geboren
1974 in Mainz, aufgewachsen in Alzey/Rheinhessen.
Nach einem Studium der der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft,
Buchwissenschaft und Amerikanistik arbeitete Jens Schumacher mehrere Jahre
als Lektor und Übersetzer und veröffentlichte redaktionelle und
belletristische Veröffentlichungen in Büchern und Periodika.
Heute verfasst er als freier Autor Erzählungen und Romane für
Kinder (u.a. die Jugendbuchreihen Professor Berkley und Der magische Stein)
sowie für Erwachsene (zuletzt den Thriller Die Menschenscheuche, gemeinsam
mit Jens Lossau) und leitet Workshops für kreatives Schreiben. Er
lebt in Mainz. (Foto: privat)
Das
außergewöhnlichste Ermittlerduo des deutschen Krimis ist zurück:
Diesmal verschlägt es Tillmann Grosch und Frank Passfeller in die österreichischen
Alpen. Dort wird eine Reihe von Leichen gefunden, jede einzelne zerhackt
in unzählige, exakt gleich große Würfel. Die Polizei tappt
im Dunklen: Treibt ein wahnsinniger Serienmörder sein Unwesen? Oder
haben die Greueltaten etwas mit der »Menschenscheuche« zu tun,
einer mythischen Sagengestalt, die in den schroffen Berghängen ihr
Unwesen treiben soll? Handelt es sich womöglich um eine Abart des sagenumwobenen
Yeti?
Hohlstein, 09. auf den 10. Februar 2002
Das Kopftier schien Witterung aufgenommen zu haben. Es sah auf, die Lauscher gestellt, und richtete den Windfang quer über die kleine, mondbeschienene Waldlichtung - exakt in Richtung des alten, halbvermoderten Ansitzes! Bengt Paznaun umklammerte seine Büchse und hielt die Luft an.
Schier endlose Sekunden starrte die Führerin des Rotwildrudels alarmiert in Richtung des von Menschenhand errichteten Bauwerks. Dann schüttelte sie ihr prächtiges Haupt und widmete sich wieder ihrer Äsung. Paznaun ließ die angehaltene Luft mit einem kaum vernehmlichen Pfeifen durch die Zähne entweichen und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Trotz der klirrenden Kälte der Nacht war sie schweißüberströmt.
»Das war knapp«, flüsterte er fast unhörbar und verlagerte sein Gewicht auf der harten Holzbank des Hochstandes von einer Hinterbacke auf die andere.
»Knapp wie der Stringtanga von Pamela Anderson«, antwortete er sich selbst mit einer zweiten, tieferen Stimme, jedoch kaum lauter. Als käme der Kommentar gar nicht aus seinem eigenen Mund, zuckte Paznaun beim Erklingen der Stimme zusammen. Sein blasses Mondgesicht verzog sich verärgert.
»Leise, Käpt'n Boller! Wenn das Rudel jetzt wegbricht, verlieren wir jede Chance, daß der Achter heute noch hier auftaucht.«
Bengt Paznaun war siebenunddreißig Jahre alt und wirkte äußerlich wie ein Waidmann aus dem Lehrbuch. Er trug den traditionellen grünen Rock, dick unterfüttert gegen die Kälte des Winters. Seine Ansitzstiefel waren aus modernem Aqua-Tex-Material, seine ebenfalls grüne Kopfbedeckung zierte ein außergewöhnlich prächtiger Gamsbart.
Was man von außen nicht sah, war, daß bei Bengt Paznaun bereits in frühen Kindertagen eine rückständige geistige Entwicklung, verbunden mit einer gestörten Selbstwahrnehmung sowie einer mittelschweren Lernbehinderung diagnostiziert worden war. Der lebensfrohe Naturliebhaber hatte sich davon allerdings nicht hindern lassen, nach dem mühseligen Absolvieren der Hauptschule (in Hohlstein gab es keine Sonderschule) eine Lehre als Maschinenschlosser zu beginnen, die er mit einigen Rückschlägen in etwas mehr als dem Doppelten der üblichen Zeit auch abschloß. Kurz nachdem er eine verantwortungslose Halbtagsanstellung in der einzigen Hohlsteiner Schlosserei angetreten hatte, entdeckte er seine zweite große Leidenschaft neben der Arbeit mit Metall: die Waid.
