LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Wendel Schäfer

Foto Wendel SchäferGeboren 1940 in Bundenbach, Hunsrück, verheiratet, zwei Kinder, lebt als Schulrektor/Schriftsteller in Boppard am Rhein. Abitur und Studium der Grund-, Haupt- und Sonderschulpädagogik in Koblenz und Mainz. 15 Jahre in der Lehrerausbildung am Studienseminar Neuwied tätig (Fächer Kunst/ Deutsch). Von 1979 bis 81 Landesvorsitzender des Verbandes deutscher Sonderschulen. Zehn Jahre wohnhaft in Kruft und Andernach. Zahlreiche ehrenamtliche Tätigkeiten in Schule/Sport/Kultur. Im Landesvorstand des Friedrich Bödecker Kreises (1996/98), Landesvorsitzender des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Rheinland-Pfalz (1995/97). Landesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller in Rheinland-Pfalz (1994/98). 1989 im kommissarischen VS-Bundesvorstand; in der Humboldt-Gesellschaft, Darmstadt, und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig. Diverse Jurorentätigkeiten. Arbeit auch als Graphiker für Bücher und Zeitschriften, vertreten in zahlreichen Lexika, darunter Literaturlexikon Rheinland-Pfalz, 1998, Kürschners dt. Literaturkalender, 2000, dt. WHO's WHO, 2000; zwei Satire-Preise 1990 und 1992.
http://www.wendelschaefer.de

Foto: privat

Veröffentlichungen

Durch den Regenbogen

(Auszug aus dem Buch "Schneckenschneiden")

"Ihr tragt etwas", fragt der Zufälligvorbeikommende den hinteren Träger, weil der ihm sein Gesicht zuwendet.

"Ja, wir tragen etwas."

"Ist es schwer?"

Weil der Träger nicht antwortet, tritt der Zufälligvorbeikommende näher und wendet seine Richtung, um mit der Gruppe zu gehen. Kommt aber nicht zu nahe heran. Vorsichtshalber. Die beiden tragen eine Leiter wie eine Bahre. Klobige Hände umklammern die Rundbalken. In der Mitte auf den Sprossen, auch zwischen den Leiterrippen, wie reingeflochten etwas Weißschlaffes, Gallertertiges mit etwas Durchhängendem bis auf die Erde. Es sieht nach Flügeln, Armen, Flossen aus. Vielleicht auch nur Gedärm aus einem geschlitzten Bauch. Schleift über den Boden mit. Das Ding keucht und stöhnt auf bei jedem Schritt der Träger. Obwohl sie sich Mühe geben.

"Muss verwundet sein", fährt der Zufälligvorbeikommende fort.

"Kann auf keinen Fall alleine gehen."

"Fliegen auch nicht."

"Wieso fliegen?"

"Sieht halt so aus, als wären da Flügel."

"Vielleicht sind sie gebrochen ", gibt der Träger zurück und zuckt mit den Schultern, dass die Bahre ein wenig verkanntet und das Stöhnen anschwillt.

"Gebrochen, ja, aber es ist kein Vogel."

"Vielleicht ein Engel, ein verwundeter Engel. Engel sind leicht. Lassen sich angenehm tragen."

"Oder ein geflügelter Teufel", feixt der Zufälligvobeikommende zurück.

"Teufel sind dunkel. Ich glaube aber, wir tragen etwas Helles."

"Ich glaube. Wieso, ich glaube?"

"Ich glaube es, weil ich nicht sehen kann. Bin von Geburt an blind."

"Entschuldigen Sie. Sie gehen also nur mit. Trotten hinterher. Dann will ich lieber mal den Vordermann..."

"Ihn brauchen Sie nicht fragen", stoppt der Blinde. "Er ist taubstumm. Geht nur nach vorne. Schaut nie zurück und achtet sehr auf den Weg,

damit ich nicht strauchele. Wir wollen nicht abkommen und unnötig wehtun."

Der vordere Träger ist ein sehr kräftiger Mann. Er hat einen steifen Hut wie eine Schüssel auf den Kopf gedrückt. Unter dem Rand stechen scharfe Augen in eine gleichförmige, wolkenverhangene Ebene.

"Also, was tragen Sie nun da auf der Bahre?" will der Zufälligvorbeikommende wissen und wendet sich wieder dem hinteren Träger zu.

"Die Sonne wird gleich durchkommen."

"Sonne? Jetzt gleich?"

"Sonne. Endlich, nach vielen Wochen. Wird uns drei guttun."

"Ich frage nach dem Ding auf der Leiter, und Sie faseln was von Sonne."

Der Zufälligvorbeikommende erinnert sich an seine Blindheit und tritt näher an die Bahre heran. Nicht zu nahe. Vorsichtshalber. Da kauert es, halb sitzend, halb liegend in die Sprossen genestelt. Mit weißer Haut und rosa im Innern. Schimmert durch wie in Aspik gebettet. Alles wappt und wabbelt im Pendelschritt der Träger. Und dann das gleichtönige Schleifen über steinige Erde. Mit einer glitschigen Spur so weit er zurückschauen kann.

"Wohin geht es denn mit der Fracht? Ihr werdet doch wenigsten wissen..."

"Vor uns wird bald ein Regenbogen sein."

"Regenbogen. Erst Sonne, jetzt Regenbogen."

"Ja, ohne Sonne kein Regenbogen, da kenne ich mich aus."

"Regenbogen! Hier in dieser trostlosen Gegend. Wir sind auf dem Mond, verstehen Sie. Es ist hier wie auf dem Mond", gibt der Zufälligvorbeikommende nun schon ärgerlich zurück.

