Ich bin schwer vermittelbar. Bis jetzt habe ich gedacht, das gelte für mich nur in der Liebe. Aber auch das Arbeitsamt hat mir gesagt, bei meinem abstrusen Lebenslauf würde mich niemand so einfach einstellen - ich könnte ja auch nichts wirklich richtig. Arbeitslose Schriftsteller, sowas gebe es nicht. Ich sollte doch an einer Art Schulung für Bürokräfte teilnehmen, denn mit Hilfe eines Schreibjobs könnte ich mich überall mal eine Weile über Wasser halten.
Mitten im September erscheine ich also in meiner Frankfurter Innenstadt,
um das Berufsbildungszentrum aufzusuchen. Es ist ein kleines Bildungszentrum,
zwischen Penny-Markt und Café Klein, ein Zentrumchen mit Berufsschulflair.
Vierundzwanzig Teilnehmer sind angemeldet, vierundzwanzig schwer Vermittelbare.
Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie schwer Vermittelbare
aussehen, bestimmt wie zwangsverpflichtete Spargelstecher im Odenwald. Immerhin
hat man uns Spargelstechern das Beste vom Besten an Mobiliar hingestellt.
Nagelneue Computer, psychologisch ellipsenförmig angeordnet in einem
frischgestrichenen, vanillefarbenen Großraumbüro mit dunkelgrünen
Prachtgewächsen in Hydrokulturen. Bürostühle im besten Design
und orthopädischem Auftrag sind bereit, die krummen und haltlosen Rücken
der Langzeitarbeitslosen auf sich zu nehmen. Ich setze mich schon mal hin.
Das Fenster reicht bis zum Boden und bietet noch etwas Licht vom schmutzigen
Tage an, als nüchterne Zugabe zum hellen und alles beherrschenden Neonschein.
Zu meinen Füßen die Kieselsteine eines Garagendaches. Die schicken
Büros meiner Bänkerstadt. Gestern noch unter der Brücke -
morgen schon im 28. Stock der Euro-Zentralbank.
Die erste Frau, die ich kennenlerne, hat wirklich unter einer Brücke
gewohnt. Marina F. ist eine schöne Frau, sie war vorher eine schwerverdienende
Prokuristin einer Computerfirma, erlitt einen Nervenzusammenbruch, brachte
sich schließlich um Beruf, Geld, Mann und Wohnung. Sie endete bei den
Obdachlosen. Jetzt ist sie neununddreißig und fängt nochmal neu
an.
Wenn ich mich umschaue, fühle ich mich wie in einer Hans-Meiser-Sendung.
Eine wundersame Ansammlung verquerer Lebensläufe, eine Fallstudie mit
24 Fällen.
Von links nach rechts: eine meditative Sozpädschlampe, die gegen jede
organisierte Form von Arbeit ist, eine sitzengelassene Alleinerziehende,
eine schwere Heavy-Metall-Braut mit dicker Jeanskluft und Nieten überall,
ein polnischer Werbefachmann, der sich eigentlich arbeitslos gemeldet hatte,
um sich vor dem Unterhalt zu drücken, eine zombiehafte ehemalige Drogenabhängige,
eine kroatische Flüchtlingsfrau, eine Japanerin, die Kenntnisse für
ihr japanisches Unternehmen braucht, eine türkische Dame mit Kopftuch
und schlechten Deutschkenntnissen, Sahid aus Äthiopien mit gutem Deutsch
und halber Bildung, eine pleitegegangene Pelzhändlerin, eine pleitegegangene
Feinkosthändlerin, eine Italienersgattin, die zwanzig Jahre im Ausland
gelebt hatte, eine abgebrochene Germanistin, die obdachlose Prokuristin,
eine Briefträgerin nach der Telekom-Arbeitszeitumstellung, ein Mobbingopfer
vom Flughafenpersonal, eine Frau mit einem Schlaganfall, ein Knasti, vier
Alleinerziehende und einige Hausfrauen, die mehrere Kinder großgezogen
haben.
Es gefällt mir hier. Ich fühle mich sauwohl und vollkommen an der
richtigen Adresse. Wir haben uns hier versammelt unter der Überschrift:
Was soll nur aus uns werden?