Irina
Wittmer wurde 1953 in Karlsruhe geboren. Sie lebt mit ihrer Familie in
Mainz und arbeitet als Schriftstellerin und Radioautorin.
Zahlreiche Veröffentlichungen. 2005 erschien im Rhein-Mosel ihr Roman „Linda Haselwander“. 2007 produzierte der SWR ihr Radiofeature „Auf der Suche nach dem wirklichen Blau – Ein Versuch über Anna Seghers“.
Zur Zeit arbeitet Irina Wittmer an dem Zyklus „Ausflug der toten Bräute“, zu dem Erzählungen und ein Hörspiel gehören. Mit dem Wunsch zu verstehen, konfrontiert sie die Stalin-Friedenspreisträgerin Anna Seghers mit ihrer Heimatstadt Mainz und ihrer jüdischen Familie.
(...) Jeden Tag kommen im Kidduschraum ungefähr dieselben Leute zusammen. Das Ehepaar Mayer, er stets mit gestärktem Hemd, Ärmelschonern und Krawatte, und die vier neuen Polen, die fast nur jiddisch können. Oft sitzen sie schon morgens, wenn Trudi Kartoffeln schält und dazu Schlager singt, in der Küche herum.
Frau Mayer müht sich mit ihnen und sagt auf gut rheinhessisch zu den vier Polen, ei, ihr müßt deutsch lernen, sonst wird das hier nix mit euch. Aber dann beißt sie sich gleich auf die Lippen, was weist ausgerechnet sie diese Polen an, die Sprache der Mörder zu lernen. Ihr ist doch selbst peinlich, daß sie hier sitzt und nichts anderes reden kann.
Vom Kulturamt hat sie den Auftrag bekommen, eine Liste sämtlicher Friedhöfe und Leichenhallen der umliegenden, jetzt ausgelöschten Gemeinden anzufertigen. Aber sie findet niemanden mehr, bei dem sie nachfragen könnte. In den Landsynagogen sind jetzt die Feuerwehren untergebracht oder Landmaschinen, oder jemand nutzt sie als Möbellager. Mendel Kantorowicz ist manchmal schon mit Frau Mayer in die Vororte gefahren, er hilft bei den hebräischen Inschriften, wenn nötig.
Gott behüt, wer außer den Polen und Ungarn kann denn hier überhaupt noch die Tora richtig lesen?
Meistens drehen sich die Gespräche bereits nach der Suppe darum, wer wann in welchem Lager war und wer wen in welchem Lager verloren hat. Frau Citrin, deren Lockenperücke immer in ihr verwelktes Kindergesicht rutscht, fragt, kennt ihr die Familie Gerschom? Wenigstens einmal pro Woche fängt sie mit den Gerschoms an.
Es heißt, sie haben überhaupt niemanden verloren, das kann doch nicht sein. Alle von den weitverzweigten Gerschoms sind gerettet, rechtzeitig nach Palästina oder Argentinien, nur den Jüngsten von der Tochter haben sie zurückgelassen, der Micha hat bei Nonnen in Bayern überlebt.
Wer hätte gedacht, daß es ausgerechnet bei den Bayern solche guten Menschen gibt!
Und Herr Mayer, Hermann Mayer, der donnerstags im Büro für die kleingewordene Gemeinde die Buchhaltung erledigt, antwortet geduldig, ja, Frau Citrin, die Geschichte ist bekannt, und jetzt will der Micha selber Priester werden. Übrigens, wissen Sie, meine drei blonden Engel, die sind alle ins Gas, da ist keine übrig.
Und Anna fragt nach dem Judenhaus in der Taunusstraße 31, wo ihre Mutter zwei Jahre lang eingesperrt war.
Ich lerne schon Spanisch, aber Du weißt, daß ich mit nichts komme, mein Liebes, keine Mitbrings für Euch, nichts für meine Kinder.
Das Auf und Ab riß an den Nerven, ohne Geld nützte Hedwig Reiling das rettende Telegramm aus Mexiko nichts.
Alle paar Tage, auch wie unter einem Zwang, fragt Anna zögernd, doch mit dem sehnlichen Wunsch, Frau Citrin würde, statt die ewig gleichen Geschichten aufzutischen, sich einmal erbarmen und eine Antwort erfinden und etwas von den letzten Tagen im Judenhaus erzählen, wie es war, bevor der Transport abging. Wenigstens eine letzte, vielleicht eine ein klein bißchen tröstende Spur könnte Frau Citrin schenken, so daß es sich wieder leben ließe.