Paznaun warf einen Blick durch das restlichtverstärkende Zielfernrohr auf seiner Steyr-Mannlicher-Büchse - seine jüngste Anschaffung, auf die er über ein halbes Jahr hingespart hatte. In geisterhaftes Grün gehüllt erkannte er das knapp zwei Dutzend Tiere zählende Rudel auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung. So deutlich, als sei es heller Tag, sah er sie mit ihren zarten Mäulern, Äser genannt, Heu aus einer grob gezimmerten Futterkrippe zupfen. Der Achter war jedoch nicht unter ihnen.
»Nur mit der Ruhe! Er kommt schon noch«, sagte Paznaun mit der tieferen seiner beiden Stimmen voller Zuversicht, dabei leise wie ein Windhauch.
Er ließ das Glas sinken und griff in seinen Rucksack, aus dem er eine knallrote Thermoskanne hervorholte. »Auch einen Tee, Käpt'n Boller?«
»Aber klar, Jungchen«, antwortete er sich selbst mit tiefem,
kehligem Ton.
Bengt Paznauns Vater war auf die Jagd gegangen, und vor ihm dessen Vater.
Paznaun vermutete, daß davor auch dessen Vater und wiederum dessen
Vater Jäger gewesen waren, aber da er keine rechte Vorstellung von
Generationenabfolge und Vererbung hatte, interessierte ihn das nicht wirklich.
Das einzige, was er wußte, war, daß er sich gerne in freier
Natur aufhielt. Und daß er gern tötete.
Also machte er seinen Jagdschein.
Paznaun goß etwas lauwarmen Hustentee in die Plastikkappe seiner Thermosflasche und entsann sich unwillkürlich der Jagdprüfung, die er vor annähernd drei Jahren erfolgreich abgelegt hatte. Das ›erfolgreich‹ dieser Episode hatte er dabei allerdings einem Sechzehnjährigen namens Walfried Holland zu verdanken.
Er hatte Walfried zum ersten Mal im Wartezimmer des einzigen Hohlsteiner Kinderpsychologen, Frieder Kuntz, gesehen. Mit fast vierunddreißig Jahren war Bengt Paznaun zu diesem Zeitpunkt zwar nicht mehr wirklich ein Kind, aber seine Mutter, die ihn nach wie vor in seinem alten Jugendzimmer unter dem Dach mietfrei wohnen ließ, forderte, daß er sich einmal jährlich von Doktor Kuntz ›durchchecken‹ ließ. Das ›Durchchecken‹ sah zumeist so aus, daß Bengt dem Arzt eine Stunde lang erzählte, was er im vergangenen Jahr alles erlebt hatte. Daraufhin sagte Doktor Kuntz etwas wie »Ich habe ja immer gewußt, daß aus dir noch mal was wird, Bengt. Wir sehen uns nächstes Jahr wieder. Und schönen Gruß an Käpt'n Boller!« Dann durfte er gehen.
Walfried Holland war ihm bei einem dieser Besuche aufgefallen, als er im Wartezimmer der Praxis minutenlang fasziniert ein Wandplakat anstarrte, auf dem sämtliche Postleitzahlen Österreichs mit den zugehörigen Ortschaften aufgelistet waren. Als der Junge den Kopf abwandte und mit geschlossenen Augen vor sich hinzunuscheln begann, brauchte selbst Bengt Paznaun nicht lange, um zu erfassen, daß Walfried die eben gelesenen Zahlen-Namenspaare auswendig herunterrasselte - rückwärts und in halsbrecherischer Geschwindigkeit!
