
Ken Yamamoto wurde 1977 in Paris geboren. Als Sohn eines japanischen Vaters und einer deutschen Mutter französischsprachig aufgewachsen wurde er zeitlebens durch ein interkulturelles Umfeld geprägt. Somit sind auch seine literarischen Wurzeln in den Poetiken verschiedenster Kulturen zu suchen.
Zum Broterwerb arbeitete er in zahlreichen Aushilfsjobs u.a. als Synchronsprecher, Fließbandarbeiter, Kurierfahrer, Diamantenverkäufer, Büroangestellter, Ausstellungsführer und Regieassistent.
2004 begann er mit seiner Lyrik auf deutschen Slam Poetry Bühnen aufzutreten. Es folgten zahlreiche Auftritte u.a. :
Die Publikation eines Gedichtbandes steht noch aus. Bisher veröffentlicht sind lediglich zwei Gedichte in Anthologien:
"Break!", in: Planet Slam 2. Ein Reiseführer durch die Welten des Poetry Slam.
Ko Bylanzky/Rayl Patzak (Hrsg.), yedermann Verlag 2004.
"Von Kinesis und Stasis (Kilroy was here)", in: 25 Jahre Mainzer Kulturtelefon. Eine Anthologie. Sigrid Fahrer/Dietmar Gaumann (Hrsg.), LiteraturBüro Mainz e.V. 2005.
Ken Yamamotos Gedichte bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen Lyrik und gesprochenem Wort bzw. Performance Poetry. Dieses Oszillieren zwischen literarischen Kulturen (Spoken Word Poetry als Literaturform der Massen- bzw. Popkultur einerseits und Poesie als "Antiware" [Enzensberger] andererseits) beruht auf dem Festhalten und Weiterführen gleichermaßen oraler, als auch textueller Traditionen in der Poesie und erschwert nicht selten den Zugang beider Seiten zu seiner Arbeit.
Dieser Bekannte der da vorbeikommt
Immer ungelegen und ungefragt
Der Lärm schlägt allezeit
Und traurige Gedichte rezitierend
Somnambul über den Dachfirst balanciert
Ruft mir breit grinsend zu:
Du musst wissen was du tust
Bis der Schnitter dir in die Suppe speichelt
Kusch doch oder piss dich an
Gluckert er von da oben
Grandeur und Erbärmlichkeit
Sind nur zwei Begriffe…
Im Moment da er die Fresse aufreißt
Seh ich ihn stocken, zweifeln, taumeln
Schließlich mit einem Schrei
In die Tiefe stürzen und im Hof
Auf den Asphalt schmettern
Konzentrier dich besser
Schritt um Schritt aufs Gleichgewicht
Auf das Erfühlen der Topografie
Das Sichten des Untergrunds
Nach möglichem Reibungsverlust
Überlege ich ihm zuzurufen
Doch den bitteren Nachgeschmack
Von Klugscheißerei und Vorschrift
Unlöschbar auf dem eigenen Gaumen
Sehe ich zu und lerne dabei.
Dass über das hübsche Gesicht
Dieser Endzwanzigerin an der Haltestelle
Florale Muster wie Maorispuren
In die tieferliegenden Hautschichten
Lebenslang gestochen sind
Erinnert mich im Vorübergehen
Lächelnd an die Kartographien
Meiner neuralen Strukturen
So hübsch und dekorativ
Dass ich es fast bereue
Diese nur unter der Schädeldecke
Im Dunkeln gewitternd
Mit mir spazieren zu tragen.
Während der Kaffee aufkocht
Das Rauschen des Gasherdes
Innerlichkeiten & Äußerlichkeiten
Der Geruch der Arbeit von Gestern
Die Ahnung der Arbeit von morgen
Umwälzungen & Umgrabungen
Nichts aber weist auf Umsturz hin
Die Zeichen stehen nicht schlecht
Die Unleserlichkeit der Handlinien
Auslaufend auf dünneren Hautschichten
Scheidewege vorzeichnend
Offensichtlichkeiten nachahmend
Das Brummen des Kühlschrankes
In die Stille des Aufblauens hinein
Kein Sturm folgt dieser Ruhe
Handlungsfäden & Abläufe
Graben sich fortwährend ein
Mit Beständigkeit & Beharren
Gleichförmigkeiten & Regelmäßigkeiten
Aufblenden & Abblenden
Auf dem Küchentisch Hinweise
Spuren der Essenz
Dosenöffner & Wasserglas
Telefon & Notizbuch
Alkohol & Tabak
Verwelkte Blumen
Der Schlüssel
"Still zu wissen, du gehst
Bald hinab zu den Vätern.
