LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Thomas Lehr

Keine Zeit - Romanauszug

Vorrede

Der mit dem Georg-K.-Glaser-Preis geehrte Text ist eine Episode aus dem 2. Kapitel meines im Entstehen befindlichen neuen Romans. Das Buch trägt wie der Textausschnitt den Arbeitstitel "Keine Zeit." Für sich genommen wirkt die nachfolgende Szene gewiss befremdlich oder gar mysteriös. Ganz wie es an einer Stelle in Georg K. Glasers eindrücklicher Romanbiographie Geheimnis und Gewalt heißt: "Die Zukunft: ich war in der Mitte des Geheimnisses, das sie enthielt." (S. 380)
Das Geheimnis, das die Zukunft birgt, muss sich in der Gegenwart befinden. In eine solche rätselerfüllte Gegenwart, eine fiktive, scheinbar endlose Gegenwart allerdings, geraten zu Beginn meines neuen Romans 70 Personen, die am 14. August des Jahres 2000 am europäischen Kernforschungszentrum CERN in der Nähe von Genf den Teilchendetektor DELPHI besichtigen. Dieser Detektor war am Punkt PA 8 installiert oder vielmehr unter ihm, 150 Meter tief im Felsgestein der französisch-schweizerischen Jura,, auf der mittlerweile still gelegten Beschleunigerstrecke des so genannten Großen Elektronen-Positronen-Kolliders (LEP).

