LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Maryvonne Myller

Der Wippdutt

Ein grisselgrauer Sonntag, früher Nachmittag. Einsam schlockert ein gelber Sack im eisigen Wind. Wenige Straßen weiter lümmelt sich ein rosa Sack. Den hat man eingeführt, um darin Menschenmüll zu sammeln. Ausgediente Hüftprothesen, Herzschrittmacher, künstliche Kniegelenke und ähnliche Teile, die man beim Austauschen als Souvenir mitbekommt, müssen dort rein, wenn sie lange genug auf dem heimischen Kaminsims Staub gefangen haben. Man ist allerdings gehalten, keine aus Versehen oder Versicherungsbetrugsabsicht abgesägten Finger reinzutun, denn die kleben sonst an den Metallteilen fest und lassen sich schlecht entfernen. Es riecht auch nicht so gut, wenn der Sack über längere Zeit herumliegt.
Die Zeiten haben sich wirklich geändert. Aufgrund der zu hohen Kosten durch jahrelange Therapiebehandlungen schicken die Krankenkassen suizidgefährdeten Depressiven mittlerweile kostenlos einen Strick samt Montageanleitung. Durch diese Patentlösung ist allen geholfen: Der Patient ist dauerhaft von seinem Leiden erlöst, die Kassen sparen Geld, die Allgemeinheit zahlt niedrigere Beiträge und muss sich nicht mehr mit nervigen Lebensmüden herumschlagen. Zynische Zeiten, aber effektiv.
Auch mein mikrokosmisches Weltbild ist erschüttert. Nicht nur, dass sich die mittlerweile völlig ergrauten Pet Shop Boys letztes Jahr in Pet Shop Men umbenannt haben. Nein, ich dachte auch jahrelang, mein Bekannter Rainer schriebe sich mit "ai". Heute morgen bekam ich zum ersten Mal eine Mail von ihm. Er schreibt sich mit "ei". Reiner. Wie das schon aussieht. Sauberer, klarer, Reiner. Lupen-Reiner. Mir scheint, als wolle sich Reiners ganzer Charakter durch diese kleine Diphtongverschiebung wandeln. Nichts ist mehr wie früher. Jahrelang wähnte ich mich in falscher Sicherheit, und nun werde ich eine Weile brauchen, um den Schock zu verdauen. Diese Entdeckung ist fast genauso schlimm wie die, dass mein geliebter Kini die Haare nur deshalb an den Seiten so hochgetufft trug, weil der gute Mann völlig abstehende Ohren hatte.
Trotz allem muss man sich mit den wechselhaften Zeiten arrangieren und das Beste draus machen. Ich schlappe an diesem blassen Sonntag unmotiviert, aber genießend durch die Weltgeschichte. Als ich um die Ecke biege, sehe ich vor mir eine Frau, die ähnlich in der Gegend herumzustreunen scheint wie ich. Eigentlich sympathisch, denke ich, es gibt noch mehr von meiner Sorte. Aber beschleunigen und sie ansprechen möchte ich trotzdem nicht, auch wenn sich vielleicht ein nettes Kennenlernen von Gleichgesinnten daraus ergäbe. Ist heute irgendwie nicht so der Tag dazu. Vielmehr beschließe ich, nachdem ich schon eine Zeitlang unterwegs bin, in meine jemütlische Wohnung zurückzuzotteln. Dort werde ich mich meinem irischen Nachmittagstee widmen, der an solch einem Sonntag noch mal so gut schmeckt, weil die Atmosphäre so anders ist, so teefreundlich gleichsam. Die Frau geht weiter vor mir her. Hat einen witzigen Schlenderschritt, irgendwo zwischen Marlene Dietrich und John Wayne, aber auf jeden Fall ziemlich cool. Sie hat die Haare hochgesteckt, und der obere, Dutt-ähnliche Teil wippt im Takt ihres Wiegeganges mit, was mich fasziniert. Ich