Oben im heiligen Blau
Fahren die Wolken im Wind"
Josef Weinherber
Es ist so still ... so still jetzt.
Nichts als ein Pochen in den Schläfen.
Und das Rauschen von Gedanken
in den Ohrmuscheln.
Das Knistern einer abglimmenden Zigarette.
Das Ticken eines Sekundenzeigers.
Kontinentplatten, knarzen
sich sanft verschiebend,
wie kleine Hämmer Saties kalte Stücke.
In allen Ecken und Winkeln hockt Stille,
gafft vor sich hinmurmelnd in den Raum.
Einst, wispert und brabbelt es,
werden Abende dämmern
wie Götter,
wie Menschen,
wie absterbende Korallenriffe,
wie Sterne, die sich in einer letzten Supernova
selbst als Licht auf die Reise schicken,
lautlos.
Schluchzt ein Mädchen
in sein Kopfkissen hinein,
erstickt ihre Schreie,
weil sonst die Nachbarn aufwachen könnten,
oder die Mutter,
weil es keinen Sinn hätte zu schreien,
so verlassen, verletzt, verloren
und weil sowieso niemand verstünde,
was niemand verstehen kann,
außer ihr selbst,
allein,
so als wäre sie niemand,
weil niemand da ist,
der ihr sagen könnte,
dass sie da ist, da: wo sonst niemand anderes ist,
außer ihr selbst,
allein.
Mit Speichel und Rotz nässt sie die Daunen,
heult Meere in die Vogelfedern,
die schwer sind wie Blei
und niemand ruft an,
kommt vorbei
oder wirft Steinchen ans Fenster.
Gestern ist vorbei und noch ist es nicht Morgen.
Augenblicke ziehen wie Tierherden in Steppen vorbei,
knicken in Schlachthäusern,
tödlich von Bolzen getroffen mit den Vorderläufen ein,
schmettern zu Boden,
dumpf,
kaum hörbar.
Einst wispert und brabbelt es,
werden Abende dämmern,
wie Erinnerungen,
wie Geisteskranke in psychiatrischen Kliniken,
unterm Brummen der Neonröhren,
werden dämmern
wie die Mythen der Neuzeit,
über den Dächern der Wohnblöcke,
über den Mietskasernen und Wellblechhütten,
über den Hügeln die schon so alt sind,
so alt
und der Boden riecht so gut
nach Erde,
ist so warm vom Leben.
Da juckt es zwischen den Beinen,
zwickt und piekst und pumpt in den Hoden,
zwackt an kleinen und großen Schamlippen,
an anschwellenden Klitorides,
bis man es nicht mehr aushält
und Hand anlegt
und einen blitzartigen Moment lang
überwinde das unüberwindliche Abgetrennt- sein
und kein Donner dazu,
welcher grollend fortrollt
über den Nächsten
und nichts weiter als ein erleichterter Seufzer
bevor es gleich wieder juckt;
in den Fingerspitzen.
- Die Liebe ist ein haptischer Reiz,
komm hab dich nicht so. -
Vielleicht ist es so,
dass die Dinge nur so sind,
weil wir so sind.
"Vielleicht sind wir doch zu verschieden", sagt sie.
"Ja vielleicht...", sollte er antworten,
aber er stattdessen sagt: "Sag so was nicht..."
Vielleicht, denkt er, sind wir nicht zu verschieden,
sondern zu gleich;
wir sind alle gleich;
wir sind alle zu verschieden.
Han Fei murmelt:
Wenn ein Verrückter nach Osten rennt
und sein Verfolger ebenfalls nach Osten rennt,
rennen sie in gleicher Weise.
Aber die Gründe ihres Rennens nach Osten sind verschieden.
Und er fragt sich: warum liebt er sie?
Weil sie in gleicher Weise nach Osten rennt,
wie er nach Osten rennt.
Und wir könnten nicht weitermachen,
wenn wir wüssten,
ja, wenn wir nur wüssten...
In ihren Träumen
treffen sich Geraden in Vektorräumen.
Schnittpunkte.
Punktkongruenzen.
Städte, Jobs, Hobbys, Partys, Freunde und Zufälle.