Wir benötigten Madame Denoux, um zu begreifen. Die Ahnung, dass die beiden Frauen unter dem Zeltdach, die sechs Genfer Polizisten, die bei ihren Motorrädern standen, die Fahrer der Staatskarossen nur einen winzigen Ausschnitt darstellten, die Spitze der Eiswelt, die wir durch nichts als einen Atemzug betreten hatten, sammelte den ganzen Schreck, unsere zitternde Erwartung in Madame Denoux Fingerspitzen, die sich dem Vogel trancehaft konzentriert näherten, als wüssten sie, dass wenigstens ein Dutzend von uns, drastisch verkleinert, schweißüberströmt und herzrasend in ihnen Platz genommen hatte wie Kampfpiloten unter aerodynamisch optimierten kirschroten Düsenjet-Pilotenkanzeln während des Anflugs auf einen urweltlichen Raubvogel, eine Art Möwen-King-Kong, über dem sich kein Gestell und kein Dach befand, in dem das unsichtbare Drahtseil verankert sein konnte, an dem er doch zu hängen hatte nach allen bislang gültigen Gesetzen der Vernunft. Auf die heftige Reaktion des Vogels - das Schwingengewitter, Aufreißen des Schnabels, Spreizen der Krallen, die sich in dem rot gefärbtem Haar zu verfangen drohten - folgte das ebenso plötzliche Erschlaffen, und zugleich mit der Erkenntnis, dass der Ton fehlte, der zu der perfekt dreidimensionalen fantastischen Spielfilmsequenz einer Dame passte, die eine Möwe aus der Luft hascht oder durch eine einzige Handbewegung im Flug stoppt, tötet oder zumindest wie gelähmt zu Boden stürzen lässt, während sich ihr eigener Mund akustisch vollkommen wirkungslos öffnet und schließt, traf uns die Störung unseres Hörvermögens überhaupt. Um so mehr als sie anhielt und intensiver wurde, unberechenbar steigerungsfähig, plötzlich wieder verschwindend, solange wir nicht begriffen, was geschehen war und keinerlei systematische Vermutung hatten. Der Eindruck, sich in einem Zug zu befinden, der durch eine Reihe kurzer, hintereinander geschalteter Tunnels fuhr, jäh das Ohr treffende und scharf abreissende Laute, Wörter. Einer, der schreiend an einer Reihe der unsrigen vorbeiläuft, erzeugt im akustischen Sinn etwas wie eine punktierte Linie, vorausgesetzt, die Zeit liefe für dieses eine Beispiel wenigstens gut gelaunt mit und behielte seine Schallwellen in ihrem Kurzzeitgedächtnis wie die Luft den Kondenzstreifen eines Flugzeugs. Fast alle redeten wirres Zeug und fast alle vollführten wirre Bewegungen.
Die zweite Möwe, die mit ausgebreiteten Schwingen in vierzig Meter Höhe gegen das Schild des Sommerhimmels genagelt ist, fast genau senkrecht über ihrer Schwester vor Madame Denoux Füßen, könnte den gesamten noch cronifizierten Bereich erfassen, den Mendecker bald mit zerbrechenden Kreiden auf die Tafel malen wird. Siebzig Menschen laufen darin umher, greifen sich an den Kopf, drehen sich wie Tanzmäuse um die eigene Achse, starren auf ihre Arme und Beine, sinken in die Knie, heben die Gesichter nach oben, als sei dort gerade ER, SIE oder ES, das fatale Raumschiff vielleicht, entschwunden, ein Etwas, das Nichts ausrichtete als alles genau so zu lassen, wie es war. Um 12 Uhr 47. Mit einer, nämlich unserer Ausnahme, den Einheimischen der Zone Null. Ich glaubte in Ohmacht zu fallen. Von Boris, Harriet und sogar von Patty Dawson weiß ich, dass sie zu sterben fürchteten. Anna dachte an einen Hörsturz, Sperber an einen Herzinfarkt, dessen Vorbote das Erlebnis extremer Verlangsamung war, das "Kaugummi der letzten Sekunde, gedehnt zwischen den schmutzigen Fingern eines bösartigen kleinen Knabengottes", wie er im Bulletin Nummer 2 schrieb. Einige aber wollen zunächst gar nichts bemerkt haben, nicht einmal das Flattern in den Ohren. Natürlich hing alles vom Standort ab, vom Zufall eines Schrittes, der dich von den auf immer Sekt ausgießenden Damen trennt, vom Federngestöber der Möwe, von der Digitalanzeige für die Fahrstuhlkabine, die (Abrisskante!) plötzlich erlischt, vor meinen und Berinis Augen, vor den Augen von Sophie Lapierre, deren Ehemann ihr den Vortritt als Elfte für die letzte Auffahrt gelassen hat und soeben lautlos begraben wird, eine Luftbestattung unter der Erde erhält, zwischen DELPHI und dem Sommerhimmel, in dem die Spatzen gefrieren.
Das Herz schlägt weiter. Die Uhr an deinem Handgelenk tickt. Das Gras zu deinen Füßen ist zu Drähten erstarrt, aber es geht einer an dir vorbei, und einer rührt sich hinter dir. Mit der nächsten Kopfdrehung wird der Schrei, der dir in den Ohren gellt, von Stille zerschnitten wie von einem Schwerthieb. Erschrocken nimmst du die Bewegung zurück, im Raum natürlich, nie in der Zeit, und hörst wieder das Keuchen, Gekrächze, hysterische Luftschnappen deiner Zeitgenossen, sofern sie dicht wie in einer daherkommenden oder gerade gelösten Umarmung bei dir stehen. Jedes Verschwimmen, Schwächerwerden, Verblassen, Gefrieren der Welt, das hast du schon in der Kindheit lernen müssen, geht zu deinen Lasten. Aber jetzt steckt die Ohnmacht den Bäumen im Mark, die Vögel sind Farbkleckse eines schlampigen Impressionisten, man hat Wachspuppen auf die Polizeimotorräder gesetzt, für die Zigarettenrauchwölkchen Zuckerwatte an die Gesichter geklebt und die ungeheuerlichste Glühbirne, kreisrund und fast genau senkrecht über den Köpfen stehend, wird das blaue Zelluloid des Mittagshimmels, das nicht mehr über die Projektorspulen läuft, augenblicklich verbrennen - in den langen Jahren der Sekunde Null.

