LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Wolfgang Schömel

Die Reinheit des Augenblicks

"Du hast mir immer noch nicht gesagt, ob ich ihn verlassen soll."
Anja lacht, als sie das sagt, und ihr Lachen passt zu dem Pinsel, zu dem sie ihr Haar auf der Kopfmitte zusammen gesteckt hat. Sie weiß, wie sehr mich diese Frage in Verlegenheit bringt. Es ist noch ziemlich kühl. Dennoch steige ich wieder aus, um das Verdeck meines Smart-Cabrios zu öffnen. Auf diese Weise gewinne ich etwas Zeit.
"Weißt Du", sage ich, als ich wieder im Auto sitze, "Deine Freundinnen werden Dir alle raten, bei Deiner Familie zu bleiben, oder?"
"Klar tun sie das", sagt Anja.
"Weil sie nämlich Angst vor der Verantwortung haben. Wenn sie Dir raten würden, Deinen Mann zu verlassen, und Du würdest es tun, und es ginge schief zwischen uns, dann wären sie verantwortlich für Deine Misere. Also raten Sie Dir, das zu tun, was sie selbst tun, nämlich in der Ehe bleiben, unbefriedigt, gelangweilt, aber abgesichert. Der Spruch dazu heißt: Sex ist nicht das Wichtigste im Leben."
"Und Du, was willst Du?"
"Wir haben uns erst drei Mal gesehen", sage ich. Das scheint Anja zu amüsieren.
"Ich fürchte mich ein wenig vor der Verantwortung", sage ich, strecke den Hals und prüfe im Innenspiegel meinen Gesichtsausdruck.

Zunächst hatte ich gezögert, ihr einen Ausflug ins Nahetal vorzuschlagen, denn sie hat mir davon erzählt, dass sie mit ihrem Mann dort gewesen ist. Ganz früher, ehe die Kinder kamen, verbrachten sie ein paar Tage in Ebernburg. Aber dann hat mich gerade dies gereizt, dieses Nachstellen der alten Situation. Mir gefällt der Gedanke, dass ich die Macht habe, Teile ihrer Lebensgeschichte mit mir selbst zu überblenden.

Anja hat eine CD mitgenommen, irgendeine pathetische italienische Sängerin, die sie jetzt lauthals mit ihrer Stimme begleitet. Wir verlassen die Schnellstraße, um in das Tal der mittleren Nahe zu fahren. Gerade noch, ehe die Abfahrt die Sicht abschneidet, sehe ich im Rückspiegel, dass der große dunkle BMW, der seit ein paar Minuten fünfhundert, sechshundert Meter hinter uns in gleich bleibendem Abstand gefahren ist, ebenfalls abbiegt. Er ist mir deshalb aufgefallen, weil ich wegen des offenen Verdecks und der Selbstgenügsamkeit unserer Fortbewegung ungewöhnlich langsam fahre, maximal achtzig, neunzig. Einhundertzwanzig wären erlaubt. Der BMW fährt weiter hinter uns her, doch ich lasse mir nichts anmerken. Unsere Wege trennen sich erst, als ich schließlich abbiege, um über einen Damm zu fahren, der die Nahe zu einem See aufstaut. Auf einem kleinen, vom Regen schlammigen Parkplatz am Fuß des Lembergs halte ich an.

Anja und ich steigen aus. Sofort ist die Stille da, die Stille eines schönen Oktobermorgens, wenn die Grillen vor der Kälte der Nacht kapituliert haben und schweigen. Das ferne Toben des Wassers, das über das Wehr stürzt, gehört dazu, ja es vertieft die Stille sogar. Die Pfützen reflektieren die Sonne, vier, fünf Lichtblitze treffen mich, als ich die ersten Meter gehe, auch die Wassertröpfchen, die in den Spinnennetzen zwischen den Zweigen der Buchen und Hainbuchen hängen, schicken kleine Grüße von der Sonne. Anja hat sich bereits die Schuhe vermatscht, worüber sie begeistert ist. Wir beginnen mit dem Aufstieg auf den vierhundert Meter hohen Berg.

