Petra
Urban, Dr. phil., 1957 in Dohna/Pirna (bei Dresden) geboren, aufgewachsen
in Düsseldorf. Studierte dort Germanistik und Philosophie. Promotion über
Richard Wagners "Tristan und Isolde".
Seit 1992 lebt sie als Schriftstellerin in Bingen am Rhein. Sie schreibt Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, zudem Vorträge zu literarischen und lebensphilosophischen Themen, bietet sehr erfolgreich Seminare für "Kreatives Schreiben" und Literatur an.
Weitere Informationen unter www.petraurban.de
…
Jemand hat seinen Namen gerufen. Zu aufdringlich, wie ich finde, zu hell
und viel zu laut. Ich drehe mich um.
Es ist Schneewittchen, die dem Fahrstuhl entsteigt. Sie trägt ein
dunkelblaues Wollkleid, der Ausschnitt ist ein tiefes, spitzes Dreieck,
gewagt und verführerisch. Sie genießt ihren Auftritt, ich sehe
es deutlich. Und sein Lächeln genießt sie auch. Wie ein geschmücktes
Zirkuspferdchen tänzelt sie auf ihn zu. Setzt sich neben ihn, legt
ihre Hand auf sein Knie, diese mondscheinweiße Hand, die dort so
selbstverständlich liegen bleibt und die ich verscheuchen möchte,
erzählt jetzt und lacht. Ihre Wangen sind für einen Moment rosig überzogen.
Alles scheint mühelos bei ihr, ganz ohne Anstrengung, nichts stört
sie. Selbst die Musik, die unermüdlich aus den Lautsprechern plätschert
und die mir mittlerweile auf die Nerven geht, weil sie sich im Kreis dreht,
auf der Stelle tritt und gähnt, selbst diese launische und klebrige
Musik scheint sie nicht zu bemerken. Lächelnd beugt sie sich zu ihm,
küsst ihn erst auf die Wange, dann auf den Mund. Und während
sie redet, fliegt ihre Hand wie ein kleiner weißer Vogel in die Höhe,
aber nur, um sich im nächsten Moment wieder auf seinem Knie niederzulassen.
Er schüttelt den Kopf. Was sie sagt, scheint ihm nicht zu gefallen.
Sein Kopfschütteln aber wiederum gefällt ihr nicht. Sie schmollt.
Stülpt die Lippen nach vorn wie ein trotziges Kind, zieht das Händchen
von seinem Knie zurück. Schneewittchen ist beleidigt. Steht wortlos
auf und schwebt in Richtung Wintergarten davon.
Er schaut ihr noch nicht einmal hinterher, hat sich schon wieder in sein
Buch vertieft. Er wartet auf mich.
Langsam gehe ich auf ihn zu.
Noch hat er mich nicht entdeckt, aber ich weiß, gleich wird er den
Kopf heben und mich anschauen, mir direkt in die Augen schauen, wird das
Buch zuklappen, lächeln, sich erheben, und ich werde auch lächeln,
freudig überrascht sein, ihn hier, in dieser belebten Hotelhalle,
zu treffen. Was für ein Zufall!, werde ich sagen, meine Wangen für
einen Moment rosig überzogen, werde ihm meine Hand entgegenstrecken
und vielleicht etwas über das Wetter sagen oder über seinen langjährigen
Freund Hubert Hartwig, und meine Worte werden ihm gefallen. Und er wird
auch etwas sagen und es ist ganz egal, was er sagt, seine Stimme wird mich
umschmeicheln wie ein besonders angenehmer Duft. Erschrocken bleibe ich
stehen. Plötzlich ist wieder dieses Rauschen in der Luft, das wie
wildes Flügelschlagen klingt. Ich ziehe den Kopf ein. Mama ist da.
Ganz unvermittelt ist sie wieder da. Es geht ihr nicht gut …
(in alphabetischer Reihenfolge)