LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Clara Herborn

Déja-vu

Sein Kopf schmerzte leicht. Micha rekelte sich. Er drehte sich noch mal auf die andere Seite, mit dem Gesicht zur Wand, und zog die Decke höher. Laut atmete er ein und aus. Es wurde dunkler, er sackte nach unten. Dann sah er strahlendes, goldenes Licht. Micha blinzelte. Das Licht blendete, gleißte. Die Morgensonne schien auf sein Kopfkissen. Er streckte sich, lange und ausgiebig. Samstag Morgen. Micha gähnte und schlug das blaukarierte Federbett zurück. Er warf einen Blick auf den Radiowecker neben dem Bett: neun Uhr dreiundvierzig. Plötzlich durchfuhr ihn eine Art Stromschlag: ein Déja-vu ... - er hatte im Geo gelesen, dass es nur eine Fehlfunktion des Gehirns war. Er beugte sich hinab und guckte genauer auf den Radiowecker. Neben der Uhrzeit und dem Datum, 29.03, blinkten die Buchstaben M-O-N. - Es war gar nicht Samstag! Eilig sprang Micha auf, der Parkettboden war kalt. In der Küche betätigte er den Kaffeeautomaten. Er legte die Hand an den Hinterkopf, fuhr sich durchs Haar und zuckte zusammen: er tastete, aber da war nichts. Micha ging durch den Flur, stieß die Tür zum Bad auf. Kaltes Wasser schoss aus den Düsen in sein Gesicht. Er war sonst immer pünktlich.
"Au!" er drückte die Zunge von innen gegen die Wange und musterte die Stelle im Spiegel: Blut sickerte in den winzigen Schnitt. Micha legte den Nassrasierer auf den Waschbeckenrand und klebte ein Stückchen Klopapier auf die Stelle. Hatte er sich gestern nicht an genau derselben Stelle geschnitten?
Er scheitelte die kurzen, schwarzen Haare nach rechts, setzte die Brille auf und ging zurück ins Schlafzimmer. Aus dem Biedermeier-Schrank wählte er eine dunkelgraue Anzughose und ein schwarzes, kragenloses Jackett. Während er in der Küche mit der einen Hand das Hemd zuknöpfte, schenkte er mit der anderen den dampfenden Kaffee in eine Tasse. Den Kaffee zwischendurch in kleinen Schlucken schlürfend kleidete er sich im Schlafzimmer fertig an, schritt durch den Flur, nahm die Autoschlüssel von der Kommode, bückte sich nach seinem Aktenkoffer - und stellte die fast leere Tasse ab. Dann zog er die Tür hinter sich zu.
Er lief den Flur entlang, dann rechts, durch die Glastür, durch eine weitere Glastür, nach draußen. Im Innenhof der Wohnanlage war ein mit Putten verzierter Brunnen, der Brunnen war abgeschaltet. Seltsam, dachte Micha, der läuft doch sonst immer.
Plötzlich blieb Micha stehen. Er dachte an seinen Briefkasten, die Post. Sollte er - er drehte sich um und ging zurück, in die Halle, links, durch den Flur, zu seiner Apartmenttür. Daneben hing ein verchromter Briefkasten: Micha schloss ihn auf und nahm die Post heraus. Schnell warf er einen Blick auf die Umschläge: ein Brief von der Media Consulting AG - sicher eine Anfrage - und ein brauner Manila -Umschlag. Ohne Empfängerangabe, ohne Briefmarke. Der Umschlag war dünn und leicht verknittert. Micha drehte ihn um: kein Absender. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr: zehn Uhr siebenundzwanzig. Jetzt aber schnell! Micha ging zurück, hinaus, über den Kiesweg, zur Garage. Das Tor war geöffnet, die Wagen standen ordentlich in einer Reihe. Micha lief auf den schwarzen Mercedes am Ende zu. Er stieg ein, warf die Post auf den Beifahrersitz, schnallte sich an und startete den Motor. Micha fuhr langsam die Auffahrt hinunter, am Pförtnerhäuschen hielt er an.
