Sumaya Farhat ist als Tochter sehr armer Bauern in Birseit geboren, damals
ein kleines Dorf, das von seinen Oliven lebte (daher der Name: Ölbrunnen).
Gila Svirsky ist in New-Jersey zur Welt gekommen, Tochter einer intellektuellen
jüdischen Familie aus Litauen.
Zwei Kontinente, zwei Welten, beinahe hätte ich gesagt - zwei Planeten.
Das Schicksal, und die Geschichte unseres Landes, hat sie zunächst in
Jerusalem und nun hier, in diesem festlichen Saal, zusammen gebracht.
In drei verschiedenen, doch miteinander verknüpften Kämpfen, sind
sie engagiert: Der Kampf um das Land, der Kampf um den Frieden und der Kampf
um die Rechte der Frauen.
Sumaya ist Palästinenserin, Gila ist Israelin. Sie gehören zwei
Völkern an, die seit 120 Jahren Krieg gegeneinander führen.
Es ist ein einzigartiger Krieg. Es geht nicht um ein Stück Land zwischen
zwei Staaten, wie der hundertjährige Kampf zwischen Deutschland und
Frankreich um Elsass-Lothringen. Es ist ein Kampf zwischen zwei Völkern
um ein Land, das beide als ihr Vaterland beanspruchen.
Sumayas Familie lebt seit vielen Generationen in Birseit. Vielleicht sind
ihre Vorfahren vor 1300 Jahren mit den Arabern ins Land gekommen. Wahrscheinlicher
ist, dass die Familie seit Jahrtausenden im Lande verwurzelt ist und sich
im Laufe der Geschichte den verschiedenen Kulturen angepasst hat, die in
Palästina nacheinander herrschten - die kanaanitische, dann die israelitische,
die christlich-byzantinische, dann die der Kreuzritter, vorher und später
die arabische. Ihre Religion blieb christlich, und langsam übernahm
sie mit der Gemeinde der griechisch-orthodoxen Kirche das Arabische, das
zur Kultur des Landes Palästina wurde. Sumayas Familie ist zur lutherischen
Kirche übergetreten, aber sie gehört zur palästinensischen
Nation, deren Kultur vorwiegend von der muslimischen Mehrheit beeinflusst
ist.
Gilas Vorfahren haben seit Jahrhunderten mit dem Gesicht nach Jerusalem gebetet.
Für sie war das Land Israels, Palästina, das Heimatland ihres Volkes,
aus dem sie durch Gottes Willen verbannt worden waren, eine Strafe, von der
sie erst erlöst werden sollten, wenn Gott den Messias schickt. Erst
als in Europa Ende des 19. Jahrhunderts der rabiate Antisemitismus aufkam,
beschloss ein Teil der Juden, nicht mehr auf den Messias zu warten, sondern
sich selbst zu erlösen und in Palästina wieder eine nationale Heimstätte
zu errichten. Für ganz religiöse Juden war das eine Todsünde.
Sumayas Urgroßvater im damaligen Palästina, eine entlegene Provinz
des türkischen Reiches, konnte nicht ahnen, dass im fernen Europa eine
Bewegung entsteht, die ihm sein Land wegnehmen will. Da er nicht lesen und
schreiben konnte und sein Horizont nicht über die Grenzen seines Dorfes
hinausging, konnte er es auch gar nicht erfahren. Und für die Juden,
die in Basel 1897 den ersten zionistischen Kongress abhielten, existierte
weder Birseit noch irgend ein anderes Dorf in Palästina. Für sie
war das Land einfach leer - "ein Land ohne Volk für ein Volk ohne
Land", wie die damalige, eingängige, aber falsche Parole lautete.
Isaac Deutscher, ein berühmter jüdischer Historiker, hat den Konflikt
folgendermaßen beschrieben: Ein Mensch wohnt im oberen Stockwerk eines
Hauses, in dem ein Brand entsteht. Um sich zu retten, springt er aus dem
Fenster und landet auf dem Körper eines Passanten, der schwer verwundet
wird. Zwischen den beiden entsteht eine tödliche Feindschaft. Wer hat
Schuld?
