Statt immer nur punktuell klein mit klein zu mischen und bestenfalls
so etwas wie eine verwackelte Momentaufnahme in Text zu bannen. Der 1962
geborenen Gerhard Henschel, bis dato u.a. als literarischer Kooperationspartner
von so illusteren Autorenkollgen wie Brigitte Kronauer, Eckhard Henscheid,
Wiglaf Droste oder Max Goldt unterwegs, setzt genau da an, und liefert
mit seinem "Kindheitsroman" ein dergestalt grandios-breitwandiges
Panaroma der alten Bundesrepublik von 1964 bis 1975 ab, dass beim Lesen
selbst Arno Schmidt schlicht der Atem stocken würde. Und dass auch
noch, wie unschwer aus dem Titel ersichtlich, aus Sicht eines Kindes geschrieben,
eines etwas altklugen, beizeiten unangehm besserwisserischen Jungens namens
Martin Schlosser, aber wer taugt wohl besser zum Alter egos eines Chronisten
als ein kleiner Nerd? Mag auch sein, dass Henschel vielleicht zu oft auf
den Kunstgriffs des Namedropping baut, der selbst die Alzheimer-Fraktion
an die Jahre als Willy Brandt noch Bundekanzler war (so ungefähr zumindest),
erinnern muss, also von Lurchi bis Mark Spitz, von Matchbox bis Eddie Merckx
- aber Kindheit und Pubertät ist nunmal seit "Erfindung der Kindheit" von
Marken und Medien determiniert - selbst die Proust`sche Madeleine wäre
vielleicht in den Siebzigern auch nur ein Raider aus dem Edeka gewesen.
Der eigentliche Verdienst Henschels ist, dass es im exemplarisch gelingt,
dieses seltsam dümmlich-kindliche Funktionieren und Respektieren innerhalb
der üblichen liberalen Spießerwelt zwischen Familie und Schule
inklusive des dazugehörigen Aufbegehrens bis ins Detail jedes Gedankens
zu schildern, dass ein ganzer Meter pädagogischer Literatur zu selbiger
Thematik getrost in den Altpapiercontainer der Geschichte überantwortet
werden kann.
Der Glücksfall "Kindheitsroman" ist also beides: ein Zeugnis
bundesrepublikanisches Mentalitätsgeschichte und ein Dokument jener
Entwicklungsstufe namens Kindheit, die aber frei von verniedlichender Verklärung
und falscher Nostalgie daherkommt. Und wenn Henschels Martin Schlosser
erstmal der Flaum zum Bart wird, dann kann Sven Regener mit seinem Lehmännchen
getrost einpacken gehen, versprochen.
Ingo Rüdiger
Gerhard Henschel: Kindheitsroman
Hoffmann und Campe Hamburg,
497 S., 22,90 Euro
Wie anders da Jessica, 30, Journalistin, irgend was mit Kultur eben: sie
geht mit einem Staatssekretär der österreichischen Regierung
ins Bett, ist aber eigentlich - wie man früher sagte - allein stehend.
Und überhaupt kommt das ganze Drumherum zunächst wie die Wiener
Upper-Class-Variante von "Sex in the City" daher, alle körperlich
fit und attraktiv, alle pekunär mit mehr als dem nötigsten ausgestattet,
alles scheinbar nur Luxusproblemchen. Die Reise in Jessicas Kopf, dem der
Leser dank des Kunstgriffs der inneren Monlogs ("Leutnant Gustl" sei`s
gedankt) eins zu eins lauschen kann, geht jedoch in eine andere Richtung;
Jessica radikalisiert sich zusehens, aus Allgemeinplätzen wie aus
den Psycho-Spielchen einschlägiger Frauenzeitschriften wird sozusagen
post-feministischer Sprengstoff unter den Bedingungen des Neoliberalismus.
Bloß: Sonderlich erhellend, neu und glaubhaft ist das alles wahrlich
nicht, was mit dem Anspruch des Politischen gipfeln soll, fällt zwei
Zeilen später doch auch wieder nur ins Private, zum Ich-Jessica, zum
angeblich so kritischen 30 plus zurück.
Klar, die fast ungeheuer fleißig und emsig schreiberende Marlene
Streeruwitz ist ein verdammt wache Beobachterin aller Kanäle und beherrscht
die Kunst der Medienschelte, genauer die Schelte allem medial Vermittelten,
aber eine Protagonistin, die dieser Mediokratie denkend gleich hassend
dergestalt den Krieg erklärt, kann einfach keine Affaire mit einem
Politiker haben - nicht einmal gerade trotz passendem Alters mit dem deutschen
Außenminister.
Ingo Rüdiger
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main,
255 S., 18,90 €
Mit den hier versammelten
Texten verhält es sich jedoch anders.
Sie sind zwar, dem Mammon sei es mal wieder gedankt, in Zeitungen, Zeitschriften
erschienen, aber künden allesamt von dem Draußen jenseits der
selbstbestückten Bücherwand. Sie erzählen in der kleinen
Form der Glosse oder in der großen des Essays von Jörg Fauser,
Kinky Friedman, June Carter-Cash, The White Stripes und Guy Debord (nur
um hier mal zumindst ein paar richtig gute zu "erwähnen");
sie erzählen von dem Lebensgefühl mit Kneipe-im-Haus, über
Sushi in Düsseldorf (wo sonst?) und die beiden wohl bescheuersten
CD-Projekten in einer von bescheuerten Projekten nicht gerade armen Welt: "A
Tribute to Phil Collins" und Xavier Naidoo, Ben Becker, Nina Hagen,
Peter Maffay et al. interpretieren Rilke. (Wenn dieser 80ziger Blondi und
Scooter-Frontman namens Baxter oder so jetzt auch schon Thomas Bernhard
vorlesen darf, wann erscheint dann bitte endlich endlich Adorno mit der
Stimme von Johannes B. Kerner?)
Franz Dobler greift also zielsicher die Themen auf, die ansonsten durch
die publizistische Hängematte gefallen wären, bzw. gewichtet
den Mainstream herz- und hirnerfrischend anders da neu. Und so etwas will
man immer gerne nochmal, "Sterne und Straße" zweiter und
dritter Teil lesen, oder meinetwegen auch ausnahmsweise mal im Feuilleton.
Ingo Rüdiger
Edition Tiamat Berlin, 128 S., 12,- €