Ein grisselgrauer Sonntag, früher Nachmittag. Einsam schlockert ein
gelber Sack im eisigen Wind. Wenige Straßen weiter lümmelt sich
ein rosa Sack. Den hat man eingeführt, um darin Menschenmüll zu
sammeln. Ausgediente Hüftprothesen, Herzschrittmacher, künstliche
Kniegelenke und ähnliche Teile, die man beim Austauschen als Souvenir
mitbekommt, müssen dort rein, wenn sie lange genug auf dem heimischen
Kaminsims Staub gefangen haben. Man ist allerdings gehalten, keine aus Versehen
oder Versicherungsbetrugsabsicht abgesägten Finger reinzutun, denn die
kleben sonst an den Metallteilen fest und lassen sich schlecht entfernen.
Es riecht auch nicht so gut, wenn der Sack über längere Zeit herumliegt.
Die Zeiten haben sich wirklich geändert. Aufgrund der zu hohen Kosten
durch jahrelange Therapiebehandlungen schicken die Krankenkassen suizidgefährdeten
Depressiven mittlerweile kostenlos einen Strick samt Montageanleitung. Durch
diese Patentlösung ist allen geholfen: Der Patient ist dauerhaft von
seinem Leiden erlöst, die Kassen sparen Geld, die Allgemeinheit zahlt
niedrigere Beiträge und muss sich nicht mehr mit nervigen Lebensmüden
herumschlagen. Zynische Zeiten, aber effektiv.
Auch mein mikrokosmisches Weltbild ist erschüttert. Nicht nur, dass
sich die mittlerweile völlig ergrauten Pet Shop Boys letztes Jahr in
Pet Shop Men umbenannt haben. Nein, ich dachte auch jahrelang, mein Bekannter
Rainer schriebe sich mit "ai". Heute morgen bekam ich zum ersten
Mal eine Mail von ihm. Er schreibt sich mit "ei". Reiner. Wie das
schon aussieht. Sauberer, klarer, Reiner. Lupen-Reiner. Mir scheint, als
wolle sich Reiners ganzer Charakter durch diese kleine Diphtongverschiebung
wandeln. Nichts ist mehr wie früher. Jahrelang wähnte ich mich
in falscher Sicherheit, und nun werde ich eine Weile brauchen, um den Schock
zu verdauen. Diese Entdeckung ist fast genauso schlimm wie die, dass mein
geliebter Kini die Haare nur deshalb an den Seiten so hochgetufft trug, weil
der gute Mann völlig abstehende Ohren hatte.
Trotz allem muss man sich mit den wechselhaften Zeiten arrangieren und das
Beste draus machen. Ich schlappe an diesem blassen Sonntag unmotiviert, aber
genießend durch die Weltgeschichte. Als ich um die Ecke biege, sehe
ich vor mir eine Frau, die ähnlich in der Gegend herumzustreunen scheint
wie ich. Eigentlich sympathisch, denke ich, es gibt noch mehr von meiner
Sorte. Aber beschleunigen und sie ansprechen möchte ich trotzdem nicht,
auch wenn sich vielleicht ein nettes Kennenlernen von Gleichgesinnten daraus
ergäbe. Ist heute irgendwie nicht so der Tag dazu. Vielmehr beschließe
ich, nachdem ich schon eine Zeitlang unterwegs bin, in meine jemütlische
Wohnung zurückzuzotteln. Dort werde ich mich meinem irischen Nachmittagstee
widmen, der an solch einem Sonntag noch mal so gut schmeckt, weil die Atmosphäre
so anders ist, so teefreundlich gleichsam. Die Frau geht weiter vor mir her.
