LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfälzische Autor/innen vorgestellt

Ben Schoon

Ben SchoonBen Schoon wurde 1957 in der westpfälzischen Landgemeinde Vogelbach geboren. Die strukturschwache Region verhalf ihm zu Jobs als Klebeabdichter, Lagerkraft, Spüler und Holzarbeiter. Da auch ein Studium der Soziologie nicht zu Ruhm und Reichtum führte, beschloss Schoon, Journalist zu werden. Als Volontär eines inhabergeführten Fachverlages und Redakteur in einer marktführenden Verlagsgruppe begann er mit dem Schreiben. Heute arbeitet Ben Schoon im eigenen Redaktionsbüro.

1990 erschienen seine ersten Bücher, darunter "Geschäftsideen rund um den Computer" und "Willkommen am Macintosh". Sein erster Krimi "Einmal Teufel, immer Teufel", der im Hooligan-Milieu von Kaiserslautern spielt, wurde von fast jedem deutschen Verlag abgelehnt. Dass der Nachfolger "Ostwind" veröffentlicht wird, spornte Ben Schoon zu weiteren Krimis an. Im nächsten Buch, von dem eine Hälte bereits geschrieben ist, geraten mehrere Charaktere aus "Ostwind" ins Rotlicht-Milieu von Mallorca. Doch wer gegen die Russenmafia besteht, lässt sich von Dominas und Luden nicht groß beeindrucken.

Wie viele Krimi-Autoren, die Ben Schoon selbst kennt, bevorzugt auch er ein entspanntes Familienleben. Zur Unterhaltung hört er gerne Musik - am liebsten von The Cure und Blue Danube Radio (FM4). Als langjähriger Fan verfolgt Ben Schoon die Höhen und Tiefen des 1. FC Kaiserslautern, zumal ein Spieler der unvergessenen Walter-Elf von 1954 nur einen Steinwurf von seinem Elternhaus lebt. Eine weitere Leidenschaft von Ben Schoon ist das Fliegenfischen, das er an einem der begehrtesten Gewässer Süddeutschlands ausübt.

Ostwind

Leseprobe aus: Ben Schoon: "Ostwind". Kriminalroman, editions treves, ISBN 3-88081-540-2, ca. 180 S., Paperback, EUR 11,-

