LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Verena Mahlow

War vormals süß der Liebe Leben (Romanauszug)

Prolog

Es war der 20. Juli 1975, als Ugo D’Ambrosio verschwand. Er murmelte ein "scusi" und war weg. Er löste sich so buchstäblich in Nichts auf, dass die Frage, die Anna Pozzi von der Seneser Tageszeitung ihm gerade gestellt hatte, "Signor D’Ambrosio, wie genau definieren Sie die ideale Frau?", zitternd in der Luft hängen blieb.
Beleidigt, dass der Maler ihr offenbar einen bedeutenderen Besucher vorgezogen hatte, nahm die Kunstkritikerin ein Glas Weißwein vom Tablett und schwor sich, ihn in ihrem Artikel nicht allzu gut wegkommen zu lassen. Schließlich war es die erste Einzelausstellung D’Ambrosios, trotz seiner vierzig Jahre, die ihn längst nicht mehr zu den "genialen" Jungen zählen ließen. Schließlich hatte er gerade erst ein Zipfelchen des Erfolgs gepackt, der Ruhm und Reichtum bedeutete, und noch konnte die Kritik seiner Karriere empfindlich schaden. Aber, dachte die Pozzi dann professionell und nahm einen tiefen Schluck Gavi, nichts Unbedachtes würde sie schreiben, nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Nur ein paar pointierte Hinweise auf die Möglichkeiten, die ihrem erfahrenen Auge nach noch ungenutzt in D’Ambrosios Konzeption schlummerten. Alles in allem würde es ein positiver Artikel werden, das war klar. Denn niemandem mit ihrem Urteilsvermögen konnte entgehen, dass dem Künstler mit seiner "Bionda"-Serie ein Glücksgriff gelungen war. Ein Pinselstrich, der auf originelle Weise Abstraktion und die klare Figuration der alten Meister verband. Ein Brückenschlag zwischen Moderne und Tradition. Eine Bildsprache, die D’Ambrosio urplötzlich – über Nacht, mochte man meinen – inmitten der Post-Pop- und agit prop-Veteranen, der Informellen und Grellen, der Photorealisten und Neuen Figurativen zum Vertreter eines ganz eigenen Malstils gemacht hatte.
Anna Pozzi wanderte von Bild zu Bild, die alle dasselbe Motiv zeigten: La Bionda. Die geheimnisvolle Schöne mit den sanften, klaren Zügen, inmitten einer Landschaft aus spiegelndem Licht, aus Andeutung und Farbe. La Bionda im Profil mit gerader, aristokratischer Nase, im Halbprofil, das die geschwungenen Wimpern hervorhob, im Viertelprofil, selten en face. Ihr Arm, der anmutig die Strähnen aus der Stirn schob, ein jäher Schatten, der ihren Blick verschleierte. Das überaus plastisch gezeichnete, verschwenderische Haar, Locken in Venezianischblond, die aus dem Rahmen zu wehen und dem Betrachter zu sagen schienen: Fasst mich an. Giotto, dachte die Kritikerin, die in ihrem Fach Bescheid wußte, Giotto di Botone, der große Meister der plastischen Durchdringung, der erste Moderne überhaupt, schien über sechs Jahrhunderte hinweg in die Gegenwart zu winken. Sie würde D’Ambrosio nach seinem Vorbild fragen; wo blieb er überhaupt? "Neo-Giottismo" würde sie seine Technik vielleicht nennen, oder auch nur "Post-Trecesimo", denn bei all seinem zweifellosen Talent konnte er dem Meister der Renaissance nun doch nicht ganz das Wasser reichen. Vielleicht würde ihr später am Schreibtisch noch ein Begriff einfallen, der genau diesen Unterschied markierte.