In Bengts Kopf war daraufhin ein gewiefter Plan gereift, wie er sich möglicherweise in den Besitz des seit langem heiß ersehnten Jagdscheins bringen konnte. Er paßte Walfried - der, ungeachtet seiner außergewöhnlichen Begabung, in einem an Schwachsinn grenzenden Ausmaß retardiert war - vor der Praxis ab und bot ihm einen »Deal« an. Bengts Teil der Abmachung bestand in der Beschaffung großer Mengen von Eßpapier mit Erdbeergeschmack. Diese von einem Kiosk im Stadtkern zu einem lachhaften Preis feilgebotene Süßigkeit stellte den einzigen Glanzpunkt in Walfrieds dröger und uninspirierter Existenz dar. An ihm war es als Gegenleistung für die Verköstigung, den gesamten Österreichischen Jagdprüfungsbehelf auswendig zu lernen, sich unter falschem Namen ebenfalls zur Prüfung anzumelden, und den - natürlich - neben ihm sitzenden Bengt sämtliche Antworten abschreiben zu lassen.
Der Plan war ebenso hirnrissig wie primitiv.
Und genau deswegen funktionierte er.
»Ahh, das ist der richtige Stoff«, stöhnte die tiefere von Paznauns Stimmen kaum hörbar, nachdem der Inhalt des Plastikbechers den Weg in seine Kehle gefunden hatte. »Mit ein paar Pullen von dem Gesöff halt ich's hier aus bis zum Sankt-Nimmerleinstag!«
»Leise, Käpt'n Boller, ich bitte dich!« Auf Bengt Paznauns Gesicht machte sich ein flehentlicher Ausdruck breit, während er erneut zur Büchse mit dem Nachtglas griff und die Lichtung unter sich sondierte. Das Rudel, das sich aus mehreren jungen Hirschen, Kahlwild sowie einigen verhältnismäßig gut genährten Kälbern zusammensetzte, bestand aus sogenanntem Standwild, dauerhaft im Revier lebenden Tieren. Dicht drängten sie sich um eine von zwei mächtigen Kiefern eingerahmte Krippe, in der zur Winterzeit Heu, Sträucher sowie Nahrungsmittelreste aus der Hohlsteiner Gastronomie angefüttert wurden. Paznaun hatte das Rudel über Wochen hinweg beobachtet, um die Gewohnheiten der Tiere zu studieren und herauszufinden, wann und wo sie sich gewöhnlich mit dem Achter trafen.
Der Achter, oder besser: der gerade Achtender, auf den Bengt aus war, war ein prächtiger Gabler mit einem fein geperlten, nahezu symmetrisch gewachsenen Geweih. Und er war ein Einzelgänger. Letzteres machte es für Paznaun so schwierig, vorherzusagen, wann und wo sich das Tier zeigen würde. Aus diesem Grund war er, kaum daß sich ein Zusammenhang zwischen den Äsungsgewohnheiten des Rudels und dem Erscheinen des Achters abzeichnete, zur wesentlich einfacheren Beobachtung der Gruppe übergegangen. Und er war davon überzeugt, daß es sich auszahlen würde!
»Jungchen, ich hab schon Wild angebirscht und zur Strecke gebracht, da bist du noch mit der Spielzeugtrommel um den Weihnachtsbaum gerannt!« Käpt'n Bollers Ton klang abfällig, er gab sich mittlerweile keine Mühe mehr zu flüstern. Durch sein Zielfernrohr sah Paznaun, wie mehrere Jungtiere skeptisch die Häupter hoben und sich unruhig umsahen.
»Pssst. Leise, Käpt'n!«
Bengt hatte Käpt'n Boller in der zweiten Grundschulklasse kennengelernt, damals allerdings noch nicht persönlich. Vielmehr hatte er, als regelmäßig gehänselter und nicht selten verprügelter Klassenversager, irgendwann damit begonnen, den größeren und stärkeren Jungen seiner Klasse mit einer Beschützerfigur zu drohen, die er in Ermangelung eines bedrohlicheren Namens ›Käpt'n Boller‹ nannte.
