LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfälzische Autor/innen vorgestellt

Sebastian Spengler

Sebastian Spengler geb. 1982, wohnhaft in Mainz irgendwann in der Jugend mit der Textproduktion angefangen. Seit etwa 2001 zeitigt diese Produktion auch Ergebnisse, die nicht ausschließlich peinlich sind. Teilnahme am Treffen Junger Autoren 2001, in den folgenden Jahren Teilnahme an mehreren Literatur-Workshops von Little Artur.

Sebastian SpenglerVeröffentlichungen in Zeitschriften (Stuz, Eindruck, Zwischenruf (Herbst 2007)) und Anthologien ("Mein Tisch ist eine Insel", "irgendwo da, zwischen den koordinaten"). Einige Texte wurden fürs Radio und das Mainzer Kulturtelefon selbst oder von anderen vertont. Biograph von u.a. Mariah Carey und David Copperfield. Zu sehen regelmäßig im Offenen Mikrofon, manchmal sogar vorlesend. Hauptberuflich Student der deutschen Philologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Beitrag zum Mainzer Kulturtelefon von Sebastian Spengler als mp3 zum Download

Aus ihrem Leben

Sie mag nämlich den Mäces gar nicht leiden. Sie ist nur einmal in einem gewesen, als die Eltern meinten, daß das Kind da womöglich was verpassen täte, wenn es nicht wenigsten einmal dort und deswegen, woraufhin die Mutter hatte da einen Fischmäc gegessen und die Nacht durch gekotzt. Seitdem sind die Eltern der Meinung gewesen, daß das Kind da überhaupt nichts verpassen täte. Irgendwann war sie dann ebenfalls dieser Meinung und zog automatisch die Nase kraus, wenn die Klassenkameraden davon erzählten. Manche feierten da ja sogar ihre Geburtstage und das konnte sie nun so überhaupt nicht nachvollziehen, wie sie sich erinnerte, wie die Mutter draußen auf dem Rasen gehockt hat, sich vornüber aufgestützt und zwischen die Vorderpfoten gekotzt, wie eine Katze.

Eigentlich war es ja auch die Katze, an die sie sich erinnerte. Die Nachbarskatze, die immer in den Garten kam. Sie mochte Katzen, weil die Nachbarskatze, die hat immer in den Sandkasten geschissen, und sie wollte ohnehin nicht draußen spielen. Und wenn sie im Sandkasten in Katzenscheiße griff, war wirklich ein guter Grund lieber drinnen zu bleiben. Das sahen sogar die Eltern ein.

Und wenn die ihr wieder in den Ohren lagen mit, daß draußen doch viel gesünder sei und daß ein Mädchen ihres Alters einfach noch nicht so viele Bücher lesen sollte, da hät sie ja später noch Zeit zu. Dann hat sie der Nachbarskatze Schokolade rausgelegt. Die Nachbarskatze mochte Schokolade wirklich gern. Nur daß sie die eben nicht so sonderlich gut vertrug und darauf immer in den Sandkasten gekotzt hat. Da haben die Eltern wieder Ruhe gegeben. Für ein paar Wochen.

Und jetzt, wo es später war, da hatte sie tatsächlich noch jede Menge Zeit über Bücher zu lesen. Wenn auch nie genug. Bei der Menge Bücher, die es dann immer noch gab, die wo sie nicht gelesen hat. Das hatten sich die Eltern wohl nie so klar gemacht. Weswegen sie ihre Zeit vorwiegend in der Bibliothek zubrachte.

 

Die Eltern haben eines Tages bei den Nachbars in der Einfahrt den Umzugswagen stehen gesehen. Und haben von hinter der Gardine beobachtet. Wie die Möbelpacker den Nachbarsbesitz in Kartons verpackt in den Transporter verluden. Und so deren Auszug kartonweise voran schritt, bis abends die Nachbars vollständig fort waren, weil schon unterwegs zum neuen Heim. Was die Eltern allerdings nicht das Geringste interessierte, Hauptsache, die waren endlich weg und mit ihnen denen ihr Dreckskatze.

