Mensch, der
allzu leicht von der Gesellschaft an den Rand geschoben wird.
Ich hätte nie geglaubt, wie interessant es sein konnte, am Fenster
zu sitzen und Leute zu beobachten, die sich unbeobachtet fühlten. Da
lernte man die wahre Natur des Menschen kennen und nicht seine zivilisierte
Maske, die er sonst zu zeigen pflegte, wenn er einem von Angesicht zu Angesicht
gegenüberstand. Auf diese Weise wusste ich mehr über die Menschen
in meiner unmittelbaren Umgebung als jeder andere Nachbar.