"Guten Morgen, Johannis."
"Guten Morgen, Herr Grassner. Sie sind aber spät dran heute."
"Ja, ich habe verschlafen. Sagen Sie: ist der Brunnen kaputt?"
Johannis nickte, die Pförtnermütze auf den kurzen, grauen Haaren.
"Ja, seit gestern. Ausgerechnet sonntags geht er kaputt! - Er wird morgen repariert."
Micha gab Gas, fuhr die zweispurige Straße bis zum Ende, dann bog er ab auf eine Hauptstrasse. Die Fahrt ins Stadtzentrum dauerte nur zehn Minuten. Vor dem verspiegelten Gebäudekomplex fuhr er rechts, dann in die Tiefgarage.
Die Aufzugtüren schlossen sich, Michas Magen hob sich leicht an, die roten Zahlen auf dem Index rasten: 1,2,3,4,5,6,7,8 - Micha warf einen Blick auf die Frau, die in der anderen Ecke des geräumigen Aufzugs stand: sie hatte lange, rotblonde Haare, sie trug ein blaues Jackett, eine enge Jeans und eine blauumrandete Sonnenbrille mit großen Gläsern. 14,15,16,17 - Er konnte ihre Augen nicht sehen, aber er hatte das Gefühl, dass sie ihn anstarrte. Sie hatte ein feingeschnittenes Gesicht, eine schmale Nase und hohe Wangenknochen. Sie kam ihm so ... er hatte sie irgendwo schon mal gesehen. Ein leiser Gong ertönte, der Aufzug stoppte: Michas Magen hob und senkte sich.
"29. Stockwerk" raunte eine schläfrige, digitalisierte Frauenstimme aus den Lautsprechern.
Die Frau stieg aus. Sie ging den langen, weißen Marmorflur entlang. Micha guckte ihr nach, dann auf ihren Po, die Türen glitten zu. Sie waren von innen verspiegelt. Micha blickte in sein eigenes, leicht verzerrtes Gesicht: rechts, unter dem Mund, klebte etwas rot-weißes an seinem Kinn. Er hob die Hand und streifte das blutige Klopapierstückchen ab.
"41. Stockwerk."
Als Micha aus dem Fahrstuhl stieg, blitzte plötzlich der braune Manila-Umschlag vor ihm auf. Er hatte die Post im Auto vergessen. Er würde sie in der Mittagspause öffnen. Es könnte eine Einladung sein, dachte er. Aber er glaubte es nicht wirklich. Sein Magen zog sich leicht zusammen. Erst mal was frühstücken. Die automatischen Türen glitten auseinander und Micha trat in das Großraumbüro. Stimmen murmelten, Rechnerbelüftungen brummten, Telefone schrillten.
"Ah, da ist er ja!"
"Hi Roy. Was gibt's Neues?"
Roy, der zwei Köpfe kleiner war, lief neben Micha her.
"Nichts besonderes. Ich hab dein Telefon beantwortet. Die Nachrichten liegen auf der Ablage."
"Danke, Roy."
"Micha!"
Micha blieb stehen. Diana löste sich aus einer Dreiergruppe und winkte ihm zu. Sie hatte ihre dunkelblonden Haare hochgesteckt. Dazu trug sie Perlenohrringe und ein graues Kostüm. Micha musterte Diana. Er hatte das Kostüm noch nie an ihr gesehen. Oder doch? Er hob matt eine Hand, wandte den Blick ab und ging vorbei, nach rechts, zu seinem Schreibtisch. Als erstes würde er die Anrufe beantworten, danach seine Mails checken. Über
den Bildschirm des Rechners tickerte der Dos-
Modus ...
Micha blickte auf die Armbanduhr: schon halb zwei! Und er hatte heute außer den zwei Käsebrötchen, die Roy ihm hingelegt hatte, noch gar nichts gegessen. Sein Magen knurrte laut. Er schob den Stuhl zurück.
