LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Norman Ohler

Ich war gestern der einzige Tourist in Jericho. Bericht aus einem besetzten Land.

Als ich meinen israelischen Freunden in Jerusalem von meinem Wunsch berichtete, nach Jericho zu reisen, wurde dies mit Verwunderung kommentiert. Was ich dort denn wolle? Urlaub machen, antwortete ich.
Nun liegt Jericho, die biblische Stadt, die angeblich älteste Siedlung der Erde, derzeit in den sogenannten besetzten Gebieten, im Westjordanland, und seit Sharons Besuch auf dem Tempelberg vor zweieinhalb Jahren und dem damit verbundenen Ausbruch der zweiten Intifada sind die besetzten Gebiete abgeschnitten vom Rest der Welt und dafür bekannt, Terroristen zu brüten und Gewaltausbrüche der israelischen Armee zu erleben. Ramallah, Nablus, Hebron - nicht gerade Orte, an denen man seine Ferien verbringt.
Jericho allerdings, so hatte ich gehört, sei friedlich und liegt zudem nur 23 Kilometer von Jerusalem entfernt, eine kurze Busfahrt weiter nichts, und insgeheim beneideten mich meine jüdischen Freunde ein wenig um meinen Tagesausflug, da es in Jerusalem gerade regnete und unangenehm kühl war, während in Jericho, trotz der geringen Entfernung, ein anderes Klima herrscht, da es sich in der judäischen Wüste befindet, während Jerusalem in den Bergen liegt.
Ich ging also zum Bus- und Taxibahnhof am Damaskus-Tor der Altstadt und fragte nach einer Verbindung nach Jericho. Minuten später sass ich in einem klapprigen Bus, und wir fuhren zwischen Ölberg und der heiligen Stadt hindurch (links rauschten die tausendjährigen Olivenbäume des Gartens Gethsemane) in Richtung Osten. Zu meiner Verwunderung hielt der Bus allerdings schon kurze Zeit später, und alle Fahrgäste drängten hinaus. Ich folgte ihnen und balancierte bald über provisorisch in den Schlamm gelegte Holzplanken, die zwischen Betonsegmenten hindurchführten, die an die Berliner Mauer erinnerten. Eine Strassensperre der israelischen Armee. Auf der anderen Seite standen nun wiederum Busse, ich stieg in jenen nach Jericho, und weiter ging die Fahrt, die Berge hinunter bis auf Meeresniveau (links und rechts in den Tälern Beduinenstämme in Zelten lebend) und schliesslich bis auf mehrere hundert Meter unter Null. Rechts erstreckte sich plötzlich das Tote Meer, und links führte die Strasse nach Jericho, jenen biblischen Ort, dessen Wälle einst angeblich einstürzten, weil Posaunen erklangen.
Einige Kilometer vor der Stadteinfahrt war ein israelischer Checkpoint aufgebaut. Alle mussten aus dem Bus heraus und die Pässe zeigen (ein Soldat mit Maschinengewehr, ca. 18 Jahre alt, bellte mir irgendetwas auf Hebräisch zu), und ich nutzte die Gelegenheit, zu Fuss weiter zu gehen, über Ödland hinweg, das von Autowracks durchsetzt war, und hin und wieder stand auch ein Kamel da herum, und ich schlug einen grossen Bogen.
Irgendwann erreichte ich das Zentrum von Jericho, einen Marktplatz mit der Bank of Palestine, einigen Cafes, Obstständen, kleineren Geschäften und relativ netten Menschen, die sich über meine Ankunft zunächst wunderten, dann aber rasch freuten, mir frischen Orangensaft gaben und Falafel. Ich sass dann ein wenig dort herum, plauderte mit einigen der Jerichoer auf Deutsch ("Ich habe fünf Jahre in Wuppertal gelebt! Wo kommen Sie her? Zweibrücken? Kenne ich nischt") und fuhr dann mit dem Taxi zum Berg der Versuchung, der am Stadtrand liegt. Laut Neuem Testament wurde Jesus hier zweimal vom Teufel in Versuchung geführt. Zu diesem Anlass und vor allem in Erwartung grosser Touristenströme haben die Palästinenser eine Seilbahn österreichen Fabrikats eingerichtet, die bis in jene Höhen führt, in denen Satan und Jesus sich einst begegnet sind, und wo die griechisch-orthodoxe Kirche hoch in den Berg hinein ein spektakuläres Kloster in den Fels gebaut hat.