liebe solche Details, in denen ich das kurze Aufblitzen eines Höheren sehe. Wenn sich etwa plötzlich eine Perspektive eröffnet, die von Form oder Farbe her ein Harmonisches bildet, das mich berührt, sind dies für mich kleine Momente des Einklangs aller Dinge, der Fügung zum Ganzen. So auch dieses Haarwippen, das mir netterweise noch länger zuteil wird, denn die Frau steuert genau auf den Häuserblock zu, in dem ich wohne. Vielleicht sehe ich sie im Aufzug ja sogar von vorne. Meine Hoffnung erfüllt sich, und die nähere Begegnung übertrifft meine Erwartungen. Als ich nämlich ihre Augen sehe, verwirrt mich das gehörig. Sie hat ein warmes und ein kaltes Auge. Genau kann ich das nicht festmachen oder definieren. Es mag zum Teil an der unterschiedlichen Farbe liegen, denn das rechte Auge ist braun und strahlt südländische Offenheit aus, das andere jedoch ist vom Graublau eines kühlenden Hustenbonbons und vermittelt eine unbarmherzige Unberührbarkeit. Ich kann allerdings kein Zeichen eines Glasauges oder einer gefärbten Linse ausmachen. Da ist auch noch etwas anderes, das sich nicht aus der Farbe ergibt, etwas Ungreifbares, Entfliehendes, das man wahrnimmt, aber genauso wenig fassen kann wie eine Nebelfigur. Der Mann, der neben uns im Aufzug steht und aussieht wie ein aufgepumpter Vierjähriger, scheint von alldem nichts zu bemerken. Er steigt aus, und ich bin mit ihr alleine. Es ist nur noch ein Knopf gedrückt, der meines Stockwerkes. Ich kenne nicht alle Nachbarn, bin aber gespannt, zu wem sie will. Die Familie neben mir ist nur mittelprächtig werbeträchtig, ein bisschen flodderig sozusagen. Aber wenigstens grüßen sie mir, wenn ich ihnen mal begegne, ganz im Gegensatz zu dem hochfrustrierten Gebissmafia-Ehepaar von gegenüber. Es gibt auch Wohnungen, aus deren Tür ich noch nie jemanden habe kommen sehen, vielleicht Herbergen für Postfachfirmen. Aus anderen dringen Geräusche, deren Quelle ich nicht wirklich kennen möchte. Schon ein ganz schönes Existenzensammelsurium in so einem Gebäude. So gesehen, passt die Kaltwarmäugige hier ganz gut rein. Als wir aussteigen, geht sie vor mir den Gang entlang, so dass ich noch einmal ihren Wippdutt sehen kann. Wie zum Abschied, denke ich und danke innerlich. Dass sie allerdings vor meiner eigenen Tür stehen bleibt, lässt mir den Schreck in die eben noch entspannten Glieder fahren. Sie drückt aber nicht die Klingel, sondern zieht einen Schlüssel aus der Tasche, sperrt die Tür auf und verschwindet in meiner Wohnung. Ich traue meinen Augen nicht; vielleicht bin ich im falschen Stockwerk ausgestiegen. Bin ich aber nicht, die sechs blinkt dick und fett auf der Videotafel neben dem Aufzug. Ich zähle die Türen nach, ohne besseres Ergebnis. Mit Mulmen in der Magengrube schleiche ich mich ganz heran und sehe meinen Namen auf der Klingel. Ich zwicke mich vorsichtshalber in den Arm, aber es gibt leider keinen Zweifel - diese fremde Frau ist vor einer halben Minute in meiner Wohnung verschwunden. Was tun? Periculum in mora, hämmert mir mein Unterbewusstsein ins Bewusstsein. Firlefanz, statt lateinischer Floskeln brauche ich sofort konkrete Hilfe. Soll ich klingeln? Vielleicht ist sie bewaffnet. Ich könnte zu den Nachbarn, aber dort auf Verständnis zu stoßen, scheint