LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfälzische Autorinnen und Autoren vorgestellt

Jens Lossau

Foto Jens Lossau*1974 in Mainz, aufgewachsen in Alzey/Rheinhessen. Nach einer Ausbildung zum Buchhändler arbeitet Jens Lossau heute als Bildungsreferent sowie als Autor und Lektor in Alzey. Im Internet: www.jenslossau.de

Veröffentlichungen

Auszug aus "Die Schlafwandler"

Lina liebte das Gonsbachtal. Wenn sie dort spazieren ging, hatte sie das Gefühl, man hätte sie in das Auenland aus Tolkiens Herr der Ringe versetzt. Hatte sie erst einmal das Wohnviertel und die Parkanlagen, die Mütter mit kreischenden Kleinkindern bevölkerten, hinter sich gelassen, war es, als würde sie in eine Fantasywelt eintauchen. Ein Flüsschen schlängelte sich durch die Graslandschaft, über das eine kleine Holzbrücke führte. Es hätte Lina nicht überrascht, wenn ihr im nächsten Augenblick der Zauberer Gandalf auf seinem Pferd entgegenkommen wäre.

Es herrschte herrliches Sommerwetter. Eine Weile lief sie am Bach entlang. Vögel zwitscherten in den Bäumen. Der Stoffrabe Hugin lugte aus ihrem Rucksack und betrachtete interessiert die Gegend. Sie setzte ihn auf das Geländer der Holzbrücke und blickte von der nahen Eisenbahnlinie zu den in den Hang gebauten Häusern.

»Was meinst du, Hugin? Hier wäre auch ein schöner Platz zum Wohnen. Willst du hier wohnen?« Sie blickte sich um, da sie plötzlich das Gefühl hatte, dass unsichtbare Augen sie beobachteten. Weit und breit war jedoch niemand zu sehen.

Hugin wollte auch gerne in einem der Märchenhäuser wohnen, gab aber zu bedenken, dass man durch die nahe Eisenbahnlinie, die nach Alzey führte, eventuell gestört werden könnte.

»Sag mal, kannst du mir erklären, was in letzter Zeit mit Ferdinand los ist? Du kennst ihn doch schon viel länger als ich. Ist er überarbeitet? Ist er krank? Warum bricht er plötzlich den Kontakt zu seinem Vater ab?«

Hugin wusste es auch nicht.

Du glaubst wirklich, dass diese Stoffraben am Leben sind, erschallte die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf. Kind, mit dir geht es wirklich bergab. Lina brachte die Stimme zum Schweigen, indem sie laut weiter sprach.

»Das ist wahrscheinlich alles Blödsinn, nicht wahr? Die Verlustängste eines unsicheren, pathetischen Mädchens, das immer mit dem Schlimmsten rechnet. Aber fällt dir nicht auch auf, dass Ferdinand andauernd etwas hat? Erst war es der Magen – Blähungen und Durchfall. Dann der Kopf. Und in letzter Zeit hat er immer wieder mit dem Kreislauf zu kämpfen. Jetzt mal im Ernst: Das bilde ich mir doch nicht bloß ein. Du hast das doch auch bemerkt!«

Lina ließ Hugin nicken.

»Dauernd glaubt er, er hätte Fieber. Eigentlich ist er doch gar kein … wie heißt das? – Hypothalamus? Nee, das ist irgendwas im Gehirn. Du weißt, was ich meine. Dings … ähm, Hypochonder. Was ist los mit ihm? Was soll ich unternehmen?«

Du solltest erst mal dein Pathos abschalten, sagte Hugin. Und dann solltest du nach Hause gehen, ihm Fieber messen und endlich einen Arzt hinzuziehen. Der kann ihm ja mal Blut abnehmen. Wenn die Werte in Ordnung sind, brauchst du dir keine Sorgen um seine physische Stabilität zu machen. Weißt du, was dein Problem ist? Du bist damit beschäftigt, alles unter deiner Glocke so luftdicht abzuschließen, dass du bei dem leisesten Anzeichen von Veränderung durchdrehst. Rede mit ihm. Sei für ihn da. Ich kenne sein Geheimnis auch nicht. Du musst Geduld haben, er wird dir den Inhalt seiner geheimen Geheimniskiste schon noch zeigen.