›Käpt'n Boller‹, zu dem ihm nicht viel mehr einfiel, außer, daß er ›groß und stark‹ sei und seinen Peinigern ›die Eier zu Mus quetschen‹ werde, wenn sie ihn nicht in Ruhe ließen, hatte sich wider alle Erwartungen bewährt. Bengt mußte während der folgenden beiden Schuljahre nie wieder mit blauen Augen, Prellungen oder sonstigen Blessuren nach Hause gehen.
Als er auf diese Weise halbwegs wohlbehalten die Hauptschule erreichte, kam es allerdings zu einem einschneidenden Erlebnis, das sein weiteres Leben nicht unbeträchtlich verändern sollte: Die Hauptschüler, mit geringfügig mehr, zumeist boshafter Intelligenz ausgestattet als ihre Kollegen in der Grundschule, ließen sich nicht so einfach von einem Phantom ins Bockshorn jagen. Sie verlangten, ihn zu sehen, den ominösen Käpt'n Boller, was für Bengt verständlicherweise ein gewisses Problem darstellte. In seiner Not rief er am Abend vor der ultimativ angedrohten Tracht Prügel - es sollte ›dreihundert Geballte in die Fressefläche‹ geben, wenn sich Käpt'n Boller nicht endlich zeigte ? beim Anführer der rabiaten Schülerbande an. Er verstellte seine Stimme, bis sie klang, als gehöre sie einem wesentlich älteren, wesentlich furchtloseren Mann, und drohte dem zwölfjährigen Emil Tomcik eine Viertelstunde lang derart widerwärtige und schmerzhafte Dinge an, daß der Junge im Anschluß einen Weinkrampf erlitt und am folgenden Tag nicht in der Schule erschien. Die ›dreihundert Geballten in die Fressefläche‹ blieben aus - Käpt'n Boller war geboren.
In der Folgezeit begann Bengt, dessen Freundeskreis sich nach wie vor auf seine Mutter und seinen im Nachbarort wohnenden, taubstummen Onkel Wendelin beschränkte, immer öfter, Gespräche mit Käpt'n Boller zu führen.
Und irgendwann begann der Käpt'n, ihm zu antworten.
Doktor Kuntz betrachtete die neue Entwicklung zunächst mit Argwohn. Als jedoch deutlich wurde, daß Bengts unselbständiges Auftreten durch die Präsenz seines Alter Egos merklich souveräner, sein ganzes Wesen ausgeglichener und erwachsener wurde, unterließ er es fortan, den Knaben auf die Nichtexistenz des Freundes aufmerksam zu machen. Auch, als Käpt'n Bollers Charakter im Lauf der Jahre zunehmend dominantere Züge annahm.
»Ich laß mir doch von dir nicht den Mund verbieten«, begehrte der Käpt'n auf und griff zur Thermoskanne, um sich einen weiteren Tee einzugießen. Bengt gewann den Kampf um seine rechte Hand und hob statt dessen von neuem das Gewehr mit dem Zielfernrohr. Und er hatte Glück: Bevor eine lautstarke Auseinandersetzung mit dem Käpt'n unausweichlich wurde, kam Bewegung in die finstere Wand aus Buschwerk am Rand seines Sichtfeldes.
Und dann erschien er auf der Lichtung.
Im selben Moment, da der fast volle Mond hinter einer klumpigen Wolkenansammlung zum Vorschein kam, die Lichtung in einen anämischen Glanz tauchte und durch den Restlichtverstärker schmerzhaft in Bengts Augen stach, trat der Achter zwischen den Bäumen hervor. Erhobenen Hauptes schritt er ohne Eile auf das Rudel zu. Der Schritt des prächtigen Rothirsches war majestätisch, ein Ausdruck vornehmer Gemessenheit wohnte ihm inne. Dieses Tier wußte um seine Eleganz, die Ausstrahlung seines ehrfurchtgebietenden Kopfschmucks und seiner dunklen, vollen Mähne. Einige der jüngeren Hirsche machten ihm klaglos Platz und öffneten einen Pfad zur Futterstelle. Bengt sog keuchend feuchte, nach Moos und Hirschlosung riechende Luft in seine Lungen und hob wie in Zeitlupe das Gewehr.