Noch ahnte die Pozzi nicht, dass ihr Artikel nicht den Hauch einer Kritik enthalten würde. D’Ambrosios Stil würde d’ambrosianisch heißen, nicht mehr und nicht weniger. Ein verschwundener Künstler ist ein guter Künstler, zumal wenn er gerade erst entdeckt worden ist. Die Sensation beflügelt das Wohlwollen, die Kaufkraft, den Ruhm. Doch da die Pozzi eben noch nicht ahnen konnte, dass Ugo D’Ambrosio nie wieder auftauchen würde, notierte sie "Etwas mehr Tiefenschärfe" und "Weniger Formalismus" in ihre Kladde, worauf sie sich in dem überfüllten Raum nach vorne drängelte, um die Einführungsrede des Ausstellungsleiters nicht zu verpassen.


1.

Der Zug raste ohne anzuhalten durch einen Kleinstadtbahnhof, über dessen Portal seit einem Dreivierteljahr in windschiefen Styroporlettern "Auguri 2000" stand. Es war heiß; auch für mittelitalienische Verhältnisse war dieser September ungewöhnlich heiß, und in dem engen Abteil waren die Fragen der Signora wie Dampfstöße über sie niedergegangen.
" Kinder? Sie haben gar keine Kinder?"
" Nein, signora, bedaure."
" Dio mio, aber einen Mann. Eine so nette, junge Dame wie Sie wird doch einen Mann haben?"
" Ich ... Entschuldigen Sie mich, signora."
Phil war auf den Gang geflüchtet, wo sie, den Oberkörper gegen die schmierige Scheibe gedrückt, den Kopf aus einem Fenster ins Freie streckte. "Nicht hinauslehnen – Per favore non sporgersi", stand auf einem Metallschild, doch so sehr sie dies auch missachtete, erwies sich nicht einmal der Fahrtwind als mächtig genug, um ihr wirkliche Abkühlung zu bieten. Ein Schild "Bologna C.le" flitzte vorbei. Die Fahrt verlangsamte sich, dann machte der Wind ganz schlapp, und klebrig und rußig legte sich die Luft auf ihre Wangen. Noch gute zwei Stunden bis Arezzo. Als die Türen aufgerissen wurden und Schulkinder wie ein Bienenschwarm in den Gang surrten, ging Phil in ihr Abteil zurück. Bitte bitte keine Fragen mehr, dachte sie erschöpft.
" Sie machen Urlaub in Italien?"
" Nein, signora."
" Was tun Sie dann hier? Ganz alleine", fügte die Signora mit besorgter Miene hinzu. Sie trug ein Damenbärtchen in einem freundlich zerfurchten Gesicht und schwarze Strümpfe trotz der Hitze. In der Hand hielt sie eine zerfledderte Zeitschrift, von deren Titelblatt eine silikonierte Busenschönheit lächelte.
" Oh, ich habe zu arbeiten."
" Was tun Sie denn, signorina?"
" Ich schreibe", sagte Phil, mit einem Mal munterer, als sie sich das Zauberwort sagen hörte, "über Ugo D’Ambrosio". Ich schreibe, wiederholte sie in Gedanken genüsslich, den Katalog zur großen Ugo D’Ambrosio-Retrospektive in der Kunsthalle Frankfurt. Die Chance für eine permanent unterbeschäftigte selbstständige Kunstwissenschaftlerin, die zwar perfekt in Italienisch, gut in Französisch und im Spanischen war, aber nur selten die Chance bekam, etwas zu schreiben oder zu übersetzen, das mit Kunst zu tun hatte. Vielleicht wurde ja generell nicht mehr so viel über Kunst oder auch nur ihr Spezialgebiet, die italienische Kunst der Gegenwart, geschrieben. Vielleicht auch – und wahrscheinlicher – war Phil einfach zu zurückhaltend oder zu ungeschickt, um die interessanten Aufträge an Land zu ziehen. Jedenfalls war sie die meiste Zeit des Jahres gezwungen, sich mit allen möglichen Schreibereien über Wasser zu halten, die ihr eine Textagentur in Frankfurt vermittelte. Den Juni hatte sie damit verbracht, für das ZDF eine Übersetzung über das Paarungsverhalten der Zwergflamingos anzufertigen. Obskur aber immerhin gut bezahlt. Der Juli war für die Selbstdarstellung einer Dachfensterfirma draufgegangen, die auf den italienischen Markt expandieren wollte; obskur und erbärmlich bezahlt. Die erste Hälfte des Augusts hatte sie einer mäßig bezahlten Festrede einer mäßig erfolgreichen Kunstdruckerei gewidmet, und dann war ihr bewusst geworden, dass Johannes sie betrog. Johannes. Phil schüttelte sich den Gedanken aus dem Kopf. Was hatte der da zu suchen?
