Ich wohne auf einem Hausboot, das auf den Wellen des Nils schaukelt. Die Veranda geht zum Wasser hinaus. Von hier aus kann ich die lange Reihe der Hausboote hinabschauen, die vor Kitkat am Ufer liegen. Manchmal sitze ich mit Mahmud, dem Wächter meines Hausboots, auf der Veranda in der Sonne und spiele mit ihm Schach. Auf dem Nachbarboot wohnt Ilma, eine Schwedin. Wenn sie auf ihrer Veranda erscheint, während wir spielen, kommt Mahmud durcheinander. Er verliert das Spiel und verabschiedet sich. Eine Viertelstunde später sehe ich ihn, wie er mit etwas Werkzeug in der Hand, als wolle er etwas reparieren, den Steg zu Ilmas Hausboot betritt. Was er sagt, wenn sie öffnet, kann ich nicht hören, weil der Lärm des Verkehrs vom Midan Kitkat alles übertönt.
Das Café am Midan Tahrir. Die Tür ist nur einen Spalt weit geöffnet. Wer hineinkommt und sich an den freien Tisch bei der Tür setzt, wird gebeten, sich weiter in den Raum hinein zu setzen, wo man ihn von der Straße aus nicht sehen kann. Das ist wegen Ramadan. Die Fastenden sollen die nicht Fastenden nicht sehen müssen. Auf dem Boden liegen Zigarettenstummel und leere Schachteln in grobem Sägemehl. In einem Teil des Cafés stehen die dunkelbraunen Stühle und Tische gestapelt. An der Decke die reglosen Ventilatoren. Fliegen landen auf den Tischen, auf den Händen, auf den Gesichtern. Niemand spricht, nur der Kellner. Alle sitzen, rauchen, trinken Kaffee. Schauen ins Nichts.
der inoffizielle text
die gewohnte katastrophe mit dem rauchen. wenn ich nicht rauche, bin ich
erschöpft vom entzug. wenn ich rauche, bin ich fertig vom rauchen.
und die hüfte. die hüfte und das laufen vertragen sich nicht,
im moment.
und über allem liegt hier wie ein freundlicher todesschatten der
staub.
Warum liegen die Autowracks nicht direkt am Straßenrand, sondern immer 100 Meter daneben in der Wüste? Die Fahrt vom Hotelcamp Basata am Golf von Aqaba zum Berg Sinai kostet 200 ägyptische Pfund, ca. 45 Euro, also 90 Mark. Soll ich das ausgeben? Für 1 1 Stunden Fahrt mit 120, 130 durch die Berge, in dem Auto meiner Kindheit, einem weißen Peugeot 504 Kombi mit drei Sitzbänken und Lenkradschaltung? Obwohl in drei Stunden bereits die Sonne untergeht?
Zwei Wüstenfüchse, die auf einem Hügel sitzen und auf die
Straße hinabschauen.
Eine Taube, die, als wir St. Kathrin am Berg Sinai erreichen, am
Straßenrand
wartet, bis wir so nahe sind, dass wir nicht mehr bremsen können, und
dann entschlossen geradeaus unters Auto läuft. Der Fahrer lässt
den Wagen langsam weiterrollen, wir drehen uns um und sehen die Taube die
andere Straßenseite erreichen, vollkommen entspannt. Das war ihr Kunststück,
das sie uns mal kurz zeigen wollte.
Den Aufstieg auf den Berg im letzten Sonnenlicht auf einem Kamel
unternommen, weil ich ihn zu Fuß mit meiner Hüfte nicht hätte machen können.
Du kommst dir so dumm vor auf so einem Kamel mit deinen Versuchen, so darauf
zu sitzen, dass es nicht dumm aussieht, mit deiner Westkleidung und deiner
dummen Kamera umhängen, die du dann vor den Augen der Führer
auch keinmal benutzen magst. Was denen eh egal ist.
Der Blick vom Gipfel des Sinai auf die umliegende Berglandschaft
ist ganz ähnlich
wie zuhause im Pfälzer Wald, wenn man hinter Blankenborn auf den Abtskopf
steigt und runter nach Silz und zum Trifels schaut. Nur ohne Wälder
und etwas höher. Also in beiden Fällen einfach wunderschön.
Die Sonne war noch gar nicht untergegangen, da stand schon der
riesige Vollmond am Himmel. Das Gesicht des Mannes darin wirkt
hier etwas
geneigter und dadurch
nachdenklicher, aber das kann ich mir auch eingebildet haben. Ich
bin im letzten Licht der Sonne hinauf und im ersten Mondlicht wieder
hinunter.
Der Aufstieg hat anderthalb Stunden gedauert, der Abstieg eine.
Oben war
ziemlich
viel los, es gibt dort eine Menge Getränkeshops und Minihotels, aus
Holz gezimmerte und mit Teppichen ausgelegte Hütten zum Schlafen, und
es waren bestimmt hundert Leute am Gipfel. Deshalb war der Abstieg das Beste.