Wie zu unserer Begrüßung markiert eine im Gegenlicht ockergelb leuchtende Esche die Stelle, an der unser Weg in den Wald führt. Wir betreten die hohe dämmrige Buchenhalle. Überall taumeln einzelne Blätter wie große rotbraune Schneeflocken die Stämme hinunter. Wir gehen über einen geschlossenen Teppich glänzender Buchenblätter. Anja macht einen Schlenker hin zu einem Blatthaufen, gibt ihm einen Tritt und freut sich über den Wirbel, den sie anrichtet. An einer Gruppe Ahornbäume halten wir an, auch ein einsamer, riesiger Kastanienbaum steht hier. Ich bücke mich, nehme eine Kastanie vom Boden und bewege sie ein paar Minuten lang in der Innenfläche der Hand. Später gehen wir durch lichten Kiefern- und Fichtenwald, aus dem die jetzt bereits kräftige und warme Sonne einen ätherischen Duft brütet, der mir sommerlicher vorkommt, als ich ihn je im Sommer wahrgenommen habe. Ich freue mich darüber, dass der Herbst so geschickt den Sommer nachahmen kann. Er tut es nostalgisch und sentimental, indem er ausschließlich die Schönheit zitiert, nicht die unangenehmen Seiten, wie drückende Luft oder Insektenattacken. Anja, die den Pulli über den Schultern trägt, hat kleine Schweißperlen auf der Oberlippe. Sie schaut mich verzweifelt an, als es sehr steil wird und ich wohl etwas zu schnell gehe.

Wir rasten auf einer alten, schwarzverwitterten Holzbank. Hinter uns sind Brombeerbüsche. Auf einigen ihrer Blätter ist das Rot zum Vorschein gekommen, das den ganzen Sommer unter dem Blattgrün verborgen war und das sich damals ausschließlich in den reifen Beeren zeigte. Wir schauen hinunter ins Nahetal, auf den Stausee, auf den gegenüber liegenden Südhang, der weit hinauf von Weingärten bedeckt ist. Die Rebstöcke sind noch überwiegend grün, von hier aus sehe ich lediglich einige wenige gelbrote Bereiche. An den Bruchsteinmauern, die der Sicherung der Terrassen dienen, stehen die Traktoren der Winzer mit den Anhängern und ihren großen grünen Bottichen. Dutzende von Menschen sind auf mehrere Weinberge verteilt. Noch von hier oben aus erkennt man die Kopftücher der Frauen. Die Träger der Legel stapfen die Reihen hoch und holen die Trauben bei den Pflückern ab. Dann kehren sie zu den Traktoren zurück, um ihre Last loszuwerden. Gerade diese ferne, unhörbare Menschentätigkeit lässt mich den Frieden des Oktobervormittags umso stärker empfinden.

Und unsere Bank steht höher als die Gipfellinie des gegenüber liegenden Hanges. Der Blick ist deshalb frei auf die weit entfernten runden Berge des Hunsrücks. Auf diese lange Strecke betrachtet, wirkt der Dunst, der auf dem Land liegt, undurchdringlich, und seine sonnenbeschienene Obergrenze sieht aus wie der Spiegel eines stillen Ozeans, aus dem die fernen Hügel herausschauen wie die Rücken grauer Wale. Heute, jetzt, auf dieser Bank, habe ich den Beweis dafür, dass der Duft des feuchten, von der Sonne erhitzten alten Holzes, der in irgendwelche weit entfernte Seelenlandschaften führt, tatsächlich so riecht wie Anjas Haar, in das ich meine Nase stecke, um gierig und glücklich zu vergleichen. Anja versteht nicht, warum ich das tue, sie fragt mit den Augen, sagt aber nichts, und sie legt sich jetzt seitlich mit der linken Hüfte und dem linken Oberschenkel auf die Bank, mit dem Oberkörper auf meinen Schoß, das Gesicht mir zugewandt. Sie trägt ein weißes ausgeschnittenes T-Shirt über ihrem BH. Ich habe ihr feucht geschwitztes Dekoletté unter mir, sie riecht nach frischem, warmem Schweiß. Ich fasse eine ihrer Brüste an und bemerke sehr stolz das beträchtliche Gewicht, drücke die Brust, während Anja den Oberkörper mit ihrem linken Arm abstützt, um mehr Raum für meine Hand zu schaffen. Gleichzeitig öffnet sie ihre Schenkel, damit ich ihr zwischen die Beine fassen kann.

Um die späte Mittagszeit sind wir wieder unten im Tal. Ich sehe, dass ein zweites Auto seine Reifenspuren in der weichen Erde des kleinen Parkplatzes hinterlassen hat. Ich erkenne an den vier tief eingegrabenen Profilabdrücken, dass es neben meinem Smart geparkt hat, aber ich sehe keine Fußabdrücke. Anja beachtet die Reifenspuren nicht, ich mache sie auch nicht darauf aufmerksam. Alles kann Zufall sein.
"Hast Du Dein Mobiltelefon eingeschaltet?"
Sie schüttelt den Kopf, lächelt.
"Und das fällt nicht auf?"
"Ist mir egal", sagt Anja.

