LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Annegret Held

Schwer vermittelbar

Ich bin schwer vermittelbar. Bis jetzt habe ich gedacht, das gelte für mich nur in der Liebe. Aber auch das Arbeitsamt hat mir gesagt, bei meinem abstrusen Lebenslauf würde mich niemand so einfach einstellen - ich könnte ja auch nichts wirklich richtig. Arbeitslose Schriftsteller, sowas gebe es nicht. Ich sollte doch an einer Art Schulung für Bürokräfte teilnehmen, denn mit Hilfe eines Schreibjobs könnte ich mich überall mal eine Weile über Wasser halten.

Mitten im September erscheine ich also in meiner Frankfurter Innenstadt, um das Berufsbildungszentrum aufzusuchen. Es ist ein kleines Bildungszentrum, zwischen Penny-Markt und Café Klein, ein Zentrumchen mit Berufsschulflair. Vierundzwanzig Teilnehmer sind angemeldet, vierundzwanzig schwer Vermittelbare. Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie schwer Vermittelbare aussehen, bestimmt wie zwangsverpflichtete Spargelstecher im Odenwald. Immerhin hat man uns Spargelstechern das Beste vom Besten an Mobiliar hingestellt. Nagelneue Computer, psychologisch ellipsenförmig angeordnet in einem frischgestrichenen, vanillefarbenen Großraumbüro mit dunkelgrünen Prachtgewächsen in Hydrokulturen. Bürostühle im besten Design und orthopädischem Auftrag sind bereit, die krummen und haltlosen Rücken der Langzeitarbeitslosen auf sich zu nehmen. Ich setze mich schon mal hin. Das Fenster reicht bis zum Boden und bietet noch etwas Licht vom schmutzigen Tage an, als nüchterne Zugabe zum hellen und alles beherrschenden Neonschein. Zu meinen Füßen die Kieselsteine eines Garagendaches. Die schicken Büros meiner Bänkerstadt. Gestern noch unter der Brücke - morgen schon im 28. Stock der Euro-Zentralbank.
Die erste Frau, die ich kennenlerne, hat wirklich unter einer Brücke gewohnt. Marina F. ist eine schöne Frau, sie war vorher eine schwerverdienende Prokuristin einer Computerfirma, erlitt einen Nervenzusammenbruch, brachte sich schließlich um Beruf, Geld, Mann und Wohnung. Sie endete bei den Obdachlosen. Jetzt ist sie neununddreißig und fängt nochmal neu an.
Wenn ich mich umschaue, fühle ich mich wie in einer Hans-Meiser-Sendung. Eine wundersame Ansammlung verquerer Lebensläufe, eine Fallstudie mit 24 Fällen.
Von links nach rechts: eine meditative Sozpädschlampe, die gegen jede organisierte Form von Arbeit ist, eine sitzengelassene Alleinerziehende, eine schwere Heavy-Metall-Braut mit dicker Jeanskluft und Nieten überall, ein polnischer Werbefachmann, der sich eigentlich arbeitslos gemeldet hatte, um sich vor dem Unterhalt zu drücken, eine zombiehafte ehemalige Drogenabhängige, eine kroatische Flüchtlingsfrau, eine Japanerin, die Kenntnisse für ihr japanisches Unternehmen braucht, eine türkische Dame mit Kopftuch und schlechten Deutschkenntnissen, Sahid aus Äthiopien mit gutem Deutsch und halber Bildung, eine pleitegegangene Pelzhändlerin, eine pleitegegangene Feinkosthändlerin, eine Italienersgattin, die zwanzig Jahre im Ausland gelebt hatte, eine abgebrochene Germanistin, die obdachlose Prokuristin, eine Briefträgerin nach der Telekom-Arbeitszeitumstellung, ein Mobbingopfer vom Flughafenpersonal, eine Frau mit einem Schlaganfall, ein Knasti, vier Alleinerziehende und einige Hausfrauen, die mehrere Kinder großgezogen haben.
Es gefällt mir hier. Ich fühle mich sauwohl und vollkommen an der richtigen Adresse. Wir haben uns hier versammelt unter der Überschrift: Was soll nur aus uns werden?