Alleine, im Licht des Vollmonds, in der absoluten Stille zwischen den zerklüfteten
Felsen.
der inoffizielle text
ich kann am besten allein sein, wenn ich zu zweit bin. wenn ich
allein bin, will ich zu zweit sein. wenn ich zu zweit bin, bin
ich meistens überfordert.
wenn ich zu zweit bin, will ich mit jemand anderem zu zweit sein. oder allein.
wenn ich allein bin, fühle ich mich meistens zu allein.
Die Pyramiden stehen da wie Berge. Wie Berge ragen sie in den
Smog. Vom Stadtrand aus und aus den oberen Etagen der Hochhäuser kann
man sie sehen. Riesig. Massiv. Aus einer anderen Welt.
Die Pyramiden sind ein Kaffeefahrtzielort. Voller Beduinen,
die auf ihren Kamelen angeschissen kommen und dich fragen,
ob du
sie fotografieren
willst, und dann über dich drüber reiten, wenn du ihnen kein Geld dafür
gibst, dass du ein Foto von ihnen gemacht hast. Ich hab keins gemacht. Wenn
du keins machst, versuchen sie auch, über dich drüber zu reiten.
Als ob du in Disneyland von Micky Mouse verprügelt wirst, weil
du kein Trinkgeld gibst.
Aber, hey, nichts gegen Beduinen.
In einer Pyramide in Dashour ist mir was Witziges passiert.
Ich war zum Eingang hinaufgeklettert, hatte dem Wärter mein Ticket gezeigt und war den langen,
engen Gang, in dem man sich nur gebückt bewegen kann, in ihr Inneres
wieder hinunter gestiegen. Ich kam in die erste Grabkammer und stieg
eine Holztreppe hinauf. Schnaufend stand ich an der Balustrade des
Laufstegs in
der zweiten Grabkammer und sah in die Gruft hinab.
Es waren keine anderen Besucher da, ich war in diesem Moment
ganz allein in der Pyramide. Ich schaute hin und her und
rauf und runter,
und ich
bewunderte die in einem vollkommenen Winkel spitz zulaufende
Decke der Kammer. Diese
Decke der Grabkammer ist die Innenseite eines Spitzdaches,
dessen Außenseite
eine Pyramide ist.
Für Freunde in Deutschland wollte ich diese Decke fotografieren. Ich
war immer noch außer Atem, und meine Beine, Arme und Hände zitterten
von der Anstrengung des gebückten Abstiegs. Und wie ich die Kamera aus
ihrer Schutzhülle ziehe, gleitet sie mir aus den Fingern und fällt
in die Gruft hinab. Da liegt sie. Super Bildqualität. APS mit
Panoramafunktion. 699 Mark.
Ich gehe hinaus auf die Holztreppe und lausche. Niemand zu
hören. Ich
gehe zurück in die Grabkammer, schaue hinunter zur Kamera. Mein Herz
klopft. Ich schaue noch einmal in Richtung Treppe. Dann steige ich schnell über
die Balustrade und klettere in die Gruft hinab. Ich nehme die Kamera und
untersuche ihr Gehäuse. Eine kleine Delle. Ich schalte sie ein, halte
auf die Decke und drücke den Auslöser. Es blitzt. Alles in
Ordnung.
In diesem Moment höre ich Stimmen und Schritte auf der Holztreppe. Ägyptische
Stimmen. Ich schaue die Wand an, die ich hinunter gestiegen bin, und weiß,
dass es länger dauern wird, sie wieder hinaufzukommen. Die Schritte
sind am Ende der Treppe angelangt, in drei Sekunden werden die Leute in der
Grabkammer sein. Ich krieche in eine der Grabnischen, in der früher
der Sarkophag eines Pharaos gesteckt haben muss.
Die Schritte erreichen den Laufsteg, ich höre mehrere Ägypter aufgeregt
miteinander sprechen oder verhandeln oder sich über irgend etwas beratschlagen.
Ich vermute, dass einer von ihnen der Wärter vom Eingang ist, die anderen
Beamte der Pyramidenbehörde. Ich presse mich in die hinterste
Ecke der Nische.
Es ist fürchterlich heiß und stickig in der Grabkammer. Der Schweiß läuft
mir in dicken Tropfen übers Gesicht, aber ich wage nicht, mich zu bewegen
und sie wegzuwischen. Der strenge Geruch, den ich schon beim Betreten der
Pyramide bemerkt habe, ist hier unten noch stärker als oben auf dem
Laufsteg. Zuerst dachte ich, es sei der Geruch von Urin. Aber ich wollte
einfach nicht glauben, dass es Leute gibt, die in den Pyramiden in Grabkammern
pinkeln! Also beschließe ich, dass es der Geruch des Schweißes
der ungezählten Menschen ist, die diesen Ort vor mir besuchten. In der
Grabkammer ist es heiß wie in der Sauna.
Einer der Männer kommt in die Gruft hinabgestiegen. Ich halte den Atem
an. Er beugt sich über einen Drenagenschlauch, der sich von unterhalb
des Laufsteg in die Gruft schlängelt, und der vielleicht für Belüftung
sorgen soll, es aber ohne Frage nicht tut. Auch dem Mann rinnt der Schweiß.