Natürlich hinkt dieser Vergleich, wie jeder. Er gibt aber ein verständliches
Bild von dem, was sich zugetragen hat - jedenfalls nach der aufgeklärten
jüdischen Sicht. Zionisten sehen das ganz anders, und Araber auch.
Der Konflikt beherrscht unser Leben. Sumaya ist im Juni 1948 geboren, einen
Monat nach dem Staat Israel, mitten in dem Krieg, in dem ich als Soldat gedient
habe. Israelis nennen ihn den Unabhängigkeitskrieg, Palästinenser
nennen ihn die Nakbah, die Katastrophe, weil die Hälfte ihres Volkes
im Krieg vertrieben worden ist. Sumayas Birseit war weit von den Fronten
entfernt - sonst wäre sie wohl in einem Flüchtlingslager geboren
worden. Gila kam zwei Jahre vorher zur Welt.
Keiner von uns, die wir im Lande leben, kann sich diesem Konflikt entziehen.
Ob sie will oder nicht - und sie will nicht! - Gila gehört zu dem Volk,
das heute die Palästinenser unterdrückt, und Sumaya gehört
zum Volk der Unterdrückten. Zwischen den beiden Völkern besteht
keine Symmetrie, und kann auch keine bestehen.
Wir Israelis können uns nicht der Verantwortung für das, was unser
Staat tut, entziehen. Wir können nur versuchen, es zu ändern. Das
haben wir seinerzeit von den Deutschen gefordert, und das müssen wir
jetzt von uns selbst fordern.
Wir müssen versuchen, dem Krieg zwischen Israel und Palästina ein
Ende zu setzen. Sumaya und Gila haben sich dieser Pflicht nicht entzogen.
Darum sind sie hier.
Der Krieg zwischen Israelis und Palästinenser tobt schon seit 120 Jahren.
Zu dieser Stunde ist er schlimmer als je, und er kann noch viel, viel schlimmer
werden.
Aber seit einigen Jahren hat ein anderer Kampf begonnen, mit ganz verschiedenen
Fronten. Nicht zwischen Israelis and Palästinensern, sondern zwischen
denen, die Frieden wollen, Israelis und Palästinenser, und denen die
ihn ablehnen, Israelis und Palästinenser. In diesem Kampf stehen Gila
und Sumaya seit Jahren auf der selben Seite, Schulter an Schulter.
Das ist nicht leicht.
Man braucht viel Mut, um sich - wie Sumaya - im palästinensischen Volk
für den Frieden mit Israel einzusetzen, während israelische Soldaten
sich in allen palästinensischen Städten und Dörfern herumtreiben,
Menschen hinrichten, Häuser zerstören, Bäume ausreißen,
eine ganze Bevölkerung einsperren und ihr Leben zur Hölle machen.
Auch Birseit ist belagert und isoliert.
Man braucht viel Mut, um sich - wie Gila - in Israel für den Frieden
mit den Palästinensern einzusetzen, während Palästinenser
Selbstmordaktionen in israelischen Märkten und Bussen ausüben,
und viele Israelis davon überzeugt sind, dass die Palästinenser
uns ins Meer werfen wollen.
Sumaya Farhats Weg zur Friedensaktivistin war nicht leicht. Schon als Kind
hat sie den Mut gehabt, den Sitten und Gebräuchen ihrer konservativen
Dorfgemeinschaft zu trotzen.
Sie hatte das für ein Mädchen ungewöhnliche Glück, die
Schule besuchen zu dürfen, und zwar die deutsche, lutherische Schule
Talitha Kumi in Bet-Jala bei Betlehem. Nach dem Abitur hatte sie die Möglichkeit
nach Deutschland zu kommen, um hier zu studieren und ihren Lebensweg selbst
zu gestalten.
In ihre Heimat zurückgekehrt hat sie konsequent die Friedenspolitik
unterstützt und selbst viel dazu getan, die Zusammenarbeit mit israelischen
Friedensgruppen zu fördern. Dabei begegnete sie in Jerusalem Gila Svirsky.