Normalerweise war um diese Jahreszeit der Abschuß von Hochwild nicht zugelassen. Zwar ließ das Forstamt aufgrund der bedenklichen Nahrungsverknappung in den Höhenlagen zur Verhinderung von Wildschäden regelmäßig den Bestand dezimieren. Dies geschah jedoch üblicherweise vor Eintritt des als ›Notzeit‹ bezeichneten Winters, und auch dann wurden vornehmlich schlecht veranlagte oder alte Tiere geschossen. Der Achter war weder schlecht veranlagt noch hatte er die fünfzehn Jahre erreicht, ab der Hochwild als überaltert galt.
Doch Bengt Paznaun, wenngleich lernbehindert und möglicherweise verhaltensgestört, war kein Idiot. Im vollen Bewußtsein dessen, was er tat, hatte er seine Aversion gegen den Alkohol jüngst für einen Abend überwunden und war mit Oberforstaufseher Schladtminkh in den siebten Kreis des Wacholderschnapses vorgedrungen. Den Rest der Nacht hatte er damit zugebracht, sein Kinderzimmer unter dem Dach mit seinem Mageninhalt zu dekorieren. Am folgenden Morgen war er aufs Amt gefahren und hatte sich die Abschußgenehmigung für den achtendigen Gabler geholt.
»Langsam, gaaanz langsam«, flüsterte Bengt, während seine Finger zitternd über das glatte Holz der halbschäftigen Steyr-Mannlicher glitten. Durch die Optik der Waffe beobachtete er, wie der Achter sich zögernd näherte, als wolle er seiner Abneigung gegen die gewöhnlichen Angehörigen des Rudels Ausdruck verleihen. Weiter unten nahm er entfernt und unwirklich die Erektion wahr, die sich in seiner gut isolierten Försterhose eingestellt hatte. Aber das war allein das fragwürdige Werk Käpt'n Bollers und brauchte ihn nicht weiter zu interessieren. »Laaangsam ...«
»Jetzt keinen Fehler, Jungchen«, verlangte der Käpt'n. Auch seiner Stimme war nun eine gewisse Nervosität anzumerken. Sie zitterte kaum merklich und schien noch rauchiger als sonst. »Und ziel um Himmels willen ordentlich! Wenn du wieder so einen beschissenen Steckschuß anbringst wie letztes Mal, dann bricht er uns weg und verludert später irgendwo im Gehölz.« Käpt'n Bollers Atem ging schnell, die Erregung zerhackte seine Worte in einzelne Silben. »Ich will ihm die Granteln auslösen, hörst du, Jungchen? Ich will ihn aufbrechen, daß mir sein Gescheide heiß und süß über die nackten Arme rinnt! Ich will ...«
»Ich auch, Käpt'n, ich auch. Und jetzt sei still, verdammt!«
Der letzte Junghirsch zwischen Achter und Futterkrippe trat beiseite. Der Mond stand hervorragend, die Restlichtverstärkung des Zielfernrohrs war eigentlich überflüssig. Bengt richtete die Büchse aus und legte den Finger um den Abzug, bis er den Druckpunkt spürte. Speichel sammelte sich in seiner Mundhöhle, während er sich innerlich auf den Rückschlag des Gewehrkolbens an seiner Schulter vorbereitete.
Doch dann hielt er verwirrt inne.