" Ugo D’Ambrosio. Das ist... wer ist das?"
" Sie kennen ihn nicht? Er ist ein sehr bekannter Maler."
" D’Ambrosio? Nein..."
" Er hat die berühmte Bionda-Serie gemalt. Und ist vor fünfundzwanzig Jahren verschwunden, gerade, als er anfing, Erfolg zu haben. Vor einem Vierteljahr ist sein Werk mit der Nummer 9 von einem japanischen Industriellen gekauft worden. Für eine Million Mark, eine Milliarde Lira, stellen Sie sich vor. Über die Kunst D’Ambrosios schreibe ich."
Die Frau gegenüber bekreuzigte sich, wobei Phil gerne gewusst hätte, ob wegen der Milliarde oder weil der Maler, von dem sie offensichtlich noch nie gehört hatte, verschwunden war.
" Da hat er also gar nichts von dem Geld?"
" Kaum. Vor zehn Jahren hat seine Witwe ihn für tot erklären lassen. Aber davor gab es viele Legenden und Gerüchte, dass er noch am Leben sei, auf einer Südseeinsel oder als Einsiedlermönch in einem Kloster. Alles Quatsch, möchte man meinen. Die Witwe, die ihn schließlich am besten gekannt hat, ist sicher, dass er nie einfach so weggegangen wäre."
" Und wenn er umgebracht worden ist. Entführt und dann umgebracht", die Signora bekreuzigte sich erneut, "es gibt Sarden hier, wissen Sie, die leben vom Entführen."
Phil fächelte sich nicht vorhandene Frischluft zu. "Das dachte man damals auch als erstes, war ja naheliegend. Die Polizei wurde eingeschaltet und überwachte die Telefonanlage der D’Ambrosios für Wochen. Aber es kam keine Geldforderung, nichts, auch kein Lebenszeichen. Die Frau schaltete Anzeigen in allen möglichen Zeitungen mit dem Text: ›Zu Ugo D’Ambrosio. Bitte melden Sie sich‹; sie brachte sogar einen Appell im Fernsehen, aber nichts geschah. Das Telefon blieb stumm. Einige Leute haben nie an eine Entführung geglaubt, denn wer kidnappt schon jemanden mitten aus einer Vernissage heraus? Einer der Gäste hätte einfach etwas mitbekommen müssen. Wie gesagt, D’Ambrosio wurde gerade bekannt, seine Kunst erregte Interesse, und seine Frau, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmerte, hatte eine Menge wichtiger Leute eingeladen. Alle schauten auf ihn, er war der Star des Abends. Nein, es ist ein komplettes Rätsel: Er löste sich einfach in Luft auf."
" Das glaube ich nicht." Hartnäckigkeit schien ein Wesenszug der Signora zu sein. "Nein, das kann nicht sein. Niemand verschwindet einfach so. Vielleicht ist er umgebracht worden, vielleicht ist er einfach auf und davon. Es gibt immer wieder Männer, die sagen, sie gehen Zigaretten holen und bleiben für ein paar Jahre oder auch für immer weg."
" Ja, ich weiß. Aber Sie müssen bedenken, D’Ambrosio war ein wahrer Künstler. Der mag vielleicht seine Frau im Stich lassen, aber bestimmt nicht seine Bilder. Die Kunst, das ist so einem wie das eigene Herzblut. Darauf hätte er bestimmt nicht freiwillig verzichtet."