Ein Priester im schwarzen Gewand, der sich sehr freute, das tatsächlich jemand zu Besuch kam, führte mich auch sogleich zu jener Höhle, in der Jesus angeblich 40 Tage und Nächte lang meditiert und gefastet hat, bis ihm dann, im Augenblick des grössten Hungers, der Teufel erschienen sei, um ihn aufzufordern, so er denn Gottes Sohn sei, ein paar umliegende Steine in Brot zu verwandeln. Bekanntlich hat Jesus dies verweigert und darauf hingewiesen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebe, wonach ein weiterer Verführungsversuch folgte, als nämlich der Teufel Jesus mit auf den Gipfel des Berges nahm, ihm dort das schöne Panorama zeigte und versprach, all das gehöre Jesus, wenn er nur dem Teufel diene, was Jesus natürlich ebenfalls ablehnte. Um zu diesem herrlichen Aussichtspunkt zu gelangen, muss man im hinteren Bereich des Klosters durch ein Tor hindurch, das auf Anweisung des israelischen Militärs allerdings versperrt war, doch der Mönch erklärte mir, ich könne um die Bergstation der Seilbahn herum spazieren und dann den Gipfel erklimmen. Er habe das zwar noch nie gemacht, aber es sei wohl möglich.
Nach etwa einer Stunde erreichte ich ziemlich zerschlagen den Gipfel und hatte tatsächlich einen phänomenalen Ausblick: Jericho lag mir zu Füssen, dahinter der Jordanfluss, im Süden ins Tote Meer hineinfliessend, und hinter mir die Berge der judäischen Wüste nebst einem Horchposten der israelischen Armee, von dem innerhalb kurzer Zeit über das Tal hinweg eine Lautsprecherstimme mir irgendetwas zurief, das ich allerdings nicht verstehen konnte (eine Versuchung wird es nicht gewesen sein) und von daher ignorierte.
Irgendwann machte ich mich dann an den Abstieg und löste fast eine Geröll-Lawine aus, die die Bergbahnstation in Schwierigkeiten gebracht hätte. Drei Palästinenser bemerkten mich schliesslich und gestikulierten wild und riefen mir zu, was ich da oben mache. "Herunterkommen", antwortete ich.
Nachdem ich die Station erreicht hatte und mich bereits auf wüste Beschimpfungen vorbereitete, wurde ich allerdings willkommen geheissen mit dem Hinweis, ich sei wohl ein Abenteurer und klettere gerne. Einer der Palästinenser sprach fliessend deutsch und hatte die letzten fünfzehn Jahre in Dortmund gelebt. Nun war er zurück in seine Heimat gezogen (auch wenn er Deutschland ebenfalls als seine Heimat bezeichnete), wo er sich um seine Eltern kümmert, die in Nablus leben. Er erzählte mir von alltäglicher Gewalt in den Strassen von Nablus. Es sei dort nichts Ungewöhnliches mehr, wenn jemand durch die israelische Besatzerarmee erschossen würde. Was er denn von Abu Mazen, dem neuen palästinenischen Spitzenpolitiker halte, fragte ich ihn, und er meinte, der sei "ein Arschloch" und würde von den Palästinensern kaum unterstützt, da er zuviele Zugeständnisse an Israel und die USA mache. Wie könne sich ein Volk, das seit 40 Jahren leide, mit einem Staat zufrieden gebe, der nur acht Prozent der Landesfläche umfasse? fragte er mich. Ich konnte darauf nicht antworten, da ich die Fakten nicht genau kenne. Er glaubte jedenfalls nicht, dass Israel ein faires Angebot mache und meinte dann, die Palästinenser würden sich nach nichts mehr sehnen als nach Freiheit. Zu essen (Brot) hätten sie alle, aber das reiche nicht. Ihnen verlange nach Gerechtigkeit.
Bald darauf sass ich dann wieder im Bus, zusammen mit sehr freundlich wirkenden arabischen Frauen und weniger freundlich, sondern eher gleichgültig wirkenden arabischen Männern. Ich schaute mich mehrmals um und studierte die Gewänder und fragte mich, ob es denkbar wäre, dass eine dieser Personen eine Bombe bei sich trüge. Wahrscheinlich schien das jedenfalls nicht zu sein, denn am israelischen Checkpoint wurden zwar die Ausweise kontrolliert, aber keine Leibesvisitationen vorgenommen. Angeblich wissen die Israelis auch mittlerweile, in welchen Siedlungen die Bomben hergestellt werden und können die Selbstmordattentäter im Vorfeld bereits abfangen, sprich töten.
In Jerusalem regnete es dann wieder. Ich ass in einem arabischen Restaurant Hähnchen mit Pommes Frites und empfand meinen Ausflug in die älteste Stadt der Welt als sehr angenehm.