Zwei Wochen haben sie bange abgewartet, als dann die Nachbarskatze nicht wieder gekehrt war. Da haben sie sich getraut und den Sandkasten ausbaggern lassen und neu aufschütten. Während sie in der Schule war. Und als sie nach Hause kam. Haben die Eltern sie Arm in Arm herzig lächelnd vor dem Sandkasten erwartet, der ja jetzt hygienisch weil garantiert katzenscheißefrei war. Sie also endlich wieder raus könne, spielen. Na, was sagst du, toll, nicht. Da ging sie also raus.

Sie hatte es bis zum Bodensee geschafft, als kontrolliert wurde und sie hatte keine Karte. Der Schaffner holte die Polizei und egal was sie denen erzählte.

In Wirklichkeit war sie nämlich ein Artistenkind und dem Zirkus beim Umsteigen verloren gegangen. Was aber nicht schlimm sei, weil in einer Stunde ginge der nächste Zug in die Richtung, das habe sie bereits herausgefunden. Nur wenn sie den nicht erwische. Also dann würde es schlimm werden. Weil dann müsse der Zirkus die Vorstellung absagen und da hingen Arbeitsplätze von ab, wenn die Herren Polizisten also bittebitte sie nicht weiter aufhielten. Dann würde sie ihnen auch Freikarten zukommen lassen, so der Zirkus wieder in der Nähe gastierte. Ganz bestimmt.

Die glaubten ihr das einfach nicht. Sondern fragten immer weiter auf sie ein. Wie der eine ihr nett zuredete und Schokolade anbot, wenn sie nur sagte wer sie sei. Und der andere ihm andauernd dazwischen schrie. Was sie ein Abschaum sei schwarzzufahren, dei Goschn, da könnt er neischlagen, sie wüßten ohnehin längst Bescheid, gestehe. Und wie die damit so immerfort fortfuhren, darüber mußte sie wohl müde geworden sein und dabei mag sein, daß ihr da ihr Name entschlüpft ist. Vermutlich, jedenfalls brachten sie sie nach Hause. Dort kotzte die Mutter wieder mal.

Und es war wirklich die Mutter. Die über der Stuhllehne hing. Und deren Flanken konvulsisch zuckten. Und die sich erbrach. Der Vater war nirgends zu finden, daß sie, gerade erst wieder Zuhause, zur Mutter sprang um ihr die Haare aus dem Gesicht zu halten. Was nicht viel brachte, die Mutter hatte zuvor ausreichend Gelegenheit gehabt die Haare wirklich ausgiebigst vollzukotzen. Das hat sie leider erst zu spät gemerkt, als sie die Haare bereits hielt. Da weinte sie und die Mutter weinte auch, von gelegentlichem Aufstoßen unterbrochen.
Nach drei Tagen Kotzen ist die Mutter dann gestorben. Da konnte sie endlich die Hände waschen gehen. Der Vater umarmte sie still und ging die Leiche verbuddeln. Im noch immer garantiert katzenscheißefreien Sandkasten. Sie brachte ein paar Blumen. Und er ließ sie versprechen fortan nie wieder im Sandkasten zu spielen. Schon wegen der Pietät. Sie versprach. Und lächelte tapfer.

 

Entsprechend gut ist sie dann auch in der Schule gewesen. Wo sie sich nicht mal mehr rechtfertigen brauchte, daß sie lieber drinnen blieb. Auch die Teenagerzeit hindurch.

Gut, als sie pubertierte, da hat sie natürlich ein wenig herumprobiert mit Partys und so. Und es hat ihr tatsächlich gefallen. Das Alles und dieser Typ von zwei Klassen über ihr hatte ihr gerade das dritte Mal zugezwinkert. Definitiv kein Zufall. Oder Resultat trunkener Orientierungslosigkeit, dreimal, das war bereits zielgerichtetes Interesse. Ernsthaftes.

Bei der nächsten Gelegenheit würde sie ihm vielleicht zurückzwinkern. Oder gar lächeln. Das mußte sie unbedingt diesem Mädchen da aus ihrer Klasse erzählen, das konnte sie eigentlich gar nicht leiden, aber wahrscheinlich begann das Bier bereits zu wirken und auch das mußte sie der unbedingt erzählen.

Und der Typ kommt wieder vorbeigezwinkert und dieses Mädchen fällt seitlich weg und die Musik ist zu laut und. Sie riß die Augen auf, stützte sich auf und sah fasziniert zu, wie irgendwer direkt neben ihr emphatisch in die Ecke kotzte.

