Alexander Pfeiffer, geboren 1971 in Wiesbaden. 1991 Abitur, danach Studium der Germanistik bzw. der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft. Parallel dazu Realitätsfluchten als Sänger/Gitarrist in verschiedenen Bandprojekten, Fanzinemacher, Kleinverleger und Organisator von Literaturveranstaltungen mit AutorInnen aus dem gesamten Bundesgebiet, der Schweiz und Amerika. Seit 1994 literarische Veröffentlichungen, seit 1995 regelmäßige Lesungen in ganz Deutschland, zum Teil mit Dia- und Musikbegleitung (Live oder als DJ-Set). Seit 1996 Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS), seit 2003 im Vorstand des Landesverbands Hessen. Von 1998 bis 2006 Organisation der vom Wiesbadener Kulturamt geförderten Literaturreihe "Where the wild words are" mit Lesungen, Poetry Slams und DJs. 2007 Start einer neuen "Literatur-Lounge" unter dem Titel "Speak Tank". Diverse Nebentätigkeiten als Moderator bei Literatur- und Musik-Events, Werbetexter und Layouter, Aushilfstaxifahrer und Gelegenheits-DJ. [Foto: Neusehland]
Website: www.alexanderpfeiffer.de
Veröffentlichungen:
Kapitel 1:
Montag, 8. September 2003
Die Sonne gibt dem aufziehenden Tag Feuer, schleudert Tonnen von Licht in die Straßen der Stadt. In einer dieser Straßen stehe ich, lehne gegen die erhitzte Karosserie eines Jaguars und recke mein Gesicht dem Licht entgegen. Ich habe den Boss ins Büro gebracht, seine Frau zum Shopping, die nächsten Stunden gehören mir. Mir und dem in der Sonne glänzenden Auto in meinem Rücken.
Die Ausläufer des »Jahrhundertsommers«, der den Medien in diesem Jahr das Sommerloch gestopft hat, erwärmen den Asphalt, es ist zehn Uhr am Morgen und durch die Neugasse ergießt sich ein Strom von leichtbekleideten Flaneuren in die Fußgängerzone. In der Luft liegt ein Aroma wie von frischer Minze. Noch vor wenig mehr als einem Monat wurden für zahlreiche Flüsse im Land historische Tiefstände gemeldet, Fische trieben tot im Wasser, weil sie nicht mehr genügend Sauerstoff bekamen, AKWs mußten ihre Leistung zurückfahren, weil die Flüsse die Kühlung der Reaktoren nicht mehr schafften. In manchen Gegenden pumpte die Feuerwehr Wasser und Sauerstoff in die Gewässer und irgendwann Anfang August wurde irgendwo im Saarland mit knapp über 40° C ein neuer deutscher Hitzerekord gemessen.
Jetzt haben sich die Temperaturen auf ein menschenwürdiges Niveau herabgelassen und ich fühle mich leicht und schneidig in meinem frisch gebügelten Hemd und dem Fünfhunderteuroanzug. Während ich überlege, ob ich mich sofort um meine anstehenden Geschäfte kümmern oder zuerst noch ein bißchen durch die Gegend fahren soll, lasse ich meinen Blick an der Reihe von Taxis entlang gleiten, die mir gegenüber vor der Karstadtfiliale stehen. Die Fahrer haben die Fenster heruntergelassen, manche die Türen auf der Fahrerseite geöffnet und die Beine ins Freie gestreckt. Ich suche nach bekannten Gesichtern, kann aber keins entdecken. Nicht verwunderlich eigentlich. Schließlich bin ich immer nur nachts gefahren. Die Kollegen hier gehören zur Tagschicht.
Ich will schon einsteigen und wegfahren, da kommt einer der Fahrer auf mich zu. Glattrasiert, schlank, muskulös. Jeans und T-Shirt. Will mir wahrscheinlich auseinandersetzen, daß ich im Parkverbot stehe, daß das hier ein Taxihalteplatz ist und ob ich denn das Schild nicht gesehen habe. Ich kenne die Gespräche. Ich habe sie selbst oft genug geführt.
