LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Gila Svirsky

Danksagung

Ich möchte Ihnen meine tiefe Dankbarkeit für die Ehre zum Ausdruck bringen, die mir der Deutsche P.E.N. mit der Verleihung der Hermann-Kesten-Medaille zuteil werden lässt, mir und meiner lieben Freundin und Kollegin Dr. Sumaya Farhat-Naser.
Es ist dies, über die Anerkennung durch den Preis hinaus, ein bedeutender Moment in meinem Leben. Erlauben Sie mir daher, dass ich Ihnen einiges aus meiner persönlichen Biographie berichte:
Meine beiden Eltern sind in kleinen Dörfern in Weißrussland geboren worden. Viele Verwandte meines Vaters und fast alle Verwandte meiner Mutter wurden im Zweiten Weltkrieg von den Nazis umgebracht. Meine Eltern kamen mit dem Leben davon, weil sie Europa vor dem Krieg verlassen hatten. Meine Mutter entging dem Schicksal ihrer eigenen Eltern und dreier Brüder, indem sie in den 30er Jahren nach Palästina floh. Einige Jahre zuvor war mein Vater nach Amerika geflohen. Sie lernten sich später in Palästina kennen und heirateten dort, danach zogen sie in die USA. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ohne die Zuflucht, die meine Mutter in dem entstehenden jüdischen Staat fand, auch sie unter dem Naziregime umgekommen wäre. Daher wird es Sie nicht überraschen, dass ich von meinen Eltern, als sie mich in Amerika großzogen, auf jüdisch-orthodoxe Schulen und in zionistische Jugendorganisationen geschickt wurde. Es wird Sie ebenfalls nicht überraschen, dass ich als junges Mädchen lernte - zu Hause, in der Schule und in der Jugendbewegung - ,dass Deutschland, die deutsche Kultur und deutsche Produkte etwas Böses und für Juden ein Tabu waren, selbst wenn der Rest der Welt den Deutschen vergeben hatte.

Ich bin 1966 nach Israel gezogen, im Alter von neunzehn Jahren und als überzeugte Zionistin. Während meines gesamten Erwachsenenlebens der letzten 36 Jahre habe ich in Jerusalem gelebt. Trotz der Geschichte und des Hintergrunds meiner Familie schlug ich einen anderen als den von meinen Eltern und Schulen vorgegebenen Weg ein. Dieser Weg hat mich dazu geführt, meine Ansichten zu überdenken - über Deutschland, über die Araber, über die Palästinenser. Eine Reihe von Faktoren hat dabei mein Denken beeinflusst:
Zum einen hat mir über die Jahre der wachsende Extremismus der israelischen nationalistischen Bewegung zunehmendes Unbehagen bereitet. Die von ihr angestrebte territoriale Expansion ist weit von unserem ursprünglichen Ziel entfernt, einen eigenen Staat zu schaffen, der den Juden Zuflucht und den Nationen Vorbild sein sollte. Militanter Nationalismus steht in direktem Widerspruch zur Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel, einem Dokument des Humanismus, das einen Staat programmiert, der auf "den Geboten der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens" gründet, "wie sie uns die hebräischen Propheten lehrten." Als ein wachsender Fanatismus die israelische Politik zu dominieren begann, wurde mir klar, dass ich immer mehr in Widerspruch zur Politik meiner Regierung geriet.
Zweitens bin ich stark vom Feminismus beeinflusst, und von der ihm innewohnenden weitgreifenden Vision eines gesellschaftlichen Wandels. Hierbei geht es nicht allein um Gleichberechtigung und Chancengleichheit und eine gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an den politischen Entscheidungsprozessen, sondern um eine sehr viel weitreichendere Vorstellung über Krieg und Frieden. Diese feministische Perspektive lehnt die Unterdrückung des "anderen" ab und widersetzt sich dem Einsatz von jedweder Gewalt, ganz gleich, ob sie von Israelis oder Palästinensern ausgeht. Sie strebt ein Ende der militärischen Kultur an, die sowohl Israel als auch Palästina beherrscht, und versucht sie durch eine Kultur des Friedens zu ersetzen. Denn Frieden wird nicht nur als das Ende von Feindseligkeiten verstanden, sondern als gemeinsame Zukunft der Zusammenarbeit. Frieden bedeutet eine Gesellschaft, der Bildung, Gesundheit, Kunst und das Schicksal der Armen mehr am Herzen liegt als ihre Armee. Sie bedeutet eine Welt, in der wir unsere Ressourcen teilen, anstatt um sie zu kämpfen.
Und schließlich habe ich, indem ich mich dem persönlichen Dialog mit Deutschen und Palästinensern öffnete, viele Klischees abbauen können. Es fällt ungeheuer schwer, angesichts der Begegnung mit freundlichen und ehrbaren Individuen, eine Feindseligkeit gegenüber einer ganzen Nation aufrechtzuerhalten. Die moralische Integrität und der Mut meiner Freundin Sumaya sind ein leuchtendes Beispiel dafür. Ich glaube nicht, dass der Konflikt im Nahen Osten ein Konflikt zwischen Palästinensern und Israel ist. Es ist ein Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis, die den Frieden wollen, und zwischen Palästinensern und Israelis, die sich weigern, den Frieden in ihre Herzen zu lassen. Alle, die wir den Frieden wollen, sind Verbündete in einem gemeinsamen Kampf.
Aufgrund dieser Einflüsse bin ich zu einer kritischeren Haltung gegenüber der Politik meiner Regierung und den Ansichten gelangt, mit denen ich aufgewachsen bin. Dieses Über-Denken hat die bittere Vergangenheit unserer Völker nicht ausgelöscht - die zwischen Deutschen und Juden, Palästinensern und Israelis steht - , sondern es hat meine Vorstellungen einer Zukunft und meinen Standpunkt darüber verändert, wofür ich meine Energie einsetzen will: nicht, um weitere Mauern zu errichten, sondern um die bestehenden einzureißen.
Ich habe in meinen Schriften aus meiner Kritik an der israelischen Regierung und ihrer Politik nie einen Hehl gemacht. Meine Arbeit setzt sich konsequent für die folgenden Inhalte ein:

Die bloße Vorstellung, dass man irgendeinen Konflikt lösen könnte, indem man sich gegenseitig Schaden zufügt, scheint mir der Gipfel an Absurdität zu sein, um nicht zu sagen abgrundtief unmoralisch. Ich bin mir dabei durchaus bewusst, dass diese Feststellung im Moment auch auf die Vereinigten Staaten und ihre fehlgeleiteten Pläne für einen Angriffs-krieg auf den Irak zutrifft.
Nachdem ich nun diese umfassende Kritik dargelegt habe, erhebe ich hiermit weiterhin Anspruch auf mein Recht, Kritik zu üben, und zwar in jedem sich bietenden Rahmen. Mein Recht gründet sich auf die tiefe Überzeugung, dass wir das Wohlergehen Israels nur dann erreichen können, wenn es uns gelingt, die momentane zerstörerische und selbstzerstörerische Politik zu beenden. Ich weiß, dass Menschen, die Kritik an Israel üben, mitunter Antisemiten genannt werden. Doch wenn die Kritik an Israel antisemitisch sein soll, dann könnte man Jesaja, Jeremia und alle Propheten des Alten Testaments ebenfalls als Antisemiten bezeichnen. Aber das waren sie nicht. Sie haben aus einem tiefempfundenen Bedürfnis gesprochen, Unrecht wieder gutzumachen und der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Und genau dies sollten auch wir tun.
Wir brauchen starke, ehrenwerte Menschen, die Freunde Israels sind und uns sagen, was ihnen auf dem Herzen liegt - nicht aus Hass, sondern weil sie sich um das Wohlergehen unseres Landes sorgen. Solange wir uns als Besatzer und Verbrecher aufführen, tun Sie Israel keinen Gefallen, wenn Sie Ihre Kritik zurückhalten.

Wie Sie sehen, habe ich mich seit meiner Kindheit und Jugend sehr verändert. Doch in einer Hinsicht bin ich mir unverbrüchlich treu gebelieben:
In meiner Liebe zu Israel, in meiner Liebe zum jüdischen Volk, in meinem Glauben, dass Israel eines Tages zu jener ursprünglichen Vision zurückkehren wird, wie sie die biblischen Propheten verkündeten; dass es ein Land sei, welches dem Dürftigen Nahrung gewährt und wo der Notbedrückte Obdach findet. Diese Vision ist das Herzstück meines persönlichen Zionismus - die nationale Befreiung des jüdischen Volkes. Befreiung von der eigenen Unterdrückung. Und Befreiung von der Unterdrückung anderer.
Ich bin stolz darauf, Jüdin zu sein, und ich bin stolz auf Israel, mein Land. Trotz unserer Sünden und Fehler verfügt Israel über eine lange Liste von Errungenschaften, auf die wir stolz sein können - auf Wachstum und Kultur unter widrigen Umständen, Hunderttausenden von Juden eine Heimat zu bieten, die unter dem Antisemitismus in anderen Ländern leiden mussten, darunter auch meine Mutter, und das Leben dieser Menschen gerettet zu haben.
Ich glaube von ganzem Herzen an die Notwendigkeit eines jüdischen Staates. Ich meine damit nicht einen rassistischen jüdischen Staat, sondern einen demokratischen Staat, der jüdische wie nichtjüdische Bürger mit offenen Armen empfängt, mit gleichen Rechten und Pflichten für alle. Aber auch ein Staat, der den Juden immer ein sicherer Hafen sein wird, wenn sie, wo auch immer auf der Welt, dem Antisemitismus ausgesetzt sind. Heute ist Israel kein sicherer Hafen. Ich wünsche mir eine Zukunft des Friedens, der die beste Grundlage für eine sichere, demokratische und moralisch integre Gesellschaft ist.
Unsere Welt wird immer kleiner und immer mehr vernetzt. Das war für mich eine wichtige Erkenntnis. Die Welt ist für alle Nationen zu klein geworden, um Feindseligkeit zu hegen, zu vernetzt, um das Elend der anderen ignorieren zu können. Wir müssen Verantwortung für unser gegenseitiges Wohlergehen übernehmen, wir dürfen angesichts des Unrechts nicht schweigen und denen, die in Not geraten sind, unsere Hilfe nicht versagen.
So gesehen habe ich das Tabu, das mir meine Eltern über Deutschland auferlegten, weit hinter mir gelassen. Ich habe dies aus der über die Jahre wachsenden Erkenntnis getan, dass ich nicht mit einer Mauer im Herzen leben kann, die mich von einem anderen Volk trennt, seien es die Deutschen oder die Palästinenser. Ich nehme diesen Preis in dem Wissen an, dass wir uns alle während der letzten fünfzig Jahre verändert haben, und dass wir immer noch nach Wegen der Versöhnung suchen. Daher fühle ich mich als jüdische Tochter und Bürgerin Israels zutiefst geehrt, eine Auszeichnung für meine Schriften zu bekommen, und doppelt geehrt, dass ich diese Auszeichnung vom Deutschen P.E.N. erhalte.

Danke euch, meine deutschen Friedenspartner.

Gila Svirsky

Übersetzung aus dem Englischen: Ruth Keen