Er hebt den Schlauch auf, schaut hinein, klopft ihn ab, pustet rein. Ich
hole ganz leise Luft. Da schaut der Mann zu mir hinüber und sieht
mir direkt in die Augen. Dann schaut er wieder weg. Von oben rufen
ihm seine
Begleiter dies und das auf arabisch zu.
Er schweigt einen Augenblick, dann macht er sich wieder an
seinem Schlauch zu schaffen. Als er fertig ist, kommt er
nah an meine
Nische heran,
während
er nicht aufhört, mit seinen Begleitern zu sprechen, streckt hinter
dem Rücken seine Hand in die Nische und macht das internationale Zeichen
für Geld. Ich krame hektisch in meinen Taschen, fummle 40 ägyptische
Pfund hervor und lege sie ihm in die Hand. Er befühlt die Scheine und
streckt die Hand auffordernd wieder aus. Ich lege einen weiteren, dann noch
einen und noch einen Schein hinein. Dann schließt sich die Hand.
Der Mann steigt zu seinen Begleitern hinauf und verschwindet
mit ihnen in Richtung Pyramidenausgang. Ich klettere auch
hinauf, warte
einige
Minuten und folge ihnen. Als ich ins Licht trete, schauen
mich einige Männer,
die vor dem Eingang stehen, ganz komisch an. Klar, eben war außer ihnen
niemand in der Pyramide, und jetzt kommt einer aus ihr raus. Ich gehe schnell
an ihnen vorbei und steige zum Parkplatz hinab. Plötzlich ist
der Mann aus der Gruft neben mir.
Where do you come from? - Germany. - Ah, Almanya! Are you
happy?
Ich bleibe stehen, bin durcheinander. Ich schaue ihn an,
dann sagte ich: Yes, I am happy. Thank you.
Er lacht, winkt und läuft sehr schnell die Treppe hinunter zum Parkplatz,
wo er auf ein Kamel springt und in die Wüste galoppiert.
Ich war wirklich glücklich! Wer weiß, was passiert wäre,
wenn er mir nicht erlaubt hätte, mich für ein paar mickrige
Mark aus diesem Schlamassel im Pharaonengrab zu befreien.
Ich stelle mir vor, wie Mahmud schüchtern Ilmas Wohnung betritt und in einem halben Satz erklärt, dass er etwas an der Spüle richten müsse. Ilma lässt ihn unter die Spüle kriechen, um kurz darauf neben ihm in die Hocke zu gehen. Sie lächelt. Na, alles im Griff? - Was? fragt Mahmud. Für ein richtiges Gespräch reicht sein Englisch nicht aus. Aber er ahnt, was sie meint, ja, ja, sagt er und lächelt auch, wendet sich wieder dem Abfluss zu. Ilma legt ihm kurz eine Hand auf den Arm und sagt: Wenn du fertig bist, gibt es Tee. Sie kann ihn nicht so gut machen wie er, aber er lobt ihn. Er trinkt langsam, sie setzen sich auf die Veranda. Am Ufer ruft ihn jemand, er schaut kurz um die Ecke, dann setzt er sich wieder. Du hast so lustige Haare, sagt Ilma. - Was? - Lustige Haare! - Funny hair? Er greift sich an den Kopf, er lacht. Bevor der Tee leer ist, fragt er sie, ob sie Schach spielt. Nein. Soll er's ihr beibringen? Ja bitte, sagt Ilma. Sie schaut in ihr Glas, eine kleine Falte zwischen den Augenbrauen.
der inoffizielle text
größte verunsicherung im gespräch. andere leute haben ansichten,
ich nicht. ich habe nur ängste, die ich in meinungen umformuliere. wenn
ich eine meinung formuliert habe, macht sie mir wieder angst. aber das ist
nicht alles. ich bin eine beobachtungsmaschine geworden im laufe der jahre.
ich hab mich verwandelt. ich merke mir jahrelang einzelne sätze.
und es sind immer die gleichen, mit denen mich ein frau
aus der fassung bringt.
Vom Dach des Hauses in der Sharia El-Bustan Nr. 5 überblickt man einen
Busparkplatz. Über dem Parkplatz kreisen ein Schwarm Spatzen - und ein
Falke. Offensichtlich lebt er in einer kleinen zugemauerten Fensternische
in der Wand eines Hauses, das an den Parkplatz grenzt. Er lässt sich
aus seiner Nische fallen, fliegt eine Runde, zum Teil so langsam, dass man
fürchtet, er könne herunterfallen, und kehrt in die Nische zurück.
Ich esse einen Chickenburger von KFC mit weichen Pommes.
Ich beiße
hinein und denke, vor wie vielen Jahren hast du dir vorgenommen, dich gesünder
zu ernähren? Ich denke: vor wie vielen Jahren hast du dir vorgenommen,
nicht mehr zu rauchen, nicht mehr zu trinken? Ich denke: du wirst in zehn
Jahren wieder irgendwo sitzen und einen gräßlichen Burger essen
und dir vorstellen, wie du vor zehn Jahren irgendwo saßst und dich
gefragt hast, wie lange du schon gesünder leben wolltest. Ich
denke: du wirst es bis an dein Lebensende so tun.
