Vorrede
Der mit dem Georg-K.-Glaser-Preis geehrte Text ist
eine Episode aus dem 2. Kapitel meines im Entstehen befindlichen neuen
Romans. Das Buch trägt
wie der Textausschnitt den Arbeitstitel "Keine Zeit." Für
sich genommen wirkt die nachfolgende Szene gewiss befremdlich oder gar
mysteriös. Ganz wie es an einer Stelle in Georg K. Glasers eindrücklicher
Romanbiographie Geheimnis und Gewalt heißt: "Die Zukunft: ich
war in der Mitte des Geheimnisses, das sie enthielt." (S. 380)
Das Geheimnis, das die Zukunft birgt, muss sich in der Gegenwart befinden.
In eine solche rätselerfüllte Gegenwart, eine fiktive, scheinbar
endlose Gegenwart allerdings, geraten zu Beginn meines neuen Romans 70
Personen, die am 14. August des Jahres 2000 am europäischen Kernforschungszentrum
CERN in der Nähe von Genf den Teilchendetektor DELPHI besichtigen.
Dieser Detektor war am Punkt PA 8 installiert oder vielmehr unter ihm,
150 Meter tief im Felsgestein der französisch-schweizerischen Jura,,
auf der mittlerweile still gelegten Beschleunigerstrecke des so genannten
Großen Elektronen-Positronen-Kolliders (LEP).
Wir benötigten Madame Denoux, um zu begreifen. Die Ahnung, dass die
beiden Frauen unter dem Zeltdach, die sechs Genfer Polizisten, die bei
ihren Motorrädern standen, die Fahrer der Staatskarossen nur einen
winzigen Ausschnitt darstellten, die Spitze der Eiswelt, die wir durch
nichts als einen Atemzug betreten hatten, sammelte den ganzen Schreck,
unsere zitternde Erwartung in Madame Denoux Fingerspitzen, die sich dem
Vogel trancehaft konzentriert näherten, als wüssten sie, dass
wenigstens ein Dutzend von uns, drastisch verkleinert, schweißüberströmt
und herzrasend in ihnen Platz genommen hatte wie Kampfpiloten unter aerodynamisch
optimierten kirschroten Düsenjet-Pilotenkanzeln während des Anflugs
auf einen urweltlichen Raubvogel, eine Art Möwen-King-Kong, über
dem sich kein Gestell und kein Dach befand, in dem das unsichtbare Drahtseil
verankert sein konnte, an dem er doch zu hängen hatte nach allen bislang
gültigen Gesetzen der Vernunft. Auf die heftige Reaktion des Vogels
- das Schwingengewitter, Aufreißen des Schnabels, Spreizen der Krallen,
die sich in dem rot gefärbtem Haar zu verfangen drohten - folgte das
ebenso plötzliche Erschlaffen, und zugleich mit der Erkenntnis, dass
der Ton fehlte, der zu der perfekt dreidimensionalen fantastischen Spielfilmsequenz
einer Dame passte, die eine Möwe aus der Luft hascht oder durch eine
einzige Handbewegung im Flug stoppt, tötet oder zumindest wie gelähmt
zu Boden stürzen lässt, während sich ihr eigener Mund akustisch
vollkommen wirkungslos öffnet und schließt, traf uns die Störung
unseres Hörvermögens überhaupt. Um so mehr als sie anhielt
und intensiver wurde, unberechenbar steigerungsfähig, plötzlich
wieder verschwindend, solange wir nicht begriffen, was geschehen war und
keinerlei systematische Vermutung hatten. Der Eindruck, sich in einem Zug
zu befinden, der durch eine Reihe kurzer, hintereinander geschalteter Tunnels
fuhr, jäh das Ohr treffende und scharf abreissende Laute, Wörter.
Einer, der schreiend an einer Reihe der unsrigen vorbeiläuft, erzeugt
im akustischen Sinn etwas wie eine punktierte Linie, vorausgesetzt, die
Zeit liefe für dieses eine Beispiel wenigstens gut gelaunt mit und
behielte seine Schallwellen in ihrem Kurzzeitgedächtnis wie die Luft
den Kondenzstreifen eines Flugzeugs. Fast alle redeten wirres Zeug und
fast alle vollführten wirre Bewegungen.
