Warum er lebte? Aus einem einzigen Grund. Weil seine Eltern in einem schlecht gelüfteten Zimmer in einer dunklen Nacht zueinandergekrochen waren. Mehr ließ sich dazu nicht sagen. Und hätte man ihn gefragt, er hätte auf jeden Fall Nein gesagt, Nein danke. Wozu in diese Welt, warum nicht lieber das Nichts.
Dürftig war seine Kindheit gewesen, armselig, von den drallen Wirtschaftswunderjahren hatte er wenig zu spüren bekommen. Und weil er auch keine Liebe zu spüren bekam, von seinem Vater nicht, der nur zur Arbeit ging, und von seiner Mutter nicht, die schon in den ersten Jahren die meiste Zeit im Bett verbrachte, las er was er konnte, als er dann lesen konnte und eine Familie gab es nicht mehr für ihn. Er begann mit Karl May, irgendwann las er Schopenhauer, dann Lenin. Ihn mußte die Mutter nie wie seine anderen Geschwister um Ruhe bitten, er saß still in einer Ecke und las, während sie starb. Jahrelang starb sie, und schrie dabei, und der Vater kam von der Arbeit nach Hause und sagte kein Wort. Vier Kinder und eine todkranke Mutter in einer Zweizimmerwohnung: Es ist ein Wunder, daß er seine Gehirnzellen aus dieser Kindheit hat hinüberretten können in ein späteres Leben.
Er hätte auch in der Gosse landen können und viele prophezeiten es ihm. Sein erstes Bier trank er schon kurz nach dem Aufstehen, als er dann Bafög bekam und eine Wohnung hatte. Und nachts manchmal trat er vor die Kneipentüre, steckte sich den Finger in den Hals, kam zurück "Und weiter geht's". Dick wurde er, der früher ein halbes Handtuch gewesen war und hatte eine Säuferleber, da war er noch nicht fünfundzwanzig. Stützen konnte ihn keiner und keiner ihm helfen. Zwei Freunde hatte er noch aus der Schulzeit. Und an Frauen war nie Mangel. Er hätte sich als ladies' man bezeichnet, hätte man ihn gefragt. Sah er eine sitzen in einer Kneipe alleine, sprach er sie an und meist mit Erfolg. Nur, was konnte man mit Frauen schon teilen, die Einsamkeit nicht und nicht die Dunkelheit.
Ich bin Marxist, hätte er gesagt, in dieser Zeit, aber was seine Augen
leuchten machte, waren Gespräche über Schlachten und soldatische
Tugenden. Er hörte Nächte hindurch Militärmusik, und wer nicht
aufstand mit ihm zum Hohenfriedbergermarsch, der wurde nicht mehr eingeladen.
Die meisten blieben von selbst weg. Wer ihn besuchte, musste ihn mögen.
Er gab nichts auf Sauberkeit, die Kohle ließ er sich direkt in die
Küche liefern, um sich den Weg in den Keller zu sparen. Feiner Kohlestaub
lag auf allen Möbeln und hatte sich in den Teppich getreten. Ein Hund
war ihm geblieben von einer früheren Geliebten, der war so hoch wie
ein Kalb und lag immer irgendwo herum, auf dem Sofa und in seinem Bett, und
stand stets im Weg, wenn wer zur Toilette wollte, oder aus der Wohnung, schnappte
nach dem Gerichtsvollzieher. Nur wo seine Bücher standen, war Ordnung,
und der eine oder andere Bleistift lag auch da schon akkurat und parallel
neben seinen Stapeln Papier.
Vielleicht wäre er gerne Bukowski geworden, aber den gab es schon. Er
schrieb, wenn er nicht las, bis in die Nacht hinein Erzählungen, trunkene,
blutige, zur Uni ging er nie. Er hätte nichts anzufangen gewusst mit
diesen Kindern, die da studierten, und die Dummheit der Professoren und die
Hässlichkeit der verwaschenen Betontürme, hielten ihn fern.
Irgendwann machte er seinen Abschluss da war er älter als die meisten,
er bestand mit Auszeichnung, ein Seminar hat er nie besucht.
Wann es angefangen hatte und ob es Liebe gewesen war? Irgendwann lernte
er ein Mädchen kennen, blond und blauäugig und aus solider Familie.
Eine, die über jeden Abgrund bisher getragen worden war, und die die
Stirn in ratlose Falten legte, wenn er von Nietzsche sprach und von der Umwertung
aller Werte. Sie rauften sich zusammen mit einigem Geschrei, er warf ihr
vor, dass sie naiv sei und verwöhnt, und sie griff sich mit spitzen
Fingern Apfelkrotzen unter seinen Kommoden hervor und warf sie aus dem Fenster.
Sanfte blonde Löckchen ringelten sich um ihre Ohren, und wenn er ihre
Hand fasste, war sie weich und warm.
Er fand sich auf dem Standesamt in seinem fünfunddreißigsten Jahr.
Die beiden Familien, ihre und seine beäugten sich misstrauisch über
den breiten Graben der gesellschaftlichen Stellung hinweg. Und sein kleiner
Vater, langweilig und grau, stand am äußersten Rande, eingeladen,
aber nicht willkommen.
Niemals Kinder, das war seine Bedingung gewesen, Kinder und kleine Tier
waren so unnötig wie schwer zu ertragen. Im zehnten Jahr seiner Ehe
wuchs der Bauch seiner Frau unter ihren geblümten Kleidern. Sie nahm
Schwangerschaftsurlaub und dann Erziehungsurlaub, ihre Wangen leuchteten
rosig, sie strahlte von innen heraus und war sehr weiblich. Da war er schon
in Lohn und Brot und arbeitete als Lagerverwalter. Jeden Morgen früh
um vier stand er auf und las über die Schlacht bei Gettysburg und den
Dreißigjährigenkrieg und las bis er zur Arbeit musste um halb
sechs. Nur einmal noch in der Woche trank er, und dann auch nur vier Stunden,
um zehn war er so müde, dass er sofort ins Bett ging. Seine Schuhe standen
in Reih und Glied und seine Bücher so ordentlich in den Regalen, dass
die Berührung durch einen Fremden ihm sofort aufgefallen wäre.
Nichts Überflüssiges lag mehr herum in seiner Wohnung, und Besuchen
sah er mit Unbehagen entgegen.
Am Abend, als sein zweites Kind über die Taufschale gehoben worden war,
seine Frau, evangelisch, hatte es sich so gewünscht, saß er mit
den Taufgästen, die Zunge schon schwer von Bier und sagte: Und dieses
Leben? Wozu eigentlich? Ich bin nicht gefragt worden. Ich hätte? Nein?
gesagt. Und ihr doch auch.
Seine Frau dicker geworden nach dem zweiten Kind saß dabei lächelte
und kraulte ihn im Nacken.