Der Schwarm Spatzen schießt in einer atemberaubenden Gemeinschaftskurve
an der Dachterrasse vorbei. Der Falke verlässt seine Nische, kreist,
kehrt zurück. Warum tut er das? Warum tun die Spatzen, was sie
tun, und lassen, was sie lassen? Wie lange dauert ein Falkenleben?
Wie lange ein
Spatzenleben? Wie lange meins? Wie viele Burger noch? Wie viele Biers?
Ein tänzelndes Kamel! Ich kam auf einem normalen Kamel den Berg hoch, und das tänzelnde Kamel kam als erstes einer kleinen Gruppe von Führern und Kamelen den Berg hinunter. Es trug den Kopf hoch erhoben und machte ein glückliches Gesicht, vermutlich, weil die Arbeit getan war und es nachhause durfte. Und wie es dabei mit den Beinen schlenkerte, das sah wie eine Marionette und zugleich so menschlich aus! Es warf immer abwechselnd die beiden linken und dann die beiden rechten Füße gemeinsam hoch. Ließ sich auf die linken fallen, warf sie wieder hoch, ließ sich auf die rechten fallen. Und das ganz locker und hüpfend. So was hab ich noch nie gesehen. Es war wie in einem Comicstrip. Überhaupt wirken die Kamele wie für Star Wars erfunden. Und das Gute ist, wenn du sie eine Weile anschaust und dein Bewusstsein dafür, wie erstaunlich die Existenz solcher Wesen ist, geweckt wird, dann siehst du für eine Weile alle Tiere mit diesem Blick.
Als Kind bin ich mit meinen Eltern viel gereist.
Später einige Jahre
kaum noch. Als ich wieder anfing zu reisen, mit Anfang/Mitte zwanzig, glaubte
ich, ich könnte überall leben. Irland, Italien, sogar in der Schweiz,
alles schien möglich. Alles war belebend, anders, alles war Spaß und
die Einlösung eines Versprechens von Freiheit, von dem ich dachte,
es sei mir mit dem Beginn meines Lebens gemacht worden.
Keine zehn Jahre später habe ich gemerkt, dass das nicht stimmt. Dieses
Versprechen ist niemals gegeben worden. Ich kann nicht überall leben.
Ich bin schon zu sehr an Deutschland gewöhnt. An tausend Dinge, die
dir dort selbstverständlich erscheinen. Dass um sieben die Simpsons
anfangen und um viertel nach elf Harald Schmidt. Dass es fast nirgends einzelne
Zigaretten zu kaufen gibt. Dass es Schwimmbäder gibt. Dass du in Wohnungen
kein Neonlicht hast, dass es Heizungen gibt. Dass bestimmte Dinge funktionieren
und andere nicht. Es ist verwirrend, wenn in einem anderen Land plötzlich
Dinge funktionieren, die zuhause niemals funktionieren. Du willst das
dann erst mal nicht.
Im Gespräch mit Nermin darauf gekommen, dass die Globalisierung deshalb
nicht klappen kann. Zumindest nicht mit den Menschen, die sie konkret vollziehen
müssen. Das Ziel wäre ja, dass sich jeder trotz der Unterschiede,
die bitte auch bleiben sollen, überall auf der Welt heimisch fühlen
kann. Dazu sind wir aber noch zu heimatverhaftet. Ich würde gerne sehen,
ob unsere Kinder das später schon besser können als wir.
Mahmuds Job ist nicht klar zu umreißen. Er bewacht mehrere Hausboote, und er pflegt sie auch. Manchmal ruft jemand etwas von der Straße herunter, und Mahmud muss ganz schnell irgendwo hin. Wenn er wieder da ist, gibt es immer einen Grund, Ilma auf ihrem Hausboot zu besuchen. Etwas wegen dem Telefon. Wegen einer fehlenden Scheibe, einer Diele, die morsch ist. Ich stelle mir vor, dass Ilma jetzt öfter auf den Hof am Ufer kommt, wo Mahmuds Hütte steht, ihn etwas fragt und versucht, sich mit ihm zu unterhalten. Ihr Arabisch wird besser. Mahmud schaut ernsthaft und engagiert, wenn er aufs Hausboot kommt, um ihr bei etwas zu helfen. Später holt er das Schachbrett. Es wird spät. Die Sonne geht unter, legt ihr letztes Licht auf den Nil und die Hochhäuser von Zamalek. Mahmud sollte jetzt gehen, das ist ihm klar. Aber da ist was an Ilma, das ihm so vieles verspricht. Ihr Praktikum in Kairo ist bald vorüber. Er fragt sie, ob sie nicht bleiben will. Ilma legt den Kopf schief und sieht ihn lange an. Ihre Haare sind glatt und blond, und wo sie in Strähnen zusammenliegen, entsteht ein Schatten, der sie dunkel erscheinen lässt. Sie hat ein etwas breites Gesicht und klare Augen. Ihr Mund sieht immer freundlich aus. Ja, sagt sie. Vielleicht. Von der Straße dringt das Hupen der Taxis herein.
