Gabriele
Weingartner, Kulturjournalistin und Literaturkritikerin, wurde 1948 in Edenkoben/Pfalz
geboren, studierte Germanistik und Geschichte in Berlin und Cambridge (Massachusetts).
Nach zwei Jahrzehnten im pfälzischen St. Martin lebt sie seit 2008
wieder in Berlin. Zahlreiche Literaturpreise und Stipendien, Mitglied des
P.E.N.-Zentrums Deutschland.
Ein zweistöckiger roter Regionalzug hat mich von Mannheim nach N. gebracht, vom Bahnhof aus sah ich mein imposantes, in der Gründerzeit erbautes Mädchengymnasium auf einem jener fernen Hügel liegen, die so wunderbar unterschiedslos in den Himmel übergingen, wenn wir händchenhaltend mit irgendwelchen Knaben durch die Weinberge wanderten und der Nebel allmählich ins Tal floss. Dann musste ich noch einmal umsteigen, in einen mit Graffiti besprühten einzelnen Triebwagen. Dort saß ich ganz alleine, auf einem Sitz, dessen Polster man mit Messern aufgeschlitzt hatte. Es wäre nicht möglich gewesen, mir einen anderen zu suchen, sie sahen alle so aus.
Früher, so fiel mir ein, hätte ich die Elektrische benutzen können, Schneck genannt, weil sie so langsam und altersschwach war, jene, auf der uns Roberts Vater manchmal mitfahren ließ, ohne dass wir bezahlen mussten. Sie fuhr allerdings oben herum, das heißt, am Gebirge entlang, sowie teilweise mitten durch die Weindörfer, quietschend und schlingernd, manchmal so nah an den Fenstern der Häuser vorbei, dass man den Leuten auf den Mittagstisch sehen konnte. Irgendwann war sie dann nicht mehr da, entsorgt, abgewickelt, würde man heute sagen. Und Roberts Vater verkaufte seine Fahrscheine nicht mehr bei der Straßenbahn, sondern bei der Buslinie, die man stattdessen einrichtete, und musste auf seine dunkelblaue Uniform mit den goldenen Knöpfen und den mit Adlern und rollenden Rädern verzierten Schulterklappen verzichten.
Jetzt, beim Schreiben, fällt mir auch ein, dass die Schneck gelegentlich aus den Gleisen sprang, wenn die Fahrer beim Abwärtsfahren die Geschwindigkeit nicht rechtzeitig drosselten, und dass sich unsere Ladenmädchen regelmäßig darin erbrachen, weil die Bahn in den Kurven schwankte wie ein Schiff. Aber auch Schwerverletzte und Tote gab es hin und wieder, und die schlimmste Geschichte war zweifellos die von dem Schüler, dessen Schulranzen sich an einer besonders gefährlichen Kreuzung in den Schlingen einer wilden Weinrebe verfangen hatte. Er wurde von der Plattform gerissen, mitgeschleift und geriet unter die Räder einer zweiten Bahn, die in geringem Abstand folgte.
Alle paar Meter, so erzählte uns Robert damals in der Pause auf dem Schulhof, seien die Innereien dieses armen Jungen auf der Straße gelegen, seine Nieren, seine Leber, sein Gedärm, all sein dampfendes Menschenfleisch, über das die aus ihren Häusern rennenden Hausfrauen und Winzer in ihrer Hilflosigkeit Tischdecken und Handtücher gebreitet hätten. Sogar Herr Filzinger, der hinter uns stand und mit seinem Holzbein scharrte, hörte atemlos zu und brachte es über sich, einmal nicht von den in Russland abgefrorenen Nasen und Ohren seiner Kompanie zu reden. Erst beim Rückgang ins Schulgebäude konnte er nicht mehr an sich halten und begann, über die abgrundtiefe Blödheit des jungen Passagiers zu schimpfen, der doch immerhin bis kurz vor seinem Tod die höhere Handelsschule besucht habe und der Sohn eines Sparkassenfilialdirektors gewesen sei.
Wenn man freilich mit der Eisenbahn fuhr, war das Mittelgebirge entfernter. Es schimmerte blaugrau hinter den davor sanft abfallenden, noch kahlen Weinbergen, es war, als ob es davonliefe, parallel zu den Schienen. Wie früher bei diesigem Wetter kamen mir auch jetzt die Berge viel höher vor als in Wirklichkeit. Die Burgruinen auf ihren Gipfeln waren kaum zu erkennen. Und auch die Villa Ludwigshöhe leuchtete nur verhalten gelb im kahlen Wald. Den Kavaliersbau, in dem Ulis Schwester Ursula und ihre Mutter nach dem Skandal noch ein, zwei Jahre gelebt hatten, konnte ich überhaupt nicht erkennen. Ob er noch existierte? Die zahlreichen Pappelalleen, die kerzengerade zum Rhein hinunterführten und noch von Napoleon gepflanzt worden sein sollen, waren jedenfalls wie vom Erdboden verschluckt.
Ach, du weißt, dass ich zum Defätismus neige, mein Lieber. Hier, so weit weg von dir, muss ich dich dafür loben, wie lange es dir schon gelungen ist, mir diese Haltung wenigstens phasenweise auszutreiben. Schon deine quietschenden Schuhe, deine hoch aufgeschossene, dünne Gestalt und deine abstehenden Ohren haben mir gezeigt, wie hartgesotten, wie standhaft du bist. Wegen deiner Ohren hat man dich als Kind bestimmt gehänselt. Wie müssen dich deine Knochen geschmerzt haben beim Wachsen, du Zweimetermensch. Es ehrt dich, wie offen du über die diebische Freude sprachst, deinen Vater zu überragen, wie gut die Luft schmeckt über den Köpfen der anderen Leute. Dass höchstens der chronische Schiefhals ein Problem in deinem Leben gewesen sei, diese angeborene einseitige Muskelverkürzung, deren operative Behebung du unter barbarischen Schmerzen hast ertragen müssen.
Wie der Nachrichtensprecher vom Heute-Journal hab ich geguckt, weißt du, der, der den Kopf immer so schräg hält. Aber da war ich erst sechs, hast du mich beruhigt. Jetzt kann ich gar nicht mehr schief gucken, selbst wenn ich es wollte. Ich schau jetzt immer direkt und ganz ohne Umstände.