Doch die Signora schüttelte vehement den Kopf. Vielleicht verstand sie nicht viel von der Kunst, vielleicht mehr von den Menschen. Sie schaute Phil aus Augen an, in denen lebenslange Erfahrung schimmerte.
" Wer will das so genau wissen?", fragte sie ruhig. "Niemand kennt letztlich den anderen. Wissen Sie: Ich habe mein ganzes Leben in San Giustino gelebt, über sechzig Jahre, keine tausend Leute sind wir da. Und da hatten wir einen Nachbarn, der arbeitete auf der Behörde und war mit meiner Schwester verlobt. Sein Ein und Alles war sie, und doch ist er plötzlich auf und davon. Jahre später kommt er zurück, als reicher Mann und mit einer Frau, mit der er englisch spricht. Und er kommt nur zu Besuch, weil er in New York lebt, und dann ist plötzlich noch einer da, vor der Bar, in die er uns alle eingeladen hat und schießt ihn glatt um, einfach so. Einer, der auch aus New York kommt, wie sie dann herausfanden, und aus dem Süden stammt. Und da ist die Bäckerin; jahrelang hat man geglaubt, nur Brot könne sie backen, und dann hat sie dieses Geschäft in Montevarchi, einen Club, Sie verstehen ..."
In Phils Ohren begannen die Worte zu rauschen. Entwickelten eine Eigendynamik, gegen die ihr Inneres rebellierte: Halt den Mund. Sei bloß still. Und gleichzeitig sagte jemand in ihr: Sie hat Recht, du weißt es doch! Nichts ist jemals so, wie es scheint. Alles Lüge. Denn da war wieder Johannes vor ihren Augen, der ganz scheinheilig davon redete, dass er zur Art Cologne müsse, und ob sie nicht mitkommen wolle, wobei er genau wusste, dass Phil die Festrede dringend fertig bekommen musste, denn der Abgabetermin rückte näher und näher. Und was konnte sie schon aus dem Stehgreif über eine Kunstdruckerei schreiben, die das, was Friedrich Hundertwasser machte, für die Krönung aller Künste hielt? Johannes, der ihr aufmunternde Worte und "bis in einer Woche, Schatz" zurückließ. Doch als sie dann schon vier Tage später mit dem Text fertig war und, um sich selbst zu belohnen, nach Köln fuhr, hieß es, die Herrschaften seien nicht in ihrem Zimmer. Sie dachte nichts anderes als: Verdammter Betrüger. Schwein. Und hatte das irrsinnige Bedürfnis nach einer Szene, nach Vorwürfen und Rache.
Stattdessen setzte sie sich in den nächsten Zug zurück nach Frankfurt und gab sich unbeeindruckt. Was war schon groß geschehen? Er hatte eine Affäre, na und? Hatte Phil selbst nicht immer völlige Freiheit gefordert, keine Verpflichtungen und nichts überstürzen? In neun von zehn Nächten bei ihm hatte sie nicht einmal bis zum Frühstück bleiben wollen. Sie glaubte nicht einmal, dass sie ihn liebte. Und trotzdem war es ein Scheißgefühl.