Gilas Weg zum Frieden war in einer anderen Weise kompliziert. Alle ihre Verwandten
sind im Holocaust umgekommen. Zum Glück sind ihr Vater und ihre Mutter
vorher ausgewandert - der Vater nach Amerika, die Mutter nach dem damaligen
Palästina. Sie trafen sich zufällig in Jerusalem, heirateten und
ließen sich in New Jersey nieder.
Gilas Vater, ein liberaler Intellektueller, war in Litauen ein Journalist.
In Amerika wurde er Hühnerzüchter und Möbelhändler. Die
Mutter war eine rechtsradikale Zionistin. Beide waren streng orthodox, und
auch Gila ist als orthodoxe Jüdin erzogen worden.
Als sie mit 19 Jahren nach Israel kam, war sie orthodox-religiös und
zionistisch. Also gehörte sie zu den Kreisen, die nach 1967 mit der
Besiedelung der eroberten Gebiete begannen. Ihre Freunde stellten die ersten
Siedlungen im Etzion-Block auf, nur ein paar Kilometer von der Schule entfernt,
in der Sumaya zwei Jahre vorher noch Schülerin war.
Gila hatte keine Erleuchtung, wie der Rabbiner Saulus, der auf dem Weg nach
Damaskus ein Paulus wurde. Sie begann, ihre Meinungen von Grund auf zu verändern,
als die israelische Armee 1982 auf dem Weg nach Beirut im Libanon Verwüstung
anrichtete. Sie ist heute eine der radikalsten Aktivistinnen für Frieden
und Menschenrechte.
Ich selbst habe einige Male erlebt, wie Gila Svirsky bei stürmischen
Demonstrationen Soldatenketten durchbrach. Einmal, im glühenden Hochsommer,
nicht weit von Sumayas Schule, als Soldaten uns den Weg in ein belagertes
palästinensisches Dorf verweigerten, haben wir uns auf den heißen
Asphalt gesetzt - es war, als ob wir auf einem brennenden Ofen saßen
- und versperrten so den Siedlern, Gilas ehemaligen Kameraden, die Landstraße
nach dem Etzion-Block.
Ich war dabei, als Gila und Sumaya gemeinsam, in der ersten Reihe, einen
Friedensmarsch durch das arabische und israelische Jerusalem anführten,
entlang der herrlichen 500 Jahre alten Mauer.
Die tägliche Zusammenarbeit israelischer und palästinensischer
Friedensaktivisten ist ein Licht, das auch in der heutigen Dunkelheit leuchtet.
Es ist ein gemeinsamer Marsch in eine gemeinsame Zukunft - eine Zukunft,
in der die Staaten Israel und Palästina nebeneinander und zusammen leben
werden, mit Jerusalem als gemeinsamer Hauptstadt, mit der Grenze von 1967,
der sogenannten Grünen Linie als offene Grenze, ohne Siedlungen und
mit einer gerechten Lösung des Flüchtlingsproblems.
In dieser Zukunft werden Gila und Sumaya keine Ausnahmen mehr sein, wie sie
es heute noch sind.
Es ist allerdings eine kaum zu erklärende Tragödie, dass wirkliche,
konsequente und systematische Zusammenarbeit israelischer und palästinensischer
Friedenskräfte bis heute nur punktuell zustande gekommen ist. Um so
mehr gebührt Gila und Sumaya für ihre geduldigen Bemühungen
unsere besondere Anerkennung.
Die Zusammenarbeit selbst dieser beiden Frauen war keineswegs einfach, nicht
leicht. Der Dialog zwischen ihnen - wie ihn Sumaya in ihrem zweiten Buch
beschreibt - war hart, oft sogar schmerzlich, aber grundehrlich. Diese Ehrlichkeit
ist eine Vorbedingung für wirkliche Versöhnung zwischen den beiden
Völkern, deren nationale Narrative vollkommen verschieden, ja gegensätzlich
sind.