Nachts auf dem Heimweg eine Kakerlake getroffen. Sie ging quer zu den Passanten langsam und mit hoch erhobenem Kopf über den Bürgersteig. Sie musste die ganze Straße so überquert haben. So stolz. Und das bei dem Verkehr. Menschen, die sich als Orientkenner zeigen wollen, sagen gerne, dass der Verkehr in Paris oder Rom "schon ein bisschen" so sei wie in den Millionenstädten des Mittleren Ostens, aber eigentlich "kann man das nicht vergleichen". Der Verkehr im Orient sei mit keinem anderen Verkehr der Welt zu vergleichen.
Die meisten Taxis quietschen. Sie quietschen
und rappeln aufgrund der Unebenheiten der
Straßen, je schneller sie fahren, desto schneller wird der Takt
ihres Rappelns und Quietschens. Das ist ein ganz bestimmter Sound. Gestern
erst habe ich gemerkt, dass ich ihn jeden Tag höre. Er ist ein
fester Bestandteil des Soundtracks dieser Stadt.
Vom Hausboot aus ist der Soundtrack ein Teppich
aus Rauschen und Hupen in allen Höhen und Tiefen, ab und zu legt sich irgendwo zwischen den Häuserschluchten
das Heulen von Martinshörnern darüber. Manche Hupen sind hell und
klar und nah. Andere tief und fern, mit Echo und Hall. Dazwischen ein Pfeifen,
ein Hämmern, ein Klingeln und das Schnurren eines Motorbootes. Wenn
du eine Weile zuhörst, klingt es wie komponiert. Da dirigiert doch jemand.
Da produziert doch jemand Sound. Da ist doch die berühmte Fähigkeit
nichtwestlicher Metropolen am Werk, im staatlich deregulierten akustischen
Raum verbindliche Klangstrukturen und sogar Kompositionen zu schaffen.
Das ist der Makrosound der Stadt. Wenn du
die Tür zuschlägst und
das Taxi losfährt, befindest du dich im Mikrosound aus Quietschen und
Rappeln und dem Wind, der in die offenen Fenster bläst. Es gibt den
Taxi-Mikrosound pur oder mit Autoradio. Darüber entscheidet der
Fahrer.
Ein Fahrer hat mir ein Büschel Pfefferminze geschenkt. Zum Dranriechen,
als kurze Erholung vom Smog. Ein anderer Fahrer, mit dem ich den Preis von
vier Pfund ausgehandelt hatte, wollte am Ende zehn. Ich sagte nein. Da wollte
er fünf. Ich sagte nein. Ich sagte, vier seien auch schon zu viel.
Da sagte er: Stimmt.
Bleiben ein Taxi und ein Bus nebeneinander stehen. Beleidigt der Taxifahrer den Busfahrer. Beleidigt der Busfahrer den Taxifahrer zurück. Steigt der Taxifahrer aus und holt einen Stock aus dem Kofferraum. Geht er hin und schlägt dem Bus den Seitenspiegel kaputt. Also wenn dich jemand fragt, wie's im Ramadan auf den Straßen Kairos zugeht, sag ihm, wie am ersten Mai in Berlin.
Zuhause lernst du eine Sprache, die keinen Kontext hat. Du sitzt in Berlin Spandau und lernst Wörter einer Sprache, die dein Lehrer womöglich einfach frei erfunden hat. Dann kommst du her und bist platt, weil es sie hier wirklich gibt, die Wörter und die Dinge dazu. Du hörst die Wörter in ihrem Kontext, aber immer noch denkst du, sie haben sie alle von deinem Lehrer gelernt, er hat diese Sprache erfunden und ein paar Millionen Menschen beigebracht, per Internet zum Beispiel vielleicht. Irgendwie kannst du nicht glauben, dass das, was du da von allem losgelöst gelernt hast, hier von echten Menschen wirklich benutzt wird, und zwar immer. Aber so scheint es zu sein.
Ilma möchte, dass Mahmud mitkommt nach Schweden. Sie ist 23, Mahmud 24. Was soll ich in Stockholm denn machen? sagt Mahmud. Gibt's da auch Hausboote? Und wenn, würden sie mich dort arbeiten lassen? - Alles eine Frage der Ausdauer, sagt Ilma. Hier auch, sagt Mahmud, jetzt betreue ich fünf Hausboote, nächstes Jahr sind es sechs, in zehn Jahren kaufe ich eins. Bleib doch hier. Ilma bleibt zwei Wochen länger. Sie haben sich noch nie geküsst. Sie will mit ihm auf ein Vergnügungsboot. In den Cairo Jazz Club. Ans Rote Meer. Alles, wofür sie während das Praktikums nicht die Zeit fand. Sie will mit ihm in eine Oase, für mehrere Tage, eine kleine Reise. Aber das kann Mahmud nicht machen. Seine Familie. Dann sind die zwei Wochen um. Wann kommst du wieder, fragt Mahmud. Mit deinem Schnurrbart, sagt Ilma, siehst du aus wie ein Deutscher.
Ein regloser, aufrechter Vogel wie
ein Baby-Reiher, der auf einer schwimmenden
Insel an meiner
Veranda vorübertreibt.
Angeblich Adler über dem Nil. Mahmud und ich in seinem Paddelboot auf
dem Nil. Ich: Was für Vögel sind das? Mahmud: ein arabisches
Wort. Ich: Eagle? Mahmud: Yes. Ich: Echt, Eagle? Mahmud: Yes! Yes!