Dass er ihr dann anbot, den Ausstellungskatalog über Ugo D’Ambrosio für die große Retrospektive zu schreiben, war ihr im ersten Moment wie das dickste Trostpflaster aller Zeiten vorgekommen. Sie war glücklich. Ein ganzer, kompletter Ausstellungskatalog, von ihr verfasst. Nicht sonderlich gut bezahlt, Johannes wusste stets, wo er sparen konnte, aber mit ihrem Namen unter den Texten und inklusive einer vorherigen sorgfältigen Sichtung im ehemaligen Atelier des Künstlers. Eine Woche, vielleicht zehn Tage Arezzo auf Kosten der Kunsthalle, eine Woche, in der sie die Muße haben würde, jedes einzelne der Werke, die neben den Leihgaben aus Privatbeständen die Ausstellung bestücken würden, sorgfältig zu betrachten und dann zu beschreiben. Eine Woche bis zehn Tage für das, was ihr am Herzen lag, mehr noch als Johannes. Die Korrespondenz mit der Witwe hatte er selbst in die Hand genommen, sie sei etwas schwierig, sagte er, aber sie wisse einzuschätzen, was die Ausstellung in seiner Kunsthalle für den posthumen Ruf ihres Mannes bedeutete. Sie würde also Phil gewähren lassen und ihr keine Steine in den Weg legen. Es war genau die Art von Auftrag, von dem Phil immer geträumt hatte. Und dennoch kam sie sich mit einem Mal abgeschoben, ja, regelrecht aus dem Weg geräumt vor. Natürlich hatte Johannes alle Freiheiten der Welt, wie sie selber auch, und ihren Segen für sein Art Cologne-Liebchen. Natürlich würde sie nicht ein einziges Wort darüber verlauten lassen. Aber es blieb ein Scheißgefühl.
" Ich versteh schon", sagte Phil zu der Signora, wobei ihr wieder einfiel, dass sie die penetrante Fragerei der Fremden von Anfang an wahnsinnig lästig gefunden hatte, "aber ich interessiere mich nicht für dieses Getratsche. Ich interessiere mich für D’Ambrosios Kunst."
" Schön, cara. Aber unser Land ist voll von Tratsch und übler Rede." Die Frau nahm einen Kugelschreiber aus ihrer Handtasche, kritzelte ein paar Zahlen auf eine Seite ihres Klatschmagazins und fügte schnörkelig einen Namen hinzu. Dann riss sie das Stück Papier ab und reichte es ihr. "Signora Serafina Velduta, Witwe des ehrenwerten Maresciallo Velduta. Gott hab ihn selig. Wenn Sie Probleme haben, dann rufen Sie mich an."


2.

"Phil Mann."
" Viel Mann – molto uomo. Witzig."
" Ungeheuer witzig. Philine ist der Name."
Phil schnitt eine Grimasse und lehnte sich im Rücksitz zurück. Unter halb geschlossenen Lidern betrachtete sie den Hinterkopf des Taxifahrers, der gerade noch nach einer vielversprechenden ersten Bekanntschaft in Arezzo ausgesehen hatte: Groß, dunkel, bemerkenswerte Züge. Sollte Johannes sich bloß nicht einbilden, sie trage Trauer wegen seiner Affäre. Ruggiero di Sardo, hatte der Mann sich nach einer Konversation von knapp zehn Minuten vorgestellt, die von der Schönheit der Toscana und den unvermeidlichen Staus abends auf den Straßen gehandelt hatte. Ruggiero, hatte sie gedacht, wie altertümlich, ein Name, der zu der Stadt passte, durch die er das Taxi mehr zwängte als fuhr. Zu den mittelalterlichen Häuserfronten in warmen Ockertönen, den steilen Gassen mit den ausgewaschenen Steinplatten, dem lichtdurchfluteten Bogengang des Palazzo delle Loge. Der Hinterkopf, auf dem leicht verwahrlostes Haar schon einen Anflug von Grau zeigte, wirkte nobel, vernachlässigt, aber nobel. Ein kräftiger, olivgetönter Nacken, der den Kopf mit aristokratischem Stolz trug. Ruggiero di Sardo, der verzauberte Taxifahrerprinz. Sie hätte gerne ihre Hand auf diesen Nacken gelegt, ganz kurz und spontan. Seit Köln hatte sie Johannes nicht mehr angefasst, sie hatte einfach keine Lust gehabt, doch ihre Hand sehnte sich nach Berührung. Und dann: ›molto uomo‹. Wenn Phil auf etwas allergisch reagierte, dann auf dümmliche Sprüche.
Doch er überraschte sie. Er warf einen Blick in den Rückspiegel und fragte: "Philine? Wie die im Wilhelm Mister?"
" Sie kennen Goethe?"