Die zweite Möwe, die mit ausgebreiteten Schwingen in vierzig Meter
Höhe gegen das Schild des Sommerhimmels genagelt ist, fast genau senkrecht über
ihrer Schwester vor Madame Denoux Füßen, könnte den gesamten
noch cronifizierten Bereich erfassen, den Mendecker bald mit zerbrechenden
Kreiden auf die Tafel malen wird. Siebzig Menschen laufen darin umher,
greifen sich an den Kopf, drehen sich wie Tanzmäuse um die eigene
Achse, starren auf ihre Arme und Beine, sinken in die Knie, heben die Gesichter
nach oben, als sei dort gerade ER, SIE oder ES, das fatale Raumschiff vielleicht,
entschwunden, ein Etwas, das Nichts ausrichtete als alles genau so zu lassen,
wie es war. Um 12 Uhr 47. Mit einer, nämlich unserer Ausnahme, den
Einheimischen der Zone Null. Ich glaubte in Ohmacht zu fallen. Von Boris,
Harriet und sogar von Patty Dawson weiß ich, dass sie zu sterben
fürchteten. Anna dachte an einen Hörsturz, Sperber an einen Herzinfarkt,
dessen Vorbote das Erlebnis extremer Verlangsamung war, das "Kaugummi
der letzten Sekunde, gedehnt zwischen den schmutzigen Fingern eines bösartigen
kleinen Knabengottes", wie er im Bulletin Nummer 2 schrieb. Einige
aber wollen zunächst gar nichts bemerkt haben, nicht einmal das Flattern
in den Ohren. Natürlich hing alles vom Standort ab, vom Zufall eines
Schrittes, der dich von den auf immer Sekt ausgießenden Damen trennt,
vom Federngestöber der Möwe, von der Digitalanzeige für
die Fahrstuhlkabine, die (Abrisskante!) plötzlich erlischt, vor meinen
und Berinis Augen, vor den Augen von Sophie Lapierre, deren Ehemann ihr
den Vortritt als Elfte für die letzte Auffahrt gelassen hat und soeben
lautlos begraben wird, eine Luftbestattung unter der Erde erhält,
zwischen DELPHI und dem Sommerhimmel, in dem die Spatzen gefrieren.
Das Herz schlägt weiter. Die Uhr an deinem Handgelenk tickt. Das Gras
zu deinen Füßen ist zu Drähten erstarrt, aber es geht einer
an dir vorbei, und einer rührt sich hinter dir. Mit der nächsten
Kopfdrehung wird der Schrei, der dir in den Ohren gellt, von Stille zerschnitten
wie von einem Schwerthieb. Erschrocken nimmst du die Bewegung zurück,
im Raum natürlich, nie in der Zeit, und hörst wieder das Keuchen,
Gekrächze, hysterische Luftschnappen deiner Zeitgenossen, sofern sie
dicht wie in einer daherkommenden oder gerade gelösten Umarmung bei
dir stehen. Jedes Verschwimmen, Schwächerwerden, Verblassen, Gefrieren
der Welt, das hast du schon in der Kindheit lernen müssen, geht zu
deinen Lasten. Aber jetzt steckt die Ohnmacht den Bäumen im Mark,
die Vögel sind Farbkleckse eines schlampigen Impressionisten, man
hat Wachspuppen auf die Polizeimotorräder gesetzt, für die Zigarettenrauchwölkchen
Zuckerwatte an die Gesichter geklebt und die ungeheuerlichste Glühbirne,
kreisrund und fast genau senkrecht über den Köpfen stehend, wird
das blaue Zelluloid des Mittagshimmels, das nicht mehr über die Projektorspulen
läuft, augenblicklich verbrennen - in den langen Jahren der Sekunde
Null.
Die vom DELPHI-Schacht her aufsteigende chronifizierende Blase war schon
zerplatzt, als Madame Denoux ihre Möwe fing. Mendecker wird uns das
so schön an die Tafel malen. Wie in einem Seifenschaum waren auf dem
Areal Dutzende kleiner Sphären übrig geblieben, die je einen
einzelnen Menschen umschlossen, sich aber, auch hierin den Seifenblasen ähnlich,
zu größeren Gebilden zusammenfügten, sobald sie einander
genügend nahe kamen, etwa auf die Entfernung, in der man sich mit
ausgestreckten Armen die Hände reichen konnte. Mendeckers Kreiden
werden die elenden Striche, die uns am Zeitpunkt Null am Punkt PA 8 darstellen
sollen, mit an Fischblasen erinnernde oder erdnussähnlich geformten
Umhüllenden puffern. Innerhalb dieser Grenzen, die wir erkunden mussten
wie Blinde und dem Wahnsinn Verfallende, hörten wir uns. Ein Schritt
beiseite, ein Kopfdrehen, und das Aggregat zerfällt. Augenblicklich
umfängt uns dann wieder die Stille oder vielmehr: nur noch der Lärm,
den wir selbst machen.