Manchmal kam es ihr vor, als gäbe es zwei Ferdinands – den sensiblen, verträumten Ferdinand, der gut zuhören konnte und gern Witze erzählte, und bei dem es weder das Große Egal noch das hysterische Pathos gab.

Und auf der anderen Seite war da der egozentrische Ferdinand, der sich nur um seinen Kram kümmerte und aggressiv auf jede Störung von außen reagierte, der Ferdinand voller Geheimnisse, verschlossen wie eine Auster.

Aber du weißt, warum das so ist, nicht wahr?

Lina nickte. Natürlich wusste sie es.

Weil unter der Schale alles weich und verletzbar war.

»Darf ich mich vorstellen«, ertönte es plötzlich direkt neben ihrem Ohr, sodass sie erschrocken zusammenzuckte.

Aus dem Nichts war ein alter, vornehm gekleideter Mann erschienen. Er trug einen schwarzen Anzug und eine gepunktete Seidenkrawatte. Seine zurückgekämmten Haare schimmerten silbern in der Sonne, aber er hatte ein glattes, junges Gesicht, sodass es unmöglich war, sein Alter zu schätzen. Irgendwo zwischen vierzig und siebzig.

»Huch! Sie haben mich aber erschreckt. Wo kommen Sie denn so plötzlich her?«

Der Mann spaltete seine Lippen und offenbarte zwei Reihen rostfarbener Zähne. »Entschuldigung, ich wollte Sie nicht beunruhigen.« Er beugte sich hinab und zog sein Hosenbein hoch, um sich eine haarlose Wade voller Krampfadern zu kratzen. »Entschuldigen Sie, diese verdammten Mücken.«

»Ja, die Biester sind in diesem Jahr besonders schlimm. Ähem.« Lina starrte auf die Wade, die so blau von dicken Venen war, dass man sie für einen anatomischen Vortrag hätte benutzen können. »Kennen wir uns von irgendwoher?« Instinktiv hielt sie ihren Raben wie einen Schutzschild vor sich.

»Mein Name ist Porchert.« Der Mann richtete sich wieder auf und tat so, als zöge er einen unsichtbaren Hut. »Wir sind uns noch nie persönlich begegnet.«

Aber du kennst mich, dachte Lina.

»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«

Der Mann mit Namen Porchert stieß ein abgehacktes Lachen aus. Es klang tonlos, so als habe er das Lachen erst im Alter erlernt. Er benutzte es, wie man ansonsten Vokale benutzt.

»Nein, Sie können mir nicht behilflich sein, Frau Kessler.«

Ein Fan. Oder ein Literaturwissenschaftler oder Dozent für Kunst oder Germanistik oder Politikwissenschaft oder weiß der Geier was. Bestimmt würde er gleich versuchen, sie in eine Diskussion zu verstricken. Lina überlegte, wie sie den Kerl am schnellsten wieder loswurde.

Er starrte auf ihre Brüste, auf ihr Gesicht, betatschte sie mit seinen Blicken.

Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.

»Hören Sie, ich wollte eigentlich gerade …«

»Ich weiß, was Sie machen, Frau Kessler. Viele wissen es.« Er grinste noch immer wie die Katze aus Alice im Wunderland.

Das Unbehagen in Lina wuchs.

»Ich habe wirklich keine Zeit, mich mit …«

»Es ist auch gar nicht wichtig, was Sie tun«, sagte der Mann. Porchert, erinnerte sich Lina. Er hat sich mir als Porchert vorgestellt.

Sie hatte keine Ahnung, woher der Gedanke kam, aber plötzlich wusste sie, dass das nicht der richtige Name des Mannes war.

»Viel wichtiger ist, was die Leute daraus machen«, fuhr er fort. »Diskussionen. Sie haben etwas bewegt. Sie haben bewirkt, dass die Leute über ein Thema reden. Das ist eine ganz schöne … Leistung.«

Ihm lag eben ein anderes Wort auf der Zunge, dachte Lina. Er hat es nur im letzten Moment heruntergeschluckt.