wahrlich nicht wahrscheinlich. Zur Polizei gehen? Die behalten mich gleich da und weisen mich ein, wenn ich ihnen das erzähle. Ich ziehe mich ans Ende des Ganges zurück und überlege. Fieberhaft ist gar kein Ausdruck, jedenfalls mindestens mal tropenfieberhaft. Was geht da hinter meiner unschuldig und harmlos wirkenden Tür vor sich? Plötzlich erscheint mir die Fremde wie ein Drache, der vor seine Höhle einen Vorhang mit einer Karibiklandschaft gehängt hat und nun dahinter sitzt, um auf einen näherkommenden, ahnungslosen Palmenanbeter zu warten, den er mit seinem Feueratem bis auf die Knochen zerspeien kann. Mein Herz rast, mein Magen rotiert. Die Wippduttfreude hat sich ins Gegenteil verkehrt. Ich fange fast an, unsinnige Sachen auf die Frau zu projizieren. Schließlich ist sie mir gleich aufgefallen, und diese Augen... Zum Glück siegt jedoch meine bestens ausgebildete Ratio, und ich lasse mich dann doch nicht zu irgendwelchen übersinnlichen Interpretationen hinreißen. Zu denen ich sonst schon manchmal neige, zugegeben. Einmal machte ich in Finnland mit dem lokalen Agrarverband eine Bustour zu verschiedenen Bauernhöfen. Ich las zu der Zeit gerade die Göttliche Komödie, hatte das Buch aber auf dem Ausflug nicht dabei. Im Bus und bei den Besichtigungen fiel mir ein Mann auf, der auch so einen seltsamen Blick hatte. Er war der einzige, der die Tour ohne Begleitung machte, und er redete mit niemandem, sondern schlich immer nur umher und starrte auf diese undefinierbare Art. Zumindest bildete ich mir das ein. Als wir wieder einmal in den Bus stiegen, musste ich vor der Tür warten und stand dabei zufällig neben ihm. Er ließ mir den Vortritt und sagte etwas auf Finnisch zu mir, dann gingen wir auf unsere Plätze. Da mein Finnisch eher brachlag, fragte ich meine Begleiterin, was er denn gesagt habe. "Ihr, die ihr eintretet, lasset alle Hoffnung fahren." Damals fand ich diesen vermeintlichen Zufall so unheimlich, dass ich allen Ernstes erwartete, auf den Ausflugsfotos dort, wo dieser Mann zu sehen sein müsste, eine Lücke klaffen zu sehen. Dem war natürlich nicht so, und seither bin ich mit meinen Deutungen ein wenig vorsichtiger, auch wenn mir das im jetzigen Augenblick schwer fällt. Ich meine, es verschwindet ja nicht unbedingt jeden Tag eine merkwürdige Fremde in der eigenen Wohnung. Ich nehme all meinen Mut zusammen und horche an der Tür. Ein leises Kratzen oder Schaben ist zu hören. Jetzt oder nie, entscheide ich abrupt, und klingele. Die Tür geht auf, vor mir steht die Fremde und mustert mich mit ihrem Geh-weg-komm-her-Blick. "Ja, bitte?" "Äh, ich weiß nicht, ob das hier ein Missverständnis ist, aber ich glaube, sie sind in meiner Wohnung." Sie tut überrascht. "Wieso in ihrer Wohnung? Wie sie sehen, wohne ich hier." "Und wieso steht dann mein Name auf der Klingel?" frage ich in der Hoffnung, sie in eine Falle zu locken. "Wieso ihr Name? Ich bin Judith Escher, und dieser Name steht schon zwei Jahre auf der Klingel." Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Drehe ich nun völlig am Rad, oder ist das hier eine Art Verschwörung? Vielleicht versteckte Kamera? Bevor ich etwas entgegnen kann, hat sie die Tür wieder zugemacht. Ich klingele erneut. Nichts rührt sich mehr. Da fällt mir ein, dass ich ja eigentlich einen Schlüssel zu meiner Wohnung besitze. Manchmal ganz praktisch, denke ich, und versuche aufzusperren. Das Schloss ist aber blockiert, als ob sie ihren Schlüssel von innen stecken hätte. Ich habe zwar eben kein Sperrgeräusch gehört, aber langsam wundert mich gar nichts mehr. Nun muss ich mich berappeln. Außer meinem Schlüssel habe ich nichts bei mir, ich wollte ja ursprünglich nur ein Spaziergängle um den Block machen. Ich läute bei meinen Nachbarn, die nicht wirklich Flodder heißen, sondern Schnalzenberger. Die Dame der Wohnung öffnet mir mit strähnigen Haaren und einem Kleinkind auf dem Arm die Tür. "Hallo Frau Schnalzenberger. Entschuldigen sie, aber ich hab da ein kleines Problem. Wie soll ich sagen, da ist gerade jemand nebenan in meiner Wohnung verschwunden, und ich weiß nicht so ganz, was ich jetzt machen soll." "Was für 'ne Wohnung denn? Wer sind sie überhaupt?" "Wie, wer bin ich überhaupt? Sie kennen mich doch, ich wohn hier schon zwei Jahre neben ihnen. Sie haben mir doch vorgestern noch gegrüßt, als ich vorm Aufzug stand." "Tut mir leid, ich hab sie hier noch nie gesehen. Sind sie von den Zeugen Jehovas?" Nun versteh ich wirklich gar nichts mehr. Ich versuche es auf die freundliche Art. "Frau Schnalzenberger, ich hab gerade ein Problem. Wäre es denn netterweise möglich, dass ich bei ihnen mal telefonieren könnte? Ich hab leider meinen Geldbeutel und mein Handy nicht bei mir." Mein Lächeln wirkt bestimmt mindestens so schräg wie das Gefälle-Piktogramm auf Verkehrsschildern, und es hat entsprechend wenig Erfolg. "Also ich lass hier niemand Fremdes rein. Nachher klauen sie mir noch was." Als ob es bei denen was zu klauen gäbe. Denkt die vielleicht, ich will ihre Windeln entwenden? "Außerdem ham' wir die Rechnung nicht bezahlt, und die haben uns das Telefon abgestellt. Also wiedersehn." Mist, Mist, Mist. Soll ich auf die Straße, ob mir jemand kurz sein Handy leiht? Leider sind die Menschen heutzutage misstrauischer als der Pförtner in Stammheim. Ich beschließe, wenigstens vorher noch das grummelige Missmut-Ehepaar zu fragen. Langsam hab ich eh nichts mehr zu verlieren. Als ich den Klingelknopf drücke, höre ich schlurrende Schritte, und das Spiondeckelchen wird zurückgeschoben. Eine Zeitlang nichts, dann zieht sich der Durchgucker wieder zurück. Ich läute noch mal. Wenn die nicht aufmachen, klingele ich Sturm. Aber sie machen auf, beziehungsweise ein maximal argwöhnischer Herr Prissner. "Was wollen sie?" "Schön, dass sie mich so nett begrüßen, Herr Prissner, ich bin da in einer etwas misslichen Lage. Wie sie wissen, wohne ich ja direkt gegenüber - " "Sie lügen, das wüsste ich." "Aber Herr Prissner, sie haben mich doch schon so oft gesehen. Da, durch ihren Spion. Sie kommen jedes Mal gerannt, wenn sie meinen Schlüssel hören, erzählen sie mir doch nichts." Langsam steigt Wut in mir hoch. "Herbert, was ist denn da los? Lass dir bloß nichts aufschwatzen", höre ich seine verwelkte Gattin aus dem Hintergrund keifen. "Nein, nein, Luise. Ist nicht wichtig. Und sie, junge Frau, machen sie, dass sie hier verschwinden, sonst rufe ich die Polizei. Das ist ein ehrenwertes Haus." "Ach, das ist eine richtig gute Idee, bitte rufen sie doch die Polizei, genau die wollte