Eagle.
Eine tote Katze am Straßenrand. Mit steifen Beinen. Da bin ich
erschrocken.
Die Katzen, die in Kairo offenbar
eine Plage sind, keinem gehören, immer
verjagt werden. Deren Fell starr ist vor Straßendreck. Die den
Dreck schlucken, wenn sie ihr Fell putzen. Die ihr Fell deshalb vielleicht
gar
nicht mehr putzen.
Abends, auf dem Trottoir vor einem
Shisha-Café, eine kleine schwarze,
noch ganz junge, die ganz gegen die sonstigen Gewohnheiten von allen gestreichelt
wird. Sie entdeckt mein Joghurtgetränk, das ich neben meinem Stuhl auf
dem Boden abgestellt habe, steckt sofort ihren Kopf in das Glas - und bekommt
ihn nicht mehr heraus. Sie will wegrennen, aber das Glas ist so schwer, dass
sie den Kopf nicht heben kann, und so läuft sie rückwärts,
bis sie gegen eine Mauer stößt. Ich nehme sie und ziehe ihr mit
einer leichten Drehung das dumme Glas vom Kopf. Sie taumelt ein bisschen,
dann setzt sie sich hin, und als sie verschnauft hat, schleckt sie auf, was
sie verschüttet hat. War nur der Schreck.
der inoffizielle text
ich zum beispiel werde immer traurig,
wenn ich zigaretten rauche. gibt
es im westen
arten von
traurigkeit,
die es im südosten nicht gibt? gibt
es im südosten arten von
traurigkeit, die es im westen
nicht gibt? gibt es arten von
traurigkeit, die sich nur menschen
im westen leisten?
gibt es arten von traurigkeit,
die sich nur menschen im osten
leisten?
gibt es
arten
von traurigkeit,
die sich
nur reiche
leisten? gibt
es in ägypten
menschen, die wegen depressionen behandelt werden? erst dachte ich, es ist
leere. aber es ist wut. wegen allem, was im leben nicht möglich ist.
da wird das leben sicher vorbeischauen und sagen, dass ihm alles, weshalb
du auf es wütend bist, fürchterlich
leid tut. sir tobi.
Etwas Unerwartetes ist passiert.
Ich habe Matthias wiedergetroffen.
Den
Matthias, der uns letztes
Jahr in Amerika ein Stück weit begleitet hat. Dieser
seltsame, launische, introvertierte Mensch. Hier in Kairo! Ich ging in Downtown
um eine Ecke, und da sah ich ihn. Er fotografierte die Füße eines
Verkehrspolizisten, der geduldig dastand und sich überhaupt nicht
zu wundern schien.
Und weißt du was? Matthias spricht kein Deutsch mehr. Nur noch Englisch
und ein paar Wörter Arabisch. Ich meine, er hat nie viel gesprochen,
aber wenn, dann deutsch, damals in Amerika, wo er sich uns in Los Angeles
anschloss und dann plötzlich verschwand, etwa zu der Zeit, als diese
Maschine in Queens abstürzte, Ende Oktober oder Anfang November. Seitdem
hatte ich nichts mehr von ihm gehört.
Und jetzt ist er hier. Und
spricht und versteht kein Deutsch
mehr.
Er hat mir
eine kleine
Shisha-Bar am
Midan Tahrir
gezeigt, in der
es mehr
zu rauchen
gibt als Apfeltabak. Man gelangt
durch eine schmale, unscheinbare
Gasse und
eine kleine
Stahltür hinein. In der Rauchwolke und dem sparsamen, bunten
Licht legten wir uns auf die Kissen. Matthias erzählte lange, und ich
hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen.
Er sprach von der Ruhe, die
dieses Land ausstrahle und
den Wochen,
die er in
einer Oase im Süden verbrachte. Er sagte, er habe all seinen Ehrgeiz
verloren. Er sei gekommen, um das Licht der Sahara zu malen, aber er habe
keinen einzigen Strich gemalt. Er sei angekommen mit einem bestimmten Plan,
einem Drang, einem gewissen Druck sogar. Er habe gemeint, er müsse in
der Wüste mit der gleichen Geschwindigkeit arbeiten wie zuhause in Europa.
Aber dieses Land, sagte er, dieses Land und diese Wüste hätten
ihn auflaufen lassen. Sie hätten ihn auflaufen und herunterkommen lassen,
und ihn dann ganz langsam wieder aufgerichtet. Sie hätten ihn
auflaufen lassen, bis er kapitulierte. Bis er eingesehen habe, dass
es keinen Sinn
ergibt, sich hier beeilen zu wollen, weil das Land sich einfach nicht
mitbeeilt.
Und in dem Augenblick, in dem
er kapituliert habe, sagte
Matthias, sei er von einer
großen Ruhe überwältigt worden. Einer endlosen
Ruhe. Weit wie das Land und ehrgeizlos wie ein Kamel. Wie der Himmel über
dem Sand. Wenn sie ihn nicht so beruhige, sagte er, dann würde diese
Ruhe ihm Angst einjagen. Weil sie wie eine Macht sei. Sie grenze an Lethargie,
an Apathie sogar. In der Oase habe er Stunden und Stunden in einem Café verbracht,
mit nichts außer einem Glas und den Fliegen. Nach einer Weile habe
er aufgehört, die Fliegen zu verscheuchen, die bis auf seine Zähne
und in seine Ohren krabbelten.