Er hätte nicht herkommen sollen. Nichts wie weite, flache, öde Erde. Sandige Wüste mit abertausend Steinen übersät. Wie sicher der vordere Träger alle Hindernisse umgeht. Klar, der Hintermann darf nicht ins Stolpern kommen. Und die Last noch mehr quälen. --- Nein, er hätte nicht herkommen sollen.

"Warum tragen Sie denn..."

"Es wird bald Wasser geben", unterbricht ihn der Blinde.

"Wasser? Hier?"

"Ja, viel Wasser. Sie müssten es eigentlich vor uns sehen."

"Wie kommen Sie denn auf die Idee...?"

"Wasser riecht man. Und wenn mir dann die Sonne in den Nacken brennt, gibt es einen Regenbogen."

"Sonne – Wasser – Regenbogen. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber..."

"Sie stören nicht, ich trage ja nur."

Der Zufälligvorbeikommende bleibt jetzt stehen und schaut der Gruppe hinterher. Sieht, wie sie sich sicher und zielstrebig auf ein großes Wasser zubewegt, in kleine Wellen stapft, dann bis zu den Knien, Hüften, Hals ins Wasser steigt und dann wegtaucht. Von der Bahre erhebt es sich mit wuchtigen Flügelschlägen, klatscht das Wasser, dass Perlenschnüre in der Sonne aufklitzern, hebt ab, schwebt höher und verschwindet durch einen Regenbogen in den Himmel. Aber es ist kein Vogel --- Nein, er hätte nicht herkommen sollen.

 

Textauszug aus dem Buch "Barbarossa"

Da hockten sie alle schon: Joe, ,Fettsack und der ,Doktor'.
"Latte kommt", das war Joe mit den schwarzen, fettigen Haaren.
"Was hat denn Mutti dir heute in die Schultüte gesteckt?", fragte ,Fettsack', im siebten Monat, wie sie ihn hänselten.
Dennis mochte die beiden nicht. Machten sich nur wichtig und kommandierten rum. Auch den Namen ,Latte' hatte er von ihnen. Gut, 1,75 m! Mit 14! Und spindeldürr, war er auch. Dafür aber drahtig mit harten, spitzen Knochen.
"Lasst ihn in Ruhe", mahnte der ,Doktor', ein älteres, faltiges Männlein mit Brille.
"Die Äppel kannste dir wohinstecken", und schon hatte ,Fettsack' die Fleischwurst in den Pranken und schob sie sich in den Hals.
"Mir wär lieber,  du tätst deinem Alten mal nen Huni abdrücken", mahnte Joe mit etwas Drohendem in der Stimme.
"Joe, lass das", mischte sich der ,Doktor' ein, 100 Mark sind 'ne Menge Geld. Wie soll der Junge da drankommen."
Jetzt erst bemerkte Dennis einen Mann nebenan auf der Bank. Der tat unbeteiligt und ließ sich seinen roten Kopf von der Sonne streicheln.
"Wer ist denn das?"
"Barbarossa."
"Barbarossa?"
"Mensch, siehst du das nicht? An dem ist doch alles rot. Kaiser Barbarossa höchstpersönlich. Musst du doch aus dem Geschichtsunterricht kennen", belehrte ihn der 'Doktor', strich sich dabei über die Glatze und zupfte seine paar Barthaare, als wollte er sein Kinn melken.
"Geschi, ätzend."
"Setz dich, Junge", brummte es von der Nachbarbank.

Scheu und verlegen nahm Dennis Platz, nicht ohne genügend Luft zwischen dem Unbekannten zu lassen. Der war immer noch zurückgelehnt und gab sich der höher steigenden Sonne hin. Aus klobigen Halbschuhen guckten Wollsocken, die schnell unter abgewetzten Cordhosen verschwanden. Darüber ein riesiger Parka, der nur an den Handgelenken erahnen ließ, dass darunter ein kariertes Hemd steckte. Dicke, rote Hände lagen über dem Bauch verschränkt. Ein Hals war nicht auszumachen. War zu dicht umwachsen, wie Gestrüpp am Bahndamm. Die rote Mähne ließ nur wenig Gesicht erkennen.

"He, Latte, mach mal 'nen Heiermann locker und beschaff 'ne Bombe, kriegste im Zentral."
"Geh doch selber deinen Alk holen", herrschte Barbarossa Joe an. "Keine Schule heute, Junge?"
"Schule - Nee, schulfrei", stammelte Dennis.
"So". Das war alles, was der Rothaarige zurückgab.

Regenzeit

(Auszug aus dem Buch "Vögel haben keine Fenster")

Mit der Geburtstagsfrage des Kleinen, 'wenn es keine Regenwälder mehr gibt, Papa, hört es dann endlich auf zu regnen, weil ich mein Zelt ausprobieren will', hatte der Grundklässler, witzig umweltdrauf eine Frage getan, die Onkels und Tanten maliziös erschütterte, die Mama zur Backröhre vertrieb, und dem Vater die Hand ausfahren ließ, dass der Geburtsling fortstob, und an seinem Plätzchen, irgendwo, die Tränen dicht regneten, dass an ihm alles nass war, und er für längere Zeit, für Jahre, für's Leben geweicht ging, und sein Zelt verschlossen blieb, obwohl die Wetterkarte ein Zwischenhoch erzählte, und die Party noch weit über die Nacht hinaus, feucht zwar, aber entschieden hoch herging.