Als ich meinen israelischen Freunden in Jerusalem von meinem Wunsch berichtete,
nach Jericho zu reisen, wurde dies mit Verwunderung kommentiert. Was ich
dort denn wolle? Urlaub machen, antwortete ich.
Nun liegt Jericho, die biblische Stadt, die angeblich älteste Siedlung
der Erde, derzeit in den sogenannten besetzten Gebieten, im Westjordanland,
und seit Sharons Besuch auf dem Tempelberg vor zweieinhalb Jahren und dem
damit verbundenen Ausbruch der zweiten Intifada sind die besetzten Gebiete
abgeschnitten vom Rest der Welt und dafür bekannt, Terroristen zu brüten
und Gewaltausbrüche der israelischen Armee zu erleben. Ramallah, Nablus,
Hebron - nicht gerade Orte, an denen man seine Ferien verbringt.
Jericho allerdings, so hatte ich gehört, sei friedlich und liegt zudem
nur 23 Kilometer von Jerusalem entfernt, eine kurze Busfahrt weiter nichts,
und insgeheim beneideten mich meine jüdischen Freunde ein wenig um meinen
Tagesausflug, da es in Jerusalem gerade regnete und unangenehm kühl
war, während in Jericho, trotz der geringen Entfernung, ein anderes
Klima herrscht, da es sich in der judäischen Wüste befindet, während
Jerusalem in den Bergen liegt.
Ich ging also zum Bus- und Taxibahnhof am Damaskus-Tor der Altstadt und fragte
nach einer Verbindung nach Jericho. Minuten später sass ich in einem
klapprigen Bus, und wir fuhren zwischen Ölberg und der heiligen Stadt
hindurch (links rauschten die tausendjährigen Olivenbäume des Gartens
Gethsemane) in Richtung Osten. Zu meiner Verwunderung hielt der Bus allerdings
schon kurze Zeit später, und alle Fahrgäste drängten hinaus.
Ich folgte ihnen und balancierte bald über provisorisch in den Schlamm
gelegte Holzplanken, die zwischen Betonsegmenten hindurchführten, die
an die Berliner Mauer erinnerten. Eine Strassensperre der israelischen Armee.
Auf der anderen Seite standen nun wiederum Busse, ich stieg in jenen nach
Jericho, und weiter ging die Fahrt, die Berge hinunter bis auf Meeresniveau
(links und rechts in den Tälern Beduinenstämme in Zelten lebend)
und schliesslich bis auf mehrere hundert Meter unter Null. Rechts erstreckte
sich plötzlich das Tote Meer, und links führte die Strasse nach
Jericho, jenen biblischen Ort, dessen Wälle einst angeblich einstürzten,
weil Posaunen erklangen.
Einige Kilometer vor der Stadteinfahrt war ein israelischer Checkpoint aufgebaut.
Alle mussten aus dem Bus heraus und die Pässe zeigen (ein Soldat mit
Maschinengewehr, ca. 18 Jahre alt, bellte mir irgendetwas auf Hebräisch
zu), und ich nutzte die Gelegenheit, zu Fuss weiter zu gehen, über Ödland
hinweg, das von Autowracks durchsetzt war, und hin und wieder stand auch
ein Kamel da herum, und ich schlug einen grossen Bogen.
Irgendwann erreichte ich das Zentrum von Jericho, einen Marktplatz mit der
Bank of Palestine, einigen Cafes, Obstständen, kleineren Geschäften
und relativ netten Menschen, die sich über meine Ankunft zunächst
wunderten, dann aber rasch freuten, mir frischen Orangensaft gaben und Falafel.
Ich sass dann ein wenig dort herum, plauderte mit einigen der Jerichoer auf
Deutsch ("Ich habe fünf Jahre in Wuppertal gelebt! Wo kommen Sie
her? Zweibrücken? Kenne ich nischt") und fuhr dann mit dem Taxi
zum Berg der Versuchung, der am Stadtrand liegt. Laut Neuem Testament wurde
Jesus hier zweimal vom Teufel in Versuchung geführt. Zu diesem Anlass
und vor allem in Erwartung grosser Touristenströme haben die Palästinenser
eine Seilbahn österreichen Fabrikats eingerichtet, die bis in jene Höhen
führt, in denen Satan und Jesus sich einst begegnet sind, und wo die
griechisch-orthodoxe Kirche hoch in den Berg hinein ein spektakuläres
Kloster in den Fels gebaut hat.