Ein amüsiertes Blitzen aus grünlich-braunen Augen traf sie erneut. "Sie ist mir im Gedächtnis geblieben, die etwas frevelhafte Philine."
Phil konnte sich nicht erinnern, was an der Figur frevelhaft gewesen sein sollte. "Sie ist Schauspielerin, nicht?"
" Und unterhält die Gesellschaft mit unanständigen Liedern."
Stimmt. Nur hatte Goethe die nicht wiedergegeben. Erstaunlich gut informiert, dieser Aretiner Taxifahrer. Phil dachte an ihre Mutter, die den "Wilhelm Meister" so geliebt hatte, dass sie nicht davor zurückgeschreckt wäre, sie Mignon zu nennen, hätte Mignon Mann nicht allzu gewollt geklungen. Das bedrückte Gesicht der Mutter stand plötzlich vor ihr, der enttäuschte Zug, der sich im Laufe der Jahre um ihre Lippen gelegt, die Falten der Verbitterung, die sich rechts und links davon eingegraben hatten. Hatte sie, als sie jung war, sich die Frivolität erlaubt, ihre Tochter nach der etwas frevelhaften Philine zu nennen, war von dem heute nichts mehr übriggeblieben. Zu ihr passte besser das Lied des traurigen Alten: "Wer nie sein Brot mit Tränen aß,/Wer nie die kummervollen Nächte/Auf seinem Bette weinend saß..."
Jetzt erst bemerkte Phil, dass sie die Strophen laut zitiert hatte. Die Augen im Rückspiegel sahen sie aufmerksam an, mitten im dichten Autoverkehr mit geradezu fahrlässiger Ausdauer. Der erstaunlichste aller Taxifahrer kannte nicht nur Goethe, er schien auch die deutsche Sprache zu beherrschen.
" So schlimm?", fragte er.
" Ach was", wehrte sie mürrisch ab, "ich red’ doch nicht von mir. Passen Sie auf, einen Unfall könnte ich jetzt wirklich nicht gebrauchen."
Doch da war Ruggiero, der Taxifahrer, schon links der Piazza Grande in eine Nebenstraße gebogen und hielt vor dem Eingang eines schmalen, dreistöckigen Gebäudes. Die Fassade zeigte die Patina der Zeit, ein verwaschenes, an einigen Stellen abgeblättertes Renaissance-Rosé. Von einem Eisenstab über dem Portal, der in ein geschmiedetes Gebilde, eine Kralle oder einen Drachenfuß auslief, hing eine Lampe, darunter eine Keramiktafel mit den Worten "Albergo Vasari". Je zwei hohe Fenster pro Stockwerk durchbrachen die Front, und nur vor einem im untersten und einem im obersten Geschoß waren die dunklen Holzläden zurückgeklappt, wobei aus dem oberen zarte Musikklänge ins Freie strömten. Man hörte keine Stimmen; Ende September hatte sich der Tourismus bereits aus Arezzo zurückgezogen. Philine stieg aus dem Taxi. Sie fand das Hotel wunderschön. Etwas flog durch sie hindurch, ein Gefühl, ein unwillkürlicher Gedanke: Dass Johannes so etwas für sie ausgesucht hatte... Dann war es vorbei, und sie dachte: Wahrscheinlich war es günstig in der Nachsaison. Doch der romantische Anblick strafte ihre Gedanken Lügen.
Auch der Taxifahrer Ruggiero war ausgestiegen und hievte ihr Gepäck aus dem Kofferraum. Während er die Eingangstür des Hotels aufstieß, sagte er: "Die unteren Etagen sind ziemlich dunkel. Und laut, wenn nachts die Jungs auf ihren Mopeds durch die Straße knattern. Bestehen Sie unbedingt darauf, ein Zimmer ganz oben zu bekommen. Oder soll ich für Sie...?"
