Das "Ende der Welt" lag verborgen in einer Sackgasse im Zentrum
Brüssels. Das verwaschene Schild über der Ladentür offenbarte
diesen heiligen Ort in vormals rotgoldenen Lettern.
Armin Sieker lugte vorsichtig durch das eine vollgestellte niedrige Fenster,
Gerümpel so schien es, hatte man hier aufgetürmt. Alte Vasen, Arztkoffer
der Kolonialarmee, Landser-Bücher, einen Teppich. Aus der Tür drang
warmer Mief. Staubig, und doch so irritierend heimelig wie die Bibliothek
seines Großvaters, der Zigarre rauchte über Büchern voll
europäischer Geschichte.
Sieker riss sich von seinen Assoziationen los und trat ein. Ein langgestreckter,
winkeliger Raum, voller Trödel, Möbel aus vielen Jahrhunderten.
Alles, was nicht von den Belgiern auf den teuren Antiquitätenmärkten
an die Zugezogenen hatte verscherbelt werden können, schien hier ein
Gnadenbrot vor dem endgültigen Untergang zu verzehren.
Der große Mann stieß mit dem Kopf an eine Art-nouveau-Lampe,
die von der Decke baumelte und bedrohlich schwankte. Von hinten drangen Stimmen.
Dort, hinter einer Art Tresen, saß ein dicker Wallone mit glänzendem
Gesicht und weißem Haar, im Schwadronieren mit der einen Hand durch
die Luft den Herrgott anrufend, mit der anderen das halbleere Glas vor irgendetwas
schützend. Jedenfalls hatte er seine feisten Finger darübergelegt.
Vor ihm grinste auf einem Hocker der Engländer im grünen Wollanzug,
prostete ihm gerade zu, als Sieker vor ihnen stand.
So viel rotes Haar musste einem Briten gehören. "Braniff?"
Die beiden runden Lachfalten streckten sich, vertieften sich. Ein Glas wurde
vorsichtig auf den Tresen gestellt. Der Trödler nahm langsam die Hand
vom Gottesschwur zurück.
"Was wollen Sie?"
"Wo ist das Ticket, Braniff?" Ein kleines Rund drückte sich deutlich
sichtbar heraus hinter dem Stoff seiner Manteltasche. Er hielt Abstand. Nichts
entging seinen Augen. Nicht, dass der alte Wallone vorsichtig abrückte.
Nicht, dass Braniff vom Hocker aufstand, ganz drahtige Anspannung jemandes,
der sich oft genug geschlagen hatte, um vor einem Bürohengst keine Angst
zu haben.
"Der Typ ist komplett verrückt. Schmeiß ihn raus, André,
der belästigt deine Kunden! "
Doch der Belgier stand da, wie ein Exponat, regungslos, grau, wie verstaubt.
Und schwieg.
"Braniff! Wo ist es?" Das Zittern, das Zittern musste aufhören.
Doch der Hass hatte sein Stammhirn überschwemmt. Die Züge entglitten
Siekers Kontrolle.
Braniff studierte das Leid, das sich dort in zuckende Mundwinkel flüchtete,
hinter einem flatternden Trigeminusreiz verbarg. Hier war Gefahr.
"Ich weiß nicht... wovon Sie reden."
"Bleiben Sie bloß stehen, Mann."
Der Brite tat so, als hätte er den Hocker zurecht rücken müssen.
"Gehen Sie, Sie verlieren Ihre Zeit." Er trank einen Schluck und prostete
André zu, der nicht reagierte.
"Sie haben die Anwältin umgebracht, weil sie das Ticket hatte, das Sie
dringend brauchten."
Im Glas spiegelte sich winzig der Kopf Andrés und der Widerschein
einer Lampe. Braniffs Kopf fuhr herum.
"Es ist verdammt viel wert, nicht wahr? Braniff!"
Was wusste der blonde Knabe. "Wovon reden Sie nur?"