Ein Priester im schwarzen Gewand, der sich sehr freute, das tatsächlich
jemand zu Besuch kam, führte mich auch sogleich zu jener Höhle,
in der Jesus angeblich 40 Tage und Nächte lang meditiert und gefastet
hat, bis ihm dann, im Augenblick des grössten Hungers, der Teufel erschienen
sei, um ihn aufzufordern, so er denn Gottes Sohn sei, ein paar umliegende
Steine in Brot zu verwandeln. Bekanntlich hat Jesus dies verweigert und darauf
hingewiesen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebe, wonach ein weiterer
Verführungsversuch folgte, als nämlich der Teufel Jesus mit auf
den Gipfel des Berges nahm, ihm dort das schöne Panorama zeigte und
versprach, all das gehöre Jesus, wenn er nur dem Teufel diene, was Jesus
natürlich ebenfalls ablehnte. Um zu diesem herrlichen Aussichtspunkt
zu gelangen, muss man im hinteren Bereich des Klosters durch ein Tor hindurch,
das auf Anweisung des israelischen Militärs allerdings versperrt war,
doch der Mönch erklärte mir, ich könne um die Bergstation
der Seilbahn herum spazieren und dann den Gipfel erklimmen. Er habe das zwar
noch nie gemacht, aber es sei wohl möglich.
Nach etwa einer Stunde erreichte ich ziemlich zerschlagen den Gipfel und
hatte tatsächlich einen phänomenalen Ausblick: Jericho lag mir
zu Füssen, dahinter der Jordanfluss, im Süden ins Tote Meer hineinfliessend,
und hinter mir die Berge der judäischen Wüste nebst einem Horchposten
der israelischen Armee, von dem innerhalb kurzer Zeit über das Tal hinweg
eine Lautsprecherstimme mir irgendetwas zurief, das ich allerdings nicht
verstehen konnte (eine Versuchung wird es nicht gewesen sein) und von daher
ignorierte.
Irgendwann machte ich mich dann an den Abstieg und löste fast eine Geröll-Lawine
aus, die die Bergbahnstation in Schwierigkeiten gebracht hätte. Drei
Palästinenser bemerkten mich schliesslich und gestikulierten wild und
riefen mir zu, was ich da oben mache. "Herunterkommen", antwortete
ich.
Nachdem ich die Station erreicht hatte und mich bereits auf wüste Beschimpfungen
vorbereitete, wurde ich allerdings willkommen geheissen mit dem Hinweis,
ich sei wohl ein Abenteurer und klettere gerne. Einer der Palästinenser
sprach fliessend deutsch und hatte die letzten fünfzehn Jahre in Dortmund
gelebt. Nun war er zurück in seine Heimat gezogen (auch wenn er Deutschland
ebenfalls als seine Heimat bezeichnete), wo er sich um seine Eltern kümmert,
die in Nablus leben. Er erzählte mir von alltäglicher Gewalt in
den Strassen von Nablus. Es sei dort nichts Ungewöhnliches mehr, wenn
jemand durch die israelische Besatzerarmee erschossen würde. Was er
denn von Abu Mazen, dem neuen palästinenischen Spitzenpolitiker halte,
fragte ich ihn, und er meinte, der sei "ein Arschloch" und würde
von den Palästinensern kaum unterstützt, da er zuviele Zugeständnisse
an Israel und die USA mache. Wie könne sich ein Volk, das seit 40 Jahren
leide, mit einem Staat zufrieden gebe, der nur acht Prozent der Landesfläche
umfasse? fragte er mich. Ich konnte darauf nicht antworten, da ich die Fakten
nicht genau kenne. Er glaubte jedenfalls nicht, dass Israel ein faires Angebot
mache und meinte dann, die Palästinenser würden sich nach nichts
mehr sehnen als nach Freiheit. Zu essen (Brot) hätten sie alle, aber
das reiche nicht. Ihnen verlange nach Gerechtigkeit.
Bald darauf sass ich dann wieder im Bus, zusammen mit sehr freundlich wirkenden
arabischen Frauen und weniger freundlich, sondern eher gleichgültig
wirkenden arabischen Männern. Ich schaute mich mehrmals um und studierte
die Gewänder und fragte mich, ob es denkbar wäre, dass eine dieser
Personen eine Bombe bei sich trüge. Wahrscheinlich schien das jedenfalls
nicht zu sein, denn am israelischen Checkpoint wurden zwar die Ausweise kontrolliert,
aber keine Leibesvisitationen vorgenommen. Angeblich wissen die Israelis
auch mittlerweile, in welchen Siedlungen die Bomben hergestellt werden und
können die Selbstmordattentäter im Vorfeld bereits abfangen, sprich
töten.
In Jerusalem regnete es dann wieder. Ich ass in einem arabischen Restaurant
Hähnchen mit Pommes Frites und empfand meinen Ausflug in die älteste
Stadt der Welt als sehr angenehm.