Die vom DELPHI-Schacht her aufsteigende chronifizierende Blase war schon zerplatzt, als Madame Denoux ihre Möwe fing. Mendecker wird uns das so schön an die Tafel malen. Wie in einem Seifenschaum waren auf dem Areal Dutzende kleiner Sphären übrig geblieben, die je einen einzelnen Menschen umschlossen, sich aber, auch hierin den Seifenblasen ähnlich, zu größeren Gebilden zusammenfügten, sobald sie einander genügend nahe kamen, etwa auf die Entfernung, in der man sich mit ausgestreckten Armen die Hände reichen konnte. Mendeckers Kreiden werden die elenden Striche, die uns am Zeitpunkt Null am Punkt PA 8 darstellen sollen, mit an Fischblasen erinnernde oder erdnussähnlich geformten Umhüllenden puffern. Innerhalb dieser Grenzen, die wir erkunden mussten wie Blinde und dem Wahnsinn Verfallende, hörten wir uns. Ein Schritt beiseite, ein Kopfdrehen, und das Aggregat zerfällt. Augenblicklich umfängt uns dann wieder die Stille oder vielmehr: nur noch der Lärm, den wir selbst machen.
Ich stand nahe genug bei Marcel, der, flankiert von den beiden Leibwächtern, den Arm ausstreckte und das unübertreffliche Wort fand, für all diejenigen, die zum Bereich der Sekt ausgießenden Hostessen gehörten: "Sind die fotografiert worden?" Mumifiziert wäre noch ein brauchbarer Ausdruck gewesen - aber Mumien sitzen nicht wohlgenährt und fleischesprall auf Motorrädern. Gefroren trifft die relative Starre der beiden Fahrer der CERN-Busse, die sich den Hosenboden kratzend und das Genick massierend gegenüber stehen, um einen weißen Kristallstrauß von Lippe zu Lippe zu balancieren - aber ersetzt ihre Zigaretten durch Fieberthermometer und ihr werdet nichts Auffälliges an ihren Temperaturen finden. Narkotisiert, somnambulisiert, in komatöse Puppen verwandelt, eingepökelt in den Aspik der Luft, so und ähnlich erscheinen sie uns. Es hatte die Motorradpolizisten getroffen. Die Hostessen. Die Busfahrer. In den Begleitfahrzeugen zu den Staatskarossen saßen zwei diensttuende Beamte wie ausgestopft in schönster Steifhaltung. Einen CERN-Techniker im grauen Kittel hatte der Coups de Temps auf besonders beeindruckende Weise erwischt: mitten im Sprung über eine am Boden liegende Kabeltrommel levitierte er dahin, gehalten vom Auftrieb seiner flügelhaften Kittelschöße. Fotografiert worden zu sein, auskristallisiert im Fixierbad der Welt, was auch immer sie taten - das Kinderwort bleibt unübertrefflich, auch in der dritten Dimension.
Als einer der Letzten, die ins Freie getreten waren, hatte ich fast alle im Blick, die demnächst in Sperbers Verzeichnis auftauchen sollten. Aber so wenig wie der Meister selbst, der die behaarten Pranken gegen die Hemdbrust schlug, ungehört nach Sanitätern schrie und in die Knie sank (wodurch er auf Augenhöhe mit der in einer Art Veitstanz befindlichen Patty Dawson kam), war ich imstande, Psychologie zu treiben. Kübelweise wären die Groschen der Erkenntnis in dieser Grenzsituation über dem kaltblütigen Beobachter ausgeschüttet worden. Wir hätten Mendecker einschätzen können (er soll wie ein Schwein gegrunzt und sich ein dutzend Mal vor die kantige Stirn gehauen haben), Thillet (Wutattacke, an seine Leibwächter gerichtet, die nach ihren Revolvern griffen, um Chronos, den üblen Scherzbold, ganz und gar tot zu schießen), Bentham und Mitidieri. Soweit ich es sah und später hörte, reagierten die CERN-Leute nicht weniger entsetzt als wir Laien für Weltuntergänge. Nahezu übergangslos entleerte der DELPHI-Experte Kalkhoff seine Gedärme in die Hose. Er bewies damit höhere Einsicht, seine Übung im Erdenken und Erfassen perverser Modelle, er ahnte in vielen Windungen schon die Konsequenz, die Stunden, in denen nichts mehr bleiben sollte außer der Angst.
Es ist klar, dass du noch lebst. Es kann dich trösten, dass Dutzende um dich herum ebenfalls am Leben sind, auch wenn sie in der Choreografie eines blödsinnigen Balletts gefangen scheinen. Anna taumelt unversehrt gegen die Brust ihres Mannes. Einer der Japaner macht Storchenschritte und rudert dabei zeremoniell mit den Armen. Krämpfe schütteln diesen und jene, immerhin Krämpfe, und so viele Schreie musstest du gar nicht mit anhören.
Du hast überlebt. Punkt eins. Du bist fast nicht allein. Punkt zwei. Wieder einmal traf es die anderen. Punkt drei. Dein Hörschaden ist rätselhaft, aber man wird schon sehen. Und was du siehst? Vielleicht gibt es Störungen zwischen Auge und Gehirn, die dir manche Leute normal, andere dagegen wie eingefroren erscheinen lassen, auch wenn du sie direkt nebeneinander siehst. Die Ersten überschreiten die Grenze: Es ist keine Fotografie, es ist ein Skulpturengarten, montiert auf der rissigen Betonfläche des PA 8. Die Busfahrer. Die Polizisten. Der noch immer über der Kabeltrommel schwebende Techniker. Lebende Statuen oder Statuen von lebendigen Menschen in Originalgröße und vor ihnen und bald schon um sie herum sind wir, als sich bewegende Zuschauer, wie Museumsbesucher, denen die Kunst, mit der das Leben hier authentisch festgehalten wurde, fast die Sprache raubt (Weiterhin verstümmelte Sätze und Wortfetzen: "Um Himmels... Wahns... Seht doch! ... Zeitlupe! Oder? Die..." ) Die Grenze ist von den ersten übertreten worden, bevor wir uns fragen konnten, ob uns durch den Übertritt etwas geschehen könne. Die Kinder waren am Schnellsten, Marcel und seine Schwester haben die Polizisten auf den Motorrädern schon erreicht und ungläubig berührt, als sich manche von uns noch auf dem Boden wälzen oder den eigenen Schädel umklammern. Ich gehe auf Boris und Anna zu, benommen, verlangsamt, mit wohl lächerlichen Schwimmbewegungen. Die Luft scheint mir so schwer geworden und dort, wo die Busfahrer regungslos verharren, schon hart wie Glas. Lautlos bewegt Boris die Lippen. Er betet nicht, er spricht mich an. Aber erst kurz bevor ich ihn mit der ausgestreckten Hand berühren kann, höre ich: " - fall Delphi! Es - "