Aber, auch wenn ein Frieden am Ende zustande kommen wird, für uns ein
unbedingtes Muss, wird der gemeinsame Kampf Sumayas und Gilas noch nicht
zu Ende sein. Denn sie haben - ja wir alle haben - noch eine dritte Front:
den Kampf um die Stellung der Frau in einer modernen Gesellschaft.
Für Sumaya wird das viel schwerer sein als für Gila. Der Staat
Palästina, der nach so viel Blutvergießen entstehen wird, wird
sich am Anfang auf die bestehenden patriarchalischen Lebensformen der palästinensischen
Gesellschaft gründen.
In ihrem ersten Buch, "Thymian und Steine", erzählt Sumaya,
wie ihre Vorfahren sich in Birseit niedergelassen haben: Als im Hause ihres
Urahn Farach ein Mädchen geboren wurde, kamen die Nachbarn, um ihm Trost
zu spenden, weil es kein Sohn war. Ein fremder Gast, ein Moslem, sprach auch
seinen Trost aus, und Farach erwiderte, nach arabischer Art, "Das Kind
sei dir geschenkt." Das waren leere Worte der Gastfreund-schaft, aber
nach 16 Jahren kam der Gast wieder und forderte das Mädchen. Der Vater
bereute den Ausspruch, nicht weil das Mädchen einen eigenen Willen hatte
- das war ja undenkbar - sondern weil der Mann ein Moslem war, und Farchat
ein Christ. So floh er mit der ganzen Familie in die Berge, und die Familie
kam nach Birseit.
Das war vor vielen Jahren, aber auch Sumaya selbst musste für den von
ihr gewählten Lebensweg kämpfen. Als junges Mädchen wurde
sie von ihrem älteren Bruder tyrannisiert, denn in einem arabischen
Haushalt, auch in einem christlichen, zählten Mädchen nicht. Mit
14 Jahren wollte ihr Großvater sie, wie üblich, mit einem Verwandten
verheiraten. Gegen jede Sitte weigerte Sumaya sich. Wie sie schreibt: "Großvaters
Schock was so groß, dass er kein Wort hervorbrachte und das Haus verließ."
Heute spielt Sumaya in palästinensischen Frauenorganisationen eine führende
Rolle. Im Freiheitskrieg der Palästinenser spielen Frauen eine wichtige
Rolle, aber in der Gesellschaft sind sie weit davon entfernt, gleichberechtigt
zu sein. Frauen wie Sumaya werden noch lange zu kämpfen haben, um innerhalb
ihrer Gesellschaft, langsam und stufenweise, dieses Ziel zu erreichen.
Auch Gila ist eine entschiedene Feministin. Die Situation der Frauen in der
israelischen Gesellschaft ist zwar unvergleichlich besser als die ihrer arabischen
Kolleginnen, aber auch sie ist noch weit von einer wirklichen Gleichberechtigung
entfernt.
Sumaya und Gila können sich gegenseitig helfen. Keine Gesellschaft kann
gedeihen, wenn sie auf die volle Beteiligung einer ganzen Hälfte der
Bevölkerung verzichtet. Darum ist es nicht nur eine Sache der Frauen,
es ist auch Sache der Männer, sich für Gleichberechtigung einzusetzen.
Im Kampf um Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechte stehen die Frauen in
der vordersten Linie. Dadurch fördern sie auch ihr Recht auf Gleichberechtigung.
Sumaya Farhat-Naser und Gila Svirsky können dabei als gute und lebendige
Vorbilder dienen.
Liebe Sumaya, liebe Gila,
Es ist mir eine Ehre, euch beide zu würdigen.
In dieser schönen alten Stadt, weit entfernt von unserem gemeinsamen
Schlachtfeld sehen wir, wie ein normales, friedliches Leben aussehen kann.
Keiner von uns hat je einen so friedlichen Tag in unserem Lande erlebt.
Aber morgen geht es wieder zurück in den Kampf, in den Kampf um Gerechtigkeit
und Frieden.
Schalom. Salaam.