Im nächsten Moment war überall Aufregung und draußen seien gerade Notarzt und Feuerwehr eingefahren. Und alle sahen sie so an. Die Polizei kam etwas später. Dann der Leichenwagen und sie hatte ja den Telephonhörer in der Hand. Versuchte ihn unauffällig beiseite zu legen. Die sahen sie immer noch alle so an. Sie wollte nicht fragen was eben passiert war. War ja auch nicht zum ersten Mal.

Am Morgen danach war sie heiser. War klar, vom Herumgeschreie wo sie sich nicht dran erinnern wollte. Bald darauf ließ man sie wissen, daß es wohl besser sei, wenn sie ab sofort fern bliebe. Ist nichts Persönliches, echt nicht. Daß man halt nur mal einen Abend durchfeiern wollte, ohne daß gleich der Rettungswagen anrückt.

Seitdem bekam sie Ausladungen zu den jeweiligen Partys, mit detaillierter Wegbeschreibung, damit sie nicht mal zufällig in der Gegend war. Und der ganze Stress wieder anfing. Da hat sie noch viel mehr gelesen und das macht sie jetzt auch noch. Ganz viel lesen. Sie mag Bücher wirklich unheimlich gern. Bücher sind toll.


Die Biographien (Auszug)

Und du, Mariah. Sitzt unterdessen Zuhause. Auf dem Holzboden, du wohnst in einem Holzhaus, nur der Kamin ist nicht aus Holz. Du sitzt auf dem Hintern, die Beine ausgestreckt und stützt dich nach hinten mit den Armen ab. Deine Finger tasten die Rillen zwischen den Dielenbrettern nach, während sich die Struktur des Holzbodens in die Handballen prägt. Im Kamin brennt ein Feuer, dein Vater hat, bevor er rausgegangen ist, noch einen großen Haufen Holz darin angehäuft, draußen drückt der Winter gegen die Scheiben, deswegen sitzt du im Wohnzimmer, weil da der Kamin ist und heizt. Du sollst drinnen bleiben, weil es Winter ist und in Kanada liegt im Winter mitunter der Schnee meterhoch und du würdest im Schnee verloren gehen, erfrieren und erst nächstes Frühjahr gefunden werden. Das hat dir der Vater erklärt, du hast es nicht so ganz verstanden, du bist erst zwei. Wenn dich der Vater fragt wie alt du bist, dann rufst du prompt: Zwei. Du weißt nicht so genau, was es bedeutet zwei zu sein, bis auf, daß es Ärger gibt, wenn du das Haus verläßt bzw. das Wohnzimmer bzw. den Fleck, auf dem du gerade sitzt, wenn du den verläßt, gibt es Ärger, das hast du verstanden. Dann ist der Vater raus. Er wird nicht im Schnee verloren gehen und erfrieren und erst nächstes Frühjahr gefunden werden, das ist mal sicher, weil er das gesagt hat, bevor er raus gegangen ist, daß er nicht im Schnee verloren gehen und erfrieren und erst nächstes Frühjahr gefunden werden wird, hat er gesagt, bevor er gegangen ist. Wenn die Gefahr des Verlorengehens und Erfrierens und Erstnächstesfrühjahrgefundenwerdens nicht mehr gegeben ist, darfst auch du raus, solange aber diese Gefahr durchaus noch gegeben ist, wirst du auf diesem Platz vor dem Kamin sitzen bleiben, weil es nirgends sonst im Haus annähernd warm genug ist dein Überleben zu garantieren und deswegen sitzt du auf diesem Platz auf dem Holzboden vor dem Kamin. Du hast längst aufgehört die Beschaffenheit des Holzbodens zu tasten, du fühlst, wie sie sich tief in deine Hände eindrückt, die ganze holzige Holzhaftigkeit des Holzbodens. Du sitzt da auf dem Holzboden vor dem Kamin, der nicht aus Holz ist, weil dann der Kamin vermutlich Feuer fangen würde und das wäre nicht gut. Und das alles weißt du nicht, weil du erst zwei bist und nicht alles so genau verstehst, was dein Vater dir sagt, nur, daß, wenn du den Platz vor dem Kamin verläßt, es Ärger gibt, das hast du verstanden und sitzt deswegen auf dem Holzboden, auf genau diesem Platz vor dem Kamin, in dem ein gewaltiges Feuer brennt, dir ist ziemlich warm, und wartest, daß der Vater zurück kommt.