Ilya Bozman wunderte sich über diesen Fahrkarten-Automaten, der in der kalten Bahnhofshalle stand. Bestimmt war er voller Geld, aber Ilya sah keinen Beamten, der ihn bewachte. Man musste das Ding nur mit einem Stemmeisen aus der Wand brechen, was eine leichte Arbeit war, in einen Kombi laden und irgendwo in Ruhe öffnen. Selber Schuld, die Deutsche Bahn, wenn sie auf ihre Anlagen nicht besser aufpasste. Links neben Ilya stand Swetlana, seine Frau. Sie beobachtete, wie sein Zeigefinger die Liste der Bahnhöfe hinabglitt. Dann sagte sie: "Bist du sicher, dass du es schaffst?" Ohne Swetlana anzusehen, sagte Ilya Bozman: "Nur etwas Geduld." Die Kennziffer der nächsten Stadt lautete Fünf-Acht-Null-Null. Der Ort hatte 100.000 Einwohner, einen Fußballverein, viel Wald und amerikanische Kasernen. Im Westen der Stadt baute Opel die Motoren für den Astra. Ilya Bozman tippte die Zahlen in den Automat und kaufte zwei Rückfahrkarten. Die Bahnhofshalle roch muffig, und deshalb warteten sie draußen am Gleis. Beide waren Anfang Dreißig und um die 1,80 m groß. Sie waren zu Fuß aus Vogelbach gekommen, der nächsten Ortschaft, wo sie in einer Mietwohnung auf 60 Quadratmetern lebten. Wie eine Ballerina tanzte Swetlana um Ilya herum. "Ich freue mich! Endlich fahren wir wieder in die Stadt! Ich freue mich ganz riesig!" "Das Detox ist genau richtig für dich", sagte Ilya Bozman. "Es wird dir bestimmt gefallen." "Haben wir denn so viel Geld?", sagte Swetlana. "Der Club soll sehr teuer sein." "Kein Problem, ich habe etwas gespart." Im Zug wollte Swetlana zunächst ins obere Abteil, doch dann zögerte sie. Vielleicht hatte Ilya wieder Schmerzen in seinem Bein. Dann wäre er froh, wenn er die Treppe nicht hinaufsteigen musste. Ohne etwas zu sagen, folgte sie ihm in den unteren Großraum. Ilya sah Swetlana an und ließ sich Zeit dabei. Sie war eine schöne Frau, mit ihren großen Augen und den Haaren, die bis auf die Schulter reichten. Den Reißverschluss ihrer schwarzen Daunenjacke hatte sie ganz hochgezogen. Swetlana sagte: "Was trinkt man in dieser Discothek?" "Cocktails, nehme ich an", sagte Ilya. "Weißt du schon, was wir bestellen?" "Natürlich", sagte Ilya, obwohl er von Mixgetränken nichts verstand. Ihm war ein anständiger Wodka lieber. Aber nicht, wie sie ihn hier servierten, in diesen kleinen Gläsern. Wenn schon, dann 100 Gramm in einem Wasserglas, die man mit einem Schluck nach unten kippte. Das war eine ehrliche Sache. Am Hauptbahnhof stiegen sie aus. Wie weit es denn zum Detox sei, wollte Swetlana wissen. Nur ein paar Minuten, meinte Ilya. Er trug eine schwarze Fleece-Jacke, die für die Jahreszeit schon zu dünn war. Nach einer halben Stunde erreichten sie die Diskothek. Das Gebäude lag neben einem riesigen Parkplatz, und der Schriftzug "DETOX" strahlte in blauem Neonlicht. Am Eingang der Discothek thronte ein Türsteher. Die meisten Gäste ließen sich beeindrucken, so wie er da auf einem Barhocker saß, mit seinem schwarzen Anzug und dem verächtlichen Blick. Der Türsteher musterte auch die beiden, die schöne Frau und den hinkenden Mann, und kam zu dem Schluss, dass der Mann nicht in den Club passte. Und vor allem sahen sie aus wie Russen. Auf das bisschen Umsatz, das die beiden versprachen, konnte das Detox gerne verzichten. Als Swetlana und Ilya auf den Eingang zusteuerten, stellte sich der Türsteher in den Weg. Innen wummerte ein Rocksong, die Bässe voll aufgedreht. Sie spielten "A forest" von The Cure. "Geschlossene Gesellschaft", sagte der Türsteher. "Tut mir Leid." "Wir sind seit zwei Stunden unterwegs", sagte Swetlana. "Tut mir Leid, geschlossene Gesellschaft." "Nur kurz, bitte! Mein Mann muss sich ausruhen." "Swetja, lass das", sagte Ilya Bozman auf Russisch. "Wir sind nicht zum Betteln hier." "Der weite Weg, und jetzt lassen sie uns nicht rein", sagte Swetlana. So leise, wie sie sprach, klang der Satz unendlich traurig. Ilya Bozman sagte zu dem Türsteher: "Haben Sie etwas gegen uns?" Der Mann versuchte, Ilya einzuschätzen. Aus dem Fitness-Studio, wo er fünf Mal die Woche trainierte, kannte der Türsteher die rohe Kraft der Osteuropäer. Die Weltmeister im Gewichtheben und Kugelstoßen - wo kamen sie denn alle her? Trotzdem sagte der Türsteher: "Verpiss dich, Iwan!" Ilya Bozman verstand beides - verpissen und Iwan - und sagte: "Ich nix Iwan, du Nazi! Ich heiße Ilya Bozman." Da der Türsteher dafür bezahlt wurde, dass vor dem Club Frieden herrschte, sagte er: "Schon gut, Ilya, schon gut. Aber heute nur für Stammgäste." "Merk dir meinen Namen, du Nazi", sagte Ilya. "Ich heiße Ilya Bozman. Merk ihn dir gut." Er nahm seine Frau am Arm und drehte sich um. An der Eingangskontrolle des Clubs kamen sie nicht vorbei. Vielleicht das nächste Mal. Der Türsteher sah ihnen nach, wie sie über den Parkplatz in der Nacht verschwanden.

Im Zug nach Hause schwiegen sie. Am Fenster glitt die Nacht vorbei, hin und wieder unterbrochen von einem Autoscheinwerfer oder den kleinen Ortschaften, die an der Bahnstrecke lagen. Ilya und Swetlana hatten den Abend in einem Bistro verbracht, was aber nicht der Bringer war, denn dass sie der Türsteher nicht ins Detox ließ, hatte ihnen den Abend gründlich verdorben. Schließlich sagte Swetlana: "Komm, sei wieder fröhlich. Es bringt doch nichts, wenn du dich ärgerst." "Der Nazi, dieses Schwein!" "Du hast doch gehört, heute Abend war geschlossene Gesellschaft. Das hatte mit uns überhaupt nichts zu tun." "Seit wann glaubst du einem Nazi?" "Nenn ihn nicht immer Nazi. Das will ich nicht hören." "Er ist mein Feind, und ich hasse ihn." In der russischen Armee hatte Ilya gelernt, einen Mann mit einem Schlag zu töten. Ohne Waffe, nur mit der bloßen Hand. Der Türsteher hätte keine Chance gehabt. Doch niemals, wirklich niemals sollte Swetlana erleben, wie brutal Ilya sein konnte. Oder wie es ausging, wenn sich ihm jemand in den Weg stellte.
"Der Nazi, ich hasse ihn", sagte Ilya Bozman. "Er wird bezahlen. Swetja, ich schwöre dir, der Nazi bezahlt."