Im Aufzug waren nur wenige Leute, die meisten waren bereits von der Mittagspause zurückgekehrt. Er fuhr aus der Tiefgarage, reihte sich ein: der Verkehr war mäßig. Dann würde er den weiteren Weg nehmen und zu Melikhs fahren, Couscous essen. An einer roten Ampel musste Micha halten. Er guckte nach rechts: auf der anderen Spur stand ein roter Fiat, am Steuer saß ein Mann mit Baseballkappe. Der Mann sah Micha an. Micha guckte zurück, der Mann starrte, sie blickten sich in die Augen. Was soll das, dachte Micha, dann fuhr der andere an: es war grün.
Da das Restaurant etwas außerhalb gelegen war, fand Micha gleich einen Parkplatz. Sein Blick fiel auf die Briefe auf dem Beifahrersitz. Er nahm sie mit.
Es waren nur wenige Tische besetzt. Micha grüßte durch Kopfnicken den Kellner, einen dünnen Marokkaner mit halblangen Haaren, dann wählte er den hintersten Tisch am Fenster, wie immer. Als er auf die Ecke zuging, wurde er langsamer: am Nachbartisch saß jemand, eine Frau. Sie hatte das blaue Jackett ausgezogen, darunter trug sie eine kurzärmelige weiße Bluse. Die blauumrandete Sonnenbrille lag vor ihr auf dem Tisch. Auch sie sah Micha an. Micha legte die Post ab, zog sein Jackett aus, hängte es über die Stuhllehne und setzte sich. Er studierte die Karte eingehend und orderte Couscous mit Lammfleisch und eine Cola. Dann warf er einen Blick zu der Frau. Sie guckte im selben Moment herüber. Micha lächelte. Die Frau strich sich das lange, glatte Haar zurück und lächelte auch.
"Verzeihung" Micha beugte sich zu ihrem Tisch, "waren Sie nicht heute morgen mit mir im Aufzug?"
Die Frau nickte, lachte.
"Arbeiten Sie auch in dem Gebäude?"
"Ja."
"Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mich zu Ihnen setze?"
"Nein."
Micha nahm die Briefe und sein Jackett und setzte sich der Frau gegenüber.
"Ich heiße Michael Grassner" er streckte ihr die Hand entgegen.
"Emma Bergmann."
Sie schob ihre schmale Hand in seine. Sie sahen sich in die Augen: ihre waren grün. Sie hatte kurz vor ihm bestellt, so dass sein Gericht nur wenig später kam.
"Ich gehe oft zu Melikhs. Normalerweise bin ich früher dran" sagte Emma, "aber heute wollte mein Auto nicht anspringen."
Sie schob sich eine Gabel Tangerine in den rotgeschminkten Mund.
"Designerin, bei G&L, im 29. Stock" antwortete sie auf Michas Frage.
An ihren Händen waren keine Ringe. Sie lächelte. Sie hatte viele, winzige Lachfältchen um die Augen und ein Grübchen in der linken Wange.
"In der Altstadt und Sie?"
Er hielt ihr die Tür auf.
"Es war wirklich sehr nett ..."
Draußen heulte der Wind, das Licht hatte sich verändert: der Himmel war grau.
"Da steht meiner" sie deutete auf einen marineblauen Passat.
"Vielleicht sieht man sich ja mal wieder."
"Ja."
"Bis dann."
Sie gaben sich die Hände, Micha zögerte: dann wandte er sich ab und ging langsam zu seinem Auto. Er schaute auf die Uhr: erst viertel nach zwei. Noch fünfzehn Minuten Zeit. Er lief an seinem Auto vorbei und ging auf den kleinen Park zu. Er hatte schon immer einmal in den Park gehen wollen. Micha schritt durch ein steinernes Tor und ging auf einem Schotterweg zwischen mit Büschen gesäumten Wiesen. Er kam an einem kleinen, grünen Teich vorbei, der Wind strich durch das Schilf. Im dunklen Wasser konnte er die roten Körper von großen Goldfischen vorbeihuschen sehen.