" Nein, danke, machen Sie sich keine Mühe. Vielen Dank." Philine hielt ihm einen Geldschein hin, den er anschaute wie etwas Ekliges, dann aber kommentarlos einsteckte, ohne auch nur der Form halber das Wechselgeld zu erwähnen, das jetzt ausstand. "Der Rest ist für Sie."
Er dachte gar nicht daran, ihr zu danken, also wiederholte sie selbst linkisch: "Danke. Es war sehr nett. Ich meine die Fahrt. Vielleicht..." Verlegen brach sie ab.
" Vielleicht sieht man sich mal." Er tippte sich mit zwei Fingern an die Stirn wie ein Schauspieler, der reichlich übertrieben die Nebenrolle des Taxifahrers spielt, obwohl ihm eigentlich die des Helden zusteht, und schlenderte um den Wagen herum zur Fahrertür zurück. Bevor er einstieg, hackte er in Kerlemanier mit der Fußspitze gegen das Vorderrad, dann ließ er ebenso übertrieben den Motor aufheulen. "Ciao bella", sagte er durch das offene Fenster und hinterließ ein stinkendes Auspuffwölkchen.
Philine sah ihm kopfschüttelnd nach. "Vielleicht sieht man sich mal", äffte sie ihn spöttisch nach. Las Goethe und führte sich gleichzeitig auf wie Marlon Brando in seiner Halbstarken-Zeit. So ein idiotischer Kerl.


3.

Rufus Smitty schwang seinen langen, knochigen Zeigefinger wie einen Taktstock. Er hatte sich in dem dunkelroten Ohrensessel verkrochen, der neben dem Fenster stand und so riesig und gewölbt war, dass man an eine Höhle denken mochte. Die Hitze des Tages war abendlicher Frische gewichen, und Rufus, der zu schnellem Frösteln und ewig belegten Bronchien neigte, hatte zwar tapfer beschlossen, eine Zeitlang die frische Luft zu ertragen, den Höhleneingang jedoch vorsorglich mit einer karierten Wolldecke zugestopft. Von der Seite betrachtet, konnte man von ihm nur seine langen, dürren Beine sehen, die wie Holzstöcke aus dem Wulst von Decke und Polster hervorstaken, und den auf- und abschwingenden Finger. Mit geschlossenen Augen summte Rufus die süße, alte Melodie mit, die ein mit beigem Leder bezogener tragbarer Plattenspieler, selbst fast eine Antiquität, in Monoqualität absonderte.
" Ihren Verliebten höher nicht entzückte..." Der Sänger jubelte einen Triller: entzückzückzückte, die ein Klavier aufnahm und variierte, "...Diana, als durch Zufall er, umflossen/Von kühler Flut, sie völlig nackt erblickte..." Dieses zart gehauchte "nackt", ach, das war herrlich, dachte Rufus, welch eine einfühlsame Version des Madrigals, etwas avantgardistisch in der Instrumentierung vielleicht, aber interessant. "Als mich die braune Hirtin freut’, entschlossen..." Das kam allerdings etwas schwach, entschlossen, hätte Rufus selbst intoniert. Natürlich musste man gewisse Abstriche machen im Vergleich zu der Luca-Morenzio-Vertonung aus dem sechzehnten Jahrhundert... "Zu baden einen Schleier zarter Feine..." Die Komplexität des mehrstimmigen Gesangs ging doch etwas unter. Aber wer heutzutage kam schon an die Meister der Hochrenaissance heran?
Ruumms. Rufus selbst kam fast aus dem Takt, als er dieses Ruumms vernahm. Wer veranstaltete da Lärm auf seinem einsamen, hohen Flur? Eine Tür fiel ins Schloss, und eine weibliche Stimme sagte etwas in schnellem Italienisch. Diese Madda, dieses Trampel. Um nicht abgelenkt zu werden, sang er lauter mit: "So dass mir, trotz des Himmels glühem Scheine...", wobei es sich bewies, dass Rufus trotz seiner schwachen Brust über eine ausgeprägte Tenorstimme verfügte: "...ein Liebesfrösteln zog durch Mark und Beine."