...

Unfall. Störfall. Die Hoffnung will die Ränder der Katastrophe dicht um das Areal PA 8 ziehen. Ein innerer Kreis ist ja nahezu intakt geblieben, mehr als sechzig Menschen, auch wenn sie in Panik durcheinanderlaufen, sich benommen auf die Betonpiste setzen, als hätten sie einen Boxhieb empfangen, schweißüberströmt an ihrem Hemdkragen zerren, sich den Puls fühlen oder immer wieder ruckartig Arme und Beine heben. Noch sind wir frei, beweglich, am Leben. Es hat gerade einmal zwei Hostessen getroffen, zwei Busfahrer, vier Chauffeure, einen Techniker, einige uniformierte und zivile Polizisten mit hohem Berufsrisiko. Darüber hinaus sind etliche Spatzen und Möwen noch immer mit unsichtbaren Nadeln auf ihre Koordinaten ins wolkenlosen Augustblau gespießt, und der leichte Wind, der eine Stunde zuvor die Baumwipfel des Wäldchens neben der Zufahrt zum PA 8 wiegte und die Seidenkrawatte von Mendecker aufflattern ließ, regt keinen Zweig mehr, keinen Halm und kein Blatt.
Wieder öffnet Boris lautlos die Lippen. Ich höre ihn nicht mehr, denn ich bin einen Schritt zurückgetreten, um ein weiteres Mal ins Blaue zu starren, in östlicher Richtung jetzt, den Blicken der Japaner Hayami und Daisuke folgend, die sich gegenseitig gepackt haben, als wollten sie sich vor einem Abgrund retten oder demnächst in Stücke reißen. Etwas, das sich hoch über ihnen ereignet, scheint sie dazu gebracht zu haben. Einige und keine Zeit später ging ich neben Kubota Daisuke durch den Rosengarten im Genfer Parc de la Grange, genau im gleichen Tempo, Schulter an Schulter, damit wir uns unterhalten konnten. Mit 12 Uhr 47, erklärte er mir traurig, wisse er nichts anzufangen. Aber die Position des Sekundenzeigers - die gewissermaßen offizielle Position, die zu ermitteln uns einige Anstrengung gekostet haben wird - sage jedem etwas, der Japanisch verstünde: shi ni, zweiundvierzig, heiße nichts anderes als Tod.
Die Rosen im Parc de la Grange blühen nach fünf Jahren noch genau wie an diesem Tag. In den drei Sekunden, die sich nun endlich ereignet haben, muss das Objekt am Himmel über PA 8, auf das Hayami und Daisuke so entgeistert starrten, merklich tiefer gesunken sein, näher heran an seinen Bestimmungsort. Wohl einen Kilometer entfernt und zweihundert Meter hoch über den Landebahnen des Flughafens Cointrin war eine große Passagiermaschine der Swiss Air regungslos in der Luft fixiert - wie die Vögel, wie die vornüber gekippten Hostessen, wie die Busfahrer, die Motorradpolizisten, wie die Blätter eines Ahorns, die der erstorbene Wind um 12 Uhr 46 emporgewirbelt und dann als scharfkantige dünne Glassplitter eingesteckt hat in das klare Nichts über unserem Kopf.
Madame Denoux starb sehr leise.