Ich stand nahe genug bei Marcel, der, flankiert von den beiden Leibwächtern,
den Arm ausstreckte und das unübertreffliche Wort fand, für all
diejenigen, die zum Bereich der Sekt ausgießenden Hostessen gehörten: "Sind
die fotografiert worden?" Mumifiziert wäre noch ein brauchbarer
Ausdruck gewesen - aber Mumien sitzen nicht wohlgenährt und fleischesprall
auf Motorrädern. Gefroren trifft die relative Starre der beiden Fahrer
der CERN-Busse, die sich den Hosenboden kratzend und das Genick massierend
gegenüber stehen, um einen weißen Kristallstrauß von Lippe
zu Lippe zu balancieren - aber ersetzt ihre Zigaretten durch Fieberthermometer
und ihr werdet nichts Auffälliges an ihren Temperaturen finden. Narkotisiert,
somnambulisiert, in komatöse Puppen verwandelt, eingepökelt in
den Aspik der Luft, so und ähnlich erscheinen sie uns. Es hatte die
Motorradpolizisten getroffen. Die Hostessen. Die Busfahrer. In den Begleitfahrzeugen
zu den Staatskarossen saßen zwei diensttuende Beamte wie ausgestopft
in schönster Steifhaltung. Einen CERN-Techniker im grauen Kittel hatte
der Coups de Temps auf besonders beeindruckende Weise erwischt: mitten
im Sprung über eine am Boden liegende Kabeltrommel levitierte er dahin,
gehalten vom Auftrieb seiner flügelhaften Kittelschöße.
Fotografiert worden zu sein, auskristallisiert im Fixierbad der Welt, was
auch immer sie taten - das Kinderwort bleibt unübertrefflich, auch
in der dritten Dimension.
Als einer der Letzten, die ins Freie getreten waren, hatte ich fast alle
im Blick, die demnächst in Sperbers Verzeichnis auftauchen sollten.
Aber so wenig wie der Meister selbst, der die behaarten Pranken gegen die
Hemdbrust schlug, ungehört nach Sanitätern schrie und in die
Knie sank (wodurch er auf Augenhöhe mit der in einer Art Veitstanz
befindlichen Patty Dawson kam), war ich imstande, Psychologie zu treiben.
Kübelweise wären die Groschen der Erkenntnis in dieser Grenzsituation über
dem kaltblütigen Beobachter ausgeschüttet worden. Wir hätten
Mendecker einschätzen können (er soll wie ein Schwein gegrunzt
und sich ein dutzend Mal vor die kantige Stirn gehauen haben), Thillet
(Wutattacke, an seine Leibwächter gerichtet, die nach ihren Revolvern
griffen, um Chronos, den üblen Scherzbold, ganz und gar tot zu schießen),
Bentham und Mitidieri. Soweit ich es sah und später hörte, reagierten
die CERN-Leute nicht weniger entsetzt als wir Laien für Weltuntergänge.
Nahezu übergangslos entleerte der DELPHI-Experte Kalkhoff seine Gedärme
in die Hose. Er bewies damit höhere Einsicht, seine Übung im
Erdenken und Erfassen perverser Modelle, er ahnte in vielen Windungen schon
die Konsequenz, die Stunden, in denen nichts mehr bleiben sollte außer
der Angst.
Es ist klar, dass du noch lebst. Es kann dich trösten, dass Dutzende
um dich herum ebenfalls am Leben sind, auch wenn sie in der Choreografie
eines blödsinnigen Balletts gefangen scheinen. Anna taumelt unversehrt
gegen die Brust ihres Mannes. Einer der Japaner macht Storchenschritte
und rudert dabei zeremoniell mit den Armen. Krämpfe schütteln
diesen und jene, immerhin Krämpfe, und so viele Schreie musstest du
gar nicht mit anhören.
Du hast überlebt. Punkt eins. Du bist fast nicht allein. Punkt zwei.