Der Mann klatschte in die Hände, und einen Augenblick lang dachte Lina, er habe einen Krampfanfall. Er betrachtete seine Handinnenfläche und drehte sie grinsend in ihre Richtung. Sie erkannte eine zermantschte Mücke und einen kleinen Blutfleck.

»Eigentlich töte ich keine Insekten«, sagte der Mann in einem eigenartigen Singsang. »Ich habe Insekten immer gemocht, schon als kleiner Junge.«

»Ich weiß nicht, worauf Sie …«

»Ich töte gar keine Tiere. Ich esse auch kein Fleisch. In der Zeitung habe ich gelesen, dass auch Sie Vegetariern sind. Kluge Entscheidung. Aber diese kleinen Biester … mit denen hab ich kein Mitleid.« Er verschmierte den Fleck auf seiner Handfläche. »Das ist nämlich mein Blut, nicht das der Mücke, verstehen Sie? Eigentlich, Frau Kessler, eigentlich wollte ich Ihnen nur ›Guten Tag‹ sagen. Viele Menschen wissen, was Sie gemacht haben. Es gibt reichliche Diskussionen. Im Fernsehen … und auch sonst. Schwer, die Wahrheit aus all dem zu filtern. Wenn plötzlich jeder was zu sagen hat, meine ich.«

Er nickte ihr zu, zog noch einmal den unsichtbaren Hut und schritt an ihr vorbei über die Brücke. Lina stand am Geländer und sah ihm nach, bis er verschwunden war.

Den Weg zu ihrem Haus legte sie rennend zurück, bis ihr der Schweiß aus den Achseln und über den Rücken strömte. Immer wieder hielt sie nach dem Mann mit den silbernen Haaren und den blauädrigen Waden Ausschau, konnte ihn aber nirgends entdecken.

Erst als sie in ihre Straße einbog, beruhigte sie sich wieder.

Sie benutzte nicht die Eingangstür, weil sie Ferdinand nicht wecken wollte. Sie lief ums Haus herum durch den verwilderten Garten, da sie sich erinnerte, die Terrassentür offen gelassen zu haben. Als sie am halb geöffneten Küchenfenster vorbeikam, vernahm sie Ferdinands Stimme.

»Ich habe dir doch gesagt, dass diese Angelegenheit … ja, ich weiß, Helena, ich weiß, aber so lange wir nicht an die Öffentlichkeit …«

Lina trat durch das Gestrüpp und lehnte sich nach vorne, um besser hören zu können. Offenbar telefonierte Ferdinand.

»Ja, ich habe die Bilder gesehen, aber … jetzt beruhige dich mal! Ja, das verstehe ich. Nein, sie weiß nichts davon. Noch nicht. Ich kann nicht … in Ordnung, Helena, alles klar. Ja, natürlich habe ich Zeit. Wir sehen uns. Vielen Dank für deinen Anruf.«

Lina hörte, wie Ferdinand auflegte. Sie huschte an der Fassade des Hauses entlang, zurück zur Vordertür.

Sie konnte den Schlüssel nicht ins Schloss stecken, ihre Hände zitterten zu stark.

Helena.

Die weinerliche Stimme ihrer Mutter begann, zwischen ihren Schläfen zu sprechen:

Siehst du, Kind! Du hast dem Falschen vertraut. Ich habe dir doch gesagt, dass das alles böse enden wird. Jetzt weißt du, dass er hinter deinen Rücken mit einer anderen …

»Halt die Klappe! Du weißt, dass das totaler Blödsinn ist! Jemand von der Universität. Ferdinand kennt so viele Leute.« Sie schluckte ein paar Mal, sodass es in der Kehle schmerzte.

Sie fällte einen Entschluss.

Sie würde ihm nicht sagen, dass sie sein Gespräch belauscht hatte. Und sie würde ihm auch nichts von Porchert erzählen.

Damit hatte auch sie ein Geheimnis.