LiteraturBüro Mainz e.V. für Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfälzische Autorinnen und Autoren vorgestellt

In loser Folge stellen wir an dieser Stelle Autorinnen und Autoren in und um Rheinland-Pfalz vor. Weiter unten finden Sie das Archiv.

Martin Büsser

Martin Büsser Martin Büsser ist am 23. September 2010 gestorben. Zum Kondolenzbuch

Nach dem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in Mainz arbeitete Martin Büsser als freier Autor und Journalist (u.a. für Jazzthetik, taz, Tagesspiegel, Konkret, Die Zeit, Intro) mit Schwerpunkt auf Kunst-, Literatur- und Musikkritik.

Ab 1995 gab er die Buchreihe »Testcard – Beiträge zur Popgeschichte« heraus. Mitarbeit bei mehreren Anthologien, u.a. »Kursbuch Jugendkultur« (Hg. von SpoKK, 1997), »Pop und Mythos« (Hg. von Heinz Geuen und Michael Rappe, 2001), »Text + Kritik Sonderband: Pop-Literatur« (Hg. von Heinz Ludwig Arnold, 2003) sowie am »Neuen Funkkolleg Popkultur« für den Hessischen Rundfunk (1998). Er gab den CD-Samplers »Sidewalk Songs and City Stories – New Urban Folk« (Trikont 2007) heraus und arbeitete als Autor, Übersetzer und Publizist mit Schwerpunkt im Bereich Popmusik und Popkultur. Er war Mitbegründer des Ventil Verlags in Mainz. Im November 2009 erschien die Graphic Novel »Der Junge von nebenan« (Verbrecher Verlag) über die Konflikte eines schwulen Jungen mit seinen Terroristen-Eltern in den 1970er Jahren.

Veröffentlichungen (Auswahl)

In der Siedlung

Die einzige Farbe, die es in der Siedlung gab, war das abgetönte Graublau der Balkongeländer. Im Herbst passte selbst sie sich völlig an die des Himmels an, so dass die vierstöckigen Mehrfamilienhäuser und mit ihnen die ganze Siedlung für alle, die nicht wussten, wo ihre Eingangstüre war, beinahe unsichtbar wurde. Ein Jahr lang habe ich dort gewohnt – rückblickend die ereignisloseste Zeit meines Lebens. Zu ereignislosen Zeiten und reizarmen Gegenden gehört, dass sie fahrradfreundlich sind. Kurz nach dem Krieg erbaut, hatten die Architekten die Siedlung so angelegt, dass sie ihren Bewohnern vorgaukelte, der Mittelpunkt der Welt zu sein. Alle notwendigen Ziele waren mit dem Fahrrad in der exakt selben Zeit von drei Minuten erreichbar: die Post, das Naherholungsgebiet, die Sparkasse, der Supermarkt, die Pizzeria, die Pilsstube, das Schwimmbad, das Flussufer und, falls notwendig, die Kirche, das Altersheim, der Friedhof. Alles war didaktisch so platziert, dass die Deutschen fortan nicht mehr auf die dumme Idee kommen sollten, zu weit auszuschwärmen.

Weil sich hier alle kannten und nur schwer aus dem Weg gehen konnten, respektierten sie einander in der typischen Siedler-Mentalität, den Nachbarn nicht darauf hinzuweisen, dass sein Fernseher zu laut ist, sondern mit noch lauterem Kofferradio dagegenzusteuern. Friede und Respekt hatten allerdings ein Ende, als ich es wagte, einen Fremden mitzubringen. Er hieß Dennis und war ein Vagabund auf zwei Rädern. Ursprünglich kam er aus der Gegend um Sheffield und behauptete, einmal ein angesehener Musiker gewesen zu sein. Sein Fahrrad war mit einem mächtigen Rückspiegel ausgestattet, wie man sie von Wohnwagenfahrern her kennt. In Spanien würde er damit auch auf Autobahnen fahren dürfen.

Ich hatte ihn auf einer meiner Drei-Minuten-Touren getroffen. Ausgerechnet an dem fahrradfreundlichsten Ort der Welt, wo es keiner Rückspiegel und nicht einmal einer Gangschaltung bedarf, um sicher und bequem an jedes Ziel zu kommen, hatte sich die Kette von seinem Rad gelöst. Mein Angebot, das zu reparieren, bescherte mir einen Gast, der drei Tage blieb und nicht nur dadurch, dass er streng roch, für noch dickere Luft in der Wohnung sorgte. Er schlief im Keller, wo ich ein provisorisches Bett aufgestellt hatte. Bis tief in der Nacht jedoch saß er erst einmal auf dem Balkon und sang zotige Lieder. Vom angesehenen Sänger, der er gewesen sein soll, war da wenig zu hören.

Ihm zu signalisieren, dass es an der Zeit sei, einen ehrlich arbeitenden Menschen zu verlassen, wurde mit jeder gutmütigen Gastgeberstunde schwieriger. Am Morgen des dritten Tages, als ich mich endlich zu deutlichen Worten durchgerungen hatte, war zu allem auch noch sein einziges Hab und Gut, das Fahrrad, verschwunden. Die Siedler hatten es nachts im kollektiven Racheakt zum Sperrmüll gestellt. Jemandem, den man loswerden möchte, sein einziges Fortbewegungsmittel zu rauben, ist nicht besonders intelligent. Doch Intelligenz spielt in reizarmen Gegenden eine untergeordnete Rolle. Familie Reval, so genannt wegen des enormen Konsums der gleichnamigen Zigarettenmarke, bekannt sich eine Woche später dazu, die Tat initiiert zu haben: »Das war doch Schrott«, heuchelten sie Ahnungslosigkeit, den Besitzer nicht gekannt zu haben, »bis auf den Spiegel«. Den nämlich hatten sie abgeschraubt und kurz darauf wie selbstverständlich an ihren Wohnwagen montiert.

Mir dagegen blieb nichts anderes übrig, als Dennis mein eigenes Fahrrad zu schenken, demütige »Best friend«- und »I’ll come back soon«-Beteuerungen mit einem »No problem« beschwichtigend.

Ohne Fahrrad jedoch gab es keinen Grund mehr, in der Siedlung zu bleiben. Ich zog fort und lebe seither in einer Gegend, in der zwar nicht alles innerhalb drei Minuten erreichbar ist, dafür aber die Haltestelle der S-Bahn vor der Tür. Sollte Dennis je in die Siedlung zurückgekehrt sein, hat er hoffentlich meine warnende Kreidezeichnung gesehen, die ich in klassischer Vagabundensymbolik im Vorderhof bei den Mülltonnen angebracht hatte. Sie zeigt eine Schachtel Reval und ein durchgestrichenes Fahrrad. Er wird daraus schon die richtigen Schlüsse gezogen haben.

(gekürzte Fassung. Original in Michael Rudolf (Hg): Das Fahrradbuch. Reclam Leipzig 2003)

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