Im Dorf kehren wir in einem Gasthof ein, sitzen lange im sonnigen Innenhof, trinken jeder zwei große Gläser Weinschorle, essen eine Kleinigkeit und zeigen uns sehr leutselig mit den übrigen Gästen. Die meisten von ihnen sind Männer und Frauen aus der Weinlese, die hier ihre Mittagspause machen. Jedes Mal, wenn ein Motor zu hören ist, schaue ich durch die Toreinfahrt des Hofes, die zur Dorfstraße führt. Später fahren wir ein paar Kilometer weiter, steigen durch den Wald zu einer Burgruine auf. Wir überklettern von innen die Reste einer der alten Außenmauern, aus deren Fugen große Pflanzen, sogar kleine Bäume wachsen. Zwischen der Mauer und dem Beginn des steilen Abhanges ist ein Streifen Wiese, gerade breit genug, um sich hinzulegen. Wir schauen auf eine Lichtung, auf ein Bächlein. Die Sonne steht schon recht tief und scheint uns in die Gesichter. Wir schlafen eine Weile, nebeneinander auf dem Rücken liegend.

Als ich erwache, sehe ich, dass der Himmel noch klarer geworden ist. In sein Blau mischt sich jetzt ein dunkler Ton. Es entsteht jedoch kein Graublau, sondern ein helles Schwarzblau. Eine V-Formation von Vögeln zieht in großer Höhe nach Südwesten über den Himmel, ein Jet auf dem Weg nach Frankfurt kreuzt über ihnen ihre Bahn. Er scheint fast auf der Stelle zu stehen, es ist ein Wunder, dass er nicht abstürzt. Ich bin so selig, derart gedanken- und gefühlsleer, als hätte ich die Zeit und die Welt für sehr viele Jahre verlassen und wäre soeben, zu dieser Stunde, an diesen Ort zurückgekehrt, nachdem alle meine Erinnerungen gelöscht worden sind. Aber ich spüre, dass die absolute Reinheit des Augenblicks sehr bald verschwinden wird. Ich stütze mich auf meinen Ellenbogen, um Anja zu beobachten, wie sie aufwacht, während ich ihre Nasenflügel leicht zusammendrücke. Vielleicht bin ich ihretwegen in dieser Hochstimmung? Schön sieht sie aus mit ihrem geröteten Gesicht, unschuldig, geil und verpennt. Vielleicht sollte ich mein gegenwärtiges Wohlgefallen einfach "Liebe" nennen? Andere tun das, ich jedoch bin ein Wortgläubiger, und dieses Wort gehört zu den wichtigsten Wörtern überhaupt. Vor keinem anderen Wort, "Tod" vielleicht ausgenommen, habe ich eine derartige Ehrfurcht. Wenn ich es anwenden soll, muss ich genau wissen, was es bedeutet, und diese Wortbedeutung muss ganz und gar in mir anwesend sein. Beides aber ist niemals der Fall gewesen, wenn ich mit einer Frau zusammen war. Irgendwann wird Anja genug von mir haben. Sie wird gehen, besser: Sie wird nicht mehr kommen. Dann werde ich derart leiden, dass ich in meinem Wahn behaupten werde, sie zu lieben. Erst dann verstehe ich das Wort "Liebe", und wahrscheinlich spreche ich es sogar aus, allein in meiner Wohnung. Es schüttelt mich bei diesem Gedanken.
"Was ist? Was hast Du?" Anja ist von der Sonne geblendet und blinzelt mich an.
"Bleib bitte liegen, bis die Sonne weg ist", sage ich.
"Es ist so schön hier", sagt sie, "mit Dir."
Dieser Satz verstimmt mich leicht.
Es wird rasch kühl, wir kehren zum Auto zurück. Dieses Mal sehe ich nichts Auffälliges. Die Rückfahrt nach Frankfurt verläuft ohne Zwischenfälle.