Hat einen witzigen Schlenderschritt, irgendwo zwischen Marlene Dietrich und
John Wayne, aber auf jeden Fall ziemlich cool. Sie hat die Haare hochgesteckt,
und der obere, Dutt-ähnliche Teil wippt im Takt ihres Wiegeganges mit,
was mich fasziniert. Ich liebe solche Details, in denen ich das kurze Aufblitzen
eines Höheren sehe. Wenn sich etwa plötzlich eine Perspektive eröffnet,
die von Form oder Farbe her ein Harmonisches bildet, das mich berührt,
sind dies für mich kleine Momente des Einklangs aller Dinge, der Fügung
zum Ganzen. So auch dieses Haarwippen, das mir netterweise noch länger
zuteil wird, denn die Frau steuert genau auf den Häuserblock zu, in
dem ich wohne. Vielleicht sehe ich sie im Aufzug ja sogar von vorne. Meine
Hoffnung erfüllt sich, und die nähere Begegnung übertrifft
meine Erwartungen. Als ich nämlich ihre Augen sehe, verwirrt mich das
gehörig. Sie hat ein warmes und ein kaltes Auge. Genau kann ich das
nicht festmachen oder definieren. Es mag zum Teil an der unterschiedlichen
Farbe liegen, denn das rechte Auge ist braun und strahlt südländische
Offenheit aus, das andere jedoch ist vom Graublau eines kühlenden Hustenbonbons
und vermittelt eine unbarmherzige Unberührbarkeit. Ich kann allerdings
kein Zeichen eines Glasauges oder einer gefärbten Linse ausmachen. Da
ist auch noch etwas anderes, das sich nicht aus der Farbe ergibt, etwas Ungreifbares,
Entfliehendes, das man wahrnimmt, aber genauso wenig fassen kann wie eine
Nebelfigur. Der Mann, der neben uns im Aufzug steht und aussieht wie ein
aufgepumpter Vierjähriger, scheint von alldem nichts zu bemerken. Er
steigt aus, und ich bin mit ihr alleine. Es ist nur noch ein Knopf gedrückt,
der meines Stockwerkes. Ich kenne nicht alle Nachbarn, bin aber gespannt,
zu wem sie will. Die Familie neben mir ist nur mittelprächtig werbeträchtig,
ein bisschen flodderig sozusagen. Aber wenigstens grüßen sie mir,
wenn ich ihnen mal begegne, ganz im Gegensatz zu dem hochfrustrierten Gebissmafia-Ehepaar
von gegenüber. Es gibt auch Wohnungen, aus deren Tür ich noch nie
jemanden habe kommen sehen, vielleicht Herbergen für Postfachfirmen.
Aus anderen dringen Geräusche, deren Quelle ich nicht wirklich kennen
möchte. Schon ein ganz schönes Existenzensammelsurium in so einem
Gebäude. So gesehen, passt die Kaltwarmäugige hier ganz gut rein.
Als wir aussteigen, geht sie vor mir den Gang entlang, so dass ich noch einmal
ihren Wippdutt sehen kann. Wie zum Abschied, denke ich und danke innerlich.
Dass sie allerdings vor meiner eigenen Tür stehen bleibt, lässt
mir den Schreck in die eben noch entspannten Glieder fahren. Sie drückt
aber nicht die Klingel, sondern zieht einen Schlüssel aus der Tasche,
sperrt die Tür auf und verschwindet in meiner Wohnung. Ich traue meinen
Augen nicht; vielleicht bin ich im falschen Stockwerk ausgestiegen. Bin ich
aber nicht, die sechs blinkt dick und fett auf der Videotafel neben dem Aufzug.