Und die ganze Zeit, in der
er die Wüste nicht auf seine Leinwand malte,
sagte er, sei es gewesen, als male die Wüste ihr Bild in ihm, als sei
er selber eine Leinwand gewesen. Jetzt schleppe er sie wie eine große
Hitze in sich herum. Er wolle nie mehr in die Wüste zurück, aber
er könne an nichts anderes mehr denken. Er schaue durch die Dinge in
Kairo hindurch, durch die Häuser und Taxis und Menschen und sehe - die
Wüste. Er überhöre das Rauschen des Verkehrs und die Hupen
und Stimmen und höre statt dessen die Wüste, deren Stille
in seinen Ohren klingelte.
Die Sahara habe ihn ins Café gesetzt und ihn angeschaut, sagte Matthias.
Wie die Sphinx an dir vorbeischaue, so schaue die Sahara dich an. Sie schaue
dich an, und dann verschlucke sie dich, ohne dass du es merkst. Die Wüste
sei das Schönste, was er gesehen habe. Es würde ihm nichts ausmachen,
dort zu sterben. In diesem Land, in dieser Wüste, sei der Tod etwas
Schönes.
Wir saßen lange in der Shisha-Bar, ich weiß nicht, wie lange.
Aber am Ende verschwammen die grünen und roten Lichter im Rauch, und
der Rauch verschwamm in den Geschichten über die Wüste, die er
erzählte, und mein Bewusstsein von Zeit verschwamm in diesen Geschichten,
und draußen rauschte der Midan Tahrir wie ein Meer.
Auf einmal war Matthias verschwunden.
Ich sah mich um und fragte
den Kellner, aber
der schien
ihn
die ganze
Zeit über überhaupt nicht wahrgenommen
zu haben. Und plötzlich hatte ich das Gefühl, als habe er noch
etwas gesagt, bevor er gegangen war, als habe er meine Schulter berührt
und mir, während ich auf der Seite lag und an die Wand schaute,
ins Ohr gehaucht: Take care out there among them Beduins.
Ein Junge, der die Hände hebt und irgend etwas zu unserem Bus sagt, als wir vorüberfahren. Zur Karosserie.
Ahmed, der Sohn des Hoteliers,
weckte mich, den einzigen
Gast, um halb
vier Uhr morgens,
weil
sein Vater ihn
irgendwie ausgesperrt
hatte.
Danach konnte
ich nicht mehr schlafen.
In einer nahen Moschee
begann der Muezzin
zu rufen,
und nach und
nach begannen
auch die Muezzins
anderer
Moscheen
zu rufen,
so dass nach kürzester Zeit von überall her die Rufe der
Muezzins, von den Lautsprecheranlagen verzerrt, in die Nacht drangen.
Einen ähnlichen Sound hatte ich zuvor nur einmal im Leben gehört:
bei Blixa Bargeld, auf einer Experimenta in Mainz. Er und so ein Pedal, mit
dem er sich aufnehmen und abspielen konnte, während er sich auf einer
anderen Spur wieder aufnahm, um sich wieder abzuspielen, so dass nach kürzester
Zeit ein brutal harter Sound aus fünf oder sechs Spuren Blixa
Bargeld durch die Lautsprecher kam.
Und so ähnlich, nur irgendwie ganz unbeabsichtigt, ganz von alleine,
war der Sound um fünf Uhr morgens unter den Sternen der Oase von
Dachla.
Wilde Katzen, die alle
aussehen wie Nofretete.
Abgemagerte Hunde,
die kuschen, wenn du
nur
an ihnen vorübergehst,
und hungrig hinter dir her
schauen.
Eine Kellerassel, genau
an der Stelle, wo vorgestern
die Kakerlake
ging,
nur genau in die andere
Richtung. Scheint
ein beliebter
Weg zu sein unter
den kleinen Tieren.
Eine Keilformation
Gänse.
Der Falke.
Die Spatzen.
Mahmud hat sich ein Auto geliehen, um Ilma zum Flugzeug zu bringen. Nachdem sie die Koffer aufgegeben hat, beginnt Ilma zu weinen. Sie nimmt ihn in den Arm. Und jetzt küsst sie ihn. Als sie merkt, dass er das gar nicht kann, zeigt sie ihm, wie es richtig geht. Die ganze Zeit laufen ihr die Tränen übers Gesicht. Mahmud schaut danach auf den Boden, zum Glück sind fast nur Europäer in der Nähe. Also wann kommst du wieder, fragt er. Und Ilma sagt: Ich ruf dich an. Ich wünsch dir ein gutes Leben. Auf dem Rückweg steckt Mahmud im Stau. Er schaltet das Radio an und wieder aus. Er möchte das Auto stehenlassen und in die Wüste gehen. Immer weiter. Vor ihm geraten zwei Taxifahrer in einen Streit und fangen an, sich zu schlagen.