Wir essen in ihrem Hotel zu Abend. Morgen wird sie zurück nach Hamburg fliegen. Ihr Kongress ist vorbei. Ich fühle, dass mein Inneres - wie soll ich sagen? - dass mein Inneres an Volumen gewonnen hat durch diesen Herbsttag und dadurch, wie er aufhörte, mit diesen Vögeln, diesem Schwarzblau des Himmels, diesem Weggehen und Vergehen, dieser Gänsehaut, während es immer klarer und kühler wurde. Die Dinge, der Tisch, die Menschen, Gabel, Messer, Anja, die leise Dudelmusik - alles kommt weich in mich hinein und wird sicher in mir festgehalten. Nichts kann mich verletzen oder fällt durch mich hindurch. Nichts, was ich wirklich verlieren werde. Auch nicht die Angst vor dem, was jetzt oder morgen kommen wird, kann diese Gewissheit von mir selbst und meinem Leben oder von seinem Ende durchbrechen. Anja ist sehr schweigsam. Ich bemerke, dass ihr Blick jetzt häufiger von unten kommt, ehe er meine Augen trifft, seltener von der Seite oder von oben. Sie schaut auf ihren Teller, dann fährt ihr Blick ganz langsam und gleichmäßig über die Tischplatte zu mir hin, an meinem Körper nach oben. Nach wie vor trägt sie diesen Haarpinsel auf der Mitte ihres Kopfes, aber sie wirkt damit jetzt eher traurig, wie ein trübsinniger Clown.
"Ich will nicht wegfahren", sagt sie, als sie wieder einmal mit ihren Augen bei mir angekommen ist.
"Wir werden uns bald wieder sehen", sage ich.
"Und dann?"
"Du hast Zeit, darüber nachzudenken", sage ich und wünsche mir erneut, meine Worte würden dieser grundmassiven Gewissheit entspringen, die ich bei verliebten Männern in Kinofilmen bewundere, wenn sie eine Frau erobern, wenn sie diese Frau mit Macht und Kraft zu sich heranziehen. Sie wissen, was sie wollen, diese Männer, sie sind ohne jeden Zweifel. Ich hingegen bin voller Zweifel darüber, ob Anja sich überhaupt entscheiden sollte, und falls ja, ob ich eine Entscheidung für mich und gegen ihren Mann ertragen könnte.