Ich zähle die Türen nach, ohne besseres Ergebnis. Mit Mulmen in
der Magengrube schleiche ich mich ganz heran und sehe meinen Namen auf der
Klingel. Ich zwicke mich vorsichtshalber in den Arm, aber es gibt leider
keinen Zweifel - diese fremde Frau ist vor einer halben Minute in meiner
Wohnung verschwunden. Was tun? Periculum in mora, hämmert mir mein Unterbewusstsein
ins Bewusstsein. Firlefanz, statt lateinischer Floskeln brauche ich sofort
konkrete Hilfe. Soll ich klingeln? Vielleicht ist sie bewaffnet. Ich könnte
zu den Nachbarn, aber dort auf Verständnis zu stoßen, scheint
wahrlich nicht wahrscheinlich. Zur Polizei gehen? Die behalten mich gleich
da und weisen mich ein, wenn ich ihnen das erzähle. Ich ziehe mich ans
Ende des Ganges zurück und überlege. Fieberhaft ist gar kein Ausdruck,
jedenfalls mindestens mal tropenfieberhaft. Was geht da hinter meiner unschuldig
und harmlos wirkenden Tür vor sich? Plötzlich erscheint mir die
Fremde wie ein Drache, der vor seine Höhle einen Vorhang mit einer Karibiklandschaft
gehängt hat und nun dahinter sitzt, um auf einen näherkommenden,
ahnungslosen Palmenanbeter zu warten, den er mit seinem Feueratem bis auf
die Knochen zerspeien kann. Mein Herz rast, mein Magen rotiert. Die Wippduttfreude
hat sich ins Gegenteil verkehrt. Ich fange fast an, unsinnige Sachen auf
die Frau zu projizieren. Schließlich ist sie mir gleich aufgefallen,
und diese Augen... Zum Glück siegt jedoch meine bestens ausgebildete
Ratio, und ich lasse mich dann doch nicht zu irgendwelchen übersinnlichen
Interpretationen hinreißen. Zu denen ich sonst schon manchmal neige,
zugegeben. Einmal machte ich in Finnland mit dem lokalen Agrarverband eine
Bustour zu verschiedenen Bauernhöfen. Ich las zu der Zeit gerade die
Göttliche Komödie, hatte das Buch aber auf dem Ausflug nicht dabei.
Im Bus und bei den Besichtigungen fiel mir ein Mann auf, der auch so einen
seltsamen Blick hatte. Er war der einzige, der die Tour ohne Begleitung machte,
und er redete mit niemandem, sondern schlich immer nur umher und starrte
auf diese undefinierbare Art. Zumindest bildete ich mir das ein. Als wir
wieder einmal in den Bus stiegen, musste ich vor der Tür warten und
stand dabei zufällig neben ihm. Er ließ mir den Vortritt und sagte
etwas auf Finnisch zu mir, dann gingen wir auf unsere Plätze. Da mein
Finnisch eher brachlag, fragte ich meine Begleiterin, was er denn gesagt
habe. "Ihr, die ihr eintretet, lasset alle Hoffnung fahren." Damals
fand ich diesen vermeintlichen Zufall so unheimlich, dass ich allen Ernstes
erwartete, auf den Ausflugsfotos dort, wo dieser Mann zu sehen sein müsste,
eine Lücke klaffen zu sehen. Dem war natürlich nicht so, und seither
bin ich mit meinen Deutungen ein wenig vorsichtiger, auch wenn mir das im
jetzigen Augenblick schwer fällt. Ich meine, es verschwindet ja nicht
unbedingt jeden Tag eine merkwürdige Fremde in der eigenen Wohnung.
Ich nehme all meinen Mut zusammen und horche an der Tür. Ein leises
Kratzen oder Schaben ist zu hören. Jetzt oder nie, entscheide ich abrupt,
und klingele. Die Tür geht auf, vor mir steht die Fremde und mustert
mich mit ihrem Geh-weg-komm-her-Blick. "Ja, bitte?" "Äh,
ich weiß nicht, ob das hier ein Missverständnis ist, aber ich
glaube, sie sind in meiner Wohnung." Sie tut überrascht. "Wieso
in ihrer Wohnung? Wie sie sehen, wohne ich hier." "Und wieso steht
dann mein Name auf der Klingel?" frage ich in der Hoffnung, sie in eine
Falle zu locken. "Wieso ihr Name? Ich bin Judith Escher, und dieser
Name steht schon zwei Jahre auf der Klingel." Ich weiß nicht,
was ich sagen soll. Drehe ich nun völlig am Rad, oder ist das hier eine
Art Verschwörung? Vielleicht versteckte Kamera? Bevor ich etwas entgegnen
kann, hat sie die Tür wieder zugemacht. Ich klingele erneut. Nichts
rührt sich mehr. Da fällt mir ein, dass ich ja eigentlich einen
Schlüssel zu meiner Wohnung besitze. Manchmal ganz praktisch, denke
ich, und versuche aufzusperren. Das Schloss ist aber blockiert, als ob sie
ihren Schlüssel von innen stecken hätte. Ich habe zwar eben kein
Sperrgeräusch gehört, aber langsam wundert mich gar nichts mehr.
