Markus
Orths wurde 1969 in Viersen geboren und studierte Philosophie, Romanistik
und Anglistik in Freiburg im Breisgau. Er lebt als freier Autor in Karlsruhe.
Buchveröffentlichungen bei Schöffling & Co, Frankfurt: "Wer
geht wo hinterm Sarg?" Erzählungen (2001). "Corpus",
Roman (2002). "Lehrerzimmer", Roman (2003). "Catalina",
Roman (2005). Veröffentlichungen in der Frankfurter Rundschau, der
Stuttgarter Zeitung, in Literaturzeitschriften und Anthologien (Aufbau,
Rowohlt, Kiepenheuer & Witsch, Eichborn Berlin). Preise: Förderpreis
des Landes NRW, Marburger Literaturpreis (Förderpreis), Limburgpreis,
Moerser Literaturpreis, open mike. Heinrich-Heine-Stipendium, Literarisches
Colloquium Berlin, Kunststiftung Baden-Württemberg. [Foto: Carolin
Goersch]
Die Stadt San Sebastián am Golf von Biscaya brachte eine Reihe von Menschen hervor, die beinah in die Geschichtsbücher eingegangen wären. Zum Beispiel Manuel Pessoa, ein Walfänger, der eigentlich und in Wahrheit Amerika entdeckte, weil er schon 1397, als die Wal- und Kabeljaugründe vor der baskischen Küste leer gefischt waren, mit seinem Boot nach Island fuhr und von Island weitere 1500 Meilen westwärts. Dort betrat er als erster Europäer die Küste Neufundlands und somit im Prinzip Nordamerika, was ihn aber nicht so sehr interessierte wie die Baskischen Wale, die vor dieser Küste schwammen, und zwar in Hülle und Fülle, ahnungslos, friedlich, bereit zum Abschlachten. Pessoa, ein gewiefter Fischer, hütete sich, seinen Kollegen auch nur ein Sterbenswörtchen von dem, was er entdeckt hatte, zu verraten, denn was war schon der zweifelhafte, nichts einbringende Ruhm eines Entdeckers gegenüber dem geheimen Wissen um unangetastete Walfischgründe? Er schiffte lieber Jahr für Jahr wahre Walfleischberge nach San Sebastián, verkochte Tonnen von Blubber zu kostbarem Tran, haute haufenweise Knochen und Zähne aus den Walgerippen, und wurde auf diese Weise statt berühmter nur immer reicher. Ihm genügte vollkommen, seinen eigenen Kindern von der Entdeckung eines Landes zu erzählen, das nicht sein durfte, wo es sich befand, da alle Karten, die man damals besaß, an dieser Stelle weiß waren wie der Schaum von Meereswellen. Oder wie der Dampf von kochendem Wasser: Der nämlich wurde für den baskischen Ingenieur Blasco de Garay zu einer derart fixen Idee, dass er im Jahr 1543 voll Überzeugung zum damaligen Herrscher nach Valladolid aufbrach, um ihm von dem zu berichten, woran er mit Besessenheit glaubte. Die Idee bestand darin, ein Schiff von einem Rad fortbewegen zu lassen, und das Rad sollte angetrieben werden von der bloßen Dampfkraft des Wassers. Blasco de Garay geriet jedoch an den Sohn Philipps des Schönen und Johanna der Wahnsinnigen, an Karl den Ersten, an einen kaiserlichen König also, der es fertig brachte, in der Alhambra einen Flügel des göttlichen Nasridenpalastes abreißen und durch einen hässlichen Steinklotz ersetzen zu lassen, was für den Betrachter den Eindruck erweckt, eine Kuh hätte ihren Fladen in eine Sommerwiese gepflanzt. Karl hatte kein Verständnis für die Idee des Ingenieurs, doch Blasco de Garay ließ sich nicht beirren und trieb aus privaten Quellen Geld auf, um seine Pläne zu verwirklichen, was ihm erst 30 Jahre später gelang, als er schon in einem Alter war, in dem der Kopf ein wenig nachlässt, sodass er wohl einige Endberechnungen falsch tätigte, weshalb das erste Dampfschiff der Menschheit statt durchs Wasser zu fahren in die Luft flog und anschließend mitsamt der Idee für lange Zeit in den Fluten versank. Das geschah in Sichtweite des Hafens, von dem 1588 ein Mann namens Miguel de Oquendo y Dominguez de Segura aufbrach, um die unbesiegbare spanische Armada nach England zu begleiten: Ein außerordentlicher Mann war das, der es vom einfachen Schafhirten zum Schiffsbaumeister und schließlich sogar zum Kommandanten der Santa Ana gebracht hatte – eines der besten Schiffe seiner Zeit. Oquendo wurde nicht nur leuchtendes Beispiel und Symbol dafür, wie weit man kommen kann, wenn man etwas wirklich will, sondern auch Initiator des geflügelten Worts „Vom Schafhirten zum Kommandanten“, das sich als stehender Ausdruck etablierte und vom Baskenland in die Neuen Kolonien kam, wo er vier Jahrhunderte später in leicht abgewandelter Form immer noch die Runde macht. Doch Oquendo hatte das historische Pech, die unbesiegbare Armada gerade auf dem Feldzug zu begleiten, auf dem sie ihr Beiwort verlor, und nachdem der zerstückelte Rest der Flotte von den englischen Kanonieren gedemütigt und geschlagen zurückkehrte und auch die Santa Ana als halbes Wrack in San Sebastián einlief, starb Oquendo völlig entkräftet nach wenigen Tagen an Land. Fünf Straßen weiter stand ein Haus, und dieses Haus hieß Der Wal. Man muss wissen: Jedes baskische Haus wurde damals getauft, denn für die Basken existierte nur etwas, das einen Namen hatte. Und im Wal wurde Catalina de Erauso zwar nicht geboren, aber immerhin gezeugt.
Auszug aus: "Catalina", Roman.
Verlag Schöffling & Co, Frankfurt, 2005.
€ 19,90, ISBN: 3-89561-097-6