Dann entdeckte er einen Hügel, auf dem Hügel standen die Überreste eines Hauses. Er wanderte darauf zu. Micha stieg den Hügel hoch, hob die Beine über zwei große Steinbrocken und sah einen niedrigen bemoosten Quader am Boden, aus den er sich setzte. Er guckte in den Himmel, der Himmel war bedeckt, er steckte die Hände in die Jackettaschen. Es war kühl. Seine Finger berührten die Umschläge, tasteten das Papier. Dann zog Micha den großen Umschlag hervor - er hatte ihn in der Mitte geknickt. Er war, das sah Micha jetzt, nicht einmal zugeklebt. Seltsam. Micha zog die Lasche heraus und fasste in den Umschlag: es war eine einzelne Seite darin, schräg zusammengefaltet. Er machte sie auseinander. Der Text, einige wenige Zeilen, war auf dem Computer geschrieben. Micha las:

"Es ist nicht Samstag, sondern Montag.
Diana trägt ein graues Kostüm.
Nicht mit Emma sprechen!
Auf keinen Fall in Park gehen!!!"

Micha starrte auf die drei Ausrufezeichen hinter dem letzten Satz. Dann las er das ganze noch einmal. "Es ist nicht Samstag, sondern Montag." Micha bekam eine Gänsehaut. Was ...? - Auch wenn er nichts ... : Panik überfiel ihn. Park. Irgendetwas war da. Park. Park ...
Er guckte sich um. Sträucher und kleine Bäume wuchsen im zerstörten Innenraum des Hauses, Vögel kreisten am schmutzigweißen Himmel. Der See, der Hügel, die Ruine ... Micha sprang auf: er schaute auf die Uhr: halb drei!
Er holte tief Luft, renn, dachte er. Dann hörte er ein dumpfes, knirschendes Geräusch, spürte eine Explosion an seinem Hinterkopf und stürzte in die Finsternis, die sich unter ihm auftat.
-
Er hob den Kopf an: er sah Gras, ein paar Zweige. Er zitterte vor Kälte. Er richtete sich etwas auf: ein stechender Schmerz schoss durch seinen Kopf. Ächzend sank er zurück. Ihm wurde übel, er hustete, würgte. Dunkelheit. Dann: nichts ...
Er setzte sich auf. Er blinzelte. Es blieb dunkel. Das Dunkel kreiste. Sein Kopf dröhnte, es ging vom Hinterkopf aus. Sein Körper war eiskalt. Ihm war schlecht, sein Magen bewegte sich. Er hob die Hand und fasste an die schmerzende Stelle. Es zog, als hielte jemand Feuer an seinen Kopf. Er stöhnte auf. Wo war er? Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, aber mehr als Umrisse konnte er nicht erkennen. Er hörte einen tiefen, lauten Brummton. Der Ton schien von überall zu kommen. Er stand auf, schwankte, torkelte vorwärts, krackselte über ein paar große Steine. Er keuchte. Er hörte sich selbst stöhnen - sonst nichts. Dann sah er Lichter in der Ferne. Er wankte darauf zu ... Plötzlich stand er auf einer Straße. Er erkannte, erst verschwommen, dann deutlicher, die ihm zugewandten Gesichter von Passanten im Laternenlicht. Das Licht war grell, blendete. Er stolperte vorwärts, die Leute machten ihm Platz. Die Umgebung verwischte zu einem bunten Brei: ein Hund, eine Laterne, eine blinkende Leuchtreklame kreisten umeinander. Er schloss die Augen, schüttelte sich -
Er blickte auf: er lehnte an einem Tresen, vor ihm stand ein mit roter Soße verschmierter Pappteller, auf seinem Hemd waren Flecken. Wie war er hierher gekommen? Er hatte entsetzliche Kopfschmerzen. Hatte er getrunken? Draußen war es Nacht, niemand auf den Straßen. Er nahm das Portmonaie, das vor ihm auf dem Tresen lag und zog den Führerschein heraus. Michael Grassner stand darauf. Das Foto zeigte einen dunkelhaarigen Mann. Darunter: die Adresse.