Wir sitzen mittlerweile in einer Nische der Hotelbar. Ich beginne, über die Menschen an der Theke zu reden, erfinde Schicksale für sie. Anja lacht, ich jedoch benutze die Gelegenheit, um mir jeden einzelnen genau anzusehen. Selbst wenn Anjas Mann etwas gemerkt hat: Ist er der Typ, um ihr hinterher zu spionieren? Anja meint: Niemals, wenn er so wäre, würde sie ihn vielleicht gar nicht betrügen. Aber ich bin mir seit einiger Zeit nicht mehr sicher.
Später, in ihrem Zimmer, bin ich ziemlich betrunken, müde und missgelaunt. Ich liege auf dem Bett, als Anja den Kopf durch den Spalt der Badezimmertür steckt und mich herein winkt. Sie ist fröhlich, sie hat nicht bemerkt, dass ich in meinem Verdruss versunken bin. Die Badewanne ist voll gelaufen. Offenbar hat Anja eines der bereitgestellten Gefäße mit Badeschaum ins Wasser geleert. Ich soll mit ihr baden. Sie gurrt kokett, was mich in diesem Moment etwas nervt. Ich denke: "Ein letztes Mal", als sie auf mir sitzt und frage mich sofort, was dieser dämliche Gedanke soll. Ich habe ihn gedacht, als ich mich mit meiner Stimmung schon längst von ihm entfernt hatte, deshalb, weil er nun mal vorbereitet war, sozusagen aus Trotz, um ihn nicht zu verschwenden. Von dieser Erkenntnis wird mir viel leichter. Ich bin erneut in großer Einverstandenheit mit dem Augenblick. Wir lachen immer wieder, wenn unsere Bewegungen hohe Flutwellen auslösen, die über den Rand der Wanne schwappen. Schließlich respektieren wir die Gesetze des Wassers und die Enge der Badewanne. Anja legt sich auf den Rücken, ihr Kopf mit den nassen Haaren und der zerlaufenden Wimperntusche liegt nur knapp über dem Wasserspiegel, ich mache schnelle kleine Stoßbewegungen, um das Wasser nicht allzu stark aufzuregen. Dabei merke ich, dass ich gerade durch diese Einschränkung, vielleicht aber auch deswegen, weil es genau jetzt so sein muss, die Grenzen zu ihr schöner und brutaler überschreite als je zuvor. Oder vielleicht ist es auch das heiße Wasser, das die Unterschiede von Innen und Außen verwischt; das Wasser, von dem ich jedes Mal, wenn ich, ohne nennenswerten Widerstand zu spüren, in Anjas Bauch hineinstoße, etwas mittransportiere, wodurch ich mich selbst wie strömend, wie Wasser empfinde, hineinströmend, wenn man so will, und hinausströmend, wenn ich mich zurückziehe. Alles verschwimmt jedenfalls ineinander, wie ich es noch niemals zuvor erlebt habe. Ich bin tatsächlich wie Drinnen und Draußen gleichzeitig, und besser geht es wohl nicht. Wir reden die halbe Nacht miteinander, mit langen Pausen, erzählen uns gegenseitig unsere Verschrobenheiten und lachen völlig übermüdet darüber.
Am nächsten Morgen, nachdem wir gefrühstückt haben, betrachte ich die Rückverwandlung von Anja in diese Art von Lady, die ich vor zwei Tagen, bei ihrer Ankunft, erlebt habe. Sie trägt wieder genau die Kleidung, die sie trug, als sie kam. Noch während sie ihren Koffer packt - wieder liege ich auf dem Bett und beobachte sie - stelle ich mir vor, wie sie schon in Kürze rückwärts aus dem Zimmer gehen wird, Koffer und Tasche in den Händen, wie in einem Film, den man rückwärts laufen lässt. Ich werde dabei spüren, wie sie sich auch von mir zurückzieht, rückwärts gehend, das Gesicht zu mir gewandt. Ganz unspektakulär wird das ablaufen. Sie ist, was mich betrifft, tatsächlich sehr unaufmerksam, bis sie endlich reisefertig ist. Wir müssen gegen Mittag am Flughafen sein.
"Ich bin fertig. Wir können los", sagt sie, ohne zu lächeln, geschäftig und nüchtern. Ihre Haare sind im Nacken hochgesteckt.
"Arrogant", denke ich.
Ich bin aus dem Spiel. Groll steigt in mir hoch. Wie konnte ich mich ernsthaft mit der Frage beschäftigen, ob sie ihren Mann verlassen soll oder nicht? Wortlos nehme ich meinen leichten Mantel aus dem Schrank, dann meinen Rucksack mit meinen Toilettensachen, schließlich den Koffer. Ihre Reisetasche trägt Anja selbst. Und jetzt geht alles sehr schnell. Wir haben uns bereits voneinander verabschiedet, als wir damit beginnen, es zu tun. Aber ich glaube, ich werde erst später begreifen, was jetzt geschieht und was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Im Augenblick ist lediglich eine Denkabsicht vorhanden, ein Signal, das die Stelle vermerkt, mit der ich mich noch genauer beschäftigen muss, ähnlich wie der Wimpel, der beim Golfspiel so lange das Loch markiert, bis der Spieler tatsächlich zum Putten kommt. Dann ist da noch der Unterschied zwischen dem, der auf die Reise geht, und dem, der bleibt. Im Aufzug, mit einem fauligen Gefühl im Magen, wird mir klar, dass mir vielleicht ebenso leicht ums Herz wäre wie ihr, wenn ich sie in Hamburg besucht hätte und jetzt nach Hause fahren würde.
Unten in der Halle fasse ich Anja bei der Hand. Sie schaut mich an, hebt ihre Augenbrauen. Offenbar erkennt sie jetzt in meinem Gesicht, dass Gefühle in mir kämpfen. Ich ziehe sie zu einer Vitrine, die in der Mitte der Halle steht und irgendwelche alten Bücher zeigt. Wir stehen uns gegenüber, eine orientierungslose Theatralik hat sich in mir inszeniert, aus der schließlich ein Satz entsteht.
"Ich will nicht, dass das alles war zwischen uns."
Dabei schaue ich ihr tief in die Augen. Anja scheint erleichtert, erfreut, kommt tatsächlich noch einmal kurz zu mir zurück, zurück in unsere Intimität, die zäh und süß an mir kleben geblieben ist, obwohl sie so flüssig und unkompliziert schien, als sie auftauchte. Mit der Rückseite ihrer rechten Hand streicht sie mir über die Wange: "Quatsch!"

Wir nehmen ein Taxi zum Flughafen. Während der Fahrt denke ich an den Rückweg und daran, wie ich allein zuhause bin. Ich stehe mit Anja in der Schlange zum Einchecken, dann haben wir noch ein wenig Zeit, mit der wir aber nichts anzufangen wissen, weil sie die Trennung lediglich banalisiert, eben deswegen, weil alles, was dauert, banal wird. An der Sicherheitskontrolle gebe ich Anja einen raschen Kuss und gehe. Noch einmal sticht es scharf in mir. Aber als ich das Terminal verlasse, bewege ich mich etwas schneller und hüpfender als üblich.