Schwester Maria ist
seit 35 Jahren
in Kairo und
leitet Projekte
mit den Müllleuten
der Stadt. Diese Müllleute leben im und vom Müll und verwerten
ihn komplett bis auf einige Plastiksorten, die sie verbrennen, was man jede
Nacht riechen kann. Schwester Maria hat ihnen 57 Häuser gebaut, ohne
Baugenehmigung, schnell noch bevor Mubarak für das Armenviertel den
Bau ungenehmigter Häuser noch einmal extra verboten hat, weil sich keiner
dran hielt. 57 Häuser
und eine Schule.
Als wir in das
Armenviertel hineinfuhren,
sagte
Schwester Maria:
Ab hier
gibt es keine Polizei
mehr. Die geht
hier nicht rein.
Die Leute
regeln
das alles allein.
Einmal haben sie
einen Polizeichef
eingesetzt,
der
sollte das
ganze unter Kontrolle
bringen, aber dem
haben
sie den
Kopf weggemacht.
Und wir so: Dem
haben sie was?
Den Kopf
weggemacht, sagt
Schwester
Maria
und
macht das internationale
Zeichen für Kehledurchschneiden. Und dann
war's wieder gut. Tja, der war eben fies zu den Leuten, hat sie getreten
und beleidigt und gedemütigt und was weiß ich.
Und da haben sie ihm
eben den Kopf weggemacht.
Und dann war wieder gut.
Na gut.
Man denkt immer,
so große Hilfsprojekte wie das von Schwester Maria
seien unheimlich kompliziert und deshalb kaum zu bewältigen. Aber während
sie erzählte, merkte ich, dass jede ihre Handlungen und Initiativen
auf ganz einfachen Schlussfolgerungen basierte. Die Schule musste her, mit
hellen gelüfteten Räumen, weil die Kinder in den engen Gassen unten
in den winzigen Häusern
kein Licht haben - und
keinen Sauerstoff, den
sie zum Denken brauchen.
Mir fallen jetzt
keine guten Beispiele
mehr
ein, und ich
hab nicht mitgeschrieben,
aber
jedenfalls
war das
so mit
diesen
einfachen Schlussfolgerungen.
Und da dachte ich,
gut zu wissen,
man fängt an, man denkt
mit, und dann ergeben
sich die Schlussfolgerungen
ganz von allein. So kann
man
doch ein Leben bestreiten.
Die Müllleute lieben ihre Schwester Maria zwar, bereiten ihr aber auch
immer wieder Probleme. Verschmähen ihre Wohltaten, eben weil sie umsonst
sind. Was nichts kostet, sagt Schwester Maria, ist auch für die Armen
nichts wert. Sie muss ihren Leuten helfen und ihnen gleichzeitig misstrauen.
Würde sie ihnen nicht misstrauen, würden die Müllleute sie
fertig machen. Sie muss ihnen also misstrauen, um ihnen überhaupt helfen
zu können. Das ist paradox. Paradox ist, was widersprüchlich
scheint, es im Grunde
aber gar nicht ist.
Was den Schutz
vor eventuellen
Krankheitserregern
angeht,
die sich an dem
Brot
befinden könnten, das man in Kairo kauft, haben Schwester Maria
und ich eine ganz ähnliche
Vorgehensweise: Sie flammt
das Brot bevor sie's
isst am Gasherd ab, und
ich denke ganz fest mehrmals
hintereinander:
Es wird dir nichts passieren,
es wird dir nichts passieren!
Ein Kamel in Kitkat. Heute morgen beim Brotkaufen. Also ich beim Brotkaufen, nicht das Kamel. Das Kamel näherte sich einem Markstand mit Salat.
der inoffizielle
text
manchmal hast
du das gefühl, nur gefühle zu haben, weil du denkst,
dass sie erwartet werden. wenn du das nicht denken würdest, hättest
du vielleicht gar keine. oder ganz andere. das würde mich wirklich mal
interessieren, was für gefühle du hättest, wenn du nicht denken
würdest, dass welche, und zwar meistens bestimmte, von dir erwartet
würden.
So wird es sein, und dann sitzt Mahnmud wieder auf meiner Veranda, und wir spielen, ohne zu reden. Ab und zu schickt Ilma einen Brief, aus London, aus Paris, aus New York. Für sie ist die Welt ein Praktikum. Nach einem Jahr ruft er sie an, jetzt lebt sie in Kopenhagen. Kommst du irgendwann wieder, fragt Mahmud. Ich kann nicht, sagt Ilma. - Warum? - Mahmud, sagt Ilma. Sie kennen sich im Grunde schon lange nicht mehr. Ich habe hier einen Freund. Manchmal starrt Mahmud auf die Figuren, und ich weiß genau, woran er denkt. Schmeiß das Schachbrett in den Nil, sage ich. - Was? - Schmeiß es ins Wasser! Er versteht nicht, und ich weiß nicht, was schmeißen auf Arabisch heißt. In meinem Herzen, sagt Mahmud, ist keine Freude mehr. Ich schaue auf den Nil, und wenn ich nicht wüsste, in welche Richtung er fließt, würde ich glauben, er fließt flußaufwärts und abwärts zugleich.