Auf der bisher vom Rotwild verdeckten Fläche vor den beiden mächtigen Kiefern, die die hölzernen Krippe flankierten, war etwas aufgetaucht, das dort nicht hingehörte! Bengt mochte die Fragen und Antworten der Jagdprüfung im Vertrauen auf Walfried Hollands bemerkenswerte Memorierfähigkeit nie wirklich verinnerlicht haben. Doch wenn er eines wußte, dann, daß so etwas nachts im Wald nichts verloren hatte.
»Was ist denn los, zum Teufel?« begehrte Käpt'n Boller auf, der das rätselhafte Bild bisher nicht zur Kenntnis genommen hatte. »Nun schieß schon, Jungchen. Schieß! Blut soll fließen!«
»Ich ...«
Jetzt schien auch das Wild begriffen zu haben, daß irgend etwas nicht stimmte. Der Achter war einige Meter von der Krippe entfernt stehengeblieben und schnüffelte mißtrauisch in Richtung des hölzernen Gestells, in dem die Forstaufsicht früher am Tag kubikmeterweise Heu aufgehäuft hatte. Angesteckt von seiner Unsicherheit, begann auch das Kahlwild, ängstlich zu wittern.
»Verflucht, kannst du denn gar nichts alleine machen, du Mißgeburt?« zischte Käpt'n Boller aufgebracht. »Wenn du nicht schießt, tue ich es eben!«
Bengt spürte, wie sich der Käpt'n seines rechten Zeigefingers bemächtigte. Frischer Schweiß trat ihm auf die Stirn, als ihm klarwurde, daß die Szene, auf die er sich seit vielen Tagen und Nächten gefreut hatte, gerade dabei war, außer Kontrolle zu geraten. Verzweifelt spähte er wieder durch das Glas.
Dieses Ding dort am Boden vor der Krippe, es war ...
Bevor er einen weiteren Gedanken an den ungewöhnlichen Anblick verschwenden konnte - sogar noch, bevor sich Käpt'n Bollers Finger um den Abzug der Waffe krümmen konnte -, geschah etwas Unerwartetes: Ein hoher, irgendwie gurgelnder Schrei ertönte. Er schien aus unmittelbarer Umgebung zu kommen, sein Verursacher mußte sich auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung, direkt hinter der Buschgrenze befinden. Dann raschelte etwas verstohlen im Unterholz. Die Köpfe der Rudeltiere zuckten synchron in die Höhe und fixierten einen Punkt im Dickicht, von Bengt aus etwa auf zwei Uhr.
Im selben Moment zog sich Käpt'n Bollers Finger um den Abzug zusammen. Mit einem donnernden Krachen entlud sich die Steyr-Mannlicher in die Lichtung!
Bengt wurde herumgerissen, der unerwartete Rückschlag der Detonation schleuderte ihn hart gegen die Rückenlehne der Sitzbank. Er verkniff sich einen Schmerzenslaut, von dem er wußte, daß Käpt'n Boller ihn später mit Häme quittieren würde, und hob, so schnell er konnte, wieder das Zielfernrohr. Hatte der Käpt'n getroffen?
Auf der Lichtung waren, wie nicht anders zu erwarten, nur noch nachschwingende Äste im umliegenden Buschwerk zu erkennen, die davon zeugten, daß das Rudel vollständig im stockdunklen Wald verschwunden war. Als er mit dem Blick die Futterkrippe suchte und fand, erkannte er jedoch, daß dort etwas auf dem zertrampelten Waldboden lag. Ein großer Körper.
»Getroffen!«
Ein Schauer der Erregung huschte über Bengts Rücken, als er realisierte, was dieses einzelne Wort aus dem Mund des Käpt'ns bedeutete. Im Geiste sah er bereits das präparierte Haupt des Achters an der Wand seines Jugendzimmers hängen, seine Mutter in stummer Bewunderung davor erstarrt. Doch die Vision währte nur kurz.