ich nämlich sprechen. Oder wollen sie, dass man auch bei ihnen einbricht?" Der Versuch, ihn durch Angstmachen zu bewegen, scheitert kläglich, er lässt mich einfach stehen, der alte Tattersack. Apropos Sack, den müsste man wirklich komplett in den rosa Sack stecken. Ich werde immer fahriger und beschließe, ihn so lange zu nerven, bis er tatsächlich die Polizei ruft. Meine Menschenkenntnis lässt mich diesmal nicht im Stich. Als ich noch ein paar Mal geklingelt und Grimassen vor seinem Spion geschnitten habe, höre ich, wie er die Roten herbestellt. Die benehmen sich zwar mittlerweile ruppiger als in den Zeiten, in denen sie noch grüne Uniformen trugen, aber nun sind sie zu meiner einzigen Hoffnung mutiert. Immerhin, ihre neue Uniformfarbe schwankt ja symbolisch zwischen Aggression und Liebe, und ich hoffe einfach mal, dass bei denen, die gleich anrücken, letzterer Anteil überwiegt.
Als ich sie jedoch aus dem Aufzug kommen sehe, schwant mir nichts Gutes. Glaube, Liebe, hoffnungslos. Ein Mann und eine Frau, beide kahlgeschoren unter ihren Mützen, zwei Ungustl, wie sie im Buche stehen. Sie haben sogar ihre Spikemanschetten an den Armen. Da hat der olle Prissner ja mächtig auf die Übertreibungsdrüse gedrückt. Ich trete ihnen bemüht freundlich und normal entgegen. "Gut, dass sie kommen, ich hab da ein Problem. Das mit Herrn Prissner hab ich nur veranstaltet, damit er sie ruft. Wissen sie, ich kam gerade von einem Spaziergang heim - " Weiter komme ich nicht. Sie packen mich und drücken mich zur Durchsuchung gegen die Wand. "Nein, nein, das ist ein Missverständnis. Ich bin diejenige, die ihre Hilfe braucht." "Maul halten." Ich beschließe, nach diesem Alptraum sofort eine Kampfausbildung zu machen. Als sie außer meinem Schlüssel nichts bei mir gefunden haben, lassen sie locker. Ich erreiche, dass sie zumindest meine Geschichte anhören. Und dann erbarmen sie sich sogar noch, mit mir bei mir zu klingeln. Die Fremde öffnet. Ihr Blick hat sich verändert, hat nicht mehr das geringste Außergewöhnliche an sich. Sehr freundlich, aber nur ich scheine die Künstlichkeit dabei zu bemerken, besäuselt sie die beiden. Die konfrontieren sie mit meiner Geschichte, worauf sie lacht und meint, es sei ja kein Problem zu beweisen, wer hier recht habe. Dann zeigt sie den Beamten, ach nein, die Polizei ist aufgrund der Vermorschtheit des Staatsapparates ja längst privatisiert, also den Polizisten ihren Ausweis. Oder besser gesagt, meinen Ausweis, mit all meinen Daten - nur das Passbild hat ihr Konterfei. Mir wird ganz schwindelig, denn mein Menschenverstand ist anscheinend kräftig am Kränkeln. Doch es will und will einfach kein Traum sein, ich bin leider Gottes bei hellstem Bewusstsein. Teufel auch. Sie drängen mich den Gang entlang. "Hören sie, ich hab doch die Wohnungsschlüssel, und ich kann ihnen ganz genau beschreiben, wie es in der Wohnung aussieht. Jedes Detail. Das ist meine Wohnung", wimmere ich. "Das beweist gar nichts, und wenn, dann höchstens, dass sie sich schon früher unerlaubt Zutritt verschafft haben, um die Mieterin zu schädigen. Da könnten wir sie ganz schnell drankriegen. Aber wir sind ja keine Unmenschen." I wo denn. Und die Spikes habt ihr nur zum Kitzeln an, klare Sache, erwidere ich in Gedanken.