Du hast wirklich keinen Grund dich zu beschweren. Du weißt noch nicht, was einmal aus dir werden wird. In Anbetracht, was aus dir werden wird. Und, daß es nur so aus dir werden konnte. Kannst du dich jetzt mal wirklich nicht beschweren. Schließlich wird aus dir Mariah Carey werden. Das ist doch schon was. Da ist es echt nicht schlimm dafür eben in Kanada aufzuwachsen. Vielen passiert das, ohne daß sie dafür gleich zur Mariah Carey werden dürfen.

Dein Vater hat dir gesagt der Winter ist ein kaltes Biest, das allein das Feuer fürchtet. Inzwischen ist das Feuer herunter gebrannt, im Kamin glimmt nur noch ein Glutrest. Du sitzt im halbdunkel und wagst nicht hinter dich zu sehen. Der Winter ist näher gerückt. Er ist ganz langsam gekommen, bei jedem Schritt, wenn er die eine Pranke vor die andere auf den Boden setzte, war der Boden ein bißchen mehr erstarrt, daß du die Kälte zuerst an den Händen gespürt hattest. Dann am Po, da waren die Hände schon taub. Und jetzt spürst du den Winter ganz nah, sich kalt an deinen Rücken schmiegen. Und nur noch der rote Schimmer der Glut, auf deinen Beinen und Bauch und deinem Gesicht hält ihn ab, dich ganz zu umfangen. Und du starrst in das Bißchen Glut weil du dich nirgends mehr sonst hinzusehen wagst. Mariah, du sitzt vor dem Kamin, hinter dir das leere Zimmer, weil der Winter kein Biest ist, sondern eine Jahreszeit. Das kannst du mit zwei noch nicht wissen, aber wenn du zur Mariah Carey geworden sein wirst, wirst du es wissen. Aber kalt ist er, der Winter, da hatte dein Vater recht, und wenn das letzte Bißchen Glut auch noch verglimmt sein wird, ist es um dich geschehen, das weißt du.

Du kneifst die Augen zu, da, du ziehst die Beine an, du krümmst dich nach vorne und umklammerst mit tauben Armen deine Knie. Du hörst Schritte heraneilen, der Winter stürzt über dir zusammen, du wimmerst, du verkrampfst. Du wirst hochgehoben. Jemand streicht dir durchs Haar und spricht mit dir. Um dich herum ist es noch genauso kalt wie eben, aber dir ist, als ob es in dir immer wärmer würde. Du öffnest die Augen und siehst den Vater. Der lächelt. Und sagt na siehst du. Ich hatte doch recht. Du bist nicht verloren gegangen und erfroren und wirst nicht erst nächstes Frühjahr gefunden werden. Weil du nicht rausgegangen bist. Und wie er sich freut.

Er hat Holz mitgebracht, große Kiefernzweige, die holt er jetzt herein und zersägt sie. Die Stücke hält er dir hin, daß du daran riechst und du riechst daran und er sagt so riecht der Wald und du riechst daran und riechst Wald. Und die Kiefernzweigstücke häuft er über die Restglut im Kamin und gleich flämmeln kleine Flammen hervor und dann brennt das Feuer wieder. Der Vater zersägt noch mehr Holz. Und du siehst ihm dabei zu und er gibt dir die Säge, daß du auch mal sägst und er lacht, wie du dich bemühst und den Mund verziehst und die Säge nicht mehr hergeben willst. Und nicht aufgeben willst, immer wieder die Säge ansetzt und sie dir abgleitet, daß du davon aufschreist und jetzt lacht er nicht mehr, wie er dir ins Gesicht sieht und du ihn böse anstarrst, als er versucht dir die Säge aus der Faust zu winden und du sägen willst und es nicht hinbekommst und es dann doch irgendwie hinbekommst. Mariah, irgendwie schaffst du es ein Zweigchen abzusägen und du umfaßt es und riechst daran. Sag, Mariah, wie riecht Wald. Seitdem, jetzt weißt du es, liebst du es an frisch Gesägtem zu riechen.