LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Norman Ohler

Das Goldene Gehirn

Er erklärte mir ohne Umschweife, was sie vor ein paar Jahren über drei Tage und Nächte hinweg mit mir veranstaltet hatten. Er nannte es Projekt Goldenes Gehirn. Während die nanotechnologische Unterstützung und Durchführung, die Bereitstellung der Apparate und Applikationsmaterialien, über eine Firma gelaufen war, für die er wohl noch immer arbeitete, und deren Name er nicht nannte, zeichneten für die inhaltliche, die tatsächliche Komponente von Projekt Goldenes Gehirn alleine er und Irma verantwortlich, sagte er. Nur sie beide seien in die Einzelheiten eingeweiht gewesen, und nun zeigte er mir eine Gammastrahlenaufnahme, die mir mein Gehirn auf eine Weise vor Augen führte, wie ich es noch nie gesehen hatte: ein Baum von erstaunlicher Schönheit, Verästelungen, die bis ins Haarfeinste gingen, und Schnejder benutzte die Spitze seines Füllfederhalters, um auf etwas zu deuten, sprach dabei sein ausdifferenziertes, beinahe akzentfreies Englisch:
"Dies sind die interessanten Punkte, und es gibt Billionen davon, überall, wo sich Neuronen aufhalten. Kaum zu erkennen auf der Aufnahme, weil es sich um einen Prozeß handelt, keine statische Befindlichkeit, aber diese kleinsten Übergänge hier -" ich sah zwei winzige Hirnzweige, die sich aufeinander zu streckten, noch eine kleine Lücke zwischen sich ließen, "diese haarfeinen, gerade entstehenden Brücken, die Sie hier sehen, sind Manifestationen neuer Erkenntnisse - das Verstehen von Zusammenhängen, was zunächst als nichtfaßbare Idee im Kopf existiert, bis dann ein neuronaler Funke fliegt, also dem bloßen Begreifen tatsächlich eine neuronale Verbindung hinterherwächst, damit das Verstandene auch in Zukunft erhalten bleibt. In jedem Moment, in dem der Geist etwas kapiert, entsteht auch ein materieller Zusammenhang - ist Ihnen klar, wovon ich hier spreche?", fragte mich Schnejder, dann fuhr er fort:
"Auf diese Weise bildet sich im Gehirn ein ständig sich wandelndes, dichter werdendes Netz - solange wir lernen, zumindest. Aber dieser Prozeß kann auch in die andere Richtung gehen: Brücken reißen wieder ein oder werden zerstört, dunkle Lachen und Tümpel des Nichtbegreifens, der Angst kommen auf, und darin befinden sich Enklaven, die mit dem Rest der Umgebung nicht mehr verbunden sind - kein schönes Bild. Eine Entwicklung, die bei jedem Menschen stattfindet und zwar zu jeder Zeit, verstärkt natürlich im Alter, durch Krankheit oder bei Nichtstimulation. Wir nennen diesen Vorgang auch Vergessen. Das Ziel von Projekt Goldenes Gehirn war es nun, das Vergessen zu beenden", Schnejder machte eine kurze Pause, massierte seine äußeren Augenwinkel mit den Mittelfingern.