Plötzlich geht die Tür auf, vor der wir gerade stehen. Es ist eine der vermeintlich leeren Wohnungen. Ich habe mit dem Rücken zu ihr gestanden und werde, ehe ich mich's versehe, von hinten in die Wohnung gezogen, worauf man den Polizisten die Tür vor der Nase zuschlägt. Sie scheinen jedoch nichts zu unternehmen, denn draußen bleibt alles ruhig, und keiner klopft an die Tür. Als ich mich von dem Schrecken erholt habe, erblicke ich die robuste, mittelalte Frau, die mich hereingezerrt hat. Ihre Augen sind ebenfalls sonderbar, aber auf eine andere Art als die der vorigen Fremden. Sie haben keine Iris, sondern scheinbar nur eine riesige Pupille; so gleichen sie schwarzen Löchern, hinter denen sich ein ganzes Universum verbergen könnte. Sie redet, bevor ich etwas sagen kann. "Ich weiß, dass sie ein bisschen durcheinander sind. Die Sache liegt jedoch ganz einfach. Ich bin Mitglied einer Riege von zehn Existenzverwaltern. Um das Dasein zu erweitern, haben wir ein Rolliersystem erfunden, bei dem in gewissen Zeitabständen die Existenzen wandern, mitten im Leben. Die jetzige Judith Escher ist vorher auf die gleiche Art wie sie eben aus ihrer eigenen Existenz vertrieben worden und hat sich dann ihre angeeignet. Genauso werden sie sich nun eine neue suchen, und das werde ich kontrollieren, denn das gehört zu meinen Aufgaben. Ein kleiner Tipp von mir: Suchen sie sich niemand Depressives aus, sonst wird es nur ein kurzes Vergnügen, sie wissen ja, die neuen Methoden der Krankenkassen..." "Moment mal. Und was ist, wenn ich mit meiner Existenz zufrieden war? Ich will ja gar keine andere haben." "Pech, irgendwann trifft es jeden einmal. Da müssen sie durch. Man kann sich nicht dagegen wehren. Kurz vorher verändern sich die Augen, das kennen sie ja schon von Frau Escher. Sie umfassen dann die beiden polaren Prinzipien, um eine ganzheitliche Übernahme der neuen Existenz zu gewähren. Nach dem Wechsel werden sie wieder normal. Langsam wandelt sich daraufhin auch das Äußere, indem man nach und nach die Züge des jeweiligen Vorgängers annimmt. Es muss ja stimmig sein." "Wenn das so ist, gehe ich jetzt rüber und übernehme von ihr einfach wieder meine alte Existenz." "Also wirklich. Glauben sie, wir wollen hier ein Existenzenpingpong veranstalten? Es ist natürlich Gesetz, dass sie jemand Neues wählen." "Und wie kann ich das Ganze steuern, auch das gesamte Umfeld, die äußeren Umstände?" "Sie tun es einfach. Es ist ihr Wille." Ich überlege. Wille also, nichts als Wille. Kontrolle und Wille. Das wollen wir doch mal sehen. Konzentration. Ich fixiere sie gedanklich und merke, wie ihr Blick sich weitet und nachgiebiger wird. In meinem Körperinneren rumort es, die Organe beben. Meine Augen fangen an zu tränen, dann scheint das eine sich abzukühlen, fast zu gefrieren, während das andere zu glühen beginnt. Ich sehe sie an und sehe. Sehe alles - Alles. Ein kurzer, ultimativ wuchtiger Sog, dann unendliche Ruhe. Die Frau steht auf, verlässt den Raum... und bleibt doch in ihm zurück.