»Hallo Art«, sagt der Typ.
Ich glotze ihn an.
»Erinnerst du dich nicht mehr an mich?«
Erinnern? Ich hab den Kerl noch nie gesehen. Seine Augen vielleicht. Aber in einem anderen Gesicht. Einem mit Bart und dunklen Ringen unter den Augen. Nachtschichtlerringen.
»Matthias?«
Er grinst und streckt mir die Hand hin.
Ich schüttle sie. »Matthias Groß! Das gibt’s doch nicht. Was hast Du gemacht? Ne Generalüberholung?«
»So ähnlich.«
»Mann, du mußt mindestens zehn Kilo verloren haben, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe... Und hast ein paar Muskeln draufgepackt dafür.« Ich fühle seinen Bizeps. Die reine Saftpresse. Ich mustere ihn von oben bis unten, schüttle den Kopf. »Was machst du hier, Mann? Ist doch gar nicht deine Tageszeit.«
»Ich bin vor drei Jahren in die Tagschicht gewechselt«, sagt er.
»Vor drei Jahren?« Ich überlege, wie lange ich ihn nicht mehr gesehen habe. Muß etwa so lange her sein. Ich schüttle noch mal den Kopf.
Er nickt. »Abends hab ich keine Zeit mehr. Ich gehe aufs Abendgymnasium. Mache mein Abitur nach. Nächstes Jahr hab ich’s in der Tasche.«
»Abitur, was?« Ich zwinkere ihm zu, haue ihm auf die Schulter. »Und Eddie Stoiber wird demnächst Ausländerbeauftragter der Bundesregierung.«
Matthias verzieht keine Miene. »Danach mach ich `ne Ausbildung zum Buchhändler. Und wenn ich die abgeschlossen habe, mache ich meine eigene Buchhandlung auf. Ich hab bereits was angespart. Bis ich die Ausbildung abgeschlossen habe, wird’s reichen.«
Was sagt man dazu? Ich sage gar nichts.
»Und du?« fragt er. »Was machst du hier? Sag bloß, die Karre gehört dir?«
Ich trete zur Seite, damit er den Jaguar in Gänze betrachten kann. Maschengitter-Kühlergrill, Heckspoiler, 18-Zoll Leichtmetallfelgen, Xenon-Scheinwerfer, elfenbeinfarbene Ledersitze, Edelholzpaneele aus Vogelaugenahorn, chromglänzende Auspuffrohre wie bei einem Rennwagen. Matthias nickt anerkennend.
»Im Lotto gewonnen?«
»Um der Wahrheit den Vorzug zu geben, der Schlitten gehört meinem Boss.«
»Dann hast du also der Taxizunft den Rücken gekehrt?«
»Es warteten größere Aufgaben auf mich.«
»Welche Aufgabe könnte noch größer sein, als all die armen Betrunkenen dieser Stadt sicher nach Hause zu bringen?«
»Sagt dir der Name Gellberg was?«
»Gellberg?« Er macht große Augen. »Der Gellberg?«
Jeder in Wiesbaden kennt Gellberg. Den »Schmuddelverleger«. Den »Angestelltenschinder«. Mich interessieren diese Titel nicht ist. Fakt ist, Christian Gellberg hat 1985 als 18-jähriger Bankkaufmann-Azubi seine erste Illustrierte auf den Markt geschmissen und dann mit dieser und anderen Sex & Crime-Postillen so viel Erfolg gehabt, daß er 2001 sein Verlagsunternehmen für schlappe 25 Millionen Euro an einen Hamburger Konzern verscherbeln konnte. Die Scheine dienten ihm als Einstiegskapital ins Internetgeschäft. Seitdem bietet die »Gellberg Media Group« diverse Dienstleistungen im weltweiten Netz an – allesamt unterleibsorientiert. Aber schließlich existiert der Mensch ja nicht nur von der Hüfte an aufwärts, oder?
So wie durchs Feuer hindurch. Krimidrama.
Societäts-Verlag, Frankfurt 2006, ISBN 3-7973-0997-X