Wieder einmal traf es die anderen. Punkt drei. Dein Hörschaden ist
rätselhaft, aber man wird schon sehen. Und was du siehst? Vielleicht
gibt es Störungen zwischen Auge und Gehirn, die dir manche Leute normal,
andere dagegen wie eingefroren erscheinen lassen, auch wenn du sie direkt
nebeneinander siehst. Die Ersten überschreiten die Grenze: Es ist
keine Fotografie, es ist ein Skulpturengarten, montiert auf der rissigen
Betonfläche des PA 8. Die Busfahrer. Die Polizisten. Der noch immer über
der Kabeltrommel schwebende Techniker. Lebende Statuen oder Statuen von
lebendigen Menschen in Originalgröße und vor ihnen und bald
schon um sie herum sind wir, als sich bewegende Zuschauer, wie Museumsbesucher,
denen die Kunst, mit der das Leben hier authentisch festgehalten wurde,
fast die Sprache raubt (Weiterhin verstümmelte Sätze und Wortfetzen: "Um
Himmels... Wahns... Seht doch! ... Zeitlupe! Oder? Die..." ) Die Grenze
ist von den ersten übertreten worden, bevor wir uns fragen konnten,
ob uns durch den Übertritt etwas geschehen könne. Die Kinder
waren am Schnellsten, Marcel und seine Schwester haben die Polizisten auf
den Motorrädern schon erreicht und ungläubig berührt, als
sich manche von uns noch auf dem Boden wälzen oder den eigenen Schädel
umklammern. Ich gehe auf Boris und Anna zu, benommen, verlangsamt, mit
wohl lächerlichen Schwimmbewegungen. Die Luft scheint mir so schwer
geworden und dort, wo die Busfahrer regungslos verharren, schon hart wie
Glas. Lautlos bewegt Boris die Lippen. Er betet nicht, er spricht mich
an. Aber erst kurz bevor ich ihn mit der ausgestreckten Hand berühren
kann, höre ich: " - fall Delphi! Es - "
...
Unfall. Störfall. Die Hoffnung will die Ränder der Katastrophe
dicht um das Areal PA 8 ziehen. Ein innerer Kreis ist ja nahezu intakt
geblieben, mehr als sechzig Menschen, auch wenn sie in Panik durcheinanderlaufen,
sich benommen auf die Betonpiste setzen, als hätten sie einen Boxhieb
empfangen, schweißüberströmt an ihrem Hemdkragen zerren,
sich den Puls fühlen oder immer wieder ruckartig Arme und Beine heben.
Noch sind wir frei, beweglich, am Leben. Es hat gerade einmal zwei Hostessen
getroffen, zwei Busfahrer, vier Chauffeure, einen Techniker, einige uniformierte
und zivile Polizisten mit hohem Berufsrisiko. Darüber hinaus sind
etliche Spatzen und Möwen noch immer mit unsichtbaren Nadeln auf ihre
Koordinaten ins wolkenlosen Augustblau gespießt, und der leichte
Wind, der eine Stunde zuvor die Baumwipfel des Wäldchens neben der
Zufahrt zum PA 8 wiegte und die Seidenkrawatte von Mendecker aufflattern
ließ, regt keinen Zweig mehr, keinen Halm und kein Blatt.
Wieder öffnet Boris lautlos die Lippen. Ich höre ihn nicht mehr,
denn ich bin einen Schritt zurückgetreten, um ein weiteres Mal ins
Blaue zu starren, in östlicher Richtung jetzt, den Blicken der Japaner
Hayami und Daisuke folgend, die sich gegenseitig gepackt haben, als wollten
sie sich vor einem Abgrund retten oder demnächst in Stücke reißen.
Etwas, das sich hoch über ihnen ereignet, scheint sie dazu gebracht
zu haben. Einige und keine Zeit später ging ich neben Kubota Daisuke
durch den Rosengarten im Genfer Parc de la Grange, genau im gleichen Tempo,
Schulter an Schulter, damit wir uns unterhalten konnten. Mit 12 Uhr 47,
erklärte er mir traurig, wisse er nichts anzufangen. Aber die Position
des Sekundenzeigers - die gewissermaßen offizielle Position, die
zu ermitteln uns einige Anstrengung gekostet haben wird - sage jedem etwas,
der Japanisch verstünde: shi ni, zweiundvierzig, heiße nichts
anderes als Tod.
Die Rosen im Parc de la Grange blühen nach fünf Jahren noch genau
wie an diesem Tag. In den drei Sekunden, die sich nun endlich ereignet
haben, muss das Objekt am Himmel über PA 8, auf das Hayami und Daisuke
so entgeistert starrten, merklich tiefer gesunken sein, näher heran
an seinen Bestimmungsort. Wohl einen Kilometer entfernt und zweihundert
Meter hoch über den Landebahnen des Flughafens Cointrin war eine große
Passagiermaschine der Swiss Air regungslos in der Luft fixiert - wie die
Vögel, wie die vornüber gekippten Hostessen, wie die Busfahrer,
die Motorradpolizisten, wie die Blätter eines Ahorns, die der erstorbene
Wind um 12 Uhr 46 emporgewirbelt und dann als scharfkantige dünne
Glassplitter eingesteckt hat in das klare Nichts über unserem Kopf.
Madame Denoux starb sehr leise.