Vielleicht dringt nach dringlichem Eindringen dann,
eines Schwellkörpers in eine Scheide,
schwanzwedelnd ein Samenfaden
von 300 Millionen
in ein Ei ein:
du hast nur 48 Stunden! Mach hin!
Ein Embryo schält sich leise aus einer Keimscheibe,
schält sich aus der Null,
kriecht die Vektorachsen entlang und erlangt, erreicht Werte,
Organe und später,
viel später kognitive Fähigkeiten.
Und es ist so still...so still jetzt,
da er von kontrahierenden Muskeln aus der Gebärmutter in die Welt gepresst wird,
dass er schreit vor lauter Angst
und nichts gibt ihm Mut,
außer (auch nur wenn er Glück hat)
die Liebe, die ihm zuflüstert:
beruhige dich. Es ist gut.
Und es war nicht deine Entscheidung herzukommen;
und es wird nicht deine Entscheidung sein wieder fortzugehen.
Irgendwann mein Kind, flüstert die Mutter,
kehren auch die Schönsten zurück,
gehen sie, die Jacke mit den Steinen ihrer Tage beschwert,
an den kalten Heizkörper ihres Schicksals gekettet nach Hause,
in die Ursuppe schwimmen.
Um keine Zeit zu verlieren muss man auf den Kopf zielen,
hörst du mein Kind?
Auf das Herz!
Denn alle Worte werden durch Schalldämpfer gejagt,
machen keinen Lärm,
wie verstummtes Säuglingsschreien.
Einst wispert und brabbelt es,
werden Morgen grauen,
da wirst du nicht aufstehen wollen,
werden grauen,
wie unheilvolle Omen zu Schicksalsschlägen,
so dass die Worte ausbleiben,
die treffen könnten,
beschreiben könnten,
was niemand beschreiben kann:
...
Das flatternde Geräusch eine Schmetterlingsflügels,
das einen Hurrikane heraufbeschwört,
das Schaben und Scharren der Toten
an ihren Sargdeckeln,
tief unten in den geologischen Schichten,
in der Erde der Erinnerung,
und man hört nicht ihr Klagen,
nicht ihr Jammern, Wimmern und Flennen
man hört nur ihr Schweigen,
wie ihnen Geröll das Maul stopft
und es so geht still von sich,
wie der Wald in eine Leiche dringt,
wenn er sie endlich nach Hause holt
und nur ein Reißverschluss zurrt,
ein paar Blätter rascheln und Zweige knacken,
während sich einer unbeobachtet davonschleicht.
Auch im Osten raschle und knacke es und überall sonstwo ebenso.
Fast tonlos bersten Schädel,
winden sich kein Wort
über die Lippen bringend, ängstlich,
es könne nicht über sie hinwegfegen,
sondern sich schmerzvoller noch über den Leib wälzen,
über das Fleisch kriechen,
bis endlich Stille einkehre im Ektoplasma.
Ein kleiner Junge kniet mit gefalteten Händen
an seiner Bettkante,
betet leise dafür,
dass es anders sei,
da es anders sein müsse,
weil es so doch nicht sein könne,
bis zur Geschlechtsreife betet er,
bis der Morgen graut
hört auf
und es ist so still...so still jetzt,
da er aufhört,
dass nichts bleibt außer das Pochen in seinen Schläfen
und das Rauschen von Gedanken in seinen Ohrmuscheln,
und sowieso verstünde niemand,
was niemand verstehen kann,
außer ihm selbst,
allein,
so als wäre er niemand,
weil niemand da ist,
der ihm sagen könnte,
dass er da ist, da: wo sonst niemand anderes ist,
außer ihm selbst,
allein.
Und es ist so still ... so still jetzt.
Als Jessenin, man erzählt sich später
mit Blut nicht mit Tinte,
ein letztes Gedicht schreibt,
bevor er sich in einem Leningrader Hotelzimmer erhängt.
In allen Ecken und Winkeln hockt Stille,
gafft vor sich hinmurmelnd in den Raum:
sterben ist nicht neu in diesem Leben,
doch auch leben ist nicht gerade neu.
Plötzlich wüssten wir nicht mehr wie wir klingen,
ob wir überhaupt klängen.
Es wehe uns durch Dörfer und Gemeinden,
Kreisstädte und Megalopolen,
durch Transitorte, über Kontinente.
"Nö...ich hör nix! Du?"