»Beeilung, Mensch!« brüllte Käpt'n Boller. Jetzt, wo keine Vorsicht mehr nötig war, glich sein Organ dem Schmettern einer Fanfare, rauh und disharmonisch. »Wir müssen runter! Er ist nur angeschossen, der Bastard! Wir müssen ihm den Fangschuß setzen, bevor er wieder auf die Beine kommt. Mach schon, Jungchen!«
Widerstrebend lenkte Bengt ein, hievte sich von der Sitzbank hoch und begann, so schnell es seine steifen Knochen und die dicken Ansitzstiefel zuließen, die morschen Leiterstufen des Hochstandes hinabzusteigen. Vor seinem geistigen Auge blitzte unvermittelt wieder das ungewöhnliche Bild auf, das sich ihm nur Sekunden zuvor noch zwischen den zur Seite weichenden Hirschen und Kälbern geboten hatte.
»Hör mal, Käpt'n ...« fing er an.
»Nicht jetzt!« Käpt'n Boller war im Jagdfieber, das war unverkennbar. Mit ausgreifenden Schritten verkürzte er die Distanz zwischen dem Hochstand und dem Tier, das zuckend und um sich keilend vor der Futterstelle lag. »Zuerst ist hier eine Arbeit zu erledigen!«
Schrille Blöklaute hallten durch die kalte Nachtluft. Der Schuß hatte den Achter in die Flanke getroffen, unmittelbar vor dem Keulenansatz der Hinterläufe. Bengt spürte, wie Käpt'n Boller im Nähereilen das Gewehr hob. Die Erektion von vorhin lag wie ein unhandlicher Prügel in seiner Hose und behinderte ihn beim Laufen. Sie strauchelten.
»Gib acht, Jungchen«, keuchte Käpt'n Boller. »Gleich ...«
Etwas blitzte im fahlen Licht des Mondes auf, ganz oben auf einem der Kronenenden des Geweihs. Gleichzeitig wurde Bengt unangenehm bewußt, daß der Körper des wild austretenden Hirsches mitnichten auf nacktem Boden lag.
»Käpt'n, da ist was ...«
Der Hirsch war, vom Projektil der Flinte getroffen, seitlich umgekippt und auf etwas gestürzt, das Bengt bereits vom Ansitz aus durch das Fernrohr erspäht, jedoch nicht genau erkannt hatte. Es war eine Art Haufen, und etwas an der Beschaffenheit seiner Bestandteile ließ ihn in der chaotischen Nachbarschaft von Buschwerk und Heu seltsam deplaziert wirken.
Denn diese Einzelteile wirkten irgendwie ? geometrisch!
»Was zum ...?« Auch der Käpt'n hatte nun erkannt, daß etwas nicht stimmte. Er hielt inne, die Flinte verharrte auf halber Höhe. Der Hirsch zuckte mit dem prächtigen Haupt, die Enden seines Kopfschmucks scharrten über den Grund. Wieder blitzte es auf einer der Geweihspitzen.
Aus einer handtellergroßen Wunde in der Seite des Tiers sprudelte dampfend ein roter Geysir hervor - der Schweiß des Hirsches, wie es der Waidmann nannte. Plätschernd ergoß er sich auf das, worauf der Leib des Achters gelandet war: Dutzende, vielleicht Hunderte kleiner Würfel aus blutigem, randscharf geschnittenem Fleisch!
Ein letztes Mal blitzte das, was auf dem Kronenende des Hirschgeweihs stak, verräterisch im Mondschein auf, dann waren Fangschuß und Hirschgranteln und in Ehrfurcht erstarrte Mütter schlagartig vergessen. Die Stimmen Bengt Paznauns und Käpt'n Bollers vermischten sich zu einem einzigen hohen Schrei, während sie panisch von dem unfaßbaren Anblick zurückwichen.
Denn das, was ihnen aus einem einzelnen, von dem verendenden Tier aufgespießten Fleischkubus entgegenblitzte, war ein menschliches Auge.
[aus: Jens Lossau/Jens Schumacher: Die Menschenscheuche. Frankfurt, Societäts-Verlag 2004.]