Er verließ die Imbissbude und lief die Straße entlang. Er entdeckte ein Taxi. Lange lag er auf der Rückbank, schließlich hielt der Wagen. Er zahlte, der Taxifahrer half ihm dabei. Das Geld, Münzen, reichte gerade noch aus. Das Pförtnerhäuschen war dunkel. Er schloss die Pforte auf und schlüpfte hinein. Dann lief er zum Haus. Der Brunnen plätscherte, die Hausbeleuchtung war an. Er hatte Probleme mit den Schlüsseln, aber die Wohnung fand er schnell. Parterre. Er hörte auf dem Flur ein leises Geräusch, eine Art Brummen. Aber in der Wohnung war es auch. Sein Kopf schmerzte, besonders hinten. Er suchte die Lichtschalter. Er blickte auf seine Hände: die Fingernägel waren abgebrochen, die Finger schwarz. Seine Kleidung war, bis auf ein paar Flecken an Hose und Jackett und einem Riss in der Innentasche in Ordnung. Im Badezimmer fand er Aspirin, er nahm vier. Im Schlafzimmer entdeckte er einen Radiowecker: 2: 45 Uhr. 27.03. Sam.
Er setzte sich auf das Bett. Aber eben ... war doch noch Montag gewesen. Oder? Wo war er dann die ganze Woche gewesen? Er konnte sich an nichts erinnern ... Moment mal ... War es nicht Montag, der 29. März gewesen? Er sah den Radiowecker, die Zahlen deutlich vor sich. Aber dann, dann war ja ... der Wecker musste kaputt sein. Er suchte das schnurlose Telefon, fand es in der Küche. Die Nummer war im internen Rufnummernverzeichnis abgespeichert. Das Telefon wählte, er wartete. Es tutete einmal, zweimal, fünfmal.
"Ja?" die Stimme klang verschlafen.
"Hallo, Roy. Sag mal - auch wenn es komisch klingt: welcher Tag ist heute?"
"Was? Moment ... Samstag, der 27. Was - "
"War ich heute im Büro?"
Er blickte in den Spiegel gegenüber: sein Gesicht war bleich, er hatte schwarze Bartstoppeln am Kinn.
"Was soll der Scheiß? Natürlich."
"Und Donnerstag auch? Die ganze Woche?"
Roy gähnte laut.
"Bist du voll?"
"Nein."
"Dann schlaf weiter, Micha. Du hast geträumt. Bis Montag."
Es klickte in der Leitung.
Micha überlegte. Die Woche vor Montag, dem 29. März ... eine ganz normale Woche, wie er sich dunkel zu erinnern glaubte. Aber Montag. Es war doch Montag gewesen ... Er sah Diana vor sich, sie trug ein neues, graues Kostüm. Ein Name lag ihm auf der Zunge: Erna... Erika ... Emma, genau. Emma. Aber wer war Emma? Sein Hinterkopf pulsierte, wellenartig schwabbte der Schmerz über sein Gehirn, trotz des Aspirins. Das Zimmer vor ihm schien sich leicht zu verschieben. Er fasste an seinen Hinterkopf. Da war nichts. Es durchzuckte ihn: in dem Park. In ... der Ruine. Etwas ... hatte ihn am Kopf getroffen. Vielleicht ... ein herabstürzender Stein. Er tastete seinen Hinterkopf: nichts. Oder? Oh Gott! Hoffentlich hatte er keinen Gehirnschlag gehabt, oder eine Gehirnblutung oder ähnliches. Der Schrank bog sich in der Mitte, die Intarsien verzerrten, der Raum machte eine wellenförmige Bewegung. Micha erhob sich. Aber wenn heute tatsächlich der Freitag vor dem Montag war, dann ... hatte er womöglich hellgesehen. Dann hatte er seinen eigenen Tod oder so vorausgesehen. Davon hatte er schon gehört. Das gab es. Er begann zu schwitzen. Hatte der Wäschekorb sich eben bewegt? Er sah schnell hin. - Er griff in die Tasche seines Jacketts und zog einen braunen Umschlag heraus. Der Umschlag war etwas verknittert, er öffnete ihn: leer. Micha blickte auf. Ja, dachte er, so mach ich's.
