Er erklärte mir ohne Umschweife, was sie vor ein paar Jahren über
drei Tage und Nächte hinweg mit mir veranstaltet hatten. Er nannte es
Projekt Goldenes Gehirn. Während die nanotechnologische Unterstützung
und Durchführung, die Bereitstellung der Apparate und Applikationsmaterialien, über
eine Firma gelaufen war, für die er wohl noch immer arbeitete, und deren
Name er nicht nannte, zeichneten für die inhaltliche, die tatsächliche
Komponente von Projekt Goldenes Gehirn alleine er und Irma verantwortlich,
sagte er. Nur sie beide seien in die Einzelheiten eingeweiht gewesen, und
nun zeigte er mir eine Gammastrahlenaufnahme, die mir mein Gehirn auf eine
Weise vor Augen führte, wie ich es noch nie gesehen hatte: ein Baum
von erstaunlicher Schönheit, Verästelungen, die bis ins Haarfeinste
gingen, und Schnejder benutzte die Spitze seines Füllfederhalters, um
auf etwas zu deuten, sprach dabei sein ausdifferenziertes, beinahe akzentfreies
Englisch:
"Dies sind die interessanten Punkte, und es gibt Billionen davon, überall,
wo sich Neuronen aufhalten. Kaum zu erkennen auf der Aufnahme, weil es sich
um einen Prozeß handelt, keine statische Befindlichkeit, aber diese
kleinsten Übergänge hier -" ich sah zwei winzige Hirnzweige,
die sich aufeinander zu streckten, noch eine kleine Lücke zwischen sich
ließen, "diese haarfeinen, gerade entstehenden Brücken, die
Sie hier sehen, sind Manifestationen neuer Erkenntnisse - das Verstehen von
Zusammenhängen, was zunächst als nichtfaßbare Idee im Kopf
existiert, bis dann ein neuronaler Funke fliegt, also dem bloßen Begreifen
tatsächlich eine neuronale Verbindung hinterherwächst, damit das
Verstandene auch in Zukunft erhalten bleibt. In jedem Moment, in dem der
Geist etwas kapiert, entsteht auch ein materieller Zusammenhang - ist Ihnen
klar, wovon ich hier spreche?", fragte mich Schnejder, dann fuhr er
fort:
"Auf diese Weise bildet sich im Gehirn ein ständig sich wandelndes, dichter
werdendes Netz - solange wir lernen, zumindest. Aber dieser Prozeß kann
auch in die andere Richtung gehen: Brücken reißen wieder ein oder
werden zerstört, dunkle Lachen und Tümpel des Nichtbegreifens,
der Angst kommen auf, und darin befinden sich Enklaven, die mit dem Rest
der Umgebung nicht mehr verbunden sind - kein schönes Bild. Eine Entwicklung,
die bei jedem Menschen stattfindet und zwar zu jeder Zeit, verstärkt
natürlich im Alter, durch Krankheit oder bei Nichtstimulation. Wir nennen
diesen Vorgang auch Vergessen. Das Ziel von Projekt Goldenes Gehirn war es
nun, das Vergessen zu beenden", Schnejder machte eine kurze Pause, massierte
seine äußeren Augenwinkel mit den Mittelfingern.