Ist die Mutter zusammen mit Fräulein Sichel in denselben Waggon gestiegen? Hatten sie wenigstens genug warme Sachen zum Anziehen dabei?
Frau Citrin, die im letzten Moment entkam, hält sich die Ohren zu.
Wenn Anna von dem nächtlichen Marsch zum Güterbahnhof anfängt, wird nur hart abgewinkt.
Aus Piaski ist dann sowieso niemand nach Mainz zurück, auch nicht aus Sobibor oder Majdanek. Kein einziger, sagt Herr Rheinstein, der als Häftling in Theresienstadt gezwungen war, einen der Verbrennungsöfen mit Dieselöl zu versorgen. Hast du Menschenaugen, Gott? Nu, mit welchen Ohren hörst du? Warum wurde mir das angetan, schreit er zum Fenster auf die Forsterstraße hinaus, wenn er zum Schabbatessen zwei, drei Gläser Wein getrunken hat.
Frau Citrin kriegt dann zuviel, sie stöckelt auf ihren schlappenden, grünen Pumps davon, um sich kaum eine Viertelstunde später wieder dazuzusetzen. Keiner fragt, warum ihr, was sie anzieht, immer zu groß ist. Wenigstens die Ärmel ihrer Bluse könnte sie doch kürzen, daß sie nicht in die Suppe hängen.
Herr Rheinstein sagt, nu, daß ihrs euch vorstellen könnt: den Bus haben sie uns aus Mainz geschickt, um uns abzuholen, wir waren vierundzwanzig, die noch mit wollten, was weiß ich, warum.
Nu, ein kaputter Haufen eben.
Herr Rheinstein fuchtelt herum, als müsse er Fliegen vertreiben.
Bei jedem Mittagessen hört Anna, daß auf dem blauen Bus in geschwungener, goldener Schrift stand: Goldenes Mainz, dabei war es gar keine Stadt mehr, nichts von Gold, nur noch Trümmer.
Sogar die Türme vom Dom haben von den Bomben gewackelt, stellt euch das vor. Frau Mayer lacht dann los, bei der Vorstellung, wie sich der alte Dom geschüttelt hat, vielleicht hat er sogar genickt dabei, weil ihm Bombenhagel und Feuersturm als gerechte Strafe für seine Lämmer erschienen?
Frau Mayer macht mit Gesten und Geräuschen vor, wie es vielleicht war mit dem Dom, aber weil niemand lachen kann, bremst sie krächzend ab wie vor einer Kurve, egal.
Maria, bitte, sagt dann Herr Mayer.
Egal. Ich weiß schon.
Und gleich weint sie wieder.
So gerne hätte sie doch ein Kind gehabt.
Die erste Zeit haben die aus Theresienstadt oben in einem Pavillon vom Städtischen Krankenhaus gewohnt, manchmal ist der französische Militärrabbiner gekommen und mit ihnen auf dem Gelände spazieren gegangen. Hinunter in die schön gespenstische Ruinenstadt, die im Abendlicht noch zu glühen schien, haben sie sich nicht getraut. Frühmorgens sah es oft aus, als steige Rauch herauf, vielleicht hat auch nur jemand ein Feuer gemacht, um Abfall zu verbrennen. Es stank so nach verbrannten Gummireifen.
Und Trudi serviert zum Nachtisch gedünstete Apfelschnitze, dabei redet sie munter mit, als wäre sie schon gleich nach dem Krieg dabei gewesen. Sie redet nach, was sie in ihrer Zürcher Tageszeitung gelesen hat, daß ja fast nichts zu essen da war, daß alle in Deutschland hungerten und Tuberkulose hatten.
Ja, es gab ein Hauen und Stechen um jedes Stück Brot, um jede Kartoffel, und die Leute zwischen ihren Trümmern waren erbittert von ihrem Unglück, von dem sie spürten, daß sie es selbst verschuldet hatten!
Interview mit Irina Wittmer in der Rhein-Zeitung. Die Fragen stellte Gerd Blase.
MAINZ. In einer kleinen Küche sitzen, eine Tasse Tee in Händen halten und mit einer Schriftstellerin über Gott und die Welt reden: Mit Irina Wittmer geht das wunderbar. Ihre Themen reichen von Muslimen in Deutschland über Synagogen in Mainz bis zur Lust des Journalisten am Verriss - und zwischendurch streift Wittmer immer mal wieder auch ihre Existenz als Autorin. "Es ist schwierig, und ich habe viel bereut", meint sie lächelnd. "Ich würde niemandem raten, diesen Weg einzuschlagen." Und dies von einer Frau, die durchaus Erfolge verbuchen kann.
In unregelmäßigen Abständen stellt das Literaturbüro Rheinland-Pfalz auf seiner Website Schriftsteller vor. Diesmal trifft es die gebürtige Karlsruherin und Wahl-Mainzerin Wittmer. Eine Passage aus ihrem Zyklus "Ausflug der toten Bräute" ist im Internet zu lesen. Doch es lohnt sich, darüber hinaus etwas über die Autorin zu erfahren.
Im Sinne von Anna Seghers
Inspiriert wurde der Titel ihres aktuellen Projekts von Anna Seghers" "Ausflug der toten Mädchen", und um die große Mainzer Dichterin dreht sich zurzeit auch Wittmers Schreiben. 2007 schuf sie das Radiofeature "Auf der Suche nach dem wirklichen Blau - Ein Versuch über Anna Seghers" für den SWR. "Ich habe ein halbes Jahr daran gearbeitet, gründlich recherchiert, viele Originaltöne gehört", erzählt Wittmer.
Als Radioautorin fühlte sie sich verpflichtet, den Fakten nachzuspüren. Als Schriftstellerin geht sie nun anders vor: "Da bin ich völlig skrupellos und mache, was ich will." Im Zyklus "Ausflug der toten Bräute" geht es ihr darum, mit den Mitteln der Literatur die Fühler auszustrecken. "Ich versuche, durch die Figur der Seghers das jüdische Mainz vor dem Zweiten Weltkrieg wiedererstehen zu lassen. Ihre ersten 20 Jahre im konservativ-jüdischen Umfeld haben bisher nur wenig Beachtung gefunden."
Aber auch andere Facetten sollen aufleuchten: "Warum ist die Seghers nicht im Exil in Mexiko geblieben, sondern in die DDR gegangen?" Und: "Wie kann es sein, dass sich diese vornehme Prinzessin später in eine rote Furie verwandelte?"
Zur jüdischen Welt fühlt sich Wittmer hingezogen, auch wenn die 1953 geborene Autorin in einem evangelisch-pietistisch geprägten Haushalt aufwuchs. So war sie von 2002 bis 2008 Vorsitzende des Vereins "Eine Neue Synagoge für Mainz".
Zum Schreiben kam sie eher spät: Mit 35 überlegte die gerade in Mainz-Finthen sesshaft gewordene Frau, ob sich nicht mit Liebesromanen Geld verdienen ließe. Doch sie traf den Ton einfach nicht. Im Literaturbüro nahm Wittmer dann an einem Kurs teil, in dem reihum vorgelesen wurde. Dafür schrieb sie ein paar Zeilen, trug sie vor und wurde von einem Redakteur aufgefordert, ihr Werk gleich noch mal fürs Radio zu lesen. "Ich hatte gerade mal sieben Seiten, und die nannten mich Schriftstellerin. Ein eigenartiges Gefühl."
Es folgten Erzählungen, das Hörspiel "Von der klugen Else" wurde erfolgreich von vielen Rundfunkanstalten gesendet, und 1995 erhielt Wittmer den "Martha-Saalfeld-Förderpreis des Landes Rheinland-Pfalz". 2005 erschien ihr Roman "Linda Haselwander", in den viel Autobiografisches hineingedeutet wurde. "Ich benutze mein Leben, wenn ich zu faul bin, was zu erfinden", meint Wittmer dazu. "Ich kann aber durchaus erfinden. Ich habe kein Interesse daran, meine Person darzustellen."
Aufmerksamkeit ist nötig
Viel lieber kümmert sie sich um Anna Seghers. Wittmer nähert sich der berühmten Kollegin in einem ganz eigenen Ton. Ihre Prosa lässt sich nicht nebenbei konsumieren, sie fordert zur genauen Lektüre heraus. "Ich bemühe mich präzise zu sein, Menschen mit wenigen Strichen zu zeichnen. Das Schwerste beim Schreiben ist die Frage: Was lasse ich weg?"
Für den "Ausflug der toten Mädchen" ist noch kein Verleger gefunden. Wer also mal reinschauen will in den Zyklus, ist auf die Homepage des Literaturbüros angewiesen - oder er kommt zur Lesung: Am 15. Januar 2009 um 19.30 Uhr ist Wittmer im Landtag zu Gast, um einen Eindruck zu vermitteln, was sie alles weglassen kann. Gerd Blase
(c) Gerd Blase, Rhein-Zeitung (29.10.2008)