Das Zimmer kreiste langsam um ihn. Er versuchte, die Tür zu erreichen. Er schaffte es. Der Flur war lang und dunkel. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Im Arbeitszimmer stützte er sich an den Wänden entlang ab, zum Computertisch. Säuselnd fuhr der Rechner hoch. Der Tisch war weich, wie aus Gummi, die Tastatur bebte und verrutschte ständig. Er öffnete Word, dann gab er langsam ein:
"Heute ist Samstag, nicht Montag."
Er hielt inne. Das war doch das Jetzt. Aber aus der zukünftigen Perspektive würde es nicht jetzt sondern dann sein. Und er würde aufwachen und glauben es sei jetzt, Samstag. Falls er den Zettel also gleich nach dem Aufwachen lesen würde, sollte der Satz anders lauten. Er löschte ihn wieder, der Fußboden schwankte leicht, der Schreibtisch stand schief. Dann tippte er:
"Es ist nicht Samstag, sondern Montag."
Er überlegte. Er musste an irgendeinem Detail beweisen, dass seine Vision stimmte. Er schrieb:
"Diana trägt ein graues Kostüm."
Was noch? Was war noch wichtig, um den Unfall zu verhindern? Irgendetwas war mit dieser Emma gewesen. Er hatte mit ihr gesprochen. In einem Restaurant. Er schloss die Augen. Eine Säule, der Raum, das Fenster ... er sah Bäume durch das Fenster ... Melikhs! Eine blonde Frau saß ihm gegenüber, ihr Mund ging auf und zu. Sie redete und redete. Sie hatte ihn Zeit gekostet. Wertvolle Zeit, die er hätte nutzen müssen, um an einen anderen Ort zu gelangen, wo kein Unglück lauerte. Hätte er sich nicht von ihr zuquatschen lassen, wäre er viel früher in den Park gegangen.
"Nicht mit Emma sprechen!" tippte er, das Zimmer um ihn herum verwischte. Und das Wichtigste:
"Auf keinen Fall in Park gehen"
Drei Mal hieb er auf das Ausrufezeichen ein. So. Er druckte es aus, steckte das Blatt in den Manila-Umschlag. Wohin damit? Er stolperte vorwärts. Am besten dahin, wo er Montags morgens sicher nachguckte ... in den Briefkasten! Er ging nie ohne die Post zur Arbeit.
Irgendwie schaffte Micha es noch, den Umschlag in den Briefkasten zu stopfen. Dann zog er sich aus, warf die schmutzige Wäsche sogar in den Wäschekorb, fiel ins Bett und knipste das Licht aus. Die Dunkelheit kreiste um ihn, wie ein Strudel. Sein Kopf schmerzte noch, aber langsam wurde es besser. Er drehte sich auf die andere Seite, mit dem Gesicht Richtung Zimmer, und zog die Decke höher. Laut atmete er ein und aus. Es wurde dunkler, er sackte nach unten. Lange kam nichts. Dann, ganz unten, sah er strahlendes, goldenes Licht aufkeimen: erst noch in der Ferne, dann wachsend. Micha blinzelte. Das Licht schien plötzlich von oben zu kommen. Er öffnete die Augen. Die Morgensonne schien ihm ins Gesicht. Er streckte sich, lange und ausgiebig, drehte sich noch mal um, zur Wand. Samstag Morgen. Micha fuhr zusammen, setzte sich auf. Er warf einen Blick auf den Radiowecker neben dem Bett: neun Uhr dreiundvierzig. Er beugte sich hinab und guckte genauer auf das Display mit den roten Zahlen. Neben der Uhrzeit und dem Datum, 29.03, blinkten die Buchstaben M-O-N.