Das Rascheln von Leibern,
die geknickt und gefaltet werden,
Frequenzen unter 16 Hz,
über 20 000 Hz,
als Andreas die Gleise überquert,
als Udos Herz aufhört zu schlagen,
als Gudrun an einem Ast
unweit ihres Zuhauses baumelt,
und über ihrem Desinteresse
kreisen Polizeihubschrauber,
als Chantal ihr Kind verliert,
noch bevor sie es hätte gewinnen können,
als Helmut seiner Frau beim Gehen hinterher blickt,
wie sie daliegt,
und er kann nicht mit diesmal,
als Simon aus der Kurve gleitet,
als Clemens die Rolle seines Lebens kriegt,
keine Bühne, denkt er bei sich, die je schöner gestaltet war für mich,
als Renate ihr Schoßhündchen im Garten beerdigt
und Mia ihre Katzen und Schildkröten,
als eines Morgens der weiße Wellensittich
auf dem Käfigboden erstarrt,
später in einen Sektkarton geschoben wird
und letztendlich im Müll landet,
bis wir uns einst im Müll wiederfänden?
Alles, sei still hintreibend zum Müll gemacht,
hintreibend auf einem großen See.
Im Gedächtnis Abgase bildende, verrottende Haufen,
leise in die Undefiniertheit zurückgleitend.
Zum Einerlei.
Zum einstmals Gewesenen.
Da Liebe, wispert und brabbelt es,
bald du, bald ich,
bald alles Übrige und auch der Rest Überlebendes.
Mit der Zeit rieseln Sternschnuppen wunschlos hernieder.
Wie Sedimente lagern sich klammheimlich Short-Cuts
in den Traumregionen ab.
Kalenderblattgerippe.
Auf leisen Sohlen schleiche Stille
im Wahn in den Städten umher,
während Außenrum der Lärm wüte.
Einige harren geduckt im Schilf,
machen keinen Mucks,
kauern in Hausecken,
mit gepresstem Atem,
schleichen durchs Buschwerk,
suchen wie Schatten zu sein,
wie der Klang im Innern eines Steins,
wie das Gurgeln der Flüssigkeiten,
welche die Bäume durchfließen
und die Hunde, Ameisen, Maden und Menschen,
wie die Pumpgeräusche des Herzmuskels,
wie das Pochen in den Schläfen,
und das Rauschen von Gedanken
in den Ohrmuscheln.
Gleichen sich dem Knistern einer abglimmenden Zigarette an,
den Kontinentplatten, die
sich sanft verschiebend,
wie kleine Hämmer Saties kalte Stücke knarzen.
gleichen sich dem Brummen der Neonröhren an,
dem Rotationssummen der Planeten,
ahmen das Flattern von Insektenflügeln nach,
das Knirschen von Schritten im Schnee,
die Percussion des Regens auf einem Dachfenster,
imitieren das Surren einer Lüftung,
das Knistern einer Glut,
suchen, wie Wolken im Wind zu fahren.
Sie: mehr wie das Hauchen einer Brise.
In dieser Stille wird der Lärm erträglich, denkt sie.
Schniefend und schnäuzend stellt ihr die Stille
seufzend hunderte rhetorische Fragen,
die alle von Leben und Tod handeln,
von Liebe und anderem
stillschweigendem Einvernehmen,
oder sie glotzt sie an mit ihrer Mattscheibe,
mit ihrem stieren Starrblick,
der im Nacken sitzt
vor sich hinkichernd, wie ein Mahr,
nuckelnd und schlürfend,
dass man meinen könnte nur ein Wasserhahn tropfe,
nichts weiter.
Mucksmäuschenstill wachsen Fingernägel,
fallen ein Leben lang klickend zu Boden,
Hautschuppen schneien hernieder,
während Heere von Narkotika
geduldig in sich gekehrt Rezeptoren belagern.
Plötzlich hielte die Welt inne,
stehe überraschend still,
und einen blitzartigen Moment lang
überwinde das Unüberwindliche Abgetrennt- sein,
und kein Donner dazu,
welcher grollend fortrollt
über den Nächsten
und nicht einmal ein erleichternder Seufzer,
bevor sie ihren Lauf gleich wiederaufnähme.
So rauschen deine Gedanken
in meine Ohrmuschel hinein,
so pocht es in meinen Schläfen.
So flüsterst du in den Hörer: "was jetzt"?
Und es ist so still. So still jetzt,
da ich auflege und weiß,
fortan für immer,
für immer vorbei.
Und wir könnten nicht weitermachen,
wenn wir nicht wüssten,
ja, wenn wir nur wüssten ...