Nun muss ich mich berappeln. Außer meinem Schlüssel habe ich nichts
bei mir, ich wollte ja ursprünglich nur ein Spaziergängle um den
Block machen. Ich läute bei meinen Nachbarn, die nicht wirklich Flodder
heißen, sondern Schnalzenberger. Die Dame der Wohnung öffnet mir
mit strähnigen Haaren und einem Kleinkind auf dem Arm die Tür. "Hallo
Frau Schnalzenberger. Entschuldigen sie, aber ich hab da ein kleines Problem.
Wie soll ich sagen, da ist gerade jemand nebenan in meiner Wohnung verschwunden,
und ich weiß nicht so ganz, was ich jetzt machen soll." "Was
für 'ne Wohnung denn? Wer sind sie überhaupt?" "Wie,
wer bin ich überhaupt? Sie kennen mich doch, ich wohn hier schon zwei
Jahre neben ihnen. Sie haben mir doch vorgestern noch gegrüßt,
als ich vorm Aufzug stand." "Tut mir leid, ich hab sie hier noch
nie gesehen. Sind sie von den Zeugen Jehovas?" Nun versteh ich wirklich
gar nichts mehr. Ich versuche es auf die freundliche Art. "Frau Schnalzenberger,
ich hab gerade ein Problem. Wäre es denn netterweise möglich, dass
ich bei ihnen mal telefonieren könnte? Ich hab leider meinen Geldbeutel
und mein Handy nicht bei mir." Mein Lächeln wirkt bestimmt mindestens
so schräg wie das Gefälle-Piktogramm auf Verkehrsschildern, und
es hat entsprechend wenig Erfolg. "Also ich lass hier niemand Fremdes
rein. Nachher klauen sie mir noch was." Als ob es bei denen was zu klauen
gäbe. Denkt die vielleicht, ich will ihre Windeln entwenden? "Außerdem
ham' wir die Rechnung nicht bezahlt, und die haben uns das Telefon abgestellt.
Also wiedersehn." Mist, Mist, Mist. Soll ich auf die Straße, ob
mir jemand kurz sein Handy leiht? Leider sind die Menschen heutzutage misstrauischer
als der Pförtner in Stammheim. Ich beschließe, wenigstens vorher
noch das grummelige Missmut-Ehepaar zu fragen. Langsam hab ich eh nichts
mehr zu verlieren. Als ich den Klingelknopf drücke, höre ich schlurrende
Schritte, und das Spiondeckelchen wird zurückgeschoben. Eine Zeitlang
nichts, dann zieht sich der Durchgucker wieder zurück. Ich läute
noch mal. Wenn die nicht aufmachen, klingele ich Sturm. Aber sie machen auf,
beziehungsweise ein maximal argwöhnischer Herr Prissner. "Was wollen
sie?" "Schön, dass sie mich so nett begrüßen, Herr
Prissner, ich bin da in einer etwas misslichen Lage. Wie sie wissen, wohne
ich ja direkt gegenüber - " "Sie lügen, das wüsste
ich." "Aber Herr Prissner, sie haben mich doch schon so oft gesehen.
Da, durch ihren Spion. Sie kommen jedes Mal gerannt, wenn sie meinen Schlüssel
hören, erzählen sie mir doch nichts." Langsam steigt Wut in
mir hoch. "Herbert, was ist denn da los? Lass dir bloß nichts
aufschwatzen", höre ich seine verwelkte Gattin aus dem Hintergrund
keifen. "Nein, nein, Luise. Ist nicht wichtig. Und sie, junge Frau,
machen sie, dass sie hier verschwinden, sonst rufe ich die Polizei. Das ist
ein ehrenwertes Haus." "Ach, das ist eine richtig gute Idee, bitte
rufen sie doch die Polizei, genau die wollte ich nämlich sprechen. Oder
wollen sie, dass man auch bei ihnen einbricht?" Der Versuch, ihn durch
Angstmachen zu bewegen, scheitert kläglich, er lässt mich einfach
stehen, der alte Tattersack. Apropos Sack, den müsste man wirklich komplett
in den rosa Sack stecken. Ich werde immer fahriger und beschließe,
ihn so lange zu nerven, bis er tatsächlich die Polizei ruft. Meine Menschenkenntnis
lässt mich diesmal nicht im Stich. Als ich noch ein paar Mal geklingelt
und Grimassen vor seinem Spion geschnitten habe, höre ich, wie er die
Roten herbestellt. Die benehmen sich zwar mittlerweile ruppiger als in den
Zeiten, in denen sie noch grüne Uniformen trugen, aber nun sind sie
zu meiner einzigen Hoffnung mutiert. Immerhin, ihre neue Uniformfarbe schwankt
ja symbolisch zwischen Aggression und Liebe, und ich hoffe einfach mal, dass
bei denen, die gleich anrücken, letzterer Anteil überwiegt.
Als ich sie jedoch aus dem Aufzug kommen sehe, schwant mir nichts Gutes.
Glaube, Liebe, hoffnungslos. Ein Mann und eine Frau, beide kahlgeschoren
unter ihren Mützen, zwei Ungustl, wie sie im Buche stehen. Sie haben
sogar ihre Spikemanschetten an den Armen. Da hat der olle Prissner ja mächtig
auf die Übertreibungsdrüse gedrückt. Ich trete ihnen bemüht
freundlich und normal entgegen. "Gut, dass sie kommen, ich hab da ein
Problem. Das mit Herrn Prissner hab ich nur veranstaltet, damit er sie ruft.
Wissen sie, ich kam gerade von einem Spaziergang heim - " Weiter komme
ich nicht. Sie packen mich und drücken mich zur Durchsuchung gegen die
Wand. "Nein, nein, das ist ein Missverständnis. Ich bin diejenige,
die ihre Hilfe braucht." "Maul halten." Ich beschließe,
nach diesem Alptraum sofort eine Kampfausbildung zu machen. Als sie außer
meinem Schlüssel nichts bei mir gefunden haben, lassen sie locker. Ich
erreiche, dass sie zumindest meine Geschichte anhören. Und dann erbarmen
sie sich sogar noch, mit mir bei mir zu klingeln. Die Fremde öffnet.
Ihr Blick hat sich verändert, hat nicht mehr das geringste Außergewöhnliche
an sich. Sehr freundlich, aber nur ich scheine die Künstlichkeit dabei
zu bemerken, besäuselt sie die beiden. Die konfrontieren sie mit meiner
Geschichte, worauf sie lacht und meint, es sei ja kein Problem zu beweisen,
wer hier recht habe. Dann zeigt sie den Beamten, ach nein, die Polizei ist
aufgrund der Vermorschtheit des Staatsapparates ja längst privatisiert,
also den Polizisten ihren Ausweis. Oder besser gesagt, meinen Ausweis, mit
all meinen Daten - nur das Passbild hat ihr Konterfei. Mir wird ganz schwindelig,
denn mein Menschenverstand ist anscheinend kräftig am Kränkeln.
Doch es will und will einfach kein Traum sein, ich bin leider Gottes bei
hellstem Bewusstsein. Teufel auch. Sie drängen mich den Gang entlang. "Hören
sie, ich hab doch die Wohnungsschlüssel, und ich kann ihnen ganz genau
beschreiben, wie es in der Wohnung aussieht. Jedes Detail. Das ist meine
Wohnung", wimmere ich. "Das beweist gar nichts, und wenn, dann
höchstens, dass sie sich schon früher unerlaubt Zutritt verschafft
haben, um die Mieterin zu schädigen. Da könnten wir sie ganz schnell
drankriegen. Aber wir sind ja keine Unmenschen." I wo denn. Und die
Spikes habt ihr nur zum Kitzeln an, klare Sache, erwidere ich in Gedanken.
Plötzlich geht die Tür auf, vor der wir gerade stehen. Es ist eine
der vermeintlich leeren Wohnungen. Ich habe mit dem Rücken zu ihr gestanden
und werde, ehe ich mich's versehe, von hinten in die Wohnung gezogen, worauf
man den Polizisten die Tür vor der Nase zuschlägt. Sie scheinen
jedoch nichts zu unternehmen, denn draußen bleibt alles ruhig, und
keiner klopft an die Tür. Als ich mich von dem Schrecken erholt habe,
erblicke ich die robuste, mittelalte Frau, die mich hereingezerrt hat. Ihre
Augen sind ebenfalls sonderbar, aber auf eine andere Art als die der vorigen
Fremden. Sie haben keine Iris, sondern scheinbar nur eine riesige Pupille;
so gleichen sie schwarzen Löchern, hinter denen sich ein ganzes Universum
verbergen könnte. Sie redet, bevor ich etwas sagen kann. "Ich weiß,
dass sie ein bisschen durcheinander sind. Die Sache liegt jedoch ganz einfach.
Ich bin Mitglied einer Riege von zehn Existenzverwaltern. Um das Dasein zu
erweitern, haben wir ein Rolliersystem erfunden, bei dem in gewissen Zeitabständen
die Existenzen wandern, mitten im Leben. Die jetzige Judith Escher ist vorher
auf die gleiche Art wie sie eben aus ihrer eigenen Existenz vertrieben worden
und hat sich dann ihre angeeignet. Genauso werden sie sich nun eine neue
suchen, und das werde ich kontrollieren, denn das gehört zu meinen Aufgaben.
Ein kleiner Tipp von mir: Suchen sie sich niemand Depressives aus, sonst
wird es nur ein kurzes Vergnügen, sie wissen ja, die neuen Methoden
der Krankenkassen..." "Moment mal. Und was ist, wenn ich mit meiner
Existenz zufrieden war? Ich will ja gar keine andere haben." "Pech,
irgendwann trifft es jeden einmal. Da müssen sie durch. Man kann sich
nicht dagegen wehren. Kurz vorher verändern sich die Augen, das kennen
sie ja schon von Frau Escher. Sie umfassen dann die beiden polaren Prinzipien,
um eine ganzheitliche Übernahme der neuen Existenz zu gewähren.
Nach dem Wechsel werden sie wieder normal. Langsam wandelt sich daraufhin
auch das Äußere, indem man nach und nach die Züge des jeweiligen
Vorgängers annimmt. Es muss ja stimmig sein." "Wenn das so
ist, gehe ich jetzt rüber und übernehme von ihr einfach wieder
meine alte Existenz." "Also wirklich. Glauben sie, wir wollen hier
ein Existenzenpingpong veranstalten? Es ist natürlich Gesetz, dass sie
jemand Neues wählen." "Und wie kann ich das Ganze steuern,
auch das gesamte Umfeld, die äußeren Umstände?" "Sie
tun es einfach. Es ist ihr Wille." Ich überlege. Wille also, nichts
als Wille. Kontrolle und Wille. Das wollen wir doch mal sehen. Konzentration.
Ich fixiere sie gedanklich und merke, wie ihr Blick sich weitet und nachgiebiger
wird. In meinem Körperinneren rumort es, die Organe beben. Meine Augen
fangen an zu tränen, dann scheint das eine sich abzukühlen, fast
zu gefrieren, während das andere zu glühen beginnt. Ich sehe sie
an und sehe. Sehe alles - Alles. Ein kurzer, ultimativ wuchtiger Sog, dann
unendliche Ruhe. Die Frau steht auf, verlässt den Raum... und bleibt
doch in ihm zurück.