
Geboren 1983 in Moers am Niederrhein.
Seit 2004 Studium der Philosophie und Mathematik in Mainz.
Seit 2005 Teilnahme an der Lesebühne Fabulatorium im Quartier Mayence.
2006: Gründung der Schreibgruppe Schrödingers Katze.
Da sitzt du. Du zählst Münzen. Eins. Du polierst sie. Gründlich.
Bis sie funkeln und glänzen. Du streichst über beide Seiten der
Münzen, über ihre Kanten – die Kanten findest du viel zu
scharf. Daran kann man sich schneiden. Oder sie reißen ein Loch in
die Hosentasche oder den Geldbeutel, je nach dem. Du tauchst den Polierlappen
in den Eimer mit der Polierpaste. Der Lappen riecht nach Zitrone und Chemie,
du magst chemische Zitrone. Du polierst die Kanten. Besonders gründlich.
Du schmirgelst sie glatt.
In der Polierpaste sind Putzkörperchen, Nano-Teilchen, denkst du, wie
Staubkörner aus Diamant. Die kriegen jede Kante glatt. Du polierst noch
einmal die Seiten der Münze, Kopf und Zahl - vorsichtiger als die Kanten,
damit du die Prägung nicht beschädigst, nur vielleicht etwas glatt
schmirgelst, damit sie nicht so kratzt, wenn man die Münze in der Hand
hält, gerade so, dass man die Zahl noch erkennen kann und der Kopf seine
Flügel und seinen Schnabel behält. Anschließend tauchst du
die Münze in eine kleine Wanne mit Waschbenzin, um den Diamantenstaub
und die abgeschmirgelten Münzpartikel wegzuwaschen. Dann hältst du
die Münze ins Licht: Sie funkelt. Du bist zufrieden und legst sie beiseite.
Zwei. Dann nimmst du den Polierlappen, tauchst ihn in den Eimer mit der Polierpaste,
nimmst einen tiefen Zug von der Chemozitrone und streichst mit dem Lappen über
deine Fingernägel. Du hast feine Rillen in deinen Nägeln. Du reibst
und schmirgelst sie mit den Nano-Diamanten, bis die Rillen noch feiner sind,
bis sie fast glatt sind und glänzen, wenn du sie ins Licht hältst.
Deine Fingerspitzen tragen ebenfalls Rillen. Darin sammelt sich Schmutz. Und
gammelt. Du streichst mit dem Poliertuch über die Rillen in deinen Fingerspitzen,
du zerreibst den Schmutz mit Putzdiamanten und schmirgelst die Rillen, bis
sie ein wenig glatter sind.
Du hast eine Schwiele auf deiner Handfläche. Von der vielen Handarbeit,
denkst du. Auch die polierst du. Mit extra viel Polierpaste und Chemozitrone.
Eine Hautschicht nach der anderen trägst du ab, bis die Schwiele verschwunden
ist. Stattdessen nur noch eine fleischige Grube. Wenn du noch ein- oder zweimal
mit dem Lappen drüberreibst, verschwindet vielleicht auch das letzte Stückchen
Haut, das noch an die Schwiele erinnert – aber dann blutet es vielleicht
und dann trocknet das Blut und bildet eine Kruste mit tiefen Rillen und Dreck.
Das willst du nicht.
Du badest deine Hände im Waschbenzin, um die abgescheuerten Hautfetzchen
wegzuwaschen, dann lässt du die Hände abtropfen und hältst sie
ins Licht: Keine Rillen mehr.
Doch das Waschbenzin hat deine Haut ausgetrocknet, überall hängen
Schuppen wie trockenes Laub an einem Baum im Spätherbst. Und kein Wind,
keine Böe in Sicht, die ihn von seinen vertrockneten Blättern befreien
könnte. Du tauchst beide Hände in den Topf mit der Polierpaste, umhüllst
sie mit Chemo-Diamanten, atmest den Nano-Zitronenduft ein und beginnst zu reiben.
Du schmirgelst jedes einzelne Blatt vom Baum, auch die kleinen, trockenen Äste.
Dann denkst du an den Stamm. An seine Rinde, seine furchige. Überall Schluchten
voll Schmutz. Du polierst. Du schmirgelst. Du befreist den Baum von seiner
dreckigen Rinde, bis er völlig glatt und rein dasteht. Wie ein Korkbaum,
denkst du, denen schneidet man auch die Rinde ab, damit sie frei durchatmen
und die Chemo-Zitrone riechen können. Dann schaust du auf deine Hände,
deine fleischfarbenen, teils blutigen Hände voller Chemo-Creme. Dann denkst
du an all den Staub und Nano-Dreck in der Luft und wie schutzlos deine Haut
jetzt ist ohne ihre Rinde. Dann tauchst du deine Hände ins Waschbenzin
und wartest. Du bewunderst die zwei Münzen, die du heute poliert hast.
Freust dich, dass sie so schön funkeln. Du betrachtest deine Hände